Читать книгу Neues Leben für Stephanie - Lisa Holtzheimer - Страница 5
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ОглавлениеDas Telefon klingelte. „Hallo? – Moment.“ Jana musste erst einmal das Radio leiser stellen, damit sie überhaupt verstand, wer am anderen Ende war. „So, jetzt kann ich ‘was verstehen. Wer? Steph! Hi! Mensch, am helllichten Tag. Hast du keinen Dienst?“ – „Grippe, na toll. Die ist an mir bisher vorüber gegangen. Hast du wenigstens eine gute Pflege?“ Jana grinste hörbar. „Nein“, hörte sie Stephanie mit kaum erkennbarer Stimme krächzen, „ich könnte dich gut gebrauchen.“ „Dabei bist du die Krankenschwester! Mensch, ich würde so gerne kommen, aber mein Chef lässt mich garantiert jetzt nicht weg.“
Fast 1 ½ Stunden telefonierten die Freundinnen miteinander – selten schafften sie es, sich kürzer zu fassen. Jana fehlte Stephanie sehr, und die neuesten Neuigkeiten aus Hamburg wollte sie natürlich auch nicht verpassen. Während sich in ihrer neuen Heimat die Urlauber die Klinke in die Hand gaben, fegte ein handfester Sturm über die Hansestadt, deckte zum Teil Dächer ab und ließ das Wasser der Nordsee und damit auch das der Elbe gefährlich hoch steigen. „Naja“, dachte sie bei sich, „wenigstens wohnt Jana im 5. Stock, da wird kein Hochwasser sie erreichen.“ Und bis zum Dach waren noch einmal 4 Stockwerke über ihr. Aber aus ihrem Wohnzimmerfenster würde sie das schaurig–schöne Schauspiel aus nächster Nähe live beobachten können, denn sie blickte über die Landungsbrücken auf den Hamburger Hafen. Keine billige Wohngegend, aber als Assistentin des Geschäftsführers einer exklusiven Werft konnte sie sich diesen Luxus leisten. Jana liebte ihren Hafen, beobachtete gerne die Schiffe und hatte hier ihre Vorliebe mit ihrem Beruf verbunden.
Stephanies und Janas Eltern hatten in derselben Straße im Hamburger Norden gewohnt. Die beiden Mädchen waren fast wie Schwestern aufgewachsen, fuhren zusammen in die Ferien und besuchten dieselbe Schule. Später kauften Janas Eltern ein Haus im äußersten Stadtteil, gleich an der Elbe. Der Freundschaft tat dies keinen Abbruch, und durch den nahen Fluss lernten Jana und Stephanie ganz selbstverständlich den Umgang mit dem Wasser, lernten Schiffe kennen und interessierten sich dafür, woher diese kamen und wohin sie fuhren. Oft hielten sie sich in der Hafengegend auf, und mehr als einmal hatten sie sich auf ein großes Frachtschiff geschlichen, dessen Ladung gerade gelöscht wurde. Erwischt wurden sie nie. Heute war Jana sich im Klaren darüber, welche Konsequenzen gefolgt wären, hätte jemand sie doch einmal gesehen. Dass sie irgendwann einmal nicht rechtzeitig von Bord kommen könnten, davor hatten die Mädchen nie Angst gehabt. Die Abenteuerlust war so viel größer als solche Überlegungen.
Während Jana nachdenklich den stürmischen Wolken zusah, dachte sie daran, dass sie und Stephanie einmal während eines ähnlichen Sturms fast ertrunken wären. Sie wollten unbedingt das neue Segelboot ausprobieren. Es war Sommer, windstill, nur wenige Wolken tummelten sich am Himmel. Janas Vater hatte sich breitschlagen lassen und seiner einzigen Tochter zum Geburtstag die heiß ersehnte Segeljolle geschenkt. Drei Tage später endlich Sonnenschein, da hielt Jana nichts mehr. Und Stephanie musste natürlich dabei sein. Segeln konnten sie beide fast so lange, wie sie laufen konnten. Das Wasser und ein Boot waren keine Fremdkörper. Auch das Wetter konnten sie einigermaßen einschätzen, aber an diesem Tag hatten sie keinen Blick für den Himmel. Gleich nach der Schule fuhren sie mit der S-Bahn an die Alster, wo das Boot lag. Die Schwimmwesten übergezogen, die Leinen los und ab auf die Außenalster. Ein paar Stunden kreuzten sie auf dem Binnenmeer, als der Wind plötzlich drehte und dunkle Wolken schickte. Ihr Boot war mitten auf der Alster – mindestens eine halbe Stunde bis zum nächsten Ufer. In ihrem Eifer hatten sie kaum bemerkt, dass fast alle anderen Boote längst den Weg ans Ufer angetreten hatten. Jetzt waren sie völlig alleine auf dem immer mehr aufschäumenden Wasser, und zu regnen begann es auch. Am weit entfernten Ufer konnten sie jetzt die blinkenden Sturmwarnleuchten erkennen – und bald war dieses Licht das einzige, was noch zu sehen war. Der Sturm nahm zu, und kein Schiff war auf dem Wasser. Schlimmer noch, weder Janas noch Stephanies Eltern wussten, dass die Teenager auf der Alster waren.
Das kleine Boot wurde immer mehr hin und her gepeitscht, und längst hatten sie nasse Füße bekommen. Stephanie hielt sich krampfhaft am Mast fest – das Segel hatten sie gerade noch rechtzeitig einziehen können. Jana versuchte immer noch, das Boot irgendwie zu steuern, aber es war aussichtslos. Mehr als einmal drohte die Jolle umzukippen, und einmal fiel Stephanie dabei beinahe ins tobende Wasser.
Die Mädchen wussten nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie plötzlich ein Motorengeräusch hörten. Erst konnten sie es kaum glauben, doch dann kam ein Motorboot immer näher. Einige Minuten später fanden sie sich in einer warmen Kajüte wieder, registrierten wie im Traum, dass ein Mann das kleine Segelboot mit einem Tau an dem Motorboot befestigte und jemand anders sie in warme Decken hüllte. An Land im Haus der Seenotrettung begrüßte sie Janas Vater – halb verärgert, aber mehr erleichtert, dass seiner Tochter und deren Freundin außer Erschöpfung und durchnässter Kleidung nichts passiert war. Nachdem Janas Mutter bei Stephanie angerufen hatte, um zu fragen, ob die Mädchen dort seien, und Stephanies Mutter gedacht hatte, sie seien bei Jana, lag der Gedanke nahe, dass sie mit dem Boot unterwegs seien.
Jana musste fast lachen, als sie an die halbherzige Standpauke ihres Vaters dachte, der sie anschließend mit Tränen in den Augen in die Arme geschlossen hatte. Stephanie war es ein bisschen schlimmer ergangen. Ein absolutes Verbot, jemals wieder mit Jana das Segelboot zu betreten, war die Folge. Natürlich hatten sie sich nicht strikt daran gehalten und immer wieder Wege gefunden, doch dem geliebten Hobby nachzugehen.
Jetzt, mehr als 15 Jahre später, kam es Jana vor wie ein Film. Die kleine Jolle gab es immer noch. Sie stand im Garten der Eltern, wurde liebevoll gehegt und diente als Blumenbeet. Heute segelte Jana im Verein auf größeren Booten, und ein Segelurlaub mit Stephanie war für den Sommer geplant. Ob daraus etwas werden würde? Sie hatten es sich fest versprochen, als Stephanie Hamburg verließ, wussten aber beide nicht, ob sie zeitgleich Urlaub nehmen konnten.
In Berchtesgaden ging die Sonne unter, als Stephanie wieder aufwachte. Den halben Nachmittag hatte sie auf der Couch gelegen und geschlafen. Dass das Radio leise im Hintergrund lief, störte sie nicht im Geringsten. Der Schlaf hatte ihr gut getan, und sie fühlte sich ein wenig besser. Sie wollte möglichst bald wieder fit sein, darum ließ sie sich jetzt ein Erkältungsbad ein. Während das Wasser in die Badewanne strömte, kochte sie sich noch einen Erkältungstee und nahm den heißen Becher mit ins Badezimmer. Sie wollte gerade in das dampfende Wasser steigen, als das Telefon klingelte. Sie überlegte kurz und entschied sich dann, es klingeln zu lassen. Wer etwas Wichtiges wollte, würde sich wieder melden oder eine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen. Sie hörte noch, wie das Gerät sich einschaltete, dann übertönte das leise Platschen die Geräusche aus dem Wohnzimmer, als sie sich langsam in die heiße Wanne sinken ließ. Erkältungsbad, Erkältungstee und Kerzen am Badewannenrand – da konnte sie doch nur noch gesund werden.
Als sie knapp eine Stunde später wieder das Wohnzimmer betrat, hörte sie den Anrufbeantworter ab. Ihre Mutter hatte versucht, sie zu erreichen. Es ging um Sandra, ihre Schwester. Die Nachzüglerin machte den Eltern immer mal wieder Sorgen. Wenn es zu arg wurde, musste Stephanie ihre Mutter beruhigen und ihr versichern, dass Sandra zwar ein Wildfang war, aber immerhin auch schon volljährig und durchaus in der Lage zu entscheiden, was sie tat. Sie hatte im Sommer kurz vor dem Abitur das Gymnasium verlassen, weil sie sich in den Kopf gesetzt hatte, Erzieherin zu werden, „und dazu braucht man schließlich kein Abitur“. Nach drei Monaten an der Fachschule für Sozialpädagogik wurde ihr klar, dass das doch nicht ihr Traumberuf war, und heute hatte sie den Eltern in ihrer direkten Art mitgeteilt, dass sie sich dort abgemeldet hatte.
Stephanie erfuhr diese Neuigkeit, als sie ihre Mutter zurückrief. „Und was will sie jetzt machen?“, fragte sie schließlich, als ihre Mutter ihren Wortschwall beendet hatte? „Sie will doch das Abitur machen und dann Medizin studieren.“ Stephanie musste lachen. Die Liebe zur Medizin schien in der Familie zu stecken. Der Vater hatte ein Medizinstudium aus finanziellen Gründen abbrechen müssen, danach eine Ausbildung zum Physiotherapeuten absolviert und sich in harter Arbeit eine kleine, aber gut gehende Praxis aufgebaut. Stephanie wollte schon als kleines Mädchen Krankenschwester werden wie die Mutter und verfolgte diesen Weg geradlinig. Nur der ältere Bruder, Torsten, hatte mit Medizin nichts am Hut. Er hatte ein solides BWL-Studium abgeschlossen, kurz danach geheiratet und arbeitete als Geschäftsführer einer großen Firma. Und nun Sandra. Das Zeug dazu hätte sie.
Das sagte sie auch ihrer Mutter. „Wenn sie begriffen hat, dass sie mit dem Abitur doch weiter kommt – warum nicht? Ich glaube, sie gäbe eine gute Ärztin ab.“ Im weiteren Gespräch konnte sie ihre Mutter ein wenig beruhigen, aber sie war gespannt, wie sich diese Geschichte weiter entwickeln würde. Bei Sandra konnte man nie ganz sicher sein. Wenn ihr morgen einfiele, als Entwicklungshelferin nach Afrika gehen zu wollen, würde sie das ebenso direkt umsetzen wie ihre anderen Ideen auch.