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Die Grammatik des Möglichen

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Hätte. Wäre. Würde. Die häufigste Sprachform auf dem Golfplatz ist der Konjunktiv.

Zuerst kurz zurück in die Deutschstunde am Gymnasium. Neben dem Indikativ und dem Imperativ ist bekanntlich der Konjunktiv der dritte Modus des Verbs. Von besonderer Schönheit ist dabei die Wahrscheinlichkeitsform des Konjunktivs II.

Der Konjunktiv II wird auch Irrealis genannt. Irrealis heißt er darum, weil er das Eintreten von unwahrscheinlichen Ereignissen beschreibt. Oft ist er, um die Hoffnung auf das Unwahrscheinliche auszudrücken, als doppelter Konjunktiv gesetzt. Beispiel: „Wenn ich ein Vöglein wär’, flög’ ich zu Dir.“

Nun bin ich aber kein Vöglein und kann nicht fliegen. Das ist der Indikativ, die nüchterne Wirklichkeitsform.

Die Wirklichkeitsform beim Golfen besteht darin, dass der Golfer und die Golferin vor einem Teich stehen, ein Eisen sieben nehmen und den Ball ins Wasser hauen. Sobald der Ball ins Wasser taucht, rufen der Golfer und die Golferin aus: „Hätte ich ein Eisen sechs genommen, dann wäre er nicht ins Wasser geflogen.“

Den Gegensatz zwischen Indikativ und Konjunktiv erleben der Golfer und die Golferin genauso, wenn der Ball rechts in den Wald entschwindet. Sobald der Ball rechts im Wald entschwunden ist, rufen der Golfer und die Golferin aus: „Hätte ich mehr nach links gezielt, dann würde er nicht rechts im Wald liegen.“

Für Germanisten erneut ein kurzer Einschub. Wir nähern uns nun dem Konditionalis, auch genannt Konjunktiv III. Er ist durch die Würde-Form definiert und vergleicht eine mögliche Voraussetzung mit deren möglicher Konsequenz. Beispiel: „Würde ich geradeaus schlagen, dann würde mein Ball seltener im Gebüsch landen.“

Der Golfplatz ist ein wunderbares Tummelfeld für Anhänger der Möglichkeitsform. Ich kenne keinen andern Ort auf diesem Planeten, wo der Konjunktiv derart geballt und permanent zu hören ist. Jeder Golfer redet ununterbrochen davon, was wäre, wenn er hätte und was gewesen wäre, wenn er getan haben würde.

„Wenn ich den Ball besser getroffen hätte, dann wäre er nicht im Bunker gelandet, wäre von dort dann nicht übers Green hinaus geflogen, und ich würde nun eine Fünf statt eine Acht schreiben.“

Interessant daran ist, dass die Wahrscheinlichkeitsform meist nur dann zur Anwendung kommt, wenn etwas schief geht.

Wenn etwas klappt, dann war keine Wahrscheinlichkeit im Spiel. Wenn der Golfer den Ball an einen Baum haut, er vom Baum an einen Felsen springt und von dort direkt an die Fahne rollt, dann sagt kein Golfer konjunktiv: „Wäre der Ball nicht an Baum und Felsen geprallt, dann würde er weniger gut liegen.“ Nein, dann sagt der Golfer indikativ: „Den habe ich aber sehr kreativ gespielt.“

Es ist nicht verwunderlich, dass der Konjunktiv im Golf so verbreitet ist. Golf ist der Sport der unbeschränkten Möglichkeiten. In keiner anderen Sportart kann so viel Unerwartetes geschehen. Denn kein anderer Sportplatz ist so vielfältig gestaltet. Es gibt Bäche, Bäume, Sand, Blumen, Teiche, Gebüsch, Gras, Höhen, Täler, Wälder und Seen. Alles ist hier möglich, und auch das Gegenteil davon.

In anderen Sportarten ist im Vergleich gar nichts möglich. Der Tennisball kann höchstens ins Netz fliegen. Der Fußball kann höchstens ins Aus fliegen. Das war es dann schon.

Golfer wissen, dass alles möglich ist. Sie wissen, dass das Unerwartete jederzeit eintreten kann, im guten wie im schlechten Sinne. Darum ist der Konjunktiv, der Irrealis, die bevorzugte Sprachform des Golfers: „Würde ich nicht Überraschungen lieben, wäre ich kein Golfer geworden.“

Echte Golfer fahren links

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