Читать книгу Herzbrecher - K.P. Hand - Страница 6
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ОглавлениеDer grelle Blitz erleuchtete für den Bruchteil eines Augenblicks das Innere der Wohnung, danach wurde es wieder stockfinster im Raum.
Dem Blitz folgte ein ohrenbetäubendes Donnern aus den Wolken, die dunkel und schwer über der Stadt hingen, als wollten sie hinabstürzen und alles verschlingen.
Er erwachte, als das Gewitter schon voll im Gange war. Der Donner hatte ihn erschrocken, doch sein schnell schlagendes Herz beruhigte sich wieder, als er erkannte, dass für den Lärm nur das Wetter verantwortlich war. Er vertraute darauf, dass die vier Wände und das Dach ihn und seine materiellen Güter vor dem Unwetter schützen würden, immerhin bezahlte er auch monatlich eine ordentliche Summe Geld für die schicke Wohnung.
Müde rieb er sich die Augen und warf einen Blick auf seinen Wecker. Der schwarze Bildschirm, wo sonst rote Zahlen leuchteten, ließen ihn erkennen, dass der Strom ausgefallen war.
Fluchend richtete er sich auf. Zum Glück hatte der Donner ihn geweckt! Sonst hätte er vermutlich verschlafen.
Wo war sein Smartphone? Er musste den Wecker stellen.
Bevor er die Decke zurückschlug und aufstand um es zu suchen, tastete seine Hand wie gewöhnlich erst einmal die andere Bettseite ab.
Er stockte, als er sie leer und kalt vorfand. Verwundert fuhr er herum, als in jenem Moment erneut ein Blitz den Raum erhellte, und er erkannte, das neben ihm die Decke zurückgeschlagen und das benutzte Kissen leer war.
Wo war der andere?
Seltsam, für gewöhnlich war er es, der nachts ständig erwachte und umherwanderte. Oder alle paar Stunden seine Blase entleeren musste.
Vielleicht hatte das Gewitter den anderen geweckt.
Ein Klappern aus der Küche erklang, ähnlich dem, wenn man einen Topf hervorholt, der zwischen anderen Töpfen eingeklemmt gewesen war. Er schmunzelte, in Erwartung, dass seine Nase in weniger als einer Minute erhitzte Milch riechen würde. Vermutlich war der andere der einzige Mensch in der Stadt, der seine heiße Schokolade noch auf dem Herd zubereitete – oder sie überhaupt selbst zubereitete statt ein Pulverpäckchen zu benutzen.
Die Blitze kamen plötzlich häufiger, schneller hintereinander. Als habe das Unwetter beschlossen, sich nun vollends zu entladen.
Nicht die Suche nach seinem Handy trieb ihn aus dem Bett, sondern das Sehnen nach Gesellschaft, nach Zweisamkeit, und der Drang, das Unwetter gemeinsam auszusitzen.
Barfuß und nur mit einer Boxershorts bekleidet, tapste er aus dem Schlafzimmer, als es erneut blitzte und das grelle Licht ihm den Weg zeigte.
Er rief den Namen des anderen, doch der Donner verschluckte seine Stimme.
Als er Glasscherben klirren hörte, blieb er verwundert stehen. Das Geräusch war aus dem Wohnzimmer gekommen.
Hatte der Wind etwas durch die Scheiben geweht?
Hoffentlich übernahm der Vermieter den Schaden. Hatte er eine Versicherung abgeschlossen?
Verdammt, er wusste es gar nicht mehr ...
Doch als er im Wohnzimmer ankam, zeigten ihm die grellen Blitze, dass die Balkonfenster scheinbar wie von selbst zerbarst waren. Kalter, stürmischer Wind zog durch die zerstörten Scheiben, die weißen Vorhänge wehten im Wind und verknoteten sich. Der weiße Flauschteppich war vom herein gewehten Regen vollkommen durchnässt. Es goss wie aus Eimern, sodass auf dem kleinen Balkon ein kleiner See entstanden war, der nun ungehindert eindringen konnte. Glasscherben glitzerten auf dem Wohnzimmerboden.
»Verdammt«, fluchte er und ging auf den Schaden zu. Als er um die weiße Echtledercouch herumging, erkannte er dann das Blut auf dem Teppich.
Versteinert blieb er stehen.
Es war nicht wenig. Dunkelrot, in der Finsternis fast schwarz, wie Schlick, nur wenn es blitzte konnte er die grauenhaft rote Flüssigkeit erkennen, die ihm den Magen umdrehen ließ.
Er konnte kein Blut mehr sehen seit ... Nun, seit langem nicht mehr.
Erneut nannte er den Namen des anderen, fragend, diesmal flüsternd. Erneut schluckte der Donner seine Stimme.
Die Blutspur führte vom Wohnzimmer in die Küche. Eine breite, lange Spur aus Blut, als habe jemand ein Schwein auf dem Teppich geschlachtet und es in die Küche gezerrt.
Sein Herz raste, als wolle es auch wie das Glas der Balkontüren zerbersten, während er mit steifen Schritten der Spur folgte. Nun hörte er auch das Poltern in der Küche, als räumte jemand seine Schränke aus.
Oh nein, nein. Nicht schon wieder.
Er wusste, was ihn erwartete, er wusste es. Dennoch ging er weiter. Immer einen Schritt näher auf die Küche zu. Die Schwingtür war aus weißem Holz, der blutige Handabdruck darauf hob sich selbst in der Dunkelheit der Nacht von ihr ab, wie ein Schild, wie eine Warnung.
Er stieß sie trotzdem auf.
Erleichterung erfasste ihn, als er den anderen mit dem Rücken zu ihm am Waschbecken stehen sah. Wasser rauschte, das aus dem Hahn lief.
Er nannte seinen Namen, aber der andere rührte sich nicht.
»Was ist los? Was ist passiert?« Er ging auf den reglos stehenden Mann zu. Das dunkle, lockige Haar schien nass zu sein.
Hatte er den Schaden angerichtet? Hatte er sich verletzt?
Vielleicht stand er unter Schock.
Er streckte eine Hand aus und ergriff die Schulter, um ihn zu sich umzudrehen. »Hey –« Fassungslos brach er ab, als er mit aufgerissenen, panischen Augen angesehen wurde. Gleichzeitig blickten sie hinab auf das Messer, das in der Brust des anderen steckte.
Fassungslos ließ er den Griff los, als er erkannte, dass er das Messer in der Hand hielt.
Blut klebte an seinen Fingern, seinen Armen, je mehr er an sich hinabsah, je mehr Blut entdeckte er.
Der andere brach zusammen, seine Augen blickten leblos zur Decke, während sich eine Blutlache unter ihm ausbreitete. Es wurde immer mehr, als wollte es die gesamte Küche fluten.
Er taumelte zurück. »Oh nein! Oh nein!« Er stieß gegen die Küchenzeile, seine Hände hinterließen blutige Abdrücke auf den weißen Schränken.
»Hast du geglaubt, es wäre vorbei?«, ertönte die allzu bekannte Stimme gewohnt hämisch in seinem Kopf. Er wurde panisch, als er sie hörte.
»Hast du geglaubt, du könntest es vergessen?«
»Franklin«, hauchte er voller Furcht. Er drehte sich um die eigene Achse, erkannte aber nur seine leere, blutige Küche.
Sein Blick blieb an der Leiche haften, er bekam keine Luft mehr.
»Norman.«
Er fuhr herum, und da stand er. Mit einem breiten Grinsen, das nur ein Wahnsinniger aufsetzen konnte. In der Hand ein blutiges Messer, dass er triumphal hochhielt.
»Siehst du: Es steckt auch in dir!«, rief er höhnisch, ehe er in irres Gelächter ausbrach.
»Norman!«
Zusammenzuckend erwachte er aus seinem Alptraum, als die Stimme seines Kollegen zu ihm durchgedrungen war. Er bemerkte nur am Rande, dass Jan auch seine Schulter rüttelte.
Blinzelnd richtete sich Norman im Beifahrersitz auf und sah sich verwirrt um. »Ja, was?«
»Du bist eingeschlafen. Wir sind da«, berichtete Jan und nickte aus der Windschutzscheibe.
Norman folgte dem Nicken und konnte kaum etwas erkennen. Durch den starken Regen war es, als befände sich die Windschutzscheibe unter einem Wasserfall, und Jan machte sich nicht die Mühe, die Scheibenwischer einzuschalten.
Sie parkten in einer Seitengasse, das konnte er durch den Regen erkennen. Es war später Nachmittag, doch das Gewitter tauchte die Stadt in graues, fahles Licht, als stünde die Dämmerung kurz bevor, Laternen leuchteten schwach um gegen das trübe Licht anzukommen. Die Bürgersteige waren menschenleer.
Unmittelbar vor ihnen, nur wenige Schrittlängen entfernt, konnten sie in das Schaufenster eines Antiquitätenladens blicken. Gelbes, warmes Licht leuchtete dahinter, die Tür war wegen des Regens geschlossen, doch ein ›Geöffnet‹-Schild hing schief in der Scheibe.
Norman rieb sich erst einmal die müden Augen.
Jan betrachtete ihn dabei wie üblich kritisch. »Wann hast du das letzte Mal richtig geschlafen?«
Gute Frage. Er wusste es nicht.
Wie sollte er auch schlafen, wenn ihn ständig diese Alpträume quälten. Anfangs hatte er sie noch aushalten können, weil er geglaubt – gehofft – hatte, dass sie mit der Zeit einfach verschwinden würden. Aber Jahre waren seither vergangen und noch immer quälten ihn diese Träume. Sie waren sogar noch schlimmer geworden.
Jans Lippen wurden missbilligend schmal, als Norman keine Antwort gab. Er sagte mehr warnend als fürsorglich: »Du solltest öfter zu diesem Arzt gehen.«
»Mir geht es gut!«, warf Norman sofort ein. »Ich habe vergangene Nacht lange gearbeitet, das ist alles.«
Er sah Jan ins Gesicht und sie lieferten sich ein Blickduell, das Norman nie und nimmer gewinnen konnte. Nicht mit diesen tiefen violetten Augenringen und den dicken Tränensäcken, die ihn seit vielen Monaten täglich im Spiegel entgegensprangen.
Wenn ihm sein scheußliches Aussehen schon auffiel, dann fiel es anderen erst recht auf.
Umso mehr fühlte er sich bei Jans ausgeruhtem und jugendlichem Aussehen wie ein alter verbrauchter Kleidersack, der dringend entsorgt werden musste.
Jan war nicht sehr viel jünger als Norman, aber ab einem gewissen Alter waren fünf, sechs, sieben Jahre wie Jahrzehnte. Zumal Jan wirklich wie glatt gebügelt aussah. Norman war neidisch auf die scheinbar ewige Jugend seines Kollegen. Eingehend betrachtete er die großen blauen Augen, den Kussmund, die frisch rasierten Wangen und die vollen, kräftigen Haare, die Jan seit einigen Wochen blondiert trug.
Jan war einer dieser Kerle, die ständig ihre Haarfarben wechselten. Norman hatte ihn als schwarzhaarigen Mann kennengelernt, über die Jahre hatte er haselnussbraun, mokkabraun, goldbraun, rotbraun, Rot und sonst alles was die Farbpalette hergab, ausprobiert.
Norman blieb seiner natürlichen dunkelbraunen vollkommen banalen Haarfarbe treu. Aber immerhin waren es volle Haare.
Na ja, noch.
Allerdings musste er gestehen, dass er sein Haar auch schon einmal hatte färben wollen. Und zwar als er bei sich das erste graue Haar entdeckt hatte. Doch jemand ganz spezielles hatte ihn davon abgehalten und stattdessen das einzelne Haar einfach herausgezupft, mit den Worten, dass Norman ein Idiot sei, weil er Panik vor dem Alter hatte. Dabei wären vereinzelte graue Haare noch kein Grund, sich zum alten Eisen zu zählen. Norman war ihm sehr dankbar dafür, ihn davon abgehalten zu haben, die Haare zu färben, denn seither hatte er kein graues Haar mehr entdecken können.
Na ja, nicht auf dem Kopf jedenfalls.
Nachdem Norman ausgiebig über Haare und Haarfarben im Speziellen nachgegrübelt hatte, beendete Jan das Blickduell mit einem missmutigen Verzerren seiner Mundwinkel und beschloss offenbar, dass es ohnehin sinnlos war, Norman Vorwürfe machen zu wollen.
Und es war sinnlos. Norman wusste ganz genau, dass er nicht bei der Sache war, weil er eben unter Schlafmangel litt. Aber er konnte rein gar nichts dagegen tun, und er würde ganz sicher nicht diese verdammten Tabletten nehmen oder noch öfter zu diesem Psychiater gehen, dessen Dienste er ohnehin nur in Anspruch nahm, weil seine Vorgesetzten es ihm vorschrieben.
Wenn er nicht regelmäßig zu den Sitzungen erschien, würden sie ihn suspendieren. Und das konnte er keinesfalls riskieren, im Moment war die Arbeit das einzige, was ihn vor dem Durchdrehen bewahrte. Außerdem musste er unbedingt noch diesen einen dicken Fisch fangen, bevor er überhaupt darüber nachdachte, vielleicht etwas kürzer zu treten.
Nicht für sich wollte er diesen einen Verbrecher noch fangen, nicht für seine Karriere, die ohnehin schon lange zu Ende war, sondern für den anderen. Wegen ihm hielt er sich einigermaßen aufrecht, um ihn vor diesem dicken Fisch zu schützen.
Aber Norman hatte versagt, in all der Zeit hatte er noch immer nichts erreicht. Es gab nichts in seinem Leben, was ihm mehr zusetzte, als die Tatsache, nichts zustande gebracht zu haben; nicht einmal die Alpträume. Er hatte das Gefühl, ein Nichtsnutz zu sein, ein Versager. Er fühlte sich ... hilflos, machtlos.
»Gehen wir.« Jan stieg aus, ohne darauf zu warten, ob Norman vielleicht Einspruch erheben würde.
Zu Anfang ihrer gemeinsamen Zeit, war es noch anders gewesen. Der Jüngling hatte sich Norman angepasst, sich seinem Urteil gebeugt. Doch je mehr Routine aufgekommen war, je mehr hatte Norman sich seinen inneren Dämonen hingeben, was letztlich zu dem Ergebnis geführt hatte, das Jan alles übernahm und Norman quasi nur noch mitgezogen wurde.
Es sei denn, es ging um den einen wichtigen Fall, bei dem sie beide einfach nicht weiterkamen.
Und auch diese Spur würde wieder ins Leere führen. So wie alle Spuren die Norman seither verfolgt hatte. Er musste es trotzdem überprüfen. Nicht, weil er große Hoffnung hatte, letztlich doch noch etwas zu erreichen, sondern einfach, weil er verzweifelt war und den Fall nicht ablegen wollte.
Er musste es tun. Niemand außer ihm könnte es tun. Nicht etwa, weil er sich für den besten hielt – das war er schon lange nicht mehr – sondern weil er wusste, mit welcher Art Typen sie in diesem Fall zu tun hatten. Keine Kleinkriminellen, keine Diebe, keine Möchte-Gern-Gangster, keine Täter, die alleine operierten. Nein, sondern Männer des organisierten Verbrechens. Waffenhändler, Drogendealer im großen Stil ... Sklavenhändler. Männer mit viel Geld, viel Macht und unzähligen kleinen Spitzeln und Maulwürfen. Sie lachten über die kleinen Ermittler bei der Polizei, weil sie wussten, dass sie rein gar nichts tun konnten. Nicht solange Geld die Welt regierte. Und das würde sich nie ändern.
Und Norman war leider einer dieser blöden Bullen, die trotzdem nicht aufgeben wollten. Selbst dann nicht, wenn es ihm langsam den Verstand raubte.
Norman stieg aus und warf Jans Wagentür etwas zu grob zu, weshalb ihm sein jüngerer Kollege einen warnenden Blick zu warf.
Norman beachtete ihn nicht, er richtete den Kragen seines Ledermantels auf und zog den Kopf ein um sich etwas vor dem gießendem Regen zu schützen, der erstaunlich warm auf sein Haupt niederschlug.
Er ging an Jan vorbei und steuerte auf den Antiquitätenladen zu, der so unscheinbar wirkte, zwischen dem Elektronikgeschäft und der Edelboutique, dass er schon wieder ins Auge fiel. Die weiß-rot gestreifte Fallmarkise war eingefahren, vermutlich wegen des starken Regens. Norman langte nach dem Türgriff und zog daran, doch die Tür schien verschlossen ...
Jans Hand bewegte sich an Norman vorbei und drückte die Glastür auf. »Auf dem Schild steht: drücken«, murmelte er dabei, als spräche er mit einem Kind, mit dem er allmählich die Geduld verlor.
Norman ersparte es sich, das offensichtliche Schild zu lesen, das auf seinen Fehler hinwies, und ging einfach hinein.
Es war stickig und roch nach Möbelpolitur. Normans und Jans Schuhe hinterließen feuchte Spuren auf dem grauen Teppichboden des winzigen Lädchens. Überall standen übereinander gestapelte antike Möbel. Jedes Teil auf hochglanzpoliert. Es war so beengt, das sie kaum einen Weg nach hinten zum Tresen fanden.
Während sie sich durch die Ansammlung alter Möbel schlängelten, ließ Norman einen Finger über die glatte Oberfläche einer schwarzen Kommode aus dem 18. Jahrhundert wandern.
Kein Staub. Der Inhaber pflegte also seine Ware, was vermutlich auch der Grund dafür war, weshalb er sein Geschäft trotz der großen Möbelhäuser über Wasser halten konnte.
Besagter Inhaber stand hinter einem kleinen Tresen, der aus dunklem Holz bestand und gut zu den massiven Möbeln im Raum passte. Es handelte sich bei dem Ladenbetreiber um einen Mann etwa Mitte, vielleicht auch eher Ende, Fünfzig. Er sah genau so aus, wie Norman sich einen mit Würde älter gewordenen Italiener Vorstellte. Gutaussehenden, schlank und trainiert, fit und vital – jedenfalls sehr viel vitaler als Norman aussah. Trotz weißem Haar und einer Halbglatze, die im Schein einer einzelnen Lampe glänzte wie die Flächen der polierten Möbel, ein überaus attraktiver Mann.
Wäre Norman nicht so auf Jugend fixiert, hätte er den Mann durchaus als überaus sexy bezeichnet. Aber Norman war auf Jugend fixiert.
Jan übernahm das Gespräch, noch bevor Norman die Gelegenheit dazu bekommen hatte.
»Franco Pisani?«
Der Inhaber blickte auf. Voller Anmut, richtig würdevoll. Er nahm die Lesebrille ab, die an einer Kette um seinen Hals hing und mit jener er zuvor sein Kassenbuch studiert hatte. Er betrachtete Jan eingehend, ehe er an diesem vorbei zu Norman sah.
»Was kann ich für Sie tun, meine Herren?«, fragte er schließlich freundlich an Jan gewandt, doch in seinen Augen konnte Norman deutlich eine gesunde Skepsis erkennen
Franco Pisani schien ein guter Menschenkenner zu sein. Nach vierzig Jahren im Geschäft war dies wohl auch nicht verwunderlich. Er wusste, wer seine Kunden waren, und Norman und Jan hoben sich wohl von der üblichen Kundschaft ab.
Jan griff sich in die Lederjacke und zog seinen Dienstausweis hervor, den er Pisani direkt vor die Nase hielt. »Mein Name ist Jan Marx. Und das ist mein Kollege Norman Koch.« Jan deutete mit einem Nicken hinter sich zu Norman, der absichtlich im Gang zur Tür stehen geblieben war um eventuell diesen Fluchtweg zu blockieren, oder um zu verhindern, dass jemand hereinkam. »Wir sind von der Kriminalpolizei.«
Eine weiße Augenbraue hob sich in Pisanis Gesicht. »Von der Kripo, hm?« Er schlug das Kassenbuch zu und faltete dann die Hände darüber um zu signalisieren, das Jan und Norman seine volle Aufmerksamkeit hatten. »Wie kann ich Ihnen beiden helfen?«
»Es geht darum, dass Ihr Name am Rande einer laufenden Ermittlung aufgetaucht ist«, erklärte Jan, während er sein Dienstausweiß wieder einsteckte.
Norman hatte seinen mit Absicht nicht gezogen, weil er ihn vermutlich mal wieder nicht dabeihatte. Wie so oft in letzter Zeit. Das verfluchte Ding verschwand einfach spurlos. Vermutlich lag es irgendwo in den Rillen der weißen Ledercouch. Oder im Bett. Norman war in letzter Zeit einfach ein unverbesserlicher Chaot.
»Mein Name?« Pisani wirkte tatsächlich überrascht, oder er konnte einfach sehr gut schauspielern, so wie jeder gute Verbrecher. »Inwiefern, wenn ich fragen darf?«
Durfte er. Jan antwortete ihm auch bereitwillig: »Ein Informant verwies uns direkt an Sie.«
Milde ausgedrückt. Diese Information hatte Franklin als letzten Strohhalm ausgespuckt, während Norman ihn bei einem Verhör im Gefängnis das dämliche Gesicht fast zu Brei geschlagen hatte, obwohl Franklin immer wieder daraufhin gewiesen hatte, dass er wirklich nicht wusste, wer Norman bei seinen Ermittlungen weiterhelfen könnte, nachdem all seine anderen Spuren ins Leere verlaufen waren. Norman vermutete, dass Franklin einfach den ersten Namen gebrüllt hatte, der ihm noch eingefallen war, damit Norman aufhörte.
Vermutlich hatte Pisani nicht einmal mehr etwas mit Enio Martin zutun, und sie verschwendeten hier mal wieder nur ihre Zeit. Genau wie Jan es prophezeit hatte.
Aller Wahrscheinlichkeit nach, konnte Franklin auch die gesamte Zeit über gelogen und Norman absichtlich zu falschen Zeugen und Mittätern geführt haben. Vielleicht schützte er Enio. Mittlerweile war für Norman alles möglich, und er vertraute niemandem mehr.
»Laut unseren Recherchen gehörte Ihr Laden einst einem Mann namens Enio Martin«, begann Jan mit der Befragung, dabei klang seine Stimme so zwanglos, als wollte er nur etwas plaudern.
Pisani schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein. Ich habe den Laden direkt von meinem Vater übernommen.«
»Das haben wir auch nicht angezweifelt.« Norman übernahm jetzt das Wort, und er klang nicht, als wolle er nur plaudern. Er klang streng und unnachgiebig. Beinahe verärgert, was er auch war, weil man ihn für dumm verkaufen wollte. »Vor etwa fünfzehn Jahren haben sie enorme Schulden gemacht. Wir fanden bei unseren Nachforschungen heraus, dass Sie das Geschäft an Martin verkauften, Sie selbst blieben aber Partner. Auf wundersame Weise verschwanden Ihre Schulden dann, und kurz danach waren Sie wieder Eigentümer und Enio Martins Name verschwand aus den Büchern. Seltsam.«
Jan warf Norman über die Schulter einen warnenden Blick zu, den Pisani nicht sehen konnte. Es war immer schlecht, Verdächtigen den Verdacht einfach so um die Ohren zu hauen und zu riskieren, dass sie nicht mehr kooperativ waren.
Jan ließ Norman mit dem Blick wissen, dass sie nicht hier waren, um gegen Pisani zu ermitteln, sondern gegen Enio.
Pisani blieb ganz gelassen. »Enio Martin war Geschäftsmann. Mein Bankberater verwies mich an ihn. Ich verkaufte mein Geschäft an Herrn Martin, um meine Schulden bei der Bank zu begleichen. Da ich der Beste in diesem Bereich bin, blieb ich weiterhin Partner und Geschäftsführer für Enio Martin. Als wir durch Herrn Martins erfolgreiche Marketingstrategie wieder auf schwarze Zahlen kamen, kaufte ich mein Geschäft zurück. Allerdings für das Doppelte des Verkaufspreises. Es war ein Gewinn für Enio Martin, aber auch für mich, denn so habe ich immerhin das Geschäft meiner Familie retten können. Das ist alles, was ich darüber sagen kann.«
Normans Augen wurden schmal. »Und Sie haben nicht etwa Ihr Geschäft zum Geldwäschen zur Verfügung gestellt?«
Seufzend warf Jan dazwischen: »Wir möchten Sie keineswegs einer Straftat bezichtigen ...«
»Sie können meine Geschichte gerne überprüfen und sich auch gerne die Bücher ansehen«, sagte Pisani immer noch ganz gelassen. Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe mir nichts zu Schulden kommen gelassen. Und ich habe nichts zu verbergen. Sie dürfen sich gerne umsehen und bei der Bank alle Unterlagen einsehen.«
Seltsam. Genau das haben auch all die anderen dreißig bis vierzig Kerle gesagt, die sie im Rahmen der Ermittlungen befragt haben. Und allen konnten sie nichts nachweisen, jedenfalls nichts, was zu einer Verbindung zu Enio Martin gereicht hätte.
Norman mahlte verbissen mit den Zähnen. Es war zum verrückt werden!
»Das werden wir«, versprach Jan, jedoch immer noch freundlich. Dann beugte er sich zu Pisani herab und nahm einen flüsternden, vertrauten Ton an, als hätten die Wände Ohren oder als müsse er ein Geheimnis mit Pisani teilen. »Wenn Ihnen bezüglich Enio Martin etwas einfällt, das für uns vielleicht von Interesse sein könnte, irgendetwas, dann rufen Sie mich bitte an. Auch wenn sie es für belanglos halten, es ist wirklich wichtig, dass sie uns anrufen und sagen, wenn Ihnen an diesem Mann etwas seltsam vorgekommen ist.«
Jan reichte Pisani eine Visitenkarte.
Der Inhaber nahm sie zwar entgegen, aber Norman wusste, dass er niemals anrufen würde, selbst dann nicht, wenn er keiner von Enio Martins Männern sein sollte. Jeder wusste, dass Enio Martin zu den Teiwaz gehörte, der größten und mächtigsten Verbrecherorganisation dieser Stadt, vielleicht sogar dieses Landes. Keiner wagte es, sich mit ihm anzulegen.
Nur Norman und Jan, aber sie traten auf der Stelle.
Als sie den Antiquitätenladen verließen, sackten Normans Schultern zusammen.
Trotz, dass er gewusst hatte, dass dies nirgendwo hinführen würde, dass er nur wieder seine und Jans Zeit verschwendete, war er doch enttäuscht. Irgendwo in seinem Innersten hatte er trotz allem die Hoffnung nicht aufgegeben, das wie durch ein Wunder ein Strohhalm auftauchen würde, an den er sich klammern konnte.
Irgendetwas, das Enio Martin mit den Verbrechen in Verbindung bringen konnte, die er begangen hatte. Bei einem Mann, der so viel Unrecht tat, war es doch erstaunlich, dass es nichts gab, womit man ihn festnageln könnte.
Nichts.
Norman war müde, so müde, aber nicht wegen des Schlafmangels. Das Leben ermüdete ihn.
»Es tut mir leid«, hörte er Jan sagen, doch es klang nicht einmal so, als täte es ihm wirklich leid. Vielleicht, weil er diese Worte in diesem Rahmen einfach zu oft gesagt hatte.
Trotzdem landete eine Hand auf Normans Schulter und drückte mitfühlend zu. »Lass uns etwas essen gehen. Na komm. Ich lad dich auf einen Snack ein.«
Norman nickte zwar, doch sein Blick ging hinaus in den Regen, er sah nur Leere statt der überschwemmten Straße. Während er Enio Martin hinterher gejagt war wie ein Hund seinem Schwanz – ohne ihn je zu bekommen – hatte Norman sein Leben ruiniert. Wegen Enio Martin, der noch immer auf freiem Fuß war, und wegen Franklin Bosco, alias Frank Bosco, den er zwar eingebuchtet hatte, aber für dessen Verhaftung er seine eigene Seele an den Teufel verkauft hatte.
Und wofür all das?
Mittlerweile hatte er alles verloren, alles aufgegeben, alle Beziehungen untergraben. Er fühlte sich wie Franklin in seiner Zelle: allein, einsam, isoliert.
»Seit sieben Jahren jage ich diesen Mistkerl schon, ohne ihm auch nur einen Schritt näher gekommen zu sein«, hauchte er müde und schüttelte den Kopf. Der Regen hatte sein dunkles Haar durchnässt, sodass er wie ein begossener Pudel aussah. »Sieben verfluchte Jahre.«