Читать книгу Die Werwölfe vom Oberland - Lars T Kühl - Страница 9

Kapitel 7 · Flucht aus Hamburg

Оглавление

Vorsichtig öffnete Art die Tür und spähte nach draußen. Hektisch versuchte das Team »Rohrreinigungsservice Rüter« die Eingangstür abzuriegeln und ging mit gezogenen Waffen hinter diversen Möbeln in Stellung. Der Chef der Gruppe fauchte Art an, die Tür sofort wieder zu schließen und in Deckung zu gehen. Gleichzeitig wurde von außen die Türklinke der Eingangstür langsam heruntergedrückt. Rüter entsicherte seine Waffe und legte an. Eine Maschinengewehr Salve hinterließ ein bizarres Muster im Holz der Tür. Art war zu fasziniert, um die Schlafzimmertür zu schließen. Er musste schwer gegen den Drang ankämpfen, sich zu wandeln. Eine weitere Salve zertrümmerte das Schloss und die Türklinke. Doch die alte Türe hielt. Art wurde die Gefahr schlagartig wieder bewusst, als er sah, dass einer der Hüter vom einem Querschläger getroffen wurde und mit schmerzverzerrter Mine seinen linken Arm hielt. Die Ärztin wollte zu ihm robben, doch der verletzte Hüter gab mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass sie in Deckung bleiben sollte. Eine weitere Salve brachte die Tür an den Rand ihrer Belastbarkeit. Die Ärztin warf Rüter einen kurzen flehenden Blick zu und dieser nickte. Sofort krabbelte die Ärztin zur Schlafzimmertür und Art ließ sie herein. Aus ihrem Overall angelte sie einen Autoschlüssel.

»Das ist der Schlüssel zu meinem privaten Bully. Zufällig steht er nicht weit von hier vor den Zeisehallen. Wenn das hier schiefgeht, dann seht zu, dass ihr hier rauskommt und euch mit dem Bully in Sicherheit bringt. Die Papiere sind hinter der Sonnenblende. Ich würde Euch raten, die Gilde in Heide um Hilfe zu bitten! Der dortige Leiter ist mein, ich meine ein...sagt ihm einfach, dass ihr von mir kommt.«

Ein Krachen holte die Ärztin zurück ins Geschehen. Sie drückte Art den Schlüssel in die Hand, lud ihre Waffe durch und zog die Tür vor Arts Nase zu. Durch die Tür konnte man hektische Rufe hören. Dann klirrte Glas. Geistesgegenwärtig packten Alice und Art den alten Schminktisch und schoben ihn vor die Tür. Alice nahm Vivianes Bearn und steckte ihn in ihre Reisetasche. Art spähte aus dem Fenster auf den Hinterhof. Zwar waren sie hier im ersten Stock, doch unter dem Fenster stand ein Müllcontainer voller Pappe und Papier.

»Das könnte klappen! Sie warten sicher am Eingang. Über den Hinterhof können wir schnell in die Bergiusstraße und von dort durch die Zeisehallen zum Parkplatz.«

Art warf Alice einen raschen Blick zu und sie nickte kurz.

Vor der Tür wurde eindeutig gekämpft. Sie konnten dumpf die Stimme der Ärztin hören. Das war eindeutig: »Flieht!«

Alice warf die Reisetasche durch das Fenster und sprang als erste. Sie landete sanft zwischen dem Altpapier.

Rasch nahm Art den Golden Retriever auf den Arm und drückte ihn an sich. Im selben Moment als sie sprangen, wurde hinter ihnen auf die verstellte Tür geschossen. Der Spiegel am Schminktisch zerbarst in tausende kleine Splitter, doch die Tür hielt. Arts Plan klappte. Schnell erreichten sie den Parkplatz an den Zeisehallen. Zu ihrer Erleichterung stand dort nur ein einziger Bully, so dass sie nicht lange suchen mussten. Ein quietschroter VW-Bully, mit einem aufgemalten gelben Blitz an beiden Seiten. Den Kühlergrill krönte ein Reserverad, das unter einer Garfield-Schutzfolie verborgen lag.

»Na wenigstens fallen wir damit nicht auf,« meinte Art ironisch. Die Schlüssel passten. Einen Atemzug später fuhren sie die Behringstraße in Richtung A7.

»Was machen wir nun?«, fragte Alice.

»In Hamburg können wir nicht bleiben. Die Gilde scheint eine undichte Stelle zu haben.«

»Aber wohin sollen wir? Heide halte ich für keine gute Idee. Ich kenne den Typen, der die Gilde dort leitet.«

Die Tatsache, dass auch Alice einmal etwas mit dem dortigen Leiter hatte, verschwieg sie lieber vor Art.

»Wir gehen dorthin, wo ich eigentlich nicht hinwollte. Aber Viviane wollte es so. Ich soll zu Tassilo. Immerhin sind wir dort sicher.«

»Und das wäre wo?«

»Bei mir zu Hause!«

Alice sah Art an. Er machte ein grimmiges aber entschlossenes Gesicht. Also Bayern, Wolfsgebiet. Weg von den Katzen. Das Einzige, was sie über sein Elternhaus wusste war, dass Art niemals darüber sprach.

Entschlossen lenkte Art den Bully auf die A7 in Richtung Süden. Wenig später hatten sie den Elbtunnel durchquert. Zu ihrer Überraschung gab es keinen Stau. Tapfer quälte sich der Bully durch die Nacht die Autobahn hinunter. Irgendwo bei Soltau hielten sie auf einer Raststätte. Sie brauchten dringend eine Pause.

Alice streichelte Lon traurig über den Kopf.

»Warum? Warum Art! Jahrhunderte hat sich niemand für das olle Buch interessiert und nun werden Menschen, Wandler und Hüter dafür getötet. Wer geht wegen so einem alten Buch so brutal über Leichen?«

»Ich habe keine Ahnung. Das Bearn ist mächtig. Richtig. Aber nur in den Händen von Wolfsmagiern mit besonderer Ausbildung.«

»So wie Viviane und du?«

»Ja. Wir können die Sprüche auf Wandler und Unwandelbare anwenden. Aber für Wandler ohne Ausbildung und Abstammung sind sie wertlos. Ich muss mehr über das Bearn und seine Abschriften herausfinden. Mein alter Meister ist beinahe so erfahren wie Viviane. Er kann uns sicher mehr sagen. Ich weiß nicht, wer noch Interesse an dem Bearn haben könnte.«

»Katzen?«

»Kann sein. Aber das Bearn ist wölfischen Ursprungs. Katzen nützt er gar nichts. Sie haben die sieben Exemplare auch nur erhalten, damit der ursprüngliche Bearn nie rekonstruiert werden kann. Hier scheint wesentlich mehr dahinter zu stecken, als wir bislang ahnten. Wir werden bei meinem Clan auch den nötigen Schutz finden.«

Lon musste nach einigen Kilometern mal raus und auch Alice Blase hatte nach der Aufregung ihr Recht gefordert. Während Alice schnell in der Raststätte verschwand, spazierte Art mit Lon entlang des wenigen Rasens durch das Licht der Laternen. Die Luft war erstaunlich mild für diese Jahreszeit. Das bisschen Schnee war schon wieder komplett weggetaut. Hinter einem polnischen LKW machte Lon sein Geschäft. Alice war noch nicht wieder da als sie zum Bully zurückkehrten. Also setzte Art sich wieder ans Steuer und machte das Radio an. Prompt kamen aktuelle Meldungen aus Hamburg. Die Nachrichten erzählten von einer Gasexplosion an der Schanze mit zwei Toten. Auch gab es einen Bandenkrieg auf dem Kiez in der Detlev-Bremer-Straße mit mehreren Opfern. Art schüttelte nur den Kopf. Von dem Überfall auf Alices Wohnung gab es noch keine Meldung. Betroffen dachte er an die junge Ärztin und den Rest des »Rohrreinigungsservice Rüter«. Er sah über den Parkplatz und konnte sehen, wie Alice gerade aus der Raststätte kam, als er im Augenwinkel einen Schatten wahrnahm. Geistesgegenwärtig startete er den Motor und schoss mit dem Bully einen gewaltigen Satz nach vorne. Dort wo eben noch der Bully gestanden hatte, bretterte ein Betonmischer vorbei. Flink lenkte Art den Bully wieder in die Spur, gab Gas und blieb erst wieder an dem polnischen LKW vor einer verwunderten Alice zum Stehen.

»Steig ein!«, brüllte er durch das offene Seitenfenster. Alice lies vor Schreck die beiden Coffee-to-go fallen, die sie mitgebracht hatte und kletterte rasch wieder in den Bully. Mit quietschenden Reifen entkamen sie einem erneuten Versuch des Betonmischers, der mit voller Wucht in den Auflieger des polnischen LKW krachte.

»Verdammt. Sie wissen also mit was wir unterwegs sind. Das ging ja schnell!«, fluchte Art.

»Wir müssen dringend das Fahrzeug wechseln, wenn wir lebend Wolfsgebiet erreichen wollen!«

Doch noch bevor Alice antworten konnte zerfetzte ein Schuss den linken Vorderreifen. Art konnte den Bully kaum unter Kontrolle bringen und schlingerte über den Parkplatz, rumpelte über den Grünstreifen und blieb an einer Mülltonne hängen.

»Verdammt, verdammt, verdammt!«, fluchte Alice.

Art spürte, dass er kurz davor war sich zu verwandeln, als ein weiterer Schuss die Windschutzscheibe in Tausende kleine Kristalle zerriss. Instinktiv konnte Art Alice rechtzeitig zu sich ziehen, so dass der Schuss sie nur knapp verfehlte. Den alten Bully hatte die Aktion aber das Leben gekostet. Der überforderte und inzwischen hoffnungslos lädierte Motor streikte und qualmte bedrohlich. Vorsichtig kletterten die Drei aus dem Wrack. Alice konnte gerade noch ihre Reisetasche und den Stoffbeutel retten. Art schnupperte und roch wieder Katzen. Geduckt liefen sie in Richtung der Raststätte. Lon trottete zögerlich hinter ihnen her. Um diese Uhrzeit war der Rastplatz fast ausgestorben, dennoch begaffte gerade eine Menschenmenge den Betonmischer, der in dem polnischen Auflieger steckte. So bot sich ein willkommener Schutz. Doch plötzlich baute sich ein bärtiger Hühne in einem schwarzen Ledermantel vor ihnen auf und richtete eine Pistole mit Schalldämpfer auf sie.

»Du bist ein Wolf!«, stellte Art irritiert fest.

»Schnellmerker, du Zwergpudel!«

Der Riese grinste hämisch, spannte den Hahn und kippte dann wie ein nasser Sack leblos nach vorne. Art konnte sehen, wie sich der Ledermantel im Rücken rot verfärbte. Bevor er realisieren konnte, wer oder was sie gerade gerettet hatte, keuchte Alice verwundert »Luna«.

Luna schraubte gerade lässig den Schalldämpfer von ihrer Waffe.

»Alice, Art. Ihr hattet Glück, dass wir eure Flucht überwacht haben! Wir konnten gerade noch rechtzeitig aktiv werden!«

»Gerade noch rechtzeitig stimmt!«

Luna machte eine Geste mir der Hand, in der sie den noch qualmenden Revolver hielt. Kurz darauf erschien wie aus dem Nichts ein schwarzer Hummer mit verspiegelten Fenstern. Luna deutete Art und Alice an einzusteigen. Lon knurrte.

Die Werwölfe vom Oberland

Подняться наверх