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Оглавление»Ich hasse diese Drecksbude«, kommentierte Norman, als er hinter Alessandro eintrat und die Tür schloss.
Alessandro warf einen Blick über die Schulter, ehe er zur Küchenzeile schlenderte, die Waffe aus der Jacke zog, sie auf der Theke ablegte und schließlich seine Regenjacke abstreifte.
Norman rieb sich die Arme und sah sich suchend in der winzigen Wohnung um, deren Tapete, Teppiche und Einrichtungsmöbel aussahen, als kämen sie aus dem Jahre 1978.
»Warum ist es hier so feuchtkalt drinnen?«, fragte Norman schließlich, als er die Quelle der kühlen, feuchten Nachtluft nicht ausmachen konnte.
»Die Heizung ist kaputt«, erklärte Alessandro knapp. Er ging zu dem Fenster, das er aufgemacht und aufgelassen hatte. Er schloss es, damit Norman nicht fror.
Verzückt holte Norman plötzlich tief Luft und sagte im honigsüßem Tonfall: »Dieser Anblick verscheucht jegliche Sorgen.«
»Ja, meine Rückansicht hat manchmal diese Wirkung«, scherzte Alessandro, er drehte sich um und sah Norman in der Hocke am Boden kauern. »Ach so, du meinst die Katze.«
Norman warf ihm ein belustigtes Lächeln zu, während er die schwarzweiße Katze streichelte, die sich um seine Beine schmiegte und sofort schnurrte.
»Sie hat dich vermisst.« Alessandro sprach diese Feststellung trocken aus, mit einer gewissen Verärgerung in der Stimme.
Sie war seine Miezekatze, wie konnte sie ihn so verraten und Norman freundlich begrüßen?
Gut, Norman hatte sie Alessandro geschenkt, gegen Alessandros Willen. Und obwohl Alessandro sich anfangs gesträubt hatte, war sie ihm nun doch ans Herz gewachsen.
Er hörte heute noch Norman Worte, damals am Weihnachtsabend. »Komm schon, Sandro. Sieh sie dir an. Schau ihr in die Augen. Du willst ihr doch nicht das Herz brechen.«
»Was bezweckst du eigentlich damit?«, hatte Alessandro belustigt gefragt.
»Ich dachte mir nur, du könntest es ja mal hiermit versuchen«, hatte Norman erklärt und verschmitzt gegrinst. »Du wirst sehen, wie schön es ist, sich um ein kleines Lebewesen zu kümmern.«
»Das eine ist mit dem anderen nicht Vergleichbar, Norman«, hatte Alessandro ihn noch belehrt. Aber als die süße Mieze aus Normans Arm gesprungen und in Alessandros Schoß gehüpft war, als wüsste sie, wen sie überzeugen musste um bleiben zu dürfen, hatte Alessandro sie einfach angenommen.
Mittlerweile wollte er sie nicht missen, sie war seine einzige Freundin, auch wenn sie ständig durch die Stadt streunte und spät abends nach Hause kam. Trauriger Weise war das Zusammenleben mit ihr nicht anders als das Zusammenleben mit Norman.
Lange Rede, kurzer Sinn. Er hatte sie behalten und ihr den Namen Cakes gegeben, weil sie schwarzweiß wie diese Kekse war, so süß wie der Keks war und natürlich, weil Alessandro Kekse mochte und leider eine absolute Niete in der Namensvergebung war.
Er nannte das baumelnde Fleisch zwischen seinen Beinen meist auch nur »Das Ding«. Wie zum Beispiel: Das Ding steht mal wieder zur falschen Zeit am falschen Ort und vollkommen unpassend. Oder auch wie: Du kannst mir gerne mal das Ding zwischen meinen Beinen lutschen. Während andere Männer das Bedürfnis hatten ihren Genitalen aussagekräftige Spitznamen zu geben, war er ehe sehr unkreativ.
Jedenfalls, er hatte Cakes ihren Namen gegeben, er hatte sie als Haustier akzeptiert, ihr Essen gegeben und sie nach der Trennung in seiner Wohnung aufgenommen, als Norman ihm das Herz gebrochen hatte. Sie sollte Norman nicht begrüßen, sie sollte ihm die Augen auskratzen, wenn sie loyal gewesen wäre!
Während sich Alessandro gegen die Fensterbank lehnte und die Arme verschränkte, beobachtete er, wie Norman Cakes auf den Arm nahm und sich mit ihr zusammen erhob.
Norman blickte Alessandro tiefgründig an und fragte: »Warum wohnst du hier? Du kannst mit zu mir kommen.«
Alessandro schnaubte kopfschüttelnd. »Norman ... wie oft denn noch? Es ist aus!«
Norman hatte diese Wohnung schon immer gehasst, aber Alessandro konnte sich nichts anders leisten und er war zu stolz, um Normans Geld anzunehmen. Zumal Norman auch nicht gerade gut verdiente, im Gegenteil, und mit Normans teurem Lebensstil stand auch dieser stets an seinem finanziellen Limit.
Damals war es auch nicht schlimm gewesen hier zu wohnen, da Alessandro diese Bude nur für Notfälle aufsuchte. Sprich, wenn Norman Besuch von Kollegen bekam oder die Gefahr bestand, dass sie vorbeischauen wollten. Doch jetzt musste Alessandro tagtäglich hier leben und schlafen. Aber er hatte weitaus Schlimmeres erlebt, es war schon in Ordnung so.
Norman ließ Cakes wieder auf dem Fußboden ab, der mit einem vergilbten Teppich mit kreisrunden Mustern ausgelegt war. Die Katze sprang sofort zu ihrem Lieblingsplatz: Alessandros frisch gewaschener Wäsche.
Norman sah Alessandro traurig und flehend zu gleich an. Der Blick eines Hundewelpen, das spielen wollte. »Ich dachte, wir ...«
Alessandro sah ihn verärgert an. »Wir, was?«
Norman machte einen Schritt auf ihn zu, aber als Alessandro ihn noch skeptischer anblickte, hielt er inne und vergrub seine Hände tief in den Hosentaschen.
»Ich ... dachte ...« Norman sah sich um, während er nach Worten suchte. Und dann trafen seine Augen auf das, was Alessandro schon die ganze Zeit hoffte, dass er es sah: Die Reisetasche vor dem leer geräumten Kleiderschrank.
Norman runzelte die Stirn. »Was bedeutet das?«, fragte er und sah Alessandro mit einem Blick an, der sowohl wütend als auch ängstlich war.
»Ach das?« Alessandro kostete den Moment richtig aus. »Ich packe.«
»Wofür?« Norman machte einen großen Schritt auf ihn zu. »Ziehst du um?«
»Sozusagen.«
»Du musst die Wohnung räumen, oder? Du konntest die Miete nicht zahlen«, glaubte Norman und wollte sofort wieder der rettende Held sein. »Du kannst doch zu mir!«
»Ich verlasse die Stadt, Norman. In drei Tagen.«
Norman fiel aus allen Wolken. Alessandro konnte den Moment der erschreckenden Erkenntnis genau miterleben. Norman blinzelte, er wurde aschfahl, als sei ihm schlecht.
»Nein!«
Alessandro schnaubte, er genoss es insgeheim, dass es Norman schlecht ging. »Doch.«
»Du ... Aber wieso?«
»Das ich dir das sagen muss ...« Es war einfach nur traurig.
»Wegen mir«, glaubte Norman.
»Es dreht sich nicht immer alles nur um dich, du arroganter Arsch!«, zischte Alessandro. Er erinnerte Norman gleich darauf: »Ich kam wegen dir zurück in diese Stadt, trotz der Gefahr. Und ich blieb wegen dir, trotz der Gefahr. Jetzt gibt es kein Wir mehr, kein Uns, kein Du für mich. Also kann ich gehen und die Gefahr, entdeckt zu werden, verringern.«
Norman sprach kein Wort, er starrte Alessandro nur mit offenem Mund und Tränen in den Augen an.
Wer macht jetzt ein Drama? wollte Alessandro fragen, ließ es aber bleiben.
Jetzt, da es ausgesprochen war, wurde es erst richtig real. Er hatte nie vorgehabt, Norman zu berichten, dass er weggehen würde, er hatte einfach gehen wollen. Aber wozu sollte er es verheimlichen, wenn er die letzte Gelegenheit, sich etwas Genugtuung zu verschaffen, ergreifen konnte. Doch nachdem er Norman wehgetan hatte, fühlte es sich nicht mehr so gut an, wie er erhofft hatte.
Unbehaglich verlagerte Alessandro sein Gewicht von einem Bein auf das andere und blickte über seine verschränkten Arme hinweg zu Boden. Er schürzte die Lippen, konnte aber nichts sagen.
Das war es also, dachte er noch und spürte, wie es ihm die Kehle zuschnürte.
Norman schwankte und setzte sich halb auf eine Sofalehne. Er atmete laut aus, als könnte er es noch immer nicht begreifen.
»Und ... wohin?«
Alessandro blickte Norman in die braunen, warmen Augen. Er wollte schreien, so groß war die Sehnsucht. Er wollte schreien, dass Norman ihn anflehen sollte, zu bleiben. Er wollte, dass Norman um ihm kämpfte, wie er noch nie um etwas gekämpft hatte ... Aber das würde nicht passieren, und selbst wenn, könnte Alessandro ihm niemals verzeihen.
»Keine Ahnung«, gestand Alessandro. »Erst einmal über die östliche Landgrenze, und dann möglichst weit weg vom Einfluss meines Bruders.«
Norman dachte nach. »Du kannst nicht den Flugweg nehmen, dein Bruder lässt mit Sicherheit jeden Flughafen überwachen.«
»So blöd bin ich nicht, Norman. Ein Kollege fährt in drei Tagen in Urlaub und ist breit, mich über die Grenze zu bringen. Sobald ich das Land verlassen habe, werde ich einen Flieger nehmen, der mich irgendwo hinführt, wo ich verschwinden kann.«
»Kanada?« Norman sah ihn grübelnd an. »Alaska?«
Soweit hatte Alessandro das alles noch gar nicht bedacht. Dennoch nickte er. »Ja, vielleicht. Mal schauen.«
Norman starrte vor sich hin und nickte beständig, aber er schien das gar nicht richtig mitzubekommen, er war in Gedanken versunken.
»Okay«, sagte er plötzlich und sah Alessandro entschlossen an. »Ich komme mit. Wir gehen gemeinsam.«
Einen Momentlang starrte Alessandro Norman an, als hätte er die Worte aus dessen sündhaft sinnlichen Mund nicht verstanden.
»Was?«, stieß er dann aus. »Spinnst du jetzt völlig? Du bist der Grund, wegen dem ich hier wegwill.«
»Ich dachte, wegen deinem Bruder.«
Alessandro winkte ab. »Ja, abgesehen von dem.«
»Aber, du ...« Norman sprang auf und auf Alessandro zu. »Du hast mich geküsst, ich dachte-«
»Dass das was bedeuten würde?« Alessandro lachte ohne Freude auf. Er schlüpfte an Norman vorbei, um nicht zwischen dessen muskulösen Körper und der Fensterbank eingeklemmt zu sein.
Als er am Sofa ankam, drehte er sich wieder zu Norman um und sagte: »Ich habe mich verabschiedet, Norman. Es war der letzte Kuss, mehr hatte es nicht zu bedeuten.«
Normans Miene wurde hart. »Wenn du mich so sehr hasst, warum musst du mich dann ein letztes Mal küssen?«
Alessandro starrte ihn an, weil er darauf keine passende Antwort parat hatte. Schnaubend wandte er sich schließlich ab und ging zur Küchenzeile. Er stellte sich an die Spüle und begann das Geschirr zu waschen, das er bereits am Morgen gespült und zum Abtrocknen in die Abtropfgitter gestellt hatte. Er brauchte etwas zu tun, solange Norman so greifbar nah war.
»Du solltest jetzt gehen«, sagte Alessandro, ohne zurückzublicken.
Er hörte, wie Norman mit gut einem Meter Abstand hinter ihn trat. Mehr noch als er ihn hörte, konnte er ihn und seinen starren Blick im Nacken spüren.
Norman seufzte, er holte etwas hervor, das er zwischen Mantel und Jackett versteckt hatte, Alessandro konnte den Stoff rascheln hören.
»Mein eigentlicher Grund für den Besuch war das hier!« Er knallte etwas auf die Küchentheke, was sich als ein Stapel Fallakten herausstellte, als Alessandro sich doch kurz neugierig über die Schulter sah.
Er wandte sich wieder seinem Geschirr zu. »Was ist das?«, fragte er scheinbar desinteressiert, obwohl er vor Neugierde fast platzte.
»Alles, was ich in den letzten Jahren über Enios Geschäftspartner herausfinden konnte«, erklärte Norman. »Darunter auch der neuste Bericht über Pisani. Sie logen alle, um deinen Bruder zu schützen. Selbst die, die bereits im Knast saßen, auch diejenigen, von denen Franky wusste, dass sie es sich mit Enio verscherzt haben. Er war fest davon überzeugt, sie würden alle reden, wenn wir ihnen Polizeischutz und Strafmilderung anbieten. Es sind viele Drogenlaborbetreiber, Geldwäscher, korrupte Anwälte und Richter darunter. Aber keiner wollte reden, nicht einmal die, die eine Familie zu schützen haben.«
Während Norman erzählte, klang er so unendlich müde, das Alessandro Mitleid mit ihm hatte.
Alessandro trocknete eine Tasse ab und stellte sie neben die Spüle, ehe er fragte, ohne sich umzudrehen: »Und was soll ich damit?«
»Ich dachte mir, du willst die Berichte durchgehen. Ich wollte ... Nein, ich dachte, wir könnten zusammen noch einmal alle überprüfen. Du und ich. Wie bei Franklin, ohne ... lästige Vorschriften der Polizei.«
Alessandro schnaubte. »Ich soll Gewalt anwenden, um sie zum Reden zu bringen?«
»Wer könnte ihnen mehr Angst machen als der beste Auftragskiller der Umgebung?«
»Ehemaliger«, korrigierte Alessandro. »Sieben Jahre aus dem Geschäft, ich bin sicher, mich hat jemand überholt.«
»Dennoch haben sie bestimmt Angst vor dir, wenn du sie mit ihrem Tod konfrontierst. Du bist Enio Martins Bruder, das wird sie wohl zum Reden bringen.«
»Ich soll sie also töten?«
»Nein, sie dazu bringen, vor der Polizei gegen Enio auszusagen.«
Alessandro ließ ausatmend die Schultern hängen. Ihm lag nichts daran, Gewalt anzuwenden, aber er musste zugeben, dass Normans Geste wirklich nett gemeint war. Er wollte nur helfen, und das obwohl es ihn kaputt machte.
»Danke«, sagte Alessandro. »Ich mach das aber allein.«
Norman schien noch immer nicht gehen zu wollen. Außerdem begriff er: »Du wirst nichts dergleichen tun, oder? Ich weiß es, ich weiß es immer, wenn du mich nur loswerden willst.«
»Mein Entschluss steht fest, ich verlasse die Stadt.«
»Er wird dich töten«, befürchtete Norman.
»Ich komme schon zurecht.«
»Lass mich dir helfen«, bat Norman. »So wie du mir bei Franklin geholfen hast.«
Alessandro stützte sich an der Spüle ab und ließ für einige Sekunden den Kopf hängen. Er wollte so gerne Normans Hilfe annehmen, doch für ihr beider Seelenheil war es besser, wenn er es nicht tat.
Er spürte plötzlich Norman ganz dicht hinter sich. Der durchtrainierte Körper seines Exfreundes schmiegte sich sanft an seinen Rücken, zärtliche Hände glitten zu seinen Seiten und verharrten dort. Er war nicht im Stande, Norman wegzustoßen.
»Erinnerst du dich nicht mehr?«, hauchte Norman ihm ins Ohr, sein warmer Atem streifte dabei über Alessandros Wange. »Damals bei Franklin. Wir haben es allein geschafft, wir brauchen das Gesetz nicht.«
Für jemand, der gerne so tat als sei er der ›Gute‹, wendete sich Norman ziemlich oft und ziemlich schnell von seinem Beruf ab. Aber ging es ihm um Alessandro, oder darum, Enio zu fangen und seinen Ruf wieder auf die Spitze zu treiben?
Zu spät, um darüber nachzudenken, Normans Nase strich bereits zart Alessandros Halsseite hinauf, seine Lippen hauchten einen Kuss hinter Alessandros Ohr.
Augen verdrehend schloss Alessandro kurz die Lider. Wie Norman sich so an ihn schmiegte, ließ es seine Knie weich werden. Er erzitterte Innerlich vor Begierde.
Wie lange war das letzte Mal her?
Wann wurde er das letzte Mal berührt? So berührt?
Wenn er sich das fragen musste, war es eindeutig zu lange her.
»Norman, ich ...«, unternahm Alessandro einen halbherzigen Versuch, die Annährung zu unterbinden. Doch sein Körper tat, was er wollte, gegen seinen Willen legte er den Kopf etwas schief um Norman freien Zugang zu seinem Hals zu gewähren.
Mehr! Alessandro verlangte es nach so viel mehr.
»Du willst nicht gehen, nicht ohne mich«, sagte Norman arrogant, während seine Hände an Alessandros Seiten hinabwanderten. »Du willst auch nicht wütend auf mich sein.«
Alessandro wollte abweisend schnaubend, aber was er dann von sich gab, klang viel mehr nach einem erschaudernden Ausatmen.
»Das eigentliche Problem ist, das du im Grunde gar nicht weißt, wie man eine normale Beziehung führt«, behauptete Norman, aber er klang dabei einfühlsam und verständnisvoll, als wollte er Alessandro zu etwas überreden. »Du weißt nur, wie es ist, wenn man dir alles vorschreibt, wenn du nicht darüber nachdenken musst. Es war neu für dich, eine stinknormale Beziehung zu führen.«
»Klar, dann ist es meine Schuld«, konterte Alessandro sarkastisch. Er konnte aber nicht wütend klingen, denn Normans Hände fanden einen Weg unter sein T-Shirt und betasteten seinen Bauch, strichen über seine Brustmuskeln ...
»Nein«, widersprach Norman. »Es war meine Schuld.« Er küsste Alessandros Hals. »Aber ich bin nur ein Mensch, genau wie du.« Noch ein Kuss, etwas tiefer. »Ich mache Fehler, menschliche Fehler. Ich kann nur beteuern, wie Leid es mir tut, und dass es nie wieder passieren wird.« Ein warmer Zungenstrich über Alessandros Hals, der dadurch erzitterte. »Ich will doch nur, dass du mir verzeihst, mir eine Chance gibst, so wie ich dir damals alles vergeben habe, was du vor mir getan hast.«
Alessandro schnaubte. »Erpressung hilft dir nicht gerade, Norman.«
»Nein?« Normans Lippen gaben einen feuchten Kuss auf Alessandros Hals. »Das fühlt sich aber anders an.«
Während Normans Hände zärtlich Alessandros Brust abtasteten und streichelten, als wollten sie feststellen, ob noch alles genau so war wie sie es in Erinnerung hatten, wanderte Normans küssender Mund in Alessandros Nacken, der nur zu gerne den Kopf nach vorne legte und Normans heißen Atem auf der Haut genoss.
Sehnsucht und lustvolle Gier vermischten sich zu einem Gefühlsstrudel, der jede Vernunft aus Alessandros Gedächtnis fegte und ihn zu einem willenlosen Wesen seiner Begierde machte.
»Erzitterst du etwa nicht gerade unter meiner Berührung, Sandro?«, flüsterte ihm Norman heiser zu. »Genießt du nicht die Wärme meines Körpers?« Um es zu unterstreichen, rieb er sich leicht an Alessandros Rückseite. »Oder bringen dich meine Küsse etwa nicht völlig um den Verstand?« Er hauchte einen Kuss in Alessandros Nacken.
Ausatmend drehte sich Alessandro zu ihm um und gab sich schließlich geschlagen. Er umschlang Norman und zog ihn zu einem innigen Kuss heran. Während ihre Münder hitzig miteinander verschmolzen und Normans Zunge sich sofort Zugang zu Alessandros Mund verschaffte, fuhren Alessandros Hände ohne Umwege über Normans Schultern, zu dessen Nacken und direkt in sein dunkles Haar.
Es fühlte sich seidig und kühl an, genau wie er es in er Erinnerung hatte.
Sein Fetisch für Normans Haar hatte sich schon früh gezeigt, mittlerweile war es geradezu natürlich geworden, sich daran festzukrallen. Und Norman begrüßte es stets mit einem dunklen Aufstöhnen. Und wenn Alessandro es mal nicht tat, forderte Norman ihn auf, in sein Haar zu packen. Sie liebten die seltsamen Angewohnheiten des jeweils anderen.
Wenn Norman ihn küsste, war es um Alessandro geschehen. So war es schon immer gewesen, von Anfang an.
Mittlerweile war es sogar noch schlimmer, weil Normans herber Duft, sein süßer Geschmack, die Beschaffenheit seiner fordernden Lippen und sogar die Dicke seiner Zunge so vertraut waren, das sie nicht nur Alessandros Sinne vernebelten, sondern auch seinen Herzschlag bis ins unermessliche erhöhte.
Er hatte mal irgendwo gehört, wenn das Vertraute den Herzschlag erhöhte, mehr noch als es das aufregende Unbekannte vermochte, dann war es Liebe.
Dieser Gedanke war in seiner Situation nicht gerade hilfreich. Er wollte Norman mit jeder Faser seines Körpers und mit einer so schmerzlichen Sehnsucht, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb.
Oh, wie sehr er ihn geliebt hatte, wie sehr er ihn vermisst hatte!
Und das Schlimme war, dass er ihn auch jetzt noch liebte – Verdammt, er war wirklich eine Drama-Queen – Und ihn zu lieben war töricht. Alessandro wusste, dass sie sich nur immer wieder gegenseitig das Herz brechen würden, deshalb durften sie nicht zusammen sein.
Aber wenn Norman ihn küsste, verlor Alessandro jegliche Vernunft. Er war dann wie ein Ertrinkender, der sich an das Leben klammerte. Und Norman war sowohl der Sauerstoff, denn er brauchte, als auch das Wasser, in dem er ertrank.
Eine einzelne dicke Träne quoll aus Alessandros Augen, als er sich der vertrauten Leidenschaft seines Exfreundes fügte.
Okay, Drama-Queen und Heulsusen Alarm!
Norman hatte die Träne wohl bemerkt, er löste sich von Alessandros Lippen und küsste die salzige Träne sanft von dessen Wangen. Dann glitten seine Lippen immer und immer wieder über Alessandros Gesicht. Er küsste die geschlossenen Augenlider, die hohen Wangenknochen, die glatte Stirn, die wenigen Fältchen hinter den Augen und die Grübchen neben den Mundwinkeln, so als hätte er all das mit schmerzlicher Sehnsucht vermisst und wollte es in aller Ruhe gründlich willkommen heißen. Alles an Norman drückte deutlich aus: »Du hast mir gefehlt.« Aber auch: »Das gehört alles mir.«
Beschämend war, dass Alessandro nach der Trennung tatsächlich niemanden mehr gehabt hatte. Der einzige Grund, warum er in den hiesigen Club ging, war, dass er hoffte, auf Norman zu treffen, und sei es nur um ihn aus der Ferne zu beobachten.
Wie erbärmlich!
Normans Hände legten sich um Alessandros Hals, sein Daumen drückte gegen das Kinn, sodass Alessandro den Kopf in den Nacken legen musste.
Begierig küssten Normans Lippen den Kiefer entlang bis hin zum Kinn, während seine andere Hand zwischen ihren Körpern hinab glitt und sich genüsslich über Alessandros ausgebeulten Schritt legte ...
Normans Handy klingelte.
Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrten sie. Das Geräusch hatte sie direkt zurück in die Realität katapultiert, es störte ungemein, in der ansonsten stillen Umgebung.
Alessandro fühlte sich, als erwachte er aus einem schönen Traum und war wieder in der traurigen, düsteren Gegenwart.
Norman machte einfach weiter, doch plötzlich sorgten seine Bemühungen bei Alessandro lediglich für Leere.
Es war schon spät, und nur einer würde Norman jetzt noch anrufen ...
Alessandros Hände wanderten über Normans Körper, der den Rücken stöhnend durchbog und nach mehr forderte, weil er glaubte, Alessandro wollte die Leidenschaft fortführend.
Doch Alessandro suchte nur das klingelnde Smartphone. Er fand es in der Manteltasche und zog es hervor. Er hielt es über Normans Schulter und bestätigte seine Vermutung.
»Es ist dein Freund«, sagte Alessandro finster.
Norman hielt inne, seine Hand fiel von Alessandros Schritt ab. Er hob den Kopf und sah Alessandro traurig an. »Ich ...«
»Du solltest vielleicht rangehen, er macht sich sicher Sorgen«, sagte Alessandro schnippig. Er konnte nicht in Worte fassen, wie mies er sich fühlte. Wie der andere Mann eben. Der Typ, der nur ein guter Fick sein sollte. Billig. Austauschbar.
Norman nahm ihm das Handy ab und steckte es, ohne ran zu gehen, wieder ein.
»Sandro, du weißt nicht-«
»Ich weiß genug.« Alessandro rieb sich mit den Handballen die Augen. »Geh jetzt einfach.«
Norman packte seine Handgelenke und zog sie auseinander. Er legte die Stirn an Alessandros und beide schlossen die Augen. Ihre Nasenspitzen rieben aneinander.
»Bitte«, flehte Norman mit so brüchiger Stimme, dass dieses einzelne, kurze Wort kaum verständlich war. »Bitte ...«
»Geh«, bat Alessandro ihn erneut. »Geh jetzt!«, zischte er, als Norman sich nicht bewegte.
Norman stieß sich ab und wandte sich wütend um. Er stampfte mit hängendem Kopf zur Tür und zog sie rückartig auf. Er drehte sich nicht mehr zu Alessandro um, er verließ die Wohnung nur mit einem verärgerten Ausruf: »Scheiße!«
Als die Tür hinter ihm zuschlug, sodass die Schränke in der Wohnung wackelten, sackte Alessandro gegen die Spüle.
›Scheiße‹, traf es ziemlich genau auf den Punkt.
***
Sie behielten den Jungen.
- Wieso behielten sie ihn?
Er stand dem Polizeipräsidium gegenüber, einem älteren Gebäude, das bestimmt schon ein Jahrhundert alt war. Vielleicht mehr. Der große Bauklotz wirkte äußerlich wie ein dreckiger, alter Würfel zwischen modernen Hochhäusern. Völlig deplatziert.
Er zog an einer Kippe, als hinge sein Leben davon ab. Er war sauer.
Nicci Rena, ein Teenager für den die Rettung bereits viel zu spät käme, doch als er sich entschlossen hatte, es wieder zu tun, war seine Wahl auf diesen gefallen, obwohl er ihm eigentlich schon viel zu alt war.
Aber er durfte nicht nur an sich und seine Gelüste denken, wenn er jemanden Erlösung schenken wollte. Der Junge lebte mit der gleichen Mutter zusammen wie der arme Matti, also sollte er auch wie Matti befreit werden ...
Doch das ging jetzt nicht mehr. Weil die Polizei ihn hatte. Was für eine Schande.
Dann sollte es eben nicht sein, er musste sich damit abfinden.
Natürlich könnte er warten, bis Nicci frei war, doch das würde ihm nicht nur zu lange dauern, es widerspräche auch seinem inneren Kodex.
Wenn das Schicksal ihm Steine in den Weg legte, war er nicht befugt, es zu umgehen oder auszutricksen.
Es sollte nicht sein. Nicci sollte nicht befreit oder erlöst werden Nicci sollte – nein, er musste sogar! – aus einem ihm unerfindlichen Grund weiter leben.
Vielleicht, weil er schon zu alt war. Vielleicht, weil er selbst bereits ein Sünder war.
Er hätte früher eingreifen und Nicci befreien müssen, es war jetzt einfach zu spät, der Junge sollte so leben. Das Schicksal hatte es so entschieden.
Trotzdem war er etwas verärgert, weil er seinen Plan verwerfen musste. Er hatte Nicci für einen guten Jungen gehalten, einen Jungen, der es verdient hätte, erlöst zu werden. Denn Nicci hatte sofort gehandelt, als er den Brief entdeckt hatte. Er hätte für Matti alles getan, und das Geld besorgt. Ganz anders als die Mutter es ihm vorgelebt hatte. Zu schade, dass es ihm nie um Geld gegangen war, er hatte lediglich mit dieser Nachricht herausfinden wollen, was für ein Mensch Nicci war, und was er bereit war, für seinen Bruder zutun.
Nicci war ein guter Junge, das hatte sein Test bewiesen. Warum durfte er also nicht erlöst werden?
Es lag nun leider nicht länger in seiner Hand, er musste ein anderes Kind erwählen.
Er wandte sich auf der Straße gen Norden und lief sie verborgen im Mantel der Dunkelheit entlang, nur alle paar Meter wurde er von einer Straßenlaterne beleuchtet. Unter seinen federleichten Schritten patschte es nass, weil der Gehsteig vom Regen mit einem stetig fließenden Wasserfilm überzogen war.
Er spazierte eine Weile rauchend durch die Nacht, bis er in einer Wohngegend ankam. Ein Einfamilienhaus reihte sich an das andere, gepflegte Vorgärten mit akribisch kurz gehaltenen Hecken und Gräsern, angelegte Blumenbeete, saubere Kieswege. Idyllisches Familienleben. So, wie er es sich stets erträumt hatte. Für sich als Kind, für sich als Erwachsenen.
Aber nie ist etwas daraus geworden. Dafür stand seine Vergangenheit zu sehr in der Gegenwart, er konnte sie nicht loslassen, obwohl er es über ein Jahrzehnt versucht hatte.
Ohne Erfolg.
Als er Matti auserwählt hatte, sollte es nur ein kurzer Unterbrecher seines Ruhestandes gewesen sein. Eine letzte Erlösung für einen Jungen, von dessen Schicksal er durch einen Zufall erfahren hatte. Er hatte es nicht aus dem Kopf bekommen. Tage, Wochen, Monate hatte er nachts kein Auge zugetan. Solange Matti das durchmachen musste, was er durchgemacht hatte, konnte und wollte er keine Ruhe finden.
Aber nun, nachdem er spürte, wie befreiend seine Tat gewesen war, sogleich er sich auch für das schämte, was er selbst dem Jungen angetan hatte, musste er es wieder tun.
Während er die Straße entlang spazierte, drang aus einem Haus das Summen einer jungen Mutter, die ein quengelndes Baby in den Schlaf wiegte.
Er blieb kurz stehen, schloss die Augen und lauschte.
Er mochte den Klang von Frauenstimmen eigentlich nicht, sie machten ihm Angst und gleichzeitig wurde er wütend.
Er hasste Frauen, jedoch nicht unbedingt alle. Wenn sie, wie diese junge Mutter, summten, breitete sich in ihm eine fast kindliche Ruhe aus. Vielleicht, weil sie sanft waren, geradezu liebevoll, ganz anders als er Frauen kennengelernt hatte.
Seine Mutter war nie liebevoll gewesen, nicht einmal dann, wenn sie ... zu ihm kam.
Oft hatte er überlegt, alle nachlässigen Mütter einfach mit dem Tode zu bestrafen. Doch was würde das bringen? Sie hätten dadurch ihre Lektion nicht gelernt.
Nein, er musste die Kinder erlösen, um den Müttern das Herz zu brechen, sofern sie denn eins besaßen. Sie mussten spüren, was sie getan haben. Ein Leben lang sollten sie in Schuld baden.
Diese Frauen hatten die Gnade des Todes nicht verdient.
Das Weinen eines Mädchens ließ die junge Mutter verstummen.
»Ich komme gleich, Schatz«, hörte er sie rufen. »Leg dich schon mal hin, dann komme ich und lese dir noch eine Geschichte vor.«
Geschichten vorlesen, seufzte er innerlich, als er wieder seinen Weg aufnahm. Ja, auch er hatte Matti noch eine Geschichte vorgelesen.
»Keine Angst, Matti«, hatte er ihm zugeflüstert, während der Junge weinend und verängstigt vor ihm gekauert hatte. »Komm her, ich will dir nichts Böses«, hatte er versichert und den Jungen dann sanft in den Arm genommen, wie es ein Vater getan hätte. »Ich lese dir etwas vor, Matti, das beruhigt dich sicher.«
Es hatte ihn beruhigt, er hatte Vertrauen gefasst.
Keine Minute später war er erlöst. Ohne Angst, ohne eine Ahnung. Er war ganz friedlich in seinen Armen gestorben.
Noch am Ende der Straße konnte er aus dem Haus das Kreischen des Mädchens vernehmen, das zickig auf die Anwesenheit der Mutter bestand.
Es erinnerte ihn daran, dass er überlegt hatte, ob er einmal ein Mädchen erlösen sollte. Doch diese Vorstellung widerte ihn an.
Mädchen, Frauen, völlig egal, das weibliche Geschlecht hatte nicht solche Erlösung verdient.
Dementsprechend brauchte er nicht mehr länger zu überlegen. Er wusste, welcher Junge der nächste sein musste, nun, da Nicci außerhalb seiner Reichweite war.
Er trat seine Kippe aus, die er bis zum Filter geraucht hatte, und bog am Ende der Straße nach rechts in die Dumont-Straße.
Mit seiner nächsten Erlösung tat er zweimal Gutes. Zum einen befreite er eine gequälte Seele, zum anderen bewies er damit Niccis Unschuld.
Er fühlte sich doppelt gut, als er sich auf den Weg zu seinem nächsten Opfer machte.
***
Verdammter Mist!
Beinahe wäre alles wieder im Lot gewesen. Beinahe hätte Norman es geschafft. Beinahe hätte er ein Stück seines Lebens wieder in die richtige Fuge gefügt ... Hätte sein verfluchtes Telefon nicht geklingelt!
Warum hatte er es nicht auf stumm gestellt? Er wusste doch genau, dass er ihn anrufen würde.
Doch Norman konnte nur auf sich selbst wütend sein, er hatte alles verbockt, wegen ihm war alles so kompliziert.
Und warum?
Weil er es nicht ertrug, allein zu sein.
Früher, vor Alessandro, war eine Beziehung undenkbar gewesen, egal welcher Art. Ob fester Freund, Lebenspartner oder auch nur eine längere Affäre.
Doch nach Alessandro war es anders, weil Norman es nicht ertrug, in einem leeren Bett zu schlafen. Er hatte einen Lückenbüßer, und dieser verdrängte Alessandro – den Mann, den Norman eigentlich neben sich liegen haben wollte.
Für Unbeteiligte wäre es sicher einfach gewesen: Schick den einen in die Wüste und kämpf um den, dem dein Herz gehört. Doch bevor Norman sich nicht sicher war, das er Alessandro wieder zurückgewinnen konnte, wollte er den anderen nicht kränken. Sex, Nähe und die Arbeit, waren im Moment Normans wichtigste Anker. Auf Kosten von den Gefühlen der beiden anderen Männer, das wusste Norman, und es tat ihm auch leid, für beide.
Er war ein Arschloch, ein Egoist, das ließ sich nicht ändern.
Alessandro wusste das, hatte es immer gewusst und es akzeptiert, sie waren miteinander ausgekommen. Doch dann hatte Norman alles kaputt gemacht.
Das Schlimmste daran war, dass er wirklich nicht wusste, wie er das wieder gut machen konnte.
Norman ging die Treppe hinauf bis zum obersten Stock und schloss seine Wohnung auf. Das Licht brannte bereits, als er eintrat. Er streifte Schuhe und Mantel ab, legte den Schlüssel in die Schale neben der Tür und ging in die Küche, als wäre nichts gewesen.
Das konnte er gut. Im Heucheln war er ein Meister.
»Hey«, sagte Norman, als er in die Küche trat.
»Als ich vorhin fragte, ob wir gehen, meinte ich eigentlich: zusammen«, sagte Jan im vorwurfsvollen Ton.
»Tut mir leid, ich musste noch tanken und war kurz am Geldautomat. Kontoauszüge prüfen«, erklärte Norman und legte besagte Auszüge zusammen mit der Quittung von der Tankstelle, wo er seinen Wagen vollgetankt und sich einen Schokoriegel gekauft hatte, auf den Tresen, sodass Jan alles sehen konnte.
Jan, der auf einem Hocker am Tresen saß, verschränkte die Arme vor der Brust. »Das hat ziemlich lange gedauert.«
Darauf hatte Norman nichts zu erwidern, und er hatte auch ehrlich gesagt nicht die Lust dazu, sich zu erklären. Er zuckte nur mit den Schultern, öffnete den Kühlschrank und holte ein kühles Bier hervor, das er mit einem Feuerzeug aus seinem Jackett öffnete.
Jan musterte ihn argwöhnisch. »Wer hat vorhin angerufen?«
Norman lehnte sich mit einem verwirrten Blick gegen den Kühlschrank und sah Jan in die blauen Augen. »Wie bitte?«
»Vorhin, als du einfach verschwunden bist?«, wollte Jan wissen. »Kurz nachdem du halluziniert hast, hat jemand angerufen und du bist einfach davongerauscht.«
Es war untypisch für Jan, eifersüchtig zu sein. Sie hatten eine Vereinbarung, eine Abmachung, keine echte Beziehung. Das hatte Norman auch Alessandro erklären wollen, aber vermutlich wäre es für Alessandro ohnehin nur Haarspalterei. Jedenfalls waren Jan und Norman gewiss kein Liebespaar. Sie hatten Sex und wussten, dass sich der andere noch mit anderen Leuten traf.
Und wer nun glaubt, Norman wäre das Arschloch, der sollte wissen, dass Jan eigentlich ganz offiziell ein liebender Ehemann und Vater von zwei Töchtern, sieben und drei Jahre alt, war. Jan hatte eine wunderschöne junge Frau, die gerade nichtsahnend zuhause saß, auf ihren Mann wartete, der angeblich die Nacht durcharbeitete – wie so oft – während er tatsächlich bei seinem schwulen Liebhaber war und schwulen Sex ausübte.
Aber das war nicht Normans Sache.
»Also?«, hakte Jan sauer nach. »Warst du wieder bei ihm?«
Mit ›ihm‹ meinte er Alessandro, ohne zu wissen, dass er ihn meinte. Denn Jan kannte ihn lediglich als Normans Exfreund. Sie waren sich nie begegnet – offensichtlich, sonst würden Norman und Alessandro beide im Gefängnis sitzen – und sie haben sich nie gesprochen. Trotzdem war Alessandro der einzige, auf den Jan eifersüchtig war. Vermutlich, weil er spürte, dass Alessandro die Macht besaß, Jan zu verdrängen, sollte er es denn wollen.
Und das obwohl Norman damals Jan vorgemacht hatte, er hätte Alessandro für Jan verlassen. Aber dem war nicht so, Norman hatte nur versucht, sich Jan zu sichern. Und es hatte offensichtlich geklappt.
»Nein«, log Norman glaubwürdig. »Ich war beim Vermieter, es ging um den zweiten Parkplatz, für dich.«
Jan war nicht überzeugt. »Deshalb hast du einfach einen Tatort verlassen?«
»Fundort«, korrigierte Norman.
»Haarspalterei.«
»Wenn du es unbedingt wissen musst«, Norman stellte lautstark die Bierflasche auf dem Tresen ab, anschließend zuckte er schüchtern mit den Schultern, »ich musste einfach da weg, okay? Ich habe mich zum Affen gemacht und brauchte mal kurz etwas Privatsphäre um mich wieder zu sammeln.«
Das zog. Jans Blick wurde weicher.
Sie hatten eine wichtige Regel: Sobald die Arbeit beendet war, würden sie nicht weiter darüber reden. Wenn sie sich nach Feierabend trafen, waren sie ausschließlich Sexpartner, wenn sie auf der Arbeit waren, waren sie nur Kollegen. Beide wollten nicht, dass ihr Geheimnis aufflog.
Die Sache zwischen ihnen hatte ebenso unkompliziert begonnen. Norman war in einem Schwulenclub gewesen, Jan auch. Sie haben sich gesehen, aber so getan, als hätten sie sich übersehen. Tagelang hatte bei der Arbeit angespanntes Schwiegen geherrscht, das Jan gebrochen hatte, indem er ohne Umschweife Norman zum Essen einlud. Norman hatte angenommen, sie waren ausgegangen und hatten im Wagen noch auf dem Parkplatz des Restaurants Sex gehabt.
Warum?
Na weil Norman ein Idiot war und nicht hatte ablehnen können. Es war nicht einmal so sehr die Versuchung, es war vielmehr das einfache Spiel gewesen und die Tatsache, dass schneller, unkomplizierter Sex ihn aus der Realität hatte fliehen lassen.
Mit Alessandro war es anders gewesen. Jedes Mal, wenn Norman ihn angefasst hatte, waren Bilder von damals aufgeblitzt, als sei Alessandro der Auslöser für alles. Liebe konnte eben noch so stark sein, aber das nützte nichts, wenn man psychisch angeschlagen, wenn nicht sogar total kaputt, war.
Und Norman hatte seine Probleme – seelische und auch körperliche Probleme – vor Alessandro geheim gehalten, weil er nicht als Schlappschwanz vor ihm dar stehen wollte. Er wollte nicht bemitleidet werden, und er hatte Angst gehabt, dass Alessandro ihn nicht mehr als den Norman sah, den er kennengelernt hatte.
Deshalb war ihm Jan gerade recht gekommen. In Jans Augen war Norman ohnehin ein alternder Ermittler, der die besten Jahre hinter sich hatte und auf dem Weg nach ganz unten war. Wenn Norman bei ihm etwas falsch machte, sich blamierte oder sonst irgendwie etwas schieflief, konnte es ihm egal sein. Sie waren nicht einmal wirklich Freunde, sie vögelten nur miteinander.
Es war nur Sex.
Außer für Alessandro, er interpretierte mehr dahinein und glaubte, Jan wäre jetzt Normans fester Freund. Was nicht stimmte. Jan war verheiratet. Mit einer Frau.
Nachdem er seine Situation im Kopf einmal durchgegangen war, fiel Norman auf, dass es wohl für alle Beteiligten wohl das Beste wäre, wenn er das Verhältnis zu Jan beendete. Für Jans Frau, für seine Töchter, für Alessandro und für Jan selbst wäre es auch das Beste ...
Aber nicht für Norman.
Doch er sollte vielleicht einmal in seinem Leben nicht egoistisch sein und es einfach tun. Es wäre ihm auf jeden Fall hilfreich bei Alessandro, wenn er ihm sagen könnte, dass er und Jan wieder nur Kollegen waren.
Norman dachte daran, dass Alessandro die Stadt verlassen wollte. Es wäre vor Jahren undenkbar gewesen, aber an diesem Tag hatte Norman entschieden, dass er ihn begleiten wollte. Er würde Alessandro nur dann gehen lassen, wenn er mitkommen konnte.
Er spürte mehr und mehr, wie ihn die Vorstellung reizte, diese Stadt und die Erinnerungen, die mit ihr verbunden waren, einfach hinter sich zu lassen. Etwas Neues zu beginnen, irgendwo fernab. Eine einfache aber harte Arbeit auszuüben, die ihn anstrengte und von den Alpträumen ablenkte, statt ihm neue zu bescheren.
Er wünschte es sich so sehr, hatte sich eine einfache Familienidylle schon vor Jahren ersehnt. Aber Alessandro hatte es nie gewollt.
»Was willst du von mir, Norman?«, hatte Alessandro einmal genervt gefragt, als Norman ihm zum Verkauf stehenden Vorstadthäusern präsentiert hatte. »Ein Haus kaufen, heiraten, Kinder adoptieren? Wo lebst du? Hinterm Mond? Ich bin ein gesuchter Verbrecher, Norman! Ein Verräter obendrein. Und ich hasse Kinder! Sorry, aber ich bin eher der seltsame Onkel, der mit einer Schrotflinte im Schuppen hinter dem Haus wohnt, statt eines leibenden Vaters.«
Ich hasse Kinder.
Diese Worte hatten sich tief in Norman eingebrannt.
Ich hasse Kinder.
Er hätte doch selbst nie geglaubt, dass er sich nach einer eigenen Familie sehnte, zumal er als Waise aufgewachsen war und überhaupt keine Ahnung vom Familienleben hatte. Aber mit Alessandro war alles anders gewesen. Mit ihm wollte Norman all das.
Alessandro hatte jedoch jegliche Diskussion darüber beendet, als er einmal sagte: »Norman, meine Eltern wurden von verfeindeten Organisationen umgebracht als ich gerade erst fünf Jahre alt war. Glaubst du, es wäre bei uns anders? Sie jagen uns, bis sie uns kriegen, und dann sind es unsere Kinder, die allein zurückbleiben. Willst du ihnen das antun, was ich durchleiden musste?«
Nein, das wollte er bestimmt nicht. Trotzdem hatte er immer darauf gewartet, dass Alessandro es sich anders überlegte. Mittlerweile wusste er, dass das nicht passieren wird.
»Hey, ist alles klar bei dir?«, fragte Jan besorgt, als Norman, während seines Blicks in die Vergangenheit, reglos dagestanden hatte.
Norman hob den Blick und versuchte, seine Enttäuschung zu unterdrücken, die er heute noch genauso spürte wie damals. Aber wenn es hieß, entweder ein Leben mit Alessandro aber ohne Kinder, oder eines mit Kindern aber ohne Alessandro, wählte er doch lieber das Leben mit ihm. Denn eines war Norman nach den letzten Monaten nun deutlich bewusst: er konnte ohne Kinder leben, aber niemals ohne Alessandro.
Jan kam um den Tresen herum, als Norman nicht antwortete. Er nahm Norman in den Arm und streichelte sanft Normans Rücken.
»War ein langer und harter Tag«, sagte Jan einfühlsam.
Norman genoss die Nähe zu einem warmen, starken Körper. Es war genau das, was er jetzt brauchte, vor allem nach Alessandros offener Ablehnung.
»Es tut mir leid, dass sie die Ermittlungen einstellen, ich weiß, wie viel dir an dem Fall gelegen hat«, sagte Jan verständnisvoll.
Ihm ging es nicht um Normans Seelenheil, ihm ging es nur darum, Norman ein gutes Gefühl zu geben, damit dieser ihm ein paar schöne Stunden im Bett bereitete. Oder auf dem Sofa. Oder warum nicht gleich hier auf dem Küchenboden?
Jan zog den Kopf etwas zurück, damit er Norman ins Gesicht lächeln konnte, seine Hände umfassten Normans Nacken und massierten leicht die Halsseiten.
»Ich geh schnell duschen«, beschloss er mit einem verschwörerischen Gesichtsausdruck, drücke Norman einen Kuss auf die Lippen und verschwand.
Norman nahm ausatmend und lustlos sein Bier in die Hand und setzte die Flasche an den Mund. Er zog das halbe Bier ab, dann wurde ihm schlecht und er beschloss, den Rest in die Spüle zu schütten.
Er musste mit dem Trinken aufhören. Unbedingt. Er spürte zunehmend, wie seine Leber protestierte.
Die leere Flasche auf der Küchentheke stehen lassend, schlenderte er aus der Küche, durch das Wohnzimmer, wo die weiße Ledercouch stand, die Alessandro einst ausgesucht hatte.
»Die muss ich haben!«, hatte er zu Norman gesagt, als er sie in einem Katalog gefunden hatte.
Norman musste sich damals verfluchen, weil er die Post von diesem Online Möbelhaus, wo er seine Küche herhatte, nicht entsorgt hatte, bevor Alessandro den Katalog in den Finger bekam.
Dabei war das Sofa wirklich schön, es störte ihn nur die Tatsache, dass Alessandro seine Vorliebe für kühles Leder nicht abstellen konnte. Norman war unsicher gewesen, ob sich das nur auf Möbel bezog, oder ob er auch gleich losziehen und Ledermanschetten fürs Bett kaufen sollte. Die Vorstellung hatte ihm nicht behagt, weil er nicht so ein Typ war, der auf so was stand.
Alessandro schon.
Also hatte, wie zu erwarten, wegen diesem Sofa ein Streit begonnen, den Alessandro als vollkommen unsinnig und hirnrissig bezeichnete.
Schließlich hatte er Norman dann doch überreden können, mit den Worten: »Stell dir den Sex darauf vor. Wir können Schweinereien machen, so viel wir wollen, sie ist ja abwaschbar.«
Es hatte ein Scherz sein sollen, der letztlich zum Erfolg geführt hatte.
»Von mir aus«, war Norman darauf eingegangen, »bestell sie.«
Alessandro hatte wie ein Honigkuchenpferd gegrinst. »Du wirst es nicht bereuen.«
Und er hatte es nicht bereut.
Als er nun um das Sofa herumging und es eingehend betrachtete, sah er auch jetzt noch die vielen schönen Stunden, die sie darauf verbracht hatten. Nein, nicht nur den Sex, und den hatten sie oft darauf gehabt. Auch die vielen anderen Stunden, in denen sie lediglich eng umschlungen dort gelegen hatten und unzählige Filme zusammen angeschaut haben, vor allem nachts, wenn Norman nicht wegen den Albträumen schlafen konnte, oder wenn Alessandro eine Panikattacke gequält hatte. Diese Couch war Zeugin davon, wie sehr sie für einander da gewesen waren, trotz aller Differenzen.
War Norman es seiner früheren Beziehung zu Alessandro nicht schuldig, das er jetzt alles tat, damit er ihm verzieh?
Er ging weiter, verließ das Wohnzimmer und schaltete die Deckenlampe aus, sodass nur noch die LEDs in den Medienschränken leuchteten.
Norman ging ins Schlafzimmer, das genau wie der Rest der Wohnung in Schwarz und Weiß gehalten war und wenig Persönliches beinhaltete. Bis auf zwei Gemälde an den Wänden besaß Norman keinerlei Dekor oder sonstigen Schnickschnack. Keine Fotos von Freunden oder Bekannten, keine Auszeichnungen, keine Diplome, Pokale, nichts. Er mochte es einfach und schlicht. Modern, aber schlicht. Wer in seine Wohnung trat, musste sich vorkommen wie in einem Musterausschnitt in einem Möbelhaus, nur mit noch weniger Dekoration. Keine Zierkissen auf dem Bett, keine Vasen oder Skulpturen auf den Kommoden. Einfach ein Raum mit Möbeln. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Norman warf sein Jackett auf das gemachte Bett, knöpfte sein Hemd auf und warf es zusammen mit den Socken, die er abstreifte, auf den Wäschekorb, der seit Tagen überquoll.
Nasse Handtücher darin sorgten allmählich dafür, dass es im Zimmer etwas zu müffeln begann, wie auf einem alten, feuchten Dachboden, wo sich in irgendeiner Ecke ungesehen Schimmel ausbreitete.
Norman war eigentlich ein sauberer Mensch, und ordentlich. Es sei denn er litt, dann ging alles gleichzeitig den Bach runter. Er hatte einfach nicht den Antrieb, sich um den Haushalt oder auch nur um sich selbst zu kümmern. Menschen, die schon einmal in Selbstmitleid gebadet hatten, verstanden ihn sicher gut. Dieses lustlose Gefühl und die Gedanken, das ohnehin alles sinnlos und scheiße war, halfen eben nicht gerade dabei, sein Leben in der Spur zu halten.
Norman setzte sich auf die Bettkante und rieb sich das Gesicht. Er hörte, wie im Badezimmer das Wasser abgestellt wurde. Er vermisste das Rauschen aus der Dusche, dass ihm kurz die Illusion vorgegaukelt hatte, er befände sich an einem Strand mit rauschenden Wellen.
Urlaub täte ihm tatsächlich gut. Doch er hatte seit sieben Jahren die Stadt wegen Enio Martin nicht verlassen. Er hatte ihn so unbedingt dingfest machen wollen, doch dieses Vorhaben entglitt ihm mehr und mehr.
Scheiß drauf, sagte er sich, er würde ihn schon noch bekommen. Ob früher oder später, dieser Wichser würde ihm nicht durch die Lappen gehen. Nicht, solange Alessandro durch ihn in Gefahr war. Und wenn Norman es letztlich selbst regeln musste, indem er mit gezogener Waffe die Villa stürmte und Enio umbrachte. Das würde Alessandro ihm zwar nie verziehen, immerhin war Enio immer noch sein großer Bruder, aber Norman würde es tun, wenn es sonst keine andere Möglichkeit mehr gab. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass er für den Erfolg tötete.
Jan betrat das Zimmer, das blondierte Haar noch nass und ein weißes Handtuch um die Hüften geschlungen.
»Ich habe übrigens bereits Mattis und Niccis Geburtsurkunden angefordert«, berichtete er, während er um Norman herumging und eine blumig riechende Lotion auf den muskulösen Oberarmen verteilte. »Mit viel Glück liegen beide morgen schon auf unserem Tisch.«
Norman hörte ihm nur halb zu, er erwiderte lediglich: »Du brichst die Regeln.«
Jan kletterte hinter ihn auf das Bett und umschlang ihn von hinten mit einem Arm, der sich quer über Normans Brust legte. »Entschuldige, du hast Recht. Sprechen wir nicht über die Arbeit.«
Er begann, Normans Hals hinab zu küssen, bis zum Schlüsselbein, zur Schulter und wieder zurück, während seine Hände über Normans nackte Brust wanderten, die er bald unbedingt mal wieder enthaaren sollte.
Jan mochte keine Körperbehaarung, aber Norman hatte einfach schlicht und ergreifend keine Lust gehabt, sich darum zu kümmern. Es war nicht sein Problem, wenn es Jan störte.
Norman schloss die Augen und versuchte angestrengt, sich auf die Bemühungen des anderen Mannes einzulassen. Und es waren gute Bemühungen, Jan wusste, wie er Norman reizen konnte, wie er ihm Lust verschaffte. Doch Norman hatte schon zuvor bei der heißen Knutscherei mit Alessandro bemerkt, dass er heute mal wieder sein ›kleines Problem‹ hatte.
So sehr er es auch versuchte, er konnte es nicht erzwingen, egal, wie er es sich wünschte ...
Jans Hand glitt unter Normans Hosenbund direkt in Normans Boxer und umfasste Normans noch immer schlaffen Schwanz.
Auch alles Kneten, Streicheln und Massieren brachte Jan nicht weiter.
Norman atmete gereizt aus und Jan zog seine Hand zurück.
Ausatmend legte Jan sein Kinn auf Normans Schulter. »Norman ...«
»Nein, sag nichts«, bat Norman, während er vor sich hinstarrte.
Was war er nur für ein Schlappschwanz. Buchstäblich. Er war doch noch gar nicht so alt. Oder etwa doch?
Er war nur froh, dass es Alessandro vorhin nicht aufgefallen war. Bei Jan war es ihm fast egal, bis auf die Tatsache, dass er sich vorkam wie hundert Jahre alt.
»Das sind die Schlaftabletten«, glaubte Jan und streichelte Normans Arme.
Aber es waren nicht die Schlaftabletten. Er nahm sie nicht, gerade weil sie dafür sorgten, dass er keinen mehr hochbekam. Die Erektionsprobleme hatten allerdings schon vor Jahren angefangen, erst schleichend, dann immer häufiger. Er wusste gar nicht mehr, wie es war, mit einer Morgenlatte aufzustehen.
Verdammt!
»Wir könnten ja auch ...«
»Nein«, unterbrach Norman sofort Jans Versuch, diesen Abend noch zu retten.
»Ich mein ja nur, wir könnten ja auch mal tauschen.«
Nur damit er zum Schuss kam?
Normans Antwort auf diese Frage war stets dieselbe: »Ich ficke nur, und lasse mich nicht ficken.« Damit stand er auf und ging ins Badezimmer.
Das stimmte nicht einmal wirklich. Nur Jan würde er niemals diese Intimität schenken. Auf der Arbeit hatte Jan es geschafft, Norman zu dominieren, aber im Bett würde er niemals unter Jan liegen, oder vor ihm knien, egal, wie rum. Im Bett mit Jan galt für Norman nur: »Du tust, was ich verlange.«
Norman spritzte sich Wasser ins Gesicht und stützte sich dann eine Weile auf dem Waschbeckenrand ab. Er sah dabei zu, wie Wasser von Lippen und Nase ins Becken tropften, immer im gleichen Rhythmus.
Pitsch ... Patsch. Pitsch, Pitsch ... Patsch. Pitsch ... Patsch ...
Tief durchatmend schüttelte er die Scham ab und öffnete den Spiegelschrank über dem Becken. Er holte eine Pillendose hervor, die er hinter alten Seifen- und Cremetuben versteckte.
Er öffnete sie und schüttelte den Inhalt auf seine Handfläche. Es war die letzte blaue Pille.
Er warf sie ein und schöpfte ein Schluck Wasser aus dem Hahn in den Mund, um sie runter zu spülen.
Er wusste, dass es gefährlich war, er hatte diese Dinger nicht verschrieben bekommen, er hatte sie sich illegal von einem alten Freund besorgen lassen, weil es ihm zu peinlich war, wegen seiner Erektionsprobleme einen Arzt aufzusuchen.
Die Pillen waren nicht gerade harmlos. Bei ihm lösten sie nicht nur eine Erektion aus, sondern auch einen erhöhten Puls, sein Herz raste dann auf bedenkliche Weise.
Aber was soll’s? Gab es etwas Schöneres als beim Ficken zu verrecken?
Nicht für ihn.
Es würde kurz dauern, bis die Pille wirkte, aber das machte nichts. Dann würde er eben das Vorspiel ausdehnen.