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Die dreißig glorreichen Jahre im Westen

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Für viele Menschen in Europa – mich eingeschlossen – wich die Erleichterung über das Ende des Krieges bald der Angst vor einem neuen. Der marktwirtschaftliche Ansatz im von den USA besetzten Westdeutschland und im übrigen Westeuropa kollidierte mit dem planwirtschaftlichen Modell der Sowjetunion, die Ostdeutschland und das übrige Osteuropa kontrollierte. Was würde sich durchsetzen? War eine friedliche Koexistenz möglich, oder musste es zu einem offenen Konflikt kommen? Nur die Zeit würde uns darauf eine Antwort geben.

Zu diesem Zeitpunkt war der Ausgang weder für uns noch für andere klar. Es war ein Kampf der Ideologien, der Wirtschaftssysteme und der geopolitischen Hegemonie. Jahrzehntelang zementierten beide Mächte ihre Positionen und ihre miteinander konkurrierenden Systeme. In Asien, Afrika und Lateinamerika spielte sich der gleiche ideologische Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus ab.

Im Nachhinein wissen wir, dass die von den Vereinigten Staaten geschaffenen Wirtschaftsinstitutionen, die auf Kapitalismus und freien Märkten basieren, Bausteine für eine Ära unvergleichlichen gemeinsamen wirtschaftlichen Wohlstands waren. Kombiniert mit dem Willen vieler Menschen zum Wiederaufbau legten sie den Grundstein für jahrzehntelangen wirtschaftlichen Fortschritt und die wirtschaftliche Dominanz des Westens über den »Rest« der Welt. Auch das sowjetische Modell der zentralen Planwirtschaft trug zunächst Früchte und ermöglichte eine prosperierende Entwicklung, die aber später zusammenbrechen sollte.

Neben den wirtschaftlichen Verschiebungen prägten auch andere Faktoren unsere Neuzeit. In vielen Teilen der Welt, auch in den USA und Europa, gab es einen Babyboom. Die Arbeiter wurden von den unsinnigen Anforderungen der Kriegsproduktion zur gesellschaftlich produktiven Arbeit in Friedenszeiten hingezogen. Bildung und industrielle Tätigkeit expandierten. Auch die Führung durch Regierungschefs wie Konrad Adenauer in Deutschland oder Yoshida Shigeru in Japan war ein entscheidendes Teil des Puzzles. Sie verpflichteten sich und ihre Regierungen, ihre Wirtschaft und Gesellschaft umfassend wieder aufzubauen und starke Beziehungen zu den Alliierten zu entwickeln, die auf einen dauerhaften Frieden abzielten, anstatt dem Streben nach Rache nachzugeben, das nach dem Ersten Weltkrieg vorherrschend war. Angesichts des nationalen Fokus auf den gemeinschaftlichen und wirtschaftlichen Wiederaufbau kam es zu einem Anstieg des gesellschaftlichen Zusammenhalts (den ich in Kapitel 4 näher erläutern werde).

Zwischen 1945 und den frühen 1970er-Jahren führten all diese Faktoren zu dem sogenannten Wirtschaftswunder in Deutschland und dem Rest Europas. Ein ähnlicher Boom setzte in den Vereinigten Staaten, Japan und Südkorea (und anfangs auch in der Sowjetunion) ein. Der Westen trat in sein goldenes Zeitalter des Kapitalismus ein, und die Innovationen der zweiten industriellen Revolution wurden auf breiter Front umgesetzt: Es wurden massenhaft Autobahnen für den PKW- und LKW-Verkehr gebaut, das Zeitalter der kommerziellen Luftfahrt begann und Containerschiffe füllten die Seewege der Welt.

Auch in Schwaben hielten im Zuge des Wirtschaftswunders neue Technologien Einzug. Bei Ravensburger zum Beispiel verdreifachte sich der Umsatz in den 1950er-Jahren und leitete die Phase der industriellen Massenproduktion ein, die 1962 begann. Gesellschaftsspiele wie die »Rheinreise« erfreuten sich bei den heranwachsenden Kindern des Babybooms8 größter Beliebtheit. In den 1960er-Jahren expandierte Ravensburger weiter,9 als das Unternehmen Puzzles in sein Sortiment aufnahm. (Das Logo der Marke, ein blaues Dreieck an der Ecke der Kartonschachteln, wurde zur Ikone.) Etwa zur gleichen Zeit tauchte ZF Friedrichshafen in den 1950er-Jahren wieder als Hersteller für Kfz-Getriebe auf und ergänzte sein Sortiment ab Mitte der 1960er-Jahre um Automatikgetriebe.10 Das Unternehmen verhalf deutschen Automobilherstellern wie BMW, Audi, Mercedes und Porsche in einer Zeit, in der die europäische Autoindustrie boomte, zu einem Aufstieg an die Spitze. (Der Erfolg von ZF hält bis heute an, denn das Unternehmen erzielte 2019 einen weltweiten Umsatz von über 40 Milliarden US-Dollar, beschäftigte weltweit fast 150 000 Mitarbeiter und war in über 40 Ländern der Welt vertreten.)

Betrachtet man die Wirtschaftsindikatoren in den führenden Volkswirtschaften der Welt, so schien es, als ob alle gewinnen würden. Das jährliche Wirtschaftswachstum betrug im Durchschnitt bis zu 5, 6 und sogar 7 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist der Geldwert der in einer bestimmten Volkswirtschaft produzierten Waren und Dienstleistungen. Es wird oft als Maß für die wirtschaftliche Aktivität in einem Land verwendet und verdoppelte, verdreifachte und vervierfachte sich in einigen westlichen Volkswirtschaften in den folgenden ein bis zwei Jahrzehnten. Mehr Menschen besuchten das Gymnasium und fanden Mittelschichtjobs und viele Babyboomer waren die ersten in ihren Familien, die an der Universität studierten und einen Aufstieg auf der sozialen Leiter schafften.

Für Frauen hatte das Erklimmen dieser Leiter eine zusätzliche Dimension. Erst langsam, dann stetig schritt die Emanzipation im Westen voran. Mehr Frauen gingen zur Universität, traten ins Berufsleben ein und blieben dort, und trafen bewusstere Entscheidungen über ihre Work-Life-Balance. Die boomende Wirtschaft bot reichlich Platz für sie, aber sie wurden auch durch Fortschritte in der medizinischen Empfängnisverhütung, die bessere Zugänglichkeit von Haushaltsgeräten und natürlich die Emanzipationsbewegung unterstützt. In den USA zum Beispiel stieg die Erwerbsbeteiligung der Frauen zwischen 1950 und 1970 um 15 Prozent, von etwa 28 auf 43 Prozent.11 In Deutschland stieg der Anteil der Studentinnen an den Hochschulen von 12 Prozent im Jahr 1948 auf 32 Prozent im Jahr 1972.12

Auch bei der Firma Ravensburger traten die Frauen in den Vordergrund. Ab 1952 stand mit Dorothee Hess-Maier, einer Enkelin des Firmengründers, neben ihrem Cousin Otto Julius die erste Frau an der Spitze des Unternehmens. Diese Entwicklung war beispielhaft für einen allgemeineren Trend. Die Emanzipation der Frauen in den westlichen Gesellschaften setzte sich im verbleibenden 20. Jahrhunderts und bis ins 21. Jahrhundert fort. Im Jahr 2021 sind in vielen Ländern der Welt, darunter die USA und Saudi-Arabien13(!), mehr Frauen als Männer an den Universitäten eingeschrieben, und in vielen Ländern stellen Frauen fast die Hälfte der Arbeitskräfte. Trotzdem bestehen weiterhin Ungleichheiten bei der Bezahlung und hinsichtlich anderer Faktoren.14

Im Laufe dieser ersten Nachkriegsjahrzehnte nutzten viele Länder ihren wirtschaftlichen Aufschwung, um die Grundlagen für eine soziale Marktwirtschaft zu schaffen. In Westeuropa bot der Staat vor allem Arbeitslosengeld, Kindergeld und Ausbildungsunterstützung, eine allgemeine Gesundheitsversorgung und Renten. In den Vereinigten Staaten war eine soziale Politik weniger im Kommen als in Europa, aber dank des rasanten Wirtschaftswachstums stiegen mehr Menschen als je zuvor in die Mittelschicht auf, und die Sozialversicherungsprogramme verzeichneten einen Zuwachs sowohl bei der Zahl der Begünstigten als auch bei den dafür bereitgestellten Mitteln, insbesondere in den beiden Jahrzehnten von 1950 bis 1970.15 Die Durchschnittslöhne stiegen stark an, und die Armut ging zurück.

Frankreich, Deutschland, die Benelux-Länder und die skandinavischen Länder förderten ebenfalls Tarifverhandlungen. So wurde in den meisten deutschen Unternehmen durch das Betriebsrätegesetz von 1952 festgelegt, dass ein Drittel der Mitglieder des Aufsichtsrates von den Arbeitnehmern gewählt werden musste. Eine Ausnahme bildeten Familienunternehmen, da dort die Bindung zwischen den Mitarbeitern und der Firmenleitung normalerweise stark war und soziale Konflikte seltener auftraten.

Da ich in diesem goldenen Zeitalter aufwuchs, entwickelte ich eine große Wertschätzung für die aufgeklärte Rolle, die die Vereinigten Staaten für Deutschland und den Rest Europas gespielt hatten. Ich war überzeugt, dass wirtschaftliche Zusammenarbeit und politische Integration der Schlüssel zum Aufbau friedlicher und prosperierender Gesellschaften sind. Ich habe sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz studiert und kam zu der Überzeugung, dass die Grenzen zwischen den europäischen Nationen eines Tages wegfallen würden. In den 1960er-Jahren hatte ich sogar die Möglichkeit, ein Jahr in den Vereinigten Staaten zu studieren und mehr über die dortigen Wirtschafts- und Managementmodelle zu erfahren. Es war eine prägende Erfahrung.

Wie so viele andere meiner Generation war auch ich ein Nutznießer der bürgerlichen, solidarischen Gesellschaft, die die europäischen Länder entwickelt hatten. Schon früh war ich fasziniert von den sich ergänzenden Rollen, die Wirtschaft und Regierung bei der Gestaltung der Zukunft eines Landes spielten. Deshalb war es naheliegend, eine meiner Abschlussarbeiten über das richtige Gleichgewicht zwischen privaten und öffentlichen Investitionen zu schreiben. Nachdem ich über ein Jahr lang im Produktionsbereich von Unternehmen gearbeitet und echte Erfahrung als Fabrikarbeiter gesammelt hatte, entwickelte ich auch viel Respekt vor dem Beitrag der Arbeiter zur Entwicklung des wirtschaftlichen Wohlstands. Ich war der Überzeugung, dass die Wirtschaft wie auch andere Akteure in der Gesellschaft eine wichtige Rolle bei der Schaffung und Aufrechterhaltung von gemeinsamem Wohlstand spielen müssen. Der beste Weg, um dies zu erreichen, war meiner Meinung nach ein Stakeholder-Modell, bei dem die Unternehmen nicht nur ihren Aktionären, sondern auch der Gesellschaft dienen.

Ich beschloss, diese Idee in die Tat umzusetzen, indem ich ein Managementforum organisierte, auf dem sich Wirtschaftsführer, Regierungsvertreter und Akademiker treffen konnten. Davos, eine Stadt in den Schweizer Bergen, die in viktorianischer Zeit für ihre Sanatorien zur Behandlung von Tuberkulose berühmt geworden war (bevor Antibiotika wie Isoniazid und Rifampicin16 erfunden wurden), bot einen optimalen Rahmen für eine Art globales Dorf,17 dachte ich. Hoch oben in den Bergen, in dieser malerischen Stadt, die für ihre saubere Luft bekannt ist, konnten die Teilnehmer bewährte Praktiken und neue Ideen austauschen und sich gegenseitig über dringende globale soziale, wirtschaftliche und ökologische Probleme informieren. Und so organisierte ich dort 1971 das erste Treffen des Europäischen Management Forums (dem Vorläufer des Weltwirtschaftsforums), mit Gästen wie dem damaligen Dekan der Harvard Business School, George Pierce Baker, der Professorin der Columbia University, Barbara Ward, dem IBM-Präsidenten Jacques Maisonrouge und mehreren Mitgliedern der Europäischen Kommission.18

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