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Die Herren, die mit Sirenengeheul angekommen waren, verbrachten Minuten damit, das Rätsel um Mrs. Mooney zu lösen. Rätsel gab es mittlerweile mehr als genug. Völlig schleierhaft blieb es Chief Inspektor Summers allerdings, wie ein junger Trottel wie dieser Constable vor der Haustür je zur Polizei kommen konnte.

»Wie heißen Sie?« erkundigte er sich.

»Nutter«, antwortete der Constable und wurde rot.

»Aha.« Alles weitere ließ der Chief Inspektor bewußt ungesagt. »Ich will ja nicht gehässig sein, mein Junge«, waren die Worte, die ihm auf der Zunge lagen, doch er sprach sie nicht aus. Mit einem solchen Namen war das Leben kompliziert genug. »Und Sie hielten sie wofür?« fragte er laut.

»Na, für ’ne Nonne, eine von der Wohlfahrt, oder so was.«

»In Jeans?« Auf einem Fahrrad, eine Misses?

»So was ähnliches«, beharrte Nutter. »Eine Gemeindeschwester oder Sozialhelferin ... was Kirchliches. Sie wurde erwartet. Jedenfalls dachte ich das, Sir. Sie hat so getan«, fügte er zerknirscht hinzu.

Damit schien er recht zu haben. Die Haushaltshilfe hatte ausgesagt, daß sie dachte, der Wirt habe Mrs. Mooney telefonisch gebeten zu kommen. Und der Wirt hatte behauptet, er habe geglaubt, jemand habe sie geschickt. Sie standen alle in dem nach abgestandenem Bier riechenden engen Flur und sahen sich an. Der Wirt schien völlig durcheinander. Für den Chief Inspektor hatte das seine guten Gründe. Summers hatte einen neuen Hinweis, dem er gern nachgehen wollte. »Also, machen wir weiter«, sagte er daher. »Sie gehen voraus, Mr. Logan. Sie übernehmen hier unten, Mason«, fügte er mit einem vielsagenden Blick auf Nutter hinzu.

Constable Mason von der Kripo nahm den armen Nutter mit vor die Tür.

»Machen Sie sich nichts draus«, tröstete er ihn. »Wir machen alle mal Fehler.«

»Finde ich auch.« Nutter war noch immer glutrot im Gesicht. Anspielungen auf seinen Namen konnte er nicht ausstehen. »Und manche machen sie immer wieder«, setzte er hinzu.

Mason hatte die Anspielung verstanden; das war in letzter Zeit so etwas wie eine Gewohnheit geworden. »Deshalb ist er auch so reizbar«, fügte er schließlich einsilbig hinzu.

»Wenn man im Glashaus sitzt«, beharrte Nutter wütend.

»Schon gut Nutter, mach daß du fortkommst, Nutter. Keine Aufregung, Nutter, alter Junge.« Mason hätte dem Dummkopf gern Beine gemacht. Doch er nickte nur schweigend, als Nutter erhobenen Hauptes davonging.

Mason war ein sehr beherrschter junger Mann, ein Kriminalbeamter mit Zukunft. Er hatte das Gefühl, daß dieser Fall eine Chance für ihn war.

Mittlerweile bewältigte Logans fettes Hinterteil erneut den schmerzlichen Aufstieg zu Germaines luftiger Bleibe. Es dauerte keine fünf Minuten, bis ihm erneut die Tränen kamen. Der Gold Key blieb an diesem Morgen geschlossen; und das, obwohl eine wachsende Zahl von Gästen, unterstützt von dreißig Damen und Herren von der Presse, ungeduldig auf die Öffnung des Lokals warteten.

Das Mädchen war ermordet worden. Es war der dritte Mord in zwei Wochen und im Umkreis von einem Kilometer.

Der Mann, der mit diesen deprimierenden Tatsachen fertig werden mußte, saß übellaunig in seinem Büro im Polizeirevier von Chelsea, in dem das Morddezernat seine Zelte aufgeschlagen hatte. Ihm war klar, daß er wieder einmal in der Tinte saß.

Wie tief allerdings, wußte er noch nicht. Das Mädchen ohne Kopf trug denselben an diesem Morgen noch auf den Schultern, wo er noch eine Weile bleiben sollte.

Der Name des Mannes war Warton, Chief Superintendent Warton; eine imposante, füllige Erscheinung mit mächtigem Brustkorb und vorgeschobenen Schultern, was ihn kleiner erscheinen ließ als er war. Er hatte fast keinen Hals und einen runden, fast kahlen Schädel, dessen weit vorspringende untere Gesichtshälfte in ein paar wulstigen Lippen mündete, was ihm das Aussehen eines Warzenschweins gab.

Von Naturell und Einstellung her war Warton ein unangenehmer Zeitgenosse; mißtrauisch, beinhart und unfreundlich. Er war schon sehr lange in seinem Job; einem Job, der ihm schon länger reichlich lächerlich vorkam. Es schien höchste Zeit zu sein, damit aufzuhören und etwas Solides in der Verwaltung anzufangen, etwas mit geregelter Arbeitszeit und respektabler Anonymität. Sein rastloses Herumzigeunern mit dem Morddezernat und das ständige Rätselraten war für ihn irgendwie anrüchig und unappetitlich.

Allerdings war er überdurchschnittlich begabt im Lösen von Rätseln, und das war der Grund, weshalb er auf diesem Posten saß.

Beim ersten Mord hatte der neu ernannte Commissioner der Kriminalabteilung von Scotland Yard sofort einen seiner Direktoren gerufen und gesagt: »Ich brauche jemanden, auf den in diesen Dingen Verlaß ist. Jemanden wie Ted Warton. Pfusch können wir uns hier nicht leisten.«

Es hatte schon zuviel Pfusch gegeben. Zum Beispiel die Panne mit Lord Lucan und Lady Lucan. Dann die Pleite mit Slipper von Scotland Yard, der ohne seinen Häftling, den Posträuber Briggs, aus Brasilien zurückgekommen war. Der Frauenschänder von Cambridge, der die Universitätsstadt monatelang terrorisiert hatte, bis man bei seiner überfälligen und beinahe zufälligen Verhaftung feststellen mußte, daß er ein ellenlanges Vorstrafenregister besaß; ganz zu schweigen von der Tatsache, daß der Täter auf seinem blutigen Weg reichlich Spuren hinterlassen hatte, einschließlich unterzeichneter Nachrichten.

Das alles war für die Polizei kein Ruhmesblatt.

»Woran arbeitet Ted gerade?« wollte der Commissioner wissen.

Warton arbeitete an gar nichts. In weiser Voraussicht hatte er sämtliche Fälle aufgearbeitet, um jederzeit zu neuen Ufern aufbrechen zu können.

Auf diese Weise hatte er sich die vorliegenden Aufgaben eingehandelt.

Zwei Wochen zuvor war der Amerikaner Alvin C. Schuster unweit seines Hauses in der Bywater Street als wenig dekorative Verzierung eines Laternenpfahls aufgefunden worden. Er hatte zwei Messerstiche in der Brust und war zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Stunden tot.

Eine Nachbarin, die ihren Hund ausführte, hatte ihn wenige Minuten vor Mitternacht entdeckt. Andere Nachbarn waren den ganzen Abend in ihren Häusern ein- und ausgegangen, ohne das Geringste zu bemerken. Letzteres hatte bei Warton die erste üble Verstimmung ausgelöst.

Ganz offensichtlich hatte man Schuster an den Laternenpfosten gebunden, und zwar kurz bevor die Nachbarin ihn entdeckte. Ein leichtes Unterfangen konnte das allerdings nicht gewesen sein, es sei denn, Schuster wäre direkt von seinem Haus aus dorthin gebracht worden. Das war nicht geschehen. Der Hund der Familie schlug zuverlässig immer an, sobald Schuster sich dem Haus auch nur ein wenig näherte. Das Tier hatte nicht gebellt.

Wenn er aber nicht an seinem Haus vorbei zum Laternenpfosten gebracht worden war, wie war er dorthin gelangt? Bywater Street war eine Sackgasse, in der die Autos Stoßstange an Stoßstange parkten. Die einzige Zufahrt führte über die King’s Road. Die besagte Straßenlaterne befand sich im letzten Viertel der Straße. Dorthin gelangen zu wollen, hätte in jedem Fall größeres Aufsehen erregt.

Wartons letzte verzweifelte – und ergebnislose – Anstrengungen richteten sich auf eine mögliche Beteiligung der Geheimdienste. Das wiederum brachte ihm einen frühmorgendlichen Anruf des Commissioners ein. Er wurde barsch angewiesen, gefälligst keinen Unsinn zu verbreiten. Die Amerikaner ließen angeblich einiges durchsickern, die Gerüchteküche kochte. Der Commissioner gab ihm zu bedenken, wer in seinem Amtsbereich wohne, und mahnte ihn, den Fall als normalen Mord zu behandeln.

Warton wußte, mit welchen Leuten er es in der Gegend zu tun hatte, nämlich mit Unruhestiftern aller Couleur, mit Richtern, Bankiers, Politikern. Mrs. Margaret Thatcher, Parteivorsitzende der Konservativen, hatte ihr viel fotografiertes Wohnhaus in der Flood Street, nur wenige hundert Meter von Schusters Straßenlaterne entfernt.

Und Warton kannte normale Mordfälle. Langjährige und traurige Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß neunzig Prozent der Morde ihren Ursprung in häuslichen Problemen hatten.

Bei Schuster allerdings schien diese Ursache nicht vorzuliegen.

Nach allem was die überaus gründlichen Ermittlungen ergeben hatten, hatte Alvon C. keinerlei Seitensprünge gemacht, mit niemandem Streit, Alkohol- oder Drogenprobleme oder andere Schwierigkeiten gehabt. Er war offenbar ein fröhlicher Öl-Manager mit Hornbrille gewesen, aufgeschlossen für die Sorgen der Industriearbeiter, verantwortungsbewußt als Manager. Er schuldete niemandem Geld. Niemand schuldete ihm Geld. Und er war auch nicht für mehr Entlassungen zuständig als andere.

Warton erschien es daher sehr wahrscheinlich, daß eine Verwechslung vorlag. Bedauerlicherweise war das noch viel schlimmer. Jedem durchschnittlichen Zeitungsleser war klar, daß selbst hinter dem verblüffendsten und brutalsten Mord ein rationales Motiv steckte. Für alles gab es eine plausible Erklärung oder Ursache. Traf es jedoch das falsche Opfer, lagen die Dinge völlig anders. Jeder konnte der Falsche sein. Es kam zu panikartigen und wütenden Reaktionen und nicht selten zu Briefen an die politischen Vertreter, von denen eine Menge in Chelsea lebte.

Nach dem Telefongespräch war Warton in sein Hauptquartier in Chelsea gefahren – das ausgerechnet am Lucan Place untergebracht war – und dort nahtlos zum nächsten Glanzpunkt des Tages übergegangen. Summers, seine rechte Hand, empfing ihn mit der Nachricht, daß ein zweiter Mord geschehen war. Zwei Straßenzüge weiter, am Jubilee Place, war eine Haushaltshilfe mit einem fröhlichen »Guten Morgen« an ihrem Arbeitsplatz erschienen und hatte ihre Arbeitgeberin splitternackt in der Diele vorgefunden. Die Arbeitgeberin war die zweiundachtzigjährige Miss Jane Manningham-Worsley. Man hatte sie erwürgt und vergewaltigt.

Warton ging in die Wohnung im dritten Stock und sah sich die Sache an.

In der Wohnung war alles in bester Ordnung, abgesehen natürlich von Miss Manningham-Worsley und der Tatsache, daß beim Eintreffen der Haushaltshilfe die Sicherheitskette nicht vorgelegt gewesen war, was nur dann vorkam, wenn die alte Dame Besuch von guten Bekannten hatte. Warton mußte also davon ausgehen, daß die alte Dame entweder nachlässig gewesen war oder einen Freund eingelassen hatte, der sie vergewaltigt und erwürgt hatte, oder daß der Mörder auf anderem Weg in die Wohnung gelangt war.

Wertsachen fehlten nicht; weder das Barvermögen der alten Dame noch ihr Schmuck. Einzig ein Glas mit sauer eingelegtem Gemüse war nicht auffindbar, das die Haushaltshilfe am Vortag gekauft hatte.

Warton fühlte die Blicke seiner Untergebenen auf sich ruhen. Er zündete eine Zigarette an, ging hinunter zum Wagen und setzte sich dort vornübergebeugt in den Sitz, mehr denn je einem Warzenschwein ähnlich.

Ja. Alles normal. Alles, wonach sie in diesem Fall suchen mußten, war ein Bursche mit einer Vorliebe für sauer eingelegtes Gemüse und alte Damen um die zweiundachtzig.

Logik war nirgends erkennbar; nicht einmal andeutungsweise. Genau das hatte er deprimiert seiner Frau gesagt, als er am vergangenen Abend in Sanderstead den Wecker gestellt hatte.

Doch lange vor dem Wecker klingelte das Telefon auf dem Nachttisch.

Es war vier Uhr morgens.

Summers Stimme am anderen Ende klang gedämpft.

»Dachte, es interessiert Sie, Sir. Die Wasserpolizei hat in unserem Distrikt eine Leiche aus dem Fluß gefischt.«

»In Ordnung.«

Er war sofort aufgestanden und im Dunkeln zum Wagen hinausgegangen.

Mit hochgezogenen Schultern hatte er der Autopsie beigewohnt und lediglich stumm genickt, als der Pathologe schweigend auf den Bluterguß am Adamsapfel gewiesen hatte.

»Sonst noch was?«

Der Pathologe rückte Germaine ein wenig zurecht.

»Ich denke doch«, erwiderte er.

»Gut. Dann sehen Sie sich ihr Innenleben an.«

Dann erlebte Warton den seit Wochen ersten Augenblick tiefer Genugtuung, als der winzige Fötus im Gummihandschuh des Pathologen lag.

»Wie alt ist das?«

»Vielleicht zehn Wochen. Morgen weiß ich mehr.«

»In Ordnung.«

Und wie in Ordnung das war. Endlich etwas, das Sinn ergab. An der Entstehung dieses Häufchens im Handschuh waren zwei Menschen beteiligt gewesen. Fand er auch den zweiten, hatte er seine Spur.

»Was hat er nicht gewußt?« fragte Warton daher jetzt Summers drohend. Summers kam geradewegs aus dem Gold Key.

»Na, daß sie schwanger war, Sir. Da gehe ich jede Wette ein.«

»Aber er hatte doch was mit ihr.«

»Zweifellos.« Im Gegensatz zu seinem Chef war Chief Inspektor Summers ein großer, hagerer Mann, ein Pfeife rauchender Spürhund. »Jedenfalls machte er auf mich einen überraschten Eindruck. Schockiert. Verblüfft«, verbesserte er sich.

»Seit wann sind Kerle, die mit Frauen schlafen, schockiert, wenn die dann schwanger sind?«

»Wir leben im Zeitalter der Pille, Sir.«

»Die hat sie genommen?«

»Ganz offensichtlich nicht.«

»Ganz offensichtlich nicht? Was zum Teufel quatschen Sie eigentlich, Summers?«

»Tja, also, Sir«, Summers klopfte seine Pfeife aus. »Dieses Mädchen ... ich habe meine Fühler ausgestreckt. Sie scheint ein Allround-Talent gewesen zu sein. Bisexuell, Spaß und Spiel auf allen Ebenen.«

»Eine Spielart kann ich Ihnen erklären, Summers«, entgegnete Warton, das innere Auge unverwandt auf den ersten Punkt gerichtet, der seit zwei Wochen einen Sinn ergab. »Nach meinen Biologiekenntnissen, kann nur ein Mann den Braten in die Röhre geschoben haben.«

»Ich wollte damit eigentlich nur sagen, Sir«, verteidigte Summers sich nachsichtig, »daß die Sache bei ihrem Lebensstil kaum Wellen geschlagen haben kann. Ich schätze, sie war bestimmt nicht das erste Mal in Schwierigkeiten, Sir. Oder?«

Warton wollte sich nicht noch mit anderen Schwierigkeiten belasten.

Er saß zusammengekauert hinter seinem Schreibtisch und hing seinen eigenen Gedanken nach.

»Dieser Wirt, diese Heulboje«, begann er, »den reißt das doch auch nicht vom Hocker, oder?«

»Der ist fix und fertig«, entgegnete Summers kurz angebunden. »Er hat eine Heidenangst, daß seine Frau was rauskriegt. Sie liegt todkrank im Krankenhaus. Dort können Sie’s nachlesen.«

Warton brummte etwas Unverständliches und prüfte die Papiere auf seinem Schreibtisch.

»Was ist mit dieser Filmcrew am anderen Flußufer?« wollte er wissen.

»Halbe Amateure. Wir gehen der Sache nach.«

»Wer ist Mrs. Mooney?«

»Tja.« Summers reinigte seine Pfeife. »Da ist eine kleine Panne passiert. Der Streifenbeamte an der Tür hat sie vor uns reingelassen. Keiner wußte so recht, was sie eigentlich wollte.«

»Fahrrad. Jeans«, las Warton laut. »Das klingt doch ganz nach Lokalreporterin«, entschied er und sah abrupt auf.

Summers kratzte weiter seine Pfeife aus. »Habe ich mir auch gedacht.«

Allerdings erst, nachdem Constable Mason diese Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, hätte er hinzufügen müssen.

»Und ich wette, sie ist auch freie Mitarbeiterin bei etlichen überregionalen Blättern.« Bei Warton begannen Alarmglocken zu läuten. »Sie ist also vor euch drin gewesen. Und was hat sie erwischt?«

»Also Logan war reichlich diffus ...«

»Was gab’s da zu erwischen? Was haben wir? Was hat diese sogenannte Halbtagskraft gemacht, wenn sie nicht hinter der Bar stand oder Spaß und Spiel trieb?«

»Sie war Modell. Nicht sehr ...«

»Modell? Massagesalon?«

»Nein. Ganz unverfänglich. Sie stand Modell für ...«

»Modell? Sie meinen Künstlermodell? Sie war ein echtes Künstlermodell aus Chelsea?«

Ein gewisser, bellender Unterton in Wartons Stimme ließ den Inspektor verblüfft von seinem Pfeifenkopf aufsehen.

»Ja, so könnte man sie bezeichnen.« Summers war irritiert.

»Könnte man sie bezeichnen? Das werden die auch tun. Da können Sie Ihren Arsch verwetten. Hat diese Reporterin ein Foto erwischt? Gab es Fotos?«

»Ein paar Schnappschüsse. Aber ich glaube nicht ...«

Jemand klopfte an die Tür. »Die neuesten Zeitungen, Sir.«

Warton knallte die Zeitungen wortlos knurrend auf den Tisch.

Die Schlagzeilen der Evening News und des Standard waren moderat: BARDAME AUS CHELSEA ERMORDET. Dazu ein Foto vom Gold Key.

Die Schlagzeile des Globe stach mehr ins Auge: KÜNSTLERMODELL AUS CHELSEA ERMORDET. Dazu ebenfalls ein Foto vom Gold Key. Unter der Überschrift EXKLUSIV folgte allerdings ein größeres. Es zeigte die sinnlich vom Fußboden aufblickende Germaine.

Nur wenige Stunden zuvor hatte der Superintendent dieselbe Germaine auf dem Seziertisch gesehen. Warton las die fettgedruckte Einleitung, das Kleingedruckte und die Fortsetzungsspalten auf Seite zwei. Große Aufmachung.

Die fünfundzwanzigjährige Germaine ... Unwohlsein ... Aktmodell für Malklassen an der Kunstakademie von Chelsea ... bei der Erziehungsbehörde ordnungsgemäß als Modell registriert.

Warton merkte genau, wann hinter seinem Rücken bei Summers der Groschen fiel. Aktmodell, was? Die verdammten Schmierblätter hatten etwas, das die Polizei nicht hatte, aber haben sollte. Modell, sucht Arbeit, Chelsea. In Wartons grauen Zellen arbeitete es, als er diesen Gedanken zur späteren Verwendung beiseiteschob. Er las weiter.

Auf Seite zwei brachten sie sogar ein Foto von ihm. Es zeigte ihn beim Verlassen von Miss Jane Manningham-Worsleys Wohnung. Sein Gesichtsausdruck war mehr als dämlich. Die Sache mit dem Eingemachten aus dem vorangegangenen Alptraum saß noch tief. »Det. Ch. Supt. Edward Warton, Leiter der polizeilichen Ermittlungen in Chelsea«, lautete die Bildunterschrift. Daneben konnte man die Chronik der bisherigen Ereignisse nachlesen. Sätze wie »Zugeknöpfte Kriminalbeamte wollten heute nicht sagen, ob ...« waren nicht zu finden.

Für Warton waren gewisse Formulierungen, die er aus den leidvollen Erfahrungen anderer kannte, ein Warnsignal. Noch benutzten sie sie nicht. Und von der Schwangerschaft wußten sie auch noch nichts. Aber sie witterten sie. »Unwohlsein«. Sie hatten die Nase bereits im Wind.

Warton hatte Summers einiges zu sagen und ein Blick in seine Richtung genügte ihm, um zu wissen, daß der Chief Inspektor bereits darauf wartete. Aber er sagte noch nichts. Das war nicht seine Art.

»Das mit der Schwangerschaft haben sie noch nicht, Summers«, war alles, wozu er sich durchringen konnte.

»Nein, Sir.«

»Und ich will auch nicht, daß sie’s erfahren.« Sämtliche Reserven mobilisierend, fügte er hinzu: »Sie könnten recht haben, Summers. Vielleicht hat er wirklich nichts damit zu tun. Aber irgend jemand hat was damit zu tun. Er geht doch nicht ans Telefon, oder?«

»Nein, einer unserer Leute ist bei ihm.«

Warton brütete vor sich hin. Seit sie ihn im Dunkeln aus dem Bett geholt hatten, waren Stunden vergangen. Er sehnte sich nach einem ruhigen, gemütlichen Büro; Schreibtisch, Teppich in der Mitte, dem Geruch nach Möbelpolitur; nach verwaltungstechnischen Problemen, Bilanzen und harmlosen Besprechungen. Er würde aus dem Garten in Sanderstead gelegentlich Blumen mitbringen. Nette, anständige Nachbarn gab es dort: Versicherungsagenten, Bankangestellte. Da mußte keiner mitten in der Nacht aus dem Bett, um sich eine Nutte von innen anzusehen!

Seine Zunge war pelzig. Trotzdem zündete er eine Zigarette an und betrachtete erneut nachdenklich den Kasten auf Seite zwei. Er erinnerte ihn an einen Grabstein. Etwas daran erregte seinen Spürsinn. Möglicherweise war es den Reportern noch nicht aufgefallen. Sie arbeiteten schnell, tappten aber ebenfalls im Dunkeln.

»Summers, Sie und ich ... wir wissen doch, daß diese Morde keinen gemeinsamen Nenner haben, oder?«

»Sieht nicht so aus, Sir.«

»Hm.« Warton zog an seiner Zigarette. »Ich gebe diesen Schlaumeiern von der Presse noch ein oder zwei Tage. Dann posaunt doch einer von ihnen aus, wir hätten’s mit einem Verrückten zu tun.«

Tod in Chelsea

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