Читать книгу Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg - 991 Seiten - Ludwig Strackerjan - Страница 6

Kapitel 4

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78.

In Oldenburg glaubte man früher fest, daß der Herzog

Peter Friedrich Ludwig (gest. 1829) um jeden Brand,

den er erreichen könne, herumfahre und einen Spruch

murmele, welcher den Brand ersticke. Sein Sohn und

Nachfolger Paul Friedrich August (gest. 1853) besaß

gleichfalls die Gabe, obschon im geringeren Grade.

Auch Geistlichen legt man die Gabe des Brandbesprechens

bei.

79.

Gegen Blutungen:

a.

Johannes der Evangelist

taufte unsern Herrn Jesum Christ

am Flusse Jordan,

worauf das Blut stille stand.

b.

Johannes, du Evangelist,

der du den Herrn Jesum Christ

getaufet am Jordan,

wo dies Blut blieb stille steh'n. Vater unser

(Münsterld.)

c.

Jesus Christ kam zum Jordan, da Johannes lagerte,

um sich daselbst taufen zu lassen, und sprach: Jordan

stehe still! Also gebe ich dir Blut auf, still zu stehen.

J.N.G.d.V., d.S.u.d.h.G. (Goldschmidt, Volksmedizin

S. 57).

d.

Jesus und Johannes gingen über das Meer, Jesus

schlug mit seinem Mantel auf das Meer, und es stand

still. So möge auch dieses Blut nun stille stehen. Drei

Vater unser (Saterld.).

e.

Jesus, stromet Wind und Meer,

das das Blut gestillet wehr,

das es nicht eckt (schwärt),

und auch nicht steckt

und auch nicht kellt (schmerzt),

und auch nicht zwellt (schwillt).

(Handschriftl. aus dem Saterlande.)

f.

Blut stehe still um Christi willen, des Sohnes Gottes,

zur ewigen Seligkeit, Amen. (Ammerld.). Soll auch

gegen Natternbiß helfen.

g.

Im Namen Jesu. Christus und Johannes gingen über

eine hohe steinerne Brücke. Sie stechen ihn in den

Rucken (2 mal), sie stechen ihn bis an die Rippen,

und dies stillet solches Blut. Kreuz über die Wunde

machen.

h.

Jesus und Maria gingen über eine Brücke, das Wasser

ging vorrücke, das Wasser soll gehen, das Blut stille

stehen. Kreuz über die Wunde machen.

i.

Moses ging durch das rote Meer, schlug mit dem Stab

in die Flut, die Flut die stund. So do du, Blod

(Münsterld.).

k.

Bei stark blutenden Wunden:

Jesus ging mit seiner Mutter an d i e See. Er

pflückte eine Rute an d i e See, schlug mit der Rute in

d i e See, stille stand d i e See und das Blut ging

nicht mehr. (Das »die« ist stark zu betonen.) Dabei

streicht der Segnende kreuzweise mit dem Finger über

die Wunde (Schweiburg).

80.

Gegen den Brand:

a.

Ich segne dich loße Brand

mit die göttliche milde Hand,

das es nicht eckt,

und auch nicht steckt,

und auch nicht kellt,

und auch nicht zwellt.

b.

Du böser Brand!

Ich will dich segnen

mit Gottes milder Hand,

das nicht eckt,

und auch nicht steckt,

und auch nicht kellt,

und auch nicht zwellt.

Gegen Brandwunden: Kalt ist die Hand (oder der

Teil, der verbrannt ist), kalt ist das Wasser, kalt

ist der Sand, kalt ist der Brand, das walte Gott

Vater usw. (Goldschmidt, Volksmedizin S. 58).

Soll auch gegen Feuersbrunst helfen.

Gegen die Rose: Rote Rose, weiße Rose, Blatterrose!

Du sollst vergehen! Das Evangelium wird dir

gepredigt, der Psalter wird dir gesungen, die

Glocken werden dir geklungen. Im Namen usw.

(Goldschmidt, Volksmedizin S. 57).

Gegen Blutstockung des Viehes: Moses schlug mit

seiner Rute in das rote Meer. So wie sich das

Wasser teilte, teile sich das Blut in diesem Vieh

(Saterld.).

81.

Gegen Verrenkungen: Petrus und Maria ritten zusammen

auf ein Pferd und ritten über eine Brücke, da vertritt

das Pferd den einen Fuß. Petrus sprang herunter

und bat zu Gott den Vater, daß er möchte geben, daß

alle Litt (Glieder) bei Litt, Sehnen bei Sehnen, Aders

bei Aders, Knochen bei Knochen – – – und dasselbige

begehre ich hier auch (Handschriftl. aus dem

Saterld.).

Gegen Leibschmerzen der Tiere:

a.

Liebes Tier, du bist verfangen, Christus hat gehangen.

Dabei legt man die Hände in Kreuzform auf

das Rückgrat des kranken Tieres.

b.

Kreatur du bist verfangen

von Water oder Wind,

dann kommen dir zu Hilfe

die hl. Maria und ihr Gotteskind. Im Namen des

Vaters usw. Ein Vater unser. Drei Kreuze über den

Rücken des Tieres machen.

c.

Beim Verfangen der Schweine sagt man in den

Marschen:

Mein Schweinchen hast du dich verfangen, Jesus

ist ans Kreuz gehangen. (Der Besitzer des Schweines

darf um diesen Segen nicht wissen, darf nachher

auch nicht dafür danken.)

Gegen Schlangenbiß:

a.

Christus und Petrus, die beiden gingen über Land.

Was fanden sie da? Addern und Schlangen und

Ützen. Und was taten sie da? Pußen. Im Namen

des Vaters usw. Drei Vater unser.

b.

Du böse Adder, du liegst dahier im Sand mit deinen

9 Jungen, und ich segne dich, daß du nicht

mehr schwellen und nicht mehr kellen und nicht

mehr stechen kannst (drei Kreuze machen). – Ich

sah einst, wie ein Schäferhund von einer Kreuzotter

gebissen wurde. Die Wunde schwoll faustdick an.

Der Schäfer segnete die Stelle, murmelte dabei

Worte, die ich nicht verstand, und bald ging die

Schwellung zurück und der Hund war gerettet,

nach Meinung des Schäfers infolge des Segnens

(Altenoythe).

Gegen das kalte Fieber ist aus den Marschen folgender

Spruch eingesandt:

»Unsere Alte hat das Kalte, holt der Teufel die

Alte nicht, holt er auch das Kalte nicht,« mit

dem Beifügen, daß der Spruch wirklich in Anwendung

komme.

Gegen Kopfweh: Im Namen Jesu! Moses schlug

mit seiner heiligen Rute in das Meer, das Wasser

zerteilte sich, und so sollen sich diese Schmerzen

im Kopfe zerteilen. Drei Kreuze machen.

Gegen Wunden durch Metalle: Im Namen Jesu! Ich

beschwöre alle Iser und Stahl, Kopper, Messing

und Metaal, daß diese keinen Schaden tun an

deinem Fleisch und Blut. Kreuze um die verletzte

Stelle machen.

Gegen Verstauchungen: Eine Frau heilte den verstauchten

Fuß eines Tieres durch Gebet und

kreuzweises Drücken. Das Gebet lautete: Der

Herr Jesus ritt mit seinem Esel über die Brücke.

Auf der Brücke verstauchte sich der Esel den

Fuß. Der Herr Jesus stieg ab und heilte den Fuß.

Durch jene Kraft wolle der Herr Jesus bewirken,

daß dies Tier nicht mehr lahme und hinke

(Bösel).

Bienensegen:

a.

Ihr Bienen und Mörs, wo kommt ihr her? Kommt

ihr aus einer Hürbe oder aus dem Paradies? Ich

will euch beschwören, ihr sollt euch setzen an Büsche

und Gras, an Tacken und Teuger (Zweige), ihr

sollt tragen Honig und Wachs, das in allen Kirchen

wird gebraucht. Drei Vater unser (Friesoythe).

b.

Imme-Mauer (Mutter) sette di, Gott däi Heer verlette

di, dräg Hönnig und Waß, dat brennt so kloar

vör Gottes Altoar. Dies ist 3 mal zu sprechen.

(Friesoythe) (146).

Im Amte Cloppenburg lebte vor Jahren ein Besprecher,

der zur Zeit des Mondbruches (wenn der Mond

voll war), großen Zulauf hatte. Er schärfte dem Kranken

ein, daß er fest an die Kraft des Besprechens

glauben müsse, segnete ihn dann unter Segensprüchen,

lief fort, sprang durch's Fenster und kam durchs

Fenster wieder herein. So verfuhr er dreimal: beim

Aufgang des Mondes, um Mitternacht und kurz vor

Sonnenaufgang. – Ein Verwandter dieses Heilkünstlers

betete bei Kranken, bediente sich aber dabei zugleich

eines in die Augen fallenden äußeren Mittels,

nämlich Erde aus einem neuen Grabe auf dem Kirchhof.

– Wo Frauen die Kunst ausübten, bestand das

Besprechen oder Beten oder Segnen gewöhnlich

darin, daß die Beterin die rechte Hand auf die kranke

Stelle legte und betete, oder daß sie, nachdem sie die

kranke Stelle berührt hatte, hinausging und draußen

betend auf und ab wandelte.

In Oldenburg erzählt man, es habe jemand einer

alten Frau, die arg am Fieber litt, ein Stückchen Pa-

pier in einem kleinen Beutelchen gegeben, sie solle

dasselbe in dem Beutelchen ein Jahr lang am Halse

tragen und dann wegwerfen, aber niemals nachsehen,

was auf dem Papiere stehe. Die Alte, heißt es, trug

das Beutelchen eine Zeit lang und wurde gesund.

Nach etwa einem halben Jahre glaubte sie sicher zu

sein, legte das Beutelchen ab, öffnete das Papier und

las jenen Spruch. Aber in demselben Augenblicke

wurde sie von einem heftigen Fieberfrost befallen und

soll die Krankheit auch nicht wieder los geworden

sein.

Die Oldenb. luth. Kirchenordnung von 1573 mußte

die Küster mit Absetzung bedrohen, »so sie noch mit

gottlosen Teufelssagen oder Arzney umbgingen und

wie auf etlichen Dörfern geschehe, St. Johannesevangelium

schreiben, den Leuten um die Hälse hingen

gegen allerley Krankheit und Zauberey.« Man ließ

nämlich das Johannesevangelium hübsch sauber auf

Papier schreiben, brachte es heimlich unter die Altardecke

einer katholischen Kirche, wartete, bis der Priester

3 Messen darüber gelesen hatte, steckte es in

einen Federkiel oder in eine ausgehöhlte Haselnuß,

verkittete die Öffnung mit Lack oder Wachs oder ließ

solche in Kapseln oder Silber fassen und hing sie um

den Hals. (Schauenburg a.a.O. IV, 121.)

82.

Wenn man Seitenstechen hat, macht man mit Speichel

ein Kreuz auf den Stiefel, dann hört der Schmerz auf

(Münsterland). – Blutungen werden dadurch gestillt,

daß man das Blut auf kreuzweise gelegte Strohhalme

fallen läßt, während ein Kundiger den rechten Spruch

dazu spricht. – Wenn man Eiter von einem Geschwür

auf einen Kreuzweg legt, so vergeht das Geschwür. –

Glockenschmiere wird äußerlich gegen Hämorrhoiden

gebraucht (Oldenbg.). – Wasser, welches am ersten

Ostermorgen vor Sonnenaufgang unter Stillschweigen

aus einem fließenden Strome geschöpft wird, hilft

gegen Ausschlag und Augenübel; es hält sich jahrelang,

ohne zu verderben (Oldenburg). – Am Charfreitage

in fließendem Wasser gebadet, vertreibt die Krätze.

– Nasenbluten stillt man, indem man 2 Strohhalme

kreuzweise übereinander legt, drei Tropfen Blut

darauf fallen läßt und dabei gewisse Worte spricht

(Bösel). – Warzen an den Händen werden durch Besprechen

und kreuzweises Berühren mit den Händen

entfernt (Lindern). Wird eine Kuh krank, so werden

über den ganzen Rücken Kreuze gemacht, angefangen

beim Nacken; beim letzten Kreuz wird die Kuh wieder

gesund (Dinklage). 1611 wird aus Hude berichtet,

daß »eine Frau 3 Halme aus dem Dache gezogen, ein

Kreuz daraus gemacht und unter die Karne gelegt,

damit sie ihre Butter wieder kriege.« (Schauenburg

a.a.O. IV, 124.) Wenn in den Stall eines gefallenen

Tieres ein neues wieder hinein soll, muß man diesem

ein weißes Kreuz an die Stirn machen, es rückwärts in

den Stall ziehen und sprechen: Glück herein, Unglück

heraus!

B. Sympathie.

83.

Bei der Anwendung der Sympathie zur Heilung von

Krankheiten handelt es sich meist um die doppelte

Tätigkeit, zwischen der Krankheit und einem anderen

Gegenstand die nötige Verbindung herzustellen und

alsdann diesen Gegenstand auf irgend eine Weise auf

die Seite zu schaffen oder völlig zu vernichten. Die

Krankheit erscheint dabei als ein Ding für sich, mitunter

fast wie etwas Körperliches, das man aus den

Kranken heraus- und an eine andere Stelle hineinbringen

kann; in den meisten Fällen aber wird man doch

nur an die sympathetische Verbindung zu denken

haben, welche ja in derselben Weise wirkt, als wenn

die Krankheit selbst fortgebracht oder vernichtet

würde. Die Herstellung der Verbindung geschieht namentlich

dadurch, daß man den Namen der Krankheit

auf ein Papier schreibt, die Krankheit abschreibt (87,

90, 94, 100, 101, 107), das kranke Glied mit einem

Bande umbindet, in einen Faden so viel Knoten

knüpft, als man Warzen hat oder Krankheitsanfälle

erfahren hat, den leidenden Teil mit einer Totenhand

bestreicht usw. Was hernach mit dem Papier, dem

Bande, dem Faden, der Totenhand geschieht, das ge-

schieht auch mit der Krankheit.1

Fußnoten

1 Wenn in der Folge oft vom Fieber die Rede ist, so

hat man meist an das kalte Fieber zu denken, das früher

die Marschbewohner stark heimsuchte, auch auf

der Geest nicht unbekannt war, wohin es durchweg

durch Hollandsgänger verschleppt wurde.

84.

Eine besonders feierliche Art, dem Kranken seine

Krankheit abzunehmen, d.h. die Verbindung der

Krankheit mit einer Schnur oder einem Faden herzustellen,

ist das V e r m e s s e n , das gegen langwierige

Krankheiten vielfach angewendet wird. Das folgende

Verfahren stammt aus Dötlingen. An einem

Dienstag oder Freitag Abend nach Sonnenuntergang

wird der Kranke mit einer Schnur vermessen, zuerst

vom Scheitel bis zur Zehe, dann von Fingerspitzen zu

Fingerspitzen der ausgestreckten Arme. Dies wird so

lange wiederholt, bis sich die Längen ausgeglichen

haben. Kommt es zu einer solchen Ausgleichung

nicht, so ist die Krankheit unheilbar, wird jene aber

erreicht, so steckt nun gewissermaßen die Krankheit

in der Schnur und kann auf verschiedene Weise, z.B.

durch Faulen, mit der Schnur vernichtet werden.

Vgl. 86, 100, 101.

85. Übertragung der Krankheit auf andere

Menschen.

Wenn man Warzen hat, so mache man eine bluten,

lasse das Blut auf einen Lappen tropfen, wickle in den

Lappen ein Geldstück und trage ihn auf einen Kreuzweg.

Wer das Päckchen aufnimmt, bekommt die Warzen

(Großenkn.). – Wenn man Fieber hat und im

Schweiße liegt, nimmt man ein Stück Geld zu sich ins

Bett und wirft es nachher auf die Straße. Wer das

Geld zu sich steckt, bekommt das Fieber (Oldenbg.).

– Warzen zu vertreiben, macht man so viel

Knoten in einen Faden, als Warzen zu vertreiben

sind, und legt den Faden unter einen Stein. Tritt dann

jemand auf den Stein, so bekommt er die Warzen, der

andere wird frei (Oldenbg.). Oder er vergräbt den

Faden in die Erde und spricht den Namen dessen, dem

er die Warzen an seiner Statt wünscht, aus, hält aber

vor- und nachher unverbrüchliches Stillschweigen

über die Sache (Oldenbg.). – Hat jemand ein Geschwür,

so bringe er von dem ersten Eiter, der heraus

kommt, etwas auf ein Stückchen Brot und gebe dies

fremden Hühnern. Alsdann bekommt er selbst kein

Geschwür wieder, dagegen bekommt es der Eigentümer

der Hühner (Damme). – Wenn zwei Reiter auf

einem Pferde sitzen, so rufe man ihnen nach: »Twee

up een Pärd, nehmt mi mine dree (veer, fief usw.)

Waarten mit!« so verschwinden die Warzen (Ovelg.)

86. Übertragung von Krankheiten auf Tiere.

Wenn man das Fieber hat, nimmt man einen Napf mit

süßer Milch, setzt ihn einem Hunde vor und spricht:

Pros't Hund,

du krank und ick gesund!

Wenn der Hund nun von der Milch getrunken hat,

trinkt man selbst, und so muß dreimal gewechselt

werden. Dann hat der Hund das Fieber und der

Mensch ist frei (Butjad.). – Man nimmt ein Butterbrot,

beißt ab, läßt dann einen Hund abbeißen, und so

fort, bis das Butterbrot verzehrt ist (Holle). – Man

nimmt einen Mund voll Butterbrot, zerkaut es fein

und gibt es einem Hunde (Holle). – Eine Bäuerin in

Abbehausen erzählte ihrem Prediger, sie habe ein

ganzes Jahr am Fieber gelitten und keine Befreiung

finden können. Endlich habe man ihr geraten, einem

Hunde und einer Katze von ihrem Essen zu geben.

Das habe sie getan und das Fieber sei auf die Tiere

übergegangen. Aber als sie die kranken Tiere immer

vor sich gesehen, habe sie es ungeschehen gewünscht.

Da sei das Fieber von den Tieren wieder zu ihr gekommen.

– Am einfachsten ist es, einen Hund oder

eine Katze mit ins Bett zu nehmen; das Fieber geht

dann auf sie über.

87.

Schwindsüchtigen hängt man einen Stieglitz oder eine

Lachtaube in das Zimmer, damit der Vogel die

Krankheit auf sich ableite (Oldenbg.). – Wer das

wilde Feuer (den Gürtel-Rotlauf) hat, gehe dreimal

um einen Eichbaum und spreche:

»Eikenbom, ick klage di,

dat wilde Für, dat plaget mi,

ick wull, dat dei erste Vaegel, dei

dar aewer flog, dat mit in dei Lucht (Luft) nöhm'«

(Saterld.).

In Friesoythe heißt der Spruch also:

Aiken Boom, ick klage di,

dat wilde Für dat ploaget mi,

Ick wull, dat use Herrgott göf,

dei erste Voagel, dei daröaver flög,

dat den dat wilde Für bekleef.

Dabei dreimal um einen alten Eichbaum gehen; in

Barßel will man, daß dies vor Sonnenaufgang geschehe.

– Eier, mit denen man Abschnitte von sämtlichen

Nägeln des Kranken gemischt hat, werden Hühnern

oder wilden Vögeln zur Atzung hingesetzt; die

Krankheit geht alsdann auf die Vögel, die davon

essen, über. (Goldschmidt, Volksmedizin S. 63). –

Um das Fieber los zu werden, muß man es dem Aal

verschreiben und das Papier ins Wasser werfen.

Wenn ein Aal nun das Papier verschlingt, ist man geheilt

(Ovelg.). – Einem Fieberkranken wurde eine

Wallnuß, in welche man ohne sein Wissen eine lebende

Spinne eingeschlossen, gegeben, damit er sie auf

der Herzgrube trage (Dedesd.). – In Butjadingen ließ

man Fieberkranke Zucker in Spinngewebe gewickelt

langsam aufsaugen oder man strich zerhackte Spinnen

auf Brot und gab dieses den Kranken zu essen.

88. Übertragung von Krankheiten auf Pflanzen.

Lahme müssen vor Sonnenaufgang schweigend durch

einen gespaltenen Eichbaum kriechen (Ovelg.). – Um

den Bruchschaden eines Kindes zu heilen, spaltet man

den Stamm einer jungen Eiche so weit, daß das Kind

hindurch gesteckt werden kann. Einer hält den Spalt

offen, ein anderer langt das Kind hindurch, ein dritter

nimmt es in Empfang. Alles muß aber stillschweigend

geschehen. Schließlich wird der Baum verbunden,

und wenn er fortwächst, so heilt der Bruch des Kindes.

Der langsameren oder schnelleren Heilung des

Baumes entspricht auch die des Kindes. Nicht immer

werden grade drei mitwirkende Personen verlangt.

Andererseits kommen auch Schärfungen der Vorschrift

vor: der Zauber muß am Johannisabend vollführt

werden, die mitwirkenden Personen müssen alle

Johann heißen (was hier zu Lande keine große

Schwierigkeit hat), das Kind muß dreimal durch den

Spalt gezogen werden. – Auf dem Wall in Wildeshausen

wurde bislang ein gespaltener Eichbaum gezeigt,

durch dessen Spalt ein Kind gezogen war, das einen

schweren Leistenbruch hatte. Das Kind war dennoch

gestorben. – Die englische Krankheit wird in ähnlicher

Weise geheilt, wenn man das Kind durch einen

gespaltenen Weidenbaum steckt, und der Baum wie-

der zusammenwächst.

89.

Um Zahnweh zu vertreiben, geht man morgens vor

Sonne zu einem Baume, löst an der Seite, wo die

Sonne aufgeht, ein Stück Rinde durch einen oberen

Querschnitt von einem halben Zoll und zwei von diesem

nach unten parallel laufende Längsschnitte von

etwa fünf Zoll Länge so weit ab, daß es nach unten

gebogen werden kann. Dann schneidet man von dem

bloßgelegten Holze einen Splitter ab, stochert mit diesem

an dem »Wehzahn«, bis Blut an ihm bemerklich

ist, und fügt ihn dann in seine alte Stelle wieder ein.

Endlich deckt man die Rinde wieder auf die Blöße

und bindet sie mit einem Bindfaden fest, so daß alles

wieder zusammenwachsen kann. Fällt ein Holzsplitterchen

weg oder bricht die Rinde ab, so ist der Versuch

mißlungen. Auch darf bei der ganzen Prozedur

kein Wort gesprochen, noch darf sie von einem fremden

Auge beobachtet werden (Strückhsn.). – Gegen

Warzen: man schneide vor Sonnenaufgang aus einer

Weide ein Stückchen Rinde, bestreiche damit die

Warzen und lege es sofort wieder an seine Stelle

(Jever). – Nimm einen Wollfaden von der Wolle eines

einjährigen Lammes und mache so viel Knoten hinein,

als du Warzen hast. Diesen Faden lege bei abnehmendem

Monde in einen hohlen Baum, gehe dann so

viel Male um den hohlen Baum, als du Warzen hast,

und sie werden bald verschwinden (Friesoythe). –

Gegen Zahnweh: man stochere mit einem Strohhalm

an dem kranken Zahn, bis Blut kommt, fülle den

Halm mit diesem Blute an, bohre ein Loch in einen

Baum, lege den Halm hinein und schlage das Loch

mit einem Pflocke zu (Münsterld.). – »Ein Mann in

der Gemeinde Essen hatte einen Sohn, der Wunden

am Bein hatte, die stets eiterten. Da das Übel nicht

weichen wollte, trotzdem verschiedene Ärzte herangezogen

waren, ging er zu einem Wunderdoktor in der

Gemeinde Löningen. Dieser verordnete: Nimm Eiter

aus der Wunde, streiche denselben auf Leinen und

suche einen Baum, welcher bis zu 20 Fuß astfrei ist.

Unter dem ersten Ast bohre ein Loch, darin stecke das

Leinen und verklebe das Loch. Dies mußt du tun zur

Zeit des Vollmondes; auf dem Hin- und Rückwege

darf dir niemand begegnen, darf kein Hahn krähen,

der Bohrer darf nicht gefunden, nicht geschenkt, nicht

gestohlen, sondern muß vererbt sein. Ich habe den

Knaben gekannt, er war später ein guter Jäger, aber

hinkte.« – Fieberkranke bohren ein Loch in einen

Baum, hauchen dreimal hinein und verschließen dann

das Loch mit einem Pflocke (allgem.). Als jemand,

der sein Fieber mit einem Nagel in einen Baum verschlossen

hatte, darüber von einem Bekannten verspottet

wurde, ging er heimlich zu dem Baume und

zog den Nagel wieder heraus. Es dauerte nur kurze

Zeit, so befiel das Fieber den Spötter (Vechta).

90.

Fieberkranke schreiben auf einen Zettel folgende

Worte:

Bom, ick klag di,

dat Feber plagt mi,

Gott gäw, dat 't von mi geit,

un di besleit!

und kleben diesen Zettel an einen Baum (Oldenbg.)

Oder man geht schlichtweg an einen Erlenbusch und

redet ihn an: »Ellernbusk, ick klage di« usw. (Hasbergen).

– Gegen das Fieber: man geht des Morgens vor

Sonnenaufgang gegen die Sonne, spricht die drei

höchsten Namen und macht in den Zweig eines Weidenbaums

so viel Knoten, als man Fiebertage gehabt

hat, oder (Schönemoor) beim Eintagsfieber macht

man einen, beim Dreitagsfieber drei Knoten. Weder

auf dem Hinnoch auf dem Rückwege darf natürlich

gesprochen werden. – So oft man das kalte Fieber gehabt

hat, so viel Gerstenkörner reiht man auf einen

Faden und vergräbt diesen vor Sonnenaufgang und

ungesehen, fern von den eigenen Gründen auf öffentlichem

Wege. Sowie die Körner aufschwellen, ist das

Fieber weg (Visbek). – Der Fieberkranke schüttelt

eine Hand voll Buchweizen zwischen den Händen

und streut ihn dann aus; kommt der Buchweizen auf,

so verschwindet das Fieber (Ammerld.).

91.

Übertragung von Krankheiten auf den M o n d . »Ich

habe einmal ein Überbein durch Sympathie weggeschafft,

indem ich es bei zunehmendem Monde unter

dem Spruche: ›Im Namen des Vaters, des Sohnes und

des heiligen Geistes‹ dreimal kreuzweise mit der

Hand bestrich und dann eine Geberde machte, als

wenn ich es ergriffe und an den Mond schleuderte.

Dies tat ich drei Abende hinter einander, hernach ist

es verschwunden (Oldenbg.).« (Hier sehen wir ein

förmliches Wegwerfen der Krankheit an den Mond,

der um so besser sie an- und in sich aufnimmt, weil er

der zunehmende Mond ist; für die Sympathie im engeren

Sinne hätte der abnehmende Mond besser gepaßt,

damit die Krankheit abnehme wie der Mond.) – Um

Warzen zu vertreiben, stellt man sich bei zunehmendem

Mond so, daß man seinen eigenen Schatten nicht

sieht, hält die warzige Hand gegen den Mond und

streicht mit der anderen Hand darüber hin nach dem

Mond zu. Einige sprechen dazu auch: »Mond, befreie

mich von diesem Ungeziefer,« andere:

Wat ick ankiek, dat winnt,

war ick oewerstriek, dat verswinnt.

In letzterem Falle wirkt die Sympathie zum Gegenteil.

Aus Kneheim bei Cloppenburg wird berichtet: Man

bestreicht bei Neumond die Warzen mit Erde und

spricht dabei: Glück und Segen, neuer Mond. Alsdann

wirst man die Erde, die man noch in der Hand

hat, nach dem Mond hin.

92.

Man schafft die Krankheit in die E r d e , damit sie

dort eingeschlossen und gefangen sei. Geschwüre

heilt man, wenn man von dem Eiter in die Erde vergräbt.

– Gegen Fieber: geh nach Sonnenuntergang

oder vor Sonnenaufgang zu einem Maulwurfshaufen,

zieh' ein Kreuz davor, mach' mit der Hand ein kleines

Loch in den Haufen, puste dreimal in das Loch und

mach' es dann wieder zu, so bist du das Fieber los

(Schönemoor). – Fieberkranke stechen einen Soden

aus dem Rasen, heben ihn heraus und lassen ihr Wasser

in die Lücke, dann legen sie den Soden wieder an

seine Stelle (Wiefelst.). – Warzen reibt man mit

Speck und vergräbt diesen bei abnehmendem Monde

auf einem Kreuzweg. – Man schneidet so viel Knoten

aus Strohhalmen, als Warzen vorhanden und vergräbt

die Knoten. – »Als ich als kleiner Knabe einstmals an

der Gelbsucht litt, mußte ich eines Abends einen Dukaten

(also ein gelbes Geldstück) in eine Schale mit

Wasser legen, welche vor dem Fenster gleich an meiner

Schlafstelle stand. Morgens vor Sonnenaufgang

wurde ich geweckt und angekleidet, nahm den Dukaten

aus der Schale und ging mit meiner Mutter in den

Garten der Sonne entgegen. Im Garten mußte ich den

Dukaten verscharren. Am folgenden Morgen wieder

vor Sonnenaufgang gingen wir abermals in den Garten

und ich holte den Dukaten wieder heraus. Bei

allen diesen Handlungen durfte nichts gesprochen

werden, und meine Mutter hatte mich im voraus von

allem unterrichtet« (Oldenbg.). – Ein Mädchen von

12-13 Jahren hatte den Veitstanz. Da nahm die Mutter

eine ganz weiße Erde und vergrub diese in der

Erde zwischen Kirche und Kirchturm. Das Kind war

nun vollständig geheilt. Die Erde hatte die Krankheit

mit in den Kirchhof genommen und würde dies für

immer getan haben, wenn sie nicht »gestört« wäre.

Aber als der Prediger starb, wurde an dieser Stelle

sein Grab gemacht, und so war der Zauber gebrochen.

Das Mädchen wurde wieder krank und starb auch an

der Krankheit. (Stedingen; in welcher Weise die

weiße Erde die Krankheit in sich aufgenommen, erhellt

nicht.)

93.

Man übergibt die Krankheit f l i e ß e n d e m W a s -

s e r , das sie hinwegführt. Bruchschaden der Kinder

heilt man, wenn man sie bei Vollmond mit fließendem

Wasser wäscht. – Der Fieberkranke geht stillschweigend

an ein fließendes Wasser (wo Ebbe und

Flut sind, zur Ebbezeit), macht eine Bewegung mit

den Händen stromabwärts, als ob er dem Strome

etwas mitgäbe, und spricht: »Im Namen Gottes« usw.

(Brake). – Der Fieberkranke geht nach Sonnenuntergang

stillschweigend zu einem fließenden Wasser,

schöpft dreimal mit der hohlen Hand gegen den Strom

und trinkt, was er gefaßt hat. Dabei muß man sprechen:

Grund, ick belaw di,

dat Feber dat plagt mi,

Gott gäw, dat mi't vergeit

un di besleit;

oder: »Prost Grund! Gott gäw, dat du dat Feber

kriggst un ick wär gesund.« Beide Male folgt das »Im

Namen Gottes des Vaters« usw. (Brake). – Man

schlage soviel Knoten in einen Faden, als man Warzen

hat und werfe den Faden in fließendes Wasser,

und die Warzen vergehen.

94.

Der Fieberkranke nimmt ein Stück Brot, ißt es zur

Hälfte auf und wirft den Rest in fließendes Wasser

(Brake). – So oft jemand das Fieber gehabt hat, so

viel Knoten macht er in einen Faden, trägt diesen

stillschweigend an ein fließendes Wasser und wirft

ihn hinein (Dedesd.). – Wer seine Warzen vertreiben

will, schneidet in einen Hollunderstock so viel Kerben,

als er Warzen hat, trägt ihn morgens, nüchtern

und ohne gesprochen zu haben, an ein fließendes

Wasser und wirft ihn hinein (Rast.). – Der Fieberkranke

läßt sich von einem Kundigen das Fieber auf

ein Stückchen Papier abschreiben und trägt dies Papier

an einer Schnur während des nächsten Anfalls

und drei Tage nachher auf der Herzgrube (sieben

Tage um den Hals). Dann wirft er es, ohne es vorher

geöffnet zu haben und ohne umzusehen, rücklings in

ein fließendes Wasser. Ein Mann, der einmal den Rat

gab und das Fieber abschrieb, behauptete ausnahmsweise,

es komme gar nicht darauf an, ob der Kranke

an das Mittel glaube oder nicht, »und in der Tat«,

sagte der Patient, »half das Mittel, obschon ich nicht

daran glaubte.« (Oldenbg.).

95.

Flechten treibt man in die L u f t . Man streut

Flockasche, leichte flockige Asche von weißem oder

grauem Torf, auf das leidende Glied, bläst sie fort und

spricht:

De Flockasch un de Flechten,

de flogen woll aewer dat wille Meer,

de Flockasch de keem wedder,

de Flechten nimmermehr.

(Schönemoor). – »Als ich ein etwa zehnjähriger

Knabe war, litt meine Schwester an Flechten. Um sie

zu heilen, gab mir meine Tante folgende Weisung: Du

sammelst vom Feuerherde neun Kügelchen

Flockasche, nimmst davon drei, gibst deiner Schwester

am nächsten Morgen einen Wink, dir zu folgen,

und gehst mit ihr gegen Sonnenaufgang etwa 10 Minuten

Weges fort, bis euch kein Mensch mehr beobachten

kann. Dann lässest du deine Schwester so niederknieen,

daß sie dahin sieht, wo die Sonne aufgeht,

nimmst eins der Aschkügelchen, legst es auf die

Flechten und bläsest es weg gegen Aufgang der

Sonne. Dann sprichst du dreimal: ›Im Namen Gottes

des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.‹

Ebenso machst du es mit dem zweiten und dritten Kügelchen.

Am folgenden Tage verfährst du in gleicher

Weise mit den zweiten drei Kügelchen und am dritten

mit den letzten. Du darfst aber weder vornoch nachher

mit irgend jemanden über diese Sache sprechen, auch

mit deiner Schwester nicht, und dieser darfst du nur

sagen, daß sie genau tun müsse, was du ihr durch Zeichen

andeuten würdest, und ja zu niemanden sprechen

dürfe. Und an allen drei Morgen dürft ihr nichts vorher

genießen und kein Wörtchen sprechen, nicht eher

als bis ihr wieder zu Hause seid. Verseht ihr etwas, so

wird die Krankheit nicht vertrieben oder kommt doch

wieder, und vielleicht schlimmer, als sie gewesen ist«

(Jade).

96.

Handelte es sich bisher um die bloße Fortschaffung

der Krankheit, so folgt nunmehr eine nicht minder

große Anzahl von Mitteln, die Krankheit in einem andern

Gegenstande zu vernichten. Zunächst geschieht

dies dadurch, daß man den Gegenstand in der Erde

verfaulen läßt.

Um Warzen zu vertreiben, reibt man sie vor Sonnenaufgang

mit einem Stück Speck oder Kalbfleisch

und vergräbt den Speck unter dem Schweineblock,

das Fleisch schlichtweg in die Erde; sobald Speck

oder Fleisch verfault ist, sind auch die Warzen fort.

Statt des Fleisches nimmt man auch Hülsen (Innenseite)

von großen Bohnen (Oldenbg). – In einen wollenen

(rohen flächsenen) Faden macht man so viel Knoten,

als man Warzen hat und vergräbt den Faden bei

abnehmendem Mond (Ovelg.) unter einem Tropfenfall,

einem Schweinetrog, einer Mauer, an der Ostseite

eines Baumes (Jeverld.); verfault der Faden, so vergehen

auch die Warzen. Übersieht man Warzen und

macht zu wenig Knoten, so bleiben so viel Warzen

als Knoten zu wenig sind. – Die Schnur, mit welcher

ein Kranker vermessen ist (84), wird mit etwas Salz

unter einen Stein gelegt (Dötlgn.). Die Mitteilung fügt

freilich nicht hinzu, daß sie dort verfaulen solle; es ist

daher auch möglich, daß die Krankheit auf denjenigen

übergehen soll, der auf den Stein tritt (85).

97.

Nichts kann gewisser zum Untergang, zur Verwesung

bestimmt sein als ein menschlicher Leichnam, daher

ist auch kaum ein Mittel, Feindliches zu zerstören,

wirksamer, als wenn man dies Feindliche mit einem

Leichnam in Verbindung setzt. Geschwüre, Ausschlag,

Auswüchse, Warzen, Gicht u. dergl. werden

vertrieben, wenn man den kranken Teil mit der Hand

(mit der linken Hand) einer Leiche bestreicht. Einige

wollen, das Bestreichen müsse kreuzweise geschehen.

Strenges Schweigen auf dem Wege zur Leiche, bei

der Leiche und auf dem Rückwege wird von anderen

zur Bedingung gemacht. – Während der Tote in seinen

Sarg gelegt wird, streicht man mit der Leichenhand

über die Warzen und spricht:

Waarte ful aff

as de Dode in sin Graff.

(Damme). – Ein noch lebender Herr erzählte, er habe

als Junge viele Warzen gehabt, da sei seine Großmutter

mit ihm zum Nachbarhause gegangen, worin eine

Leiche gestanden, er habe die Leiche berühren müssen

und von da an wären nach und nach die Warzen

verschwunden. – Man bestreiche das Gesicht einer

Leiche (der Leiche eines unschuldigen Kindes) mit

der Hand und dann mit derselben Hand ein krankes

Glied, so geht der Schaden fort (Lastrup). – Muttermale

verschwinden, wenn eine Leichenhand darüber

gezogen wird. Dies hat in der Dunkelheit zu geschehen

(Zetel).

98.

Wenn man irgend einen Teil eines schadhaften Gliedes,

etwa den Schorf von einer Wunde, eiter- oder

blutgetränkte Lappen, schweißbenetzte Kleider, ein

Stückchen Holz, das mit dem leidenden Teile in Berührung

gewesen ist, in einen Sarg legt, so vergeht die

Krankheit. (Großenkneten). – Bettnässer können sich

von ihrer Schwäche heilen, wenn sie den Urin in ein

frisch gegrabenes Grab lassen oder ein Glas mit Urin

in ein Grab oder einen Sarg legen (Oldenb., Friesische

Wede.) – So oft ein Kranker das Fieber gehabt,

so viel Warzen jemand hat, so viel Knoten werden in

einen Faden gemacht, der Faden wird alsdann um die

Hand einer Leiche gebunden oder in einen Sarg gelegt

(Marsch). – Wanzen oder »Kläwlüs« wird man los,

wenn man eine in einen Sarg legt (Brake). – Wenn jemand

Erbläuse hat, d.h. Läuse, die ihm von einer anderen

nachher verstorbenen Person zugekommen sind,

so kann er sich ihrer nicht anders entledigen, als wenn

er einige davon einer Leiche mit in's Grab gibt. Daß

man sie in den Sarg lege, pflegen aber die Angehörigen

des Toten nicht zu leiden, daher muß man sie bei

der Beerdigung heimlich in die Gruft zu bringen suchen.

– Mit den Kerzen, die vor der Beerdigung auf

einem Sarge gestanden haben, heilt man Geschwüre

(Oldenbg.) – Vielleicht gehört hierher auch, daß

Ringe von Sargschrauben oder von eisernen Rosetten,

die auf dem Kirchhofe ausgeworfen sind, gut zu tragen

sind gegen Gicht und Rheumatismus. – Hat man

ein offenes Bein oder sonst eine Wunde, so muß man

einen Sargnagel auf dem Kirchhof suchen, damit die

wunde Stelle bestreichen und bei nächster Gelegenheit

den Nagel zu einer Leiche in den Sarg werfen,

dann verschwindet das Übel von da an (Großenkneten).

– Knochen aus dem Beinhaus oder vom Kirchhof

müssen verbrannt und die Rückstände unter die

Speisen gemischt solchen gereicht werden, welche an

Ausschlag oder Geschwüren leiden. Der Kranke darf

aber nicht darum wissen (Molbergen). – Auch genügt

es, das Leiden auf einen Zettel zu schreiben und dieses

in einen Sarg zu legen, wenn er hinausgetragen

wird.

99.

Gern bringt man die zersetzende Kraft der Leiche mit

der reinigenden des Wassers in Verbindung. Warzen,

Ausschlag, Geschwüre, kranke Augen bestreicht man

mit dem Morgentau von Leichensteinen. – Warzen

wäscht man auf einem Leichensteine und spricht:

Doden, Doden in dat Graff,

nimm mi mine Waarten aff. –

Wenn es regnet, gehe man drei Abende hinter einander

auf den Kirchhof und benetze die Warzen mit dem

Wasser, das sich auf einem Leichensteine gesammelt

hat. Auf dem Wege hin und zurück muß man schweigen.

Nach drei Wochen sind die Warzen verschwunden

(Delmenh.). – Man wäscht die Warzen mit fließendem

Wasser in demselben Augenblicke, in welchem

eine Leiche über dasselbe gefahren wird (Lastrup).

– Während zur Beerdigung geläutet wird, oder

während der Zug um die Kirche geht – beides pflegt

zusammen zu treffen – wäscht man die Warzen mit

»striekend (fließendem) Wasser« und spricht dazu

einen der folgenden Sprüche:

»Sett man de Liken in dat Graff,

wask ick mi mine Waarten aff.«

»Se leggt den Doden in dat Graff,

ick wask mi all de Waarten aff.«

»Se bringt de Liken woll in dat Graff,

nu wask ick mi de Waarten aff.«

»Se lüdet den Doden int Graff,

ick wask mine Waarten aff. (Rastede).«

In Butjadingen heißt es: Wenn zur Beerdigung die

Glocken anfangen zu läuten, soll man sich an ein Grabenufer

setzen, dreimal die mit Warzen bedeckten

Hände mit Wasser begießen und dabei sagen: Es

walte Gott der Vater, Sohn und h. Geist. Nach einiger

Zeit verschwinden die Warzen. Anderswo sagt man

wieder:

Se lüdt den Doden in dat Graf,

Ik waske mine Hand in striekend Water af.

(Schweiburg).

100.

Ferner bedient man sich der verzehrenden und dörrenden

Hitze, um die Krankheit zu zerstören. Ein Faden

mit so viel Knoten, als man Warzen hat, wird ins

Feuer geworfen. – Wer die Gelbsucht hat, läßt sich

messen (84), faßt den gebrauchten Faden zu einem

Kranze, spuckt dreimal hindurch und wirft den Faden

ins Feuer (Schönemoor). – Der Fieberkranke schreibt

auf einen Zettel:

Fieber, bleib aus,

N.N. ist nicht zu Haus,

steckt diesen in einen Torfsoden und läßt das Ganze

verbrennen. (Butjadgn.) Vgl. 90. – Um den Kopfausschlag

der Kinder zu heilen, knüpft man unter gewissen

Förmlichkeiten ein rotseidenes Band um den Hals

des Kindes, spricht einen Segen, nimmt dann das

Band wieder ab und hängt es an den Kesselhaken

(Lutten). – Einem kranken Pferde schneidet man mit

einem Messer unter dem einen Hufe ein Stück Nasen

ab, holt es heraus, und legt es auf den Rahmen des

Herdmantels. Sobald der Rasen zerbröckelt, ist die

Krankheit verschwunden (Abbehsn).

101.

Andere Mittel, die Krankheit in dem Gegenstande,

welcher ihre Stelle vertritt, zu vernichten. Ein Fieberkranker

in Oldenburg mußte einen beschriebenen Zettel

aufessen. – Die Schnur, mit welcher ein Kranker

gemessen ist, wird in einen Hollunderstrauch gehängt,

wo sie verfaulen muß (Dötlg.) – Warzen reibt man

mit einer schwarzen Erdschnecke und spießt diese auf

einen Stock, den Stock steckt man in die Erde. Ist die

Schnecke verfault, so sind die Warzen vergangen (Oldenbg.)

– Man teilt einen Apfel in drei Teile, reibt mit

dem einen die Warzen und wirft ihn dann fort; sobald

das Stückchen verfault ist, sind die Warzen verschwunden.

– Wer an Zahnweh leidet, bringe mit

einem Nagel das Zahnfleisch an der schmerzenden

Stelle zum Bluten, berühre den Zahn dreimal mit dem

Nagel und schlage diesen in einen Baum. Sobald der

Nagel verrostet ist, hat sich auch das Übel verloren.

Damit es rasch verschwinde, nimmt man einen bereits

stark angerosteten Nagel (Münsterld). – Der Fieberkranke

legt den Zettel, auf welchem das Fieber abgeschrieben

ist, ohne ihn zu öffnen, in seinen Schuh, wo

derselbe solange bleibt, bis er ganz und gar zerfetzt

ist (Jever).

102.

Andere sympathetische Kuren. Der bekannte Wunderdoktor

St. im Ksp. Dötlingen gab dem Hilfe suchenden

Kranken ein Stückchen Holz, mit welchem der

kranke Teil berührt oder geprickelt werden mußte, bis

Blut an dem Hölzchen war. Dann steckte der Doktor

das Holz zu sich, die Krankheit verschwand, und

blieb solange weg, als der Doktor das Hölzchen bei

sich trug. Die im Hölzchen steckende Krankheit

wurde anscheinend durch die im Doktor steckende

Heilkraft bezwungen, so lange die Berührung dauerte.

Ein Arbeiter, der den Wunderdoktor gebraucht hatte,

erzählte etwas anders: »Beim Holzfällen im Stühe erhielt

ich einen starken Axthieb ins Bein, und das Blut

wollte sich garnicht stillen lassen. Wider meinen Willen

brachte man mich zu St. Dieser schnitt ein Zweigendchen

von einer Haselstaude ab, fuhr damit über

die Wunde und ging damit in die Stube. Dann kam er

wieder und steckte mir das Stückchen Holz eingewikkelt

in die Tasche: ich solle es nicht eher wieder von

mir lassen, als bis die Wunde geheilt sei. Das Bluten

hörte sogleich auf. Nach einigen Tagen aber bekam

ich fürchterliche Schmerzen, und als ich nun nach

dem Stückchen Holz sah, war es verschwunden Ich

konnte die Schmerzen zuletzt nicht mehr aushalten

und ließ mich zu St. fahren. Erst schalt St. tüchtig und

wollte nichts wieder mit mir zu tun haben. Endlich

aber nach langen Bitten wiederholte er die Kur, blieb

diesmal aber länger allein. Nun hörten die Schmerzen

auf, und die Wunde heilte bald.«

103.

Wenn ein Kind wegen englischer Krankheit nicht

gehen (»laufen«) kann, muß man es Johannimorgen

ganz nackt in den Garten legen und Leinsaat über

dasselbe wegsäen. Wenn die Leinsaat zu »laufen« anfängt,

fängt auch das Kind an (Oldenbg.). – Wenn ein

Gichtbrüchiger im Bette liegt, setzt man von seinem

Urin auf das Feuer. Sobald der Urin kocht, fängt der

Kranke an zu schwitzen, und die Gicht verliert verliert

sich (Oldenbg.). – Wenn die Kühe nicht rindern

wollen, gebe man ihnen gepulverte Schalen von

Eiern, aus welchen Küken gekommen sind (Rast.), ein

Stück von dem schmutzigen Hemde einer Frau, einen

Bovist, genannt Hirschbrunst oder Bullenkraut. –

Eine Abkochung von Hollunderrinde wirkt als Laxanz,

wenn die Rinde von oben nach unten geschabt

ist, wenn aber von unten nach oben, als Brechmittel.

– Schweißige Hände werden durch das Tragen

eines Frosches geheilt (Schönemoor). – Gelbsucht

wird geheilt, wenn der Kranke in einen Topf mit Teer

sieht.

104.

Wunden von Hundebissen heilt man durch Auflegen

von Hundehaaren. – Wenn man von einem tollen

Hunde gebissen ist, nehme man die Leber des Hundes,

lasse sie verkohlen, pulverisiere sie und nehme

das Pulver auf Butterbrod ein (Hoya). – Eine Kohle

von einem abgebrannten Hause, äußerlich gerieben

oder als Pulver aufgestreut oder innerlich eingenommen,

ist gut gegen Brandwunden und gegen das wilde

Feuer. – Auch soll eine solche Kohle gut einzunehmen

sein gegen Fieber (Jever). – Sieht man im Frühjahr

die erste Schwalbe, so muß man stillstehen und

die Erde unter dem rechten Fuße durchsuchen, alsdann

findet man eine Kohle; wer sie nicht gleich findet,

muß nur tiefer suchen, sie liegt dann eben tiefer.

Wenn man von dieser Kohle im Fieberfrost ein wenig

einnimmt, geht das Fieber weg (Wiefelst). – Gegen

Seitenstechen hilft Stäkkoorn, semina cardui Mariae;

so viel Jahre der Patient hat, so viel Körner muß er

nehmen (Goldtschmidt, a.a.O., S. 111). – Wenn jemanden

der Zapfen in der Kehle entzündet ist, so sagt

man: »De Huk is em dalschaten.« Man kann den

»Huk« wieder emporbringen, wenn man ein Haar aus

dem Kopfe zieht und das richtige trifft, denn nur eins

entspricht dem Huk. Andere sprechen von drei Haa-

ren.

105.

Mit abnehmendem Monde ist die Heilung mancher

Krankheiten leichter. So muß man gegen Würmer den

Kindern zu dieser Zeit eingeben. Gegen Fieber hilft

es, wenn man sich bei abnehmendem Monde an ein

fließendes Wasser setzt, mit einem Löffel aus letzterem

schöpft und trinkt, so viel man kann. – Vielleicht

ist dies Mittel eins mit dem folgenden, in welchem die

Sympathie nicht mehr erkennbar ist. Dasselbe hilft

nicht bei allen Leuten, bei solchen aber, für die es

paßt, hilft es auch ganz und sicher. Der Fieberkranke

trinkt, wenn der Frost sich einstellt, einen Löffel voll

fließenden Wassers, kommt es wieder, drei, kommt es

nochmals, fünf, dann abwärts fünf, drei, einen. Soweit

kommt der Kranke aber selten mit dem Einnehmen,

das Fieber bleibt meist früher weg (Holle).

C. Verschiedenes.

106.

Abergläubisches. Eine Frau, die Zwillinge geboren

hat, besitzt die Fähigkeit ein Sehnen- oder Segensband

zu binden; das Umbinden des kranken Gliedes

mit diesem Bande und ein Segensspruch üben vereint

die heilende Kraft. Meist ist übrigens das Sehnenband

kein Band, sondern ein Faden, bald von Wolle, bald

von Flachs und dann roh. Verrenkte und geschwollene

Glieder werden so sicher geheilt. »Ich hatte mir den

Fuß verstaucht, und da dies im Dorfe bekannt geworden

war, kam eine Nachbarin schweigend in mein

Zimmer, zog mir schweigend den Strumpf aus und

band unter Murmeln einen Faden unter dem Knie

kreuzweise um das Bein. Dann erst sagte sie guten

Tag und fing mit den Anwesenden ein Gespräch an.

Die Verrenkung sollte nun in so viel Zeit, als sie bereits

gedauert hatte, wieder verschwinden«

(Abbehs.). – Nasenbluten hört auf, wenn man einen

wollenen Faden um den linken kleinen Finger bindet.

– Gegen Veitstanz hilft das Trinken einer Abkochung

eines blaugefärbten und dann gekochten Stükkes

Garn (Zetel). – Wer das kalte Fieber hat, muß

eine Kanne Milch trinken, in welcher 3 große Spinnen

gekocht sind (Friesische Wede). – Freitags soll man

die Nägel beschneiden, dann bekommt man kein

Zahnweh. – Gegen Heiserkeit bindet man einen linken

getragenen Strumpf um den Hals und trägt ihn die

Nacht durch (Oldenbg).

107.

Warzen vergehen, wenn sie mit gestohlenem Speck

gerieben werden (Holle, Rast.). Der Speck muß

abends gestohlen werden, und man nimmt ihn – wohl

um keiner Anzeige ausgesetzt zu sein – am liebsten in

einem befreundeten Hause (Holle). – Auch gegen Fieber

hilft gestohlener Speck (Wiefelst.) – Ein Sackband,

in der Mühle gestohlen, hilft gegen Halsweh. –

Gegen den »Tramin« (Krämpfe) der Kinder gibt man

diesen Abschabsel von einem Donnerkeil und von

Erbsilber (Schönemoor). Oder man nimmt das naßgeschwitzte

Hemd des Kindes, verbrennt es und gibt die

Asche demselben zu trinken (Lutten). – In Jeverland

gehen manche Fieberkranke nach Sengwarden zu

einem bestimmten Grabe, pflücken früh morgens vor

Sonne ein bischen Gras von demselben und verzehren

es. – Wenn der Fieberkranke an dem Tage, an welchem

das Fieber kommen soll, von unbekannter Hand

an die Tür oder den Alkoven geschrieben findet:

Fieber bleib aus,

N.N. ist nicht zu Haus,

so bleibt das Fieber weg (Zetel).

Vgl. 100.

108.

Warzen zu vertreiben, bestreicht man sie mit Blut von

Warzen eines andern; Blut von eigenen erzeugt mehr

Warzen (Oldenbg). – Eine Stige, d.h. ein Gerstenkorn

am Auge, bestreicht man mit einem Trauringe (Oldenb).

– Eine junge Frau litt am Stige. Eine alte Bettlerin,

welche in das Haus kam, sah das Übel, spuckte

rasch auf das kranke Augenlid und ermahnte dann die

junge Frau, ja den Speichel an seiner Stelle trocknen

zu lassen, so werde die Stige verschwinden, sonst

aber kämen ihrer zwanzig (Oldenbg. – Sommersprossen

vertreibt man, wenn man Johannimorgen vor Sonnenaufgang

das Gesicht mit Froschlaich wäscht (Ganderk.).

– Ein Pferd befreit man von Bauchgrimmen,

wenn man auf eine in der Johanninacht geschnittene

Weide den Hut hängt, welchen man bei der letzten

Kommunion getragen hat, ihn so dreimal um das

Pferd herum trägt, segnet und spricht: »Lief, Lief,

stüre di« (Lastrup). – Wenn ein Schwein sich verfangen

hat, muß man dreimal um dasselbe herumgehen,

es in den Schwanz kneifen und einen Segen sprechen

(Brake). – »Ein Schaf litt an der sogenannten Drehkrankheit.

Der Besitzer holte aus einem Birkenbaum

ein Hexennest (nestartig verschlungene oder verwachsene

Zweige der Birke), legte es auf den Boden und

zog das Schaf darüber hin und her. Ich stand dabei,

kann aber nicht sagen, ob das Tier wieder gesund geworden,

weil ich gleich darauf den Ort verließ.« (Großenkneten.)

109.

Abergläubisches oder falsche Wissenschaft. Blut von

einem Hingerichteten getrunken hilft gegen Epilepsie

und (Ovelg.) gegen Fieber. Man muß es womöglich

frisch trinken und dann so lange laufen, als man kann

(Wildeshsn.). – Im Jahre 1497 ist in Oldenburg eine

Frau festgesetzt, weil sie einem Knecht zur Beseitigung

des kalten Fiebers einen Zaubertrank: Krug Bier

mit 3 des Nachts vom Galgen geschnittenen Spänen,

gegeben hatte. (Jahrbuch f. die Geschichte Oldenburgs,

1906, 15. Band S. 59.) – Ein anderes Mittel

gegen Epilepsie ist das Blut einer schwangeren Eselin;

man versendet es in Leinewand eingetrocknet und

zieht es nachher mit etwas Wein oder dgl. wieder heraus

(Oldenbg.). – Oder man schießt eine trächtige

Häsin, nimmt die ungeborenen Jungen heraus, verbrennt

sie zu Pulver und gibt dies den Kranken ein

(Stedgn.) – Oder man setzt einen lebendigen Igel oder

Maulwurf in einem sonst leeren Topfe auf's Feuer, bis

er verkohlt ist, und gibt dem Kranken die pulverisierte

Kohle ein. – Fast scheint es, als ob man in diesen

Mitteln das animalische Leben gesammelt einfangen

und in den kranken Körper überleiten wollte.

110.

Wenn Vieh an inneren Entzündungen leidet und alle

anderen Mittel versagen, werden mit Wasser verdünnte

menschliche Exkremente eingegeben (Rast.). – Äußerliche

Entzündungen von Menschen und Tieren, namentlich

wenn das Hinzutreten des kalten Brandes

befürchtet wird, heilt man durch Auflegen menschlicher

Exkremente. Dies Medikament heißt: Vergolden

Pflaster. – Gegen Verstopfung hilft Kot von einem

Wallach oder einem ganz jungen Hengste. Der ausgepreßte

Saft von Schafkot (Schapslorbeeren) oder Hundekot

(witten Enzian) wird mit heißem Bier oder mit

Branntwein als schweißtreibendes Mittel angewandt.

(Goldschmidt, a.a.O. S. 67.) – Gegen Krämpfe wird

Kindern das Weiße vom Hühnerkot, mit ein wenig

Wasser durch Leinewand geseiht, eingegeben, und

zwar zuerst ein Portion, dann jedesmal eine Portion

mehr bis zu neun, und so wieder abwärts (Holle). –

Märzenschnee, in einem Becken aufgelöst und aufbewahrt,

ist ein gutes Mittel für kranke Augen.

111.

Krankem Vieh gibt man drei Menschenhaare in Mehlballen

ein (Rast.). – Beim Wurmschlag oder Verfangen

der Kühe erhalten dieselben Warmbier, in welchem

der Kadaver oder das Gerippe eines Iltis abgekocht

ist (Brake). – Wenn eine Kuh blaue oder dünne

Milch gibt, soll man sie in einen Sack pissen lassen

und dann den Sack so lange peitschen, bis nichts

mehr darin ist (Langförden). – Wenn eine Kuh im

Vormagen verstopft ist, werden derselben zwei oder

drei Frösche durch den Hals in den Vormagen geschoben;

sie sollen mit ihrem zähen Leben die Verstopfung

aufwühlen (Rast.). – Oder man gibt ihnen

mit derselben Absicht einige lebendige Käfer ein

(Rast.). – Oder man gibt ihnen einen Hering mit Teer

ein (Holle). – Ist eine Kuh krank, so muß man die

Fäsken des Stalles mit Flachsgarn umwinden in Form

eines Kranzes. Darauf kettet man die Kuh los und

treibt sie mit dem Stock an, durch die umwundenen

Fäsken zu gehen. Tut sie das bereitwillig, so ist sie

bald geheilt (Löningen). – Ist ein Stuck Vieh an einer

Wundkrankheit erkrankt (z.B. Maul- und Klauenseuche),

so nimmt man etwas von der Wunde und vergräbt

es an einem Freitagmorgen vor Sonnenaufgang

auf einem Kreuzwege. – Herrscht in einem Hause eine

Seuche unter dem Vieh, so nimmt man etwas von

einem krepierten Tier, wickelt es in ein Totenlaken

(Laken, worauf oder worunter ein toter Mensch gelegen)

und legt dies draußen hin. Nimmt jemand das

Totenlaken mit, so ist man die Krankheit los und der

Besitzer des Totenlakens hat sie in seinem Hause.

Vgl. 85. (Amt Wildeshausen). (Es geht aus dieser

Mitteilung hervor, daß, wie man eine Krankheit wegbringen,

man sie auch auf demselben Wege erhalten

kann, möglicherweise durch schlechte Menschen. Es

wird behauptet, daß Menschen, die anderen feindlich

gesinnt sind, auf deren Gehöft gehen und dort vor der

Stalltür oder im Stalle selbst ein Stück von einem krepierten

Vieh vergraben.) (Wildeshausen.) – Gegen

Rheumatismus und Gicht gibt man dreizehn Regenwürmer

in Branntwein und schluckt das ganze hinunter

(Edewecht). – Gegen Harnbeschwerden nimmt

man sieben Holzwürmer in Milch gekocht (Oldenbg.).

– Bei Frostschäden muß man zerquetschte

Regenwürmer auf die wundigen Stellen legen. –

Zahnschmerzen kann der beseitigen, der einen Maulwurf

in der Hand sterben ließ. Eine solche Hand behält

2 Jahre lang die Heilkraft. (Stammt aus der Gegend

von Ankum.) – Gegen Blasenleiden nimmt man

Urin von einem verschnittenen Schwein (Borgswien)

oder eigenen Urin. Letzterer hilft auch gegen das Bettnässen.

(Goldschmidt, a.a.O.) – Eine Pracherlus –

eine Laus von einem Bettler – in einen hohlen Zahn

gesteckt hilft gegen Zahnweh (Goldschmidt, S.

124). – Warzen vergehen, wenn man das Wasser,

welches dem Vieh beim Saufen wieder aus dem

Maule läuft, über die Hand rinnen laßt (Holle). –

Gegen Gelbsucht dienen 7 lebendige Läuse auf Butterbrot

gegessen (Zetel). – Eine getrocknete Fuchszunge

auf dem Herzen getragen, schützt gegen Gesichtsrose

(Butjadgn.).

112.

Das Bestreichen mit Eschenholz soll Blutungen stillen

(Saterld.). – Zur Heilung von Schlangenbissen genießt

man Bier, in welchem Eschenlaub gekocht ist

(Rast.). Überhaupt ist die Esche den Schlangen zuwider,

daher umpflanzt man die in der Nähe von Holzungen

und Mooren stehenden Häuser mit Eschen,

denn der Bereich dieser Bäume und ihres Laubfalles

wird von den Schlangen gemieden (Rast.). – Kastanien

in der Tasche sind gut gegen Rückenschmerzen

(Jever). – Um Geschwüre zu vertreiben, muß man sogenanntes

»Endholz«, die knollenartigen Auswüchse

an Obst- und anderen Bäumen, in der Tasche tragen

(Cloppenburg). – Wenn die Hühner (infolge Kalkmangels)

Windeier legen (Eier ohne Schale), muß

man eines derselben in ein Tobbenloch stecken und

der Übelstand hört auf (Lastrup). – Osternmorgen

nüchtern von den Äpfeln essen, die Palmsonntag auf

Palmstöcken in der Kirche gewesen sind, hilft gegen

Krankheiten (Münsterland). – Muskatnüsse in der Tasche

sind gut gegen Geschwüre (Ovelg.). – Ein Besen

von Birkenreis mit ins Bett genommen ist gut gegen

Wadenkrämpfe (Oldenbg.). – Gegen Rheumatismus

bindet man eine Schnur, auf welche Flaschenkörke

gereiht sind, um das Bein (Oldenbg.). – Einem von

der Epilepsie Befallenen legt man ein schwarzseidenes

Tuch auf den Mund (Hooksiel). – Ein kluger

Mann wurde zu einer Kuh gerufen, welche krank am

Boden lag, keine Milch gab und schon seit mehreren

Tagen nicht gefressen hatte. Der Mann besah die Kuh

und sagte, er wisse nicht, was ihr fehle, ihr seien jawohl

die Hungerzähne zu lang gewachsen, ob nicht

eine Zange da sei. Die Zange wurde gebracht, der

Mann stieß damit der Kuh ins Maul an die Zähne, bis

ein wenig Blut daran kam; so, nun werde die Kuh

wohl wieder gesund werden. Und so geschah es in

kürzester Frist (Ganderkesee).

»Uns gingen früher oft die Kälber ein. Als wir einst

wieder ein Loch gruben, um ein verendetes Kalb zu

verscharren, kam ein Taler zum Vorschein mit der

Jahreszahl 1597 und der lateinischen Umschrift: Tue

recht und scheue niemand. Diesen Taler habe ich

sorgfältig aufbewahrt, und ist uns seitdem nie wieder

ein Kalb gestorben (Lutten).«

IV. Erforschung des Verborgenen.

113.

Die Fähigkeit, verborgene Dinge an das Licht zu ziehen,

ist teils eine Kunst, welche nur von besonders

Eingeweihten gekannt und geübt wird, teils beruht sie

auf der Anwendung allgemein verbreiteter oder doch

eine besondere Kunst nicht bedingender Mittel. Die

kunstmäßige Erforschung des Verborgenen befaßt

hauptsächlich das Vorhersagen der Zukunft und die

Nachweisung gestohlener Gegenstände. Jenes heißt

w i c k e n und wird meist von Frauen, W i c k e r -

s c h e n , betrieben, die zum Teil weither und von

Leuten aufgesucht werden, denen man dergleichen

nicht zutrauen sollte. Ihre Mittel sind hauptsächlich

das Kartenschlagen und das Deuten des Kaffeesatzes.

Die Regeln, wie Karten und Kaffeesatz auszulegen

sind, werden vermutlich wechseln und großenteils

willkürlich sein, da die Wickersche selbst an ihre

Kunst wohl nur in den seltensten Fällen glaubt.

Neben diesen Wickerschen schreibt man namentlich

den Zigeunern, welche die Zukunft in den Sternen und

in der Hand lesen, die Kunst des Wahrsagens zu,

doch ist dies gegenwärtig mehr ein theoretischer Satz,

da die Zigeuner selten geworden sind und kaum noch

in ihrer früheren Eigentümlichkeit auftreten. Die

Wahrsagungen der Wickerschen und Zigeuner sind in

den Augen der Gläubigen untrüglich, und keine irdische

Macht ist im Stande, dem wirklichen Gange der

Dinge eine andere Richtung zu geben.

Fast überall gilt der Satz: Wahrsagen sollen nur

»ungeborene« Mädchen können, d.h. Mädchen, die

durch Operation vorzeitig auf die Welt gekommen

sind.


Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg - 991 Seiten

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