Читать книгу Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg - 991 Seiten - Ludwig Strackerjan - Страница 8

Kapitel 6

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152. Wunsch.

Ein recht aus dem Herzen hervorquillender Wunsch,

die der heißen Leidenschaft entsprungene Verfluchung

und die frevelhafte Verwünschung, haben nicht

selten die Wirkung, daß das gewünschte oder doch

herbeibeschworene Ereignis wirklich eintritt. Im allgemeinen

sind freilich die Zeiten, wo das Wünschen

noch half, vorbei. Wer seinen Wunsch erfüllt haben

will, muß schon besondere Umstände benutzen (85,

86, 127), und der gottlose Wunsch, der auf den Tod

eines Menschen zielt, bewirkt sogar nach dem Sprichworte

das Gegenteil. »Hapedod läwt am längsten,«

heißt es, und »Use Herrgott nimmt kien Gäwelgod.«

Aber die Sage hat doch verschiedene Beispiele erhalten,

in denen der Wunsch oder die Verwünschung

sich zu verwirklichen vermocht hat, und der Glaube

an die Kraft der Verfluchung ist auch heute noch keineswegs

ausgestorben. Auch der Teufel (190 d.e.f.)

und die Waldridersken (251, 252) müssen der Verwünschung

gehorchen.

Vgl. auch 175.

a.

Im Wüstenlande ist einmal eine Frau gewesen, die

große Stücke auf das Spinnen gehalten hat. Es ist ihr

nie genug gesponnen worden, sodaß sie einmal ausgerufen:

»Ich wollte, daß ich ein Rad besäße, welches

immerfort spönne!« Da ist alsbald ein Rad gekommen,

das hat immerfort gesponnen, und ist kein

Flachs dagegen zu kriegen gewesen; von dem Garn

aber hat niemand was zu sehen bekommen. Das Rad

hat stets etwas auf dem Rocken haben wollen; und

wenn nichts darauf gewesen ist, so ist es der habsüchtigen

Frau in die Haare geraten und hat ihre Haare

verspinnen wollen. Da hat die Frau dem Rade Heu

gegeben, das hat es auch versponnen, immer und

immer ohne aufhören. Endlich hat es ihm Haide gegeben,

das hat es nicht verspinnen können und ist wieder

verschwunden (Holle).

b.

In einem Dorfe nicht weit von Wildeshausen lag eine

Frau krank. Sie verspürte ein großes Gelüste nach

einem Stücke Schinken; aber obwohl ein Schinken

über der Diele hing, weigerten sich doch die Hausgenossen

hartnäckig, ihr etwas davon zu geben. Da verwünschte

die Frau den Schinken und sprach: »So

wollte ich, daß der Schinken ewig dort hängen

müßte!« Und so ist es gekommen. Der Schinken

hängt noch im Hause, im Laufe der Jahre vom Rauche

ganz geschwärzt, und wenn man ihn heute fortbringt,

ist er morgen gleich wieder zur Stelle.

c.

»Daß X so wenig Glück mit seinen Kindern hat, das

kommt wohl von den vielen Verwünschungen, die auf

ihm lasten. Ich habe das schon einmal erlebt, als ich

in der Fremde war. In Z. war ein Torschreiber, der

hauptsächlich darauf zu passen hatte, daß die Bauersleute

von den Sachen, die sie zum Verkaufe in die

Stadt brachten, ihre Steuer auch richtig bezahlten. Er

hatte ein nettes Vermögen und drei Kinder, drei schöne

gesunde Töchter, denen er jeder 1000 Taler auf

Abschlag mitgeben konnte, und für sich selbst behielt

er noch genug. Die drei Töchter verheirateten sich

denn auch bald; zwei verzogen nach M., eine blieb in

Z. Er hatte ein festes Gehalt, und was er von Butter,

Mehl und dergleichen Waren, welche die Bauern einschmuggeln

wollte, abfaßte, das behielt er auch. Nun

kam eines Tages eine Bäuerin, der nahm er auch

ebenfalls einen Schlag Butter weg. Die Bäuerin versuchte

es erst mit Bitten; als das aber nichts half, fing

sie an zu fluchen: ›Verflucht seist du selbst,‹ sagte

sie, ›verflucht dein Weib, verflucht deine Kinder und

Kindeskinder, verflucht alles was von dir kommt und

zu dir gehört, verflucht die Erde, die dich trägt, und

die Sonne, die dich bescheint,‹ und ich weiß nicht,

was sie sonst noch sagte, aber es war ein schreckli-

cher Fluch, wie ich noch nie einen gehört hatte und

auch keinen wieder gehört habe. Der Torschreiber war

ein alter ausgedienter Soldat und fürchtete sich vor

Gott und dem Teufel nicht, aber diesmal wurde es ihm

doch wunderlich. ›Mutter,‹ sagte er zu seiner Frau,

›Mutter, sieh zu, daß du die Butter verkaufst; Gott

soll mich bewahren, daß ich auch nur eine Messerspitze

voll davon esse.‹ Das half ihm aber nichts,

denn es dauerte keine fünf Jahre, da war die ganze Familie,

Mann, Frau und Kinder, alles miteinander, in

Not und Elend verkommen und untergegangen. Und

so soll's mit X seinem Unglück auch wohl zusammenhängen.

« – »Aber die beiden Leute haben ja nur ihre

Pflicht getan, wenn sie Schmugglerwaren anhielten?

« – »Das mag schon sein, aber die Verfluchungen

hangen ihnen doch an; warum nahmen sie solche

Pflichten auf sich. Ich weiß wohl, Sie halten das für

Aberglaube, aber ich glaube es doch, und ich bin's

auch nicht allein, der das tut« (Oldenburg).

d.

Auf der Molkenstraße, Ksp. Bakum, wurde einmal in

alten Zeiten ein Haus von Räubern zerstört. Die Frau

vom Hause wurde entführt und mußte bei den Räubern

junge Hunde säugen. Nach mehreren Jahren erhielt

die Frau Erlaubnis, ihren Wohnort wieder zu besuchen.

Da bat sie den Bauer Stallmann, er möge ihr

doch einige Vitsbohnen geben, die wollte sie auf dem

Wege nach den Räubern pflanzen, damit man ihr

nachgehen könne. Stallmann verweigerte ihr aber die

Bohnen. Da wünschte ihm die Frau, sein Haus möge

versinken. Und nach und nach begann das Haus zu

sinken, sank immer tiefer, und jetzt ist an derselben

Stelle ein Teich von Größe und Form eines Bauernhauses,

der heißt »Stallmanns Diek.« – Eine andere

Mitteilung (1907) lautet: In der Molkenstraße befand

sich früher eine Bauernstelle mit Namen Große Stallmann,

in Mitte des 19. Jahrhunderts zerstückelt. Die

Frau des Hauses wurde eines Tages von Erd- oder

Heinzelmännchen entführt. Nach einiger Zeit erschien

sie ihrem Manne wieder und sagte ihm, daß sie unter

einer Bedingung erlöst werden könne. Er solle eine

Stola aus der Kirche holen, diese an der Haustüre aufhängen,

darunter müsse sie hergehen und so das Haus

betreten, dann wäre sie frei, und die Erdmännchen

könnten ihr nichts mehr anhaben. Der Mann weigerte

sich die Stola zu holen, worauf die Frau einen Fluch

über das Haus ausstieß und in der Erde verschwand.

Von Stunde an begann Stallmanns Haus zu sinken.

Schon nach einem Jahre konnte keine Türe mehr geöffnet

werden. Alle dagegen angewandten Mittel

nutzten nichts, weil man keinen festen Boden unter

dem Hause finden konnte. Man war gezwungen, die

Wohnung abzubrechen und an einem anderen Orte

wieder aufzubauen. Noch heute zeigt man die Kuhle,

wo das Haus früher gestanden, ein Pfuhl von Morast

und Schlamm. – Nach einer dritten Nachricht haben

die Bewohner gottlos gelebt und ist das Haus am

Ostermorgen mit allen Bewohnern versunken, nachdem

die Heinzelmännchen den Boden unterwühlt hatten.

e.

Zu der Frau des ersten Gutsherren in Welpe, Ksp.

Vechta, kamen drei Bettler und baten um ein Almosen,

aber die Frau fuhr sie hart an und wies sie aus

dem Hause. Da wünschten die Bettler der Frau, daß

sie sieben Kinder gebären möge. Und noch in demselben

Jahre gebar die Frau sieben Kinder. Sechs derselben

legte sie in einen Kasten und übergab diesen ihrer

Magd mit dem Auftrage, den Kasten in den Teich zu

werfen, es seien sechs Welpches (junge Hunde) darin.

Der Magd begegnete auf ihrem Wege der Hausherr,

und als er den Kasten sah, frug er, was darin sei.

Sechs Welpches, antwortete die Magd, die solle sie

nach dem Teiche bringen. Der Herr machte den Kasten

auf und fand die sechs Kinder, nahm dieselben

wieder mit und ließ sie heimlich erziehen. Als die

Kinder erwachsen waren, zeigte der Vater sie seiner

Frau und sagte, das seien die sechs Welpches, die sie

habe ertränken wollen. Nachmals ist die Familie

gänzlich verarmt, und alle sieben Kinder haben ihr

Brot erbetteln müssen. Das Gut aber hat von ihnen

seinen Namen Welpe empfangen. – Von anderer Seite

hört man, die Kinder hätten wie junge Wölfe (so erklärt

man Welpches) ausgesehen, und daher sei der

Name Wölpe oder Welpe entstanden. Im 17. Jahrhun-

dert lebte auf dem Gute ein Wulfert von Dorgeloh, der

als Schürzenjäger berüchtigt war und im Volke als

solcher noch fortlebt. Möglicherweise verdankt diesem

Junker Wulf und seinen unehelichen Kindern die

Sage ihr Dasein.

f.

Im Jahre 1289 vermachte eine fromme Frau zu Wildeshausen

ihr gesamtes Vermögen dem Erzstifte zu

Bremen mit der Bestimmung, daß zunächst für die

Alexanderskirche zu Wildeshausen eine neue große

Glocke daraus gestiftet werde. Bei dem Tode der Frau

fand sich aber, daß zur Herstellung einer solchen

Glocke, wie die Frau sie gewollt, das ganze Vermögen

verbraucht werden müsse, und das Erzstift hielt

es für ratsam, von dieser Verwendung abzusehen. Als

das Kapitel zu Wildeshausen auf Vollstreckung des

Testamentes bestand, weigerte sich das Stift anfangs,

da die Erblasserin in einem mündlichen Testamente

kurz vor ihrem Tode die Verwendung des Vermögens

dem Ermessen des Stifts überlassen habe. Endlich

aber nach heftigen Streitigkeiten wurde eine Glocke

für die Alexanderskirche angeschafft, jedoch bei weitem

nicht von der Größe, welche die Erblasserin bestimmt

hatte. Als der Vorsitzende des Stifts, der am

meisten gegen die Ansprüche der Wildeshäuser gekämpft

hatte, durch Stimmenmehrheit genötigt wurde,

seinen Namen unter die bewilligende Verfügung zu

setzen, wütete er in gottlosen Reden und verfluchte

die Erblasserin und ihr ganzes Geschenk in den Abgrund,

verfolgte auch mehrere Wildeshäuser Geistli-

che auf das heftigste. Die Glocke ward in dem Turm

aufgehängt, aber man versäumte, sie zu weihen. Als

sie nun am Sulpiciustage1 1293 zum ersten Male gebraucht

werden sollte, riß sie sich mit unsichtbarer

Kraft von ihrem Platze los und flog in die

Stöckenkampswiese, wo sie tief einsank, so daß keine

Bemühungen, sie wieder herauszubringen, gelangen.

An der Stelle, wo sie einsank, entstand ein tiefer

Kolk, der jetzt ausgefüllt, aber eine Niederung geblieben

ist. Alljährlich am Sulpciustage kommt die Glokke

aus der Tiefe hervor, so daß sie oben an der Oberfläche

gesehen werden kann, und fängt an zu läuten.

Wer sie sieht und hört und eine Sünde wider Gott begangen

hat, ohne Buße getan zu haben oder desselben

Tages zu tun, hat auf Erden keinen frohen Augenblick

mehr. (Nach W.M. Krito, Nachrichten über Wildeshausen,

§ 2, Manuskript der öffentlichen Bibliothek

zu Oldenburg).

Fußnoten

1 Es gibt 2 h. Sulpicius, sie fallen auf den 14. Januar

und 3. Oktober.

g.

Als Graf Anton Günther das Schloß zu Oldenburg erbaute,

wollten die Mauern nicht stehen bleiben. Da

nahmen die Mauerleute einer Mutter, die mit ihrem

Kinde vorüberging, das Kind fort und mauerten dasselbe

lebendig ein. Von der Zeit an blieb der Bau stehen.

Die Mutter aber sprach einen Fluch über das

Schloß aus, daß bis zum fünften Gliede kein Kind,

das in dem Schloß geboren werde, seine Mutter kennen

lernen solle. – Nach anderen gilt der Fluch für

alle Zeiten und ist ausgesprochen von dem Fräulein

von Ungnad, der Geliebten des Grafen Anton Günther,

als sie der Graf verstieß und ihr zugleich ihren

Sohn, den nachmaligen Grafen von Aldenburg,

nahm. – Der Fluch kann gelöst werden, wenn einmal

eine neu vermählte Landesfürstin mit einem Gespann

von sechs Schimmeln, dem ein Vorreiter auf einem

Schimmel beigegeben ist, eingeholt wird. Als im

Jahre 1852 der Großherzog seine Gemahlin heimführte,

waren daher die nötigen Schimmel, der Sicherheit

wegen sogar neun, bereit gehalten. Indeß ganz kurz

vor dem Einzuge wurde erst der eine, dann ein zweiter

und endlich auch ein dritter krank und unbrauchbar,

so daß die Einholung zuletzt doch mit dunklen Pferden

geschehen mußte. Dennoch hat sich der Fluch

nicht erfüllt. Die 1852 eingeführte Fürstin starb hochbetagt

mit Hinterlassung zweier Söhne, des jetzigen

Großherzogs Friedrich August und des Herzogs

Georg Ludwig.

In einem Märchen verwünscht eine Mutter in der

Übereilung ihre drei Söhne in drei Raben 625. Ein

Mann in den Mond verwünscht 331b. Ein Mädchen

wird durch einen Wunsch zur Mutter 633.

Vierter Abschnitt. Der Vorspuk.

Vorgeschichten.

153.

Der Vorspuk (Vörspauk, Vörlop, Vorgeschichte,

Schichtkieken, Spökenkieken, 2. Gesicht) besteht

darin, daß im wachen oder halbwachen Zustande Ereignisse

gegenwärtig gesehen werden, welche entweder

gleichzeitig, jedoch in weiter Ferne oder erst und

hauptsächlich in der Zukunft geschehen. Oder sagen

wir: Vorspuk ist die Ankündigung künftiger oder

gleichzeitiger Ereignisse infolge Erscheinungen, welche

sinnlich wahrnehmbar, aber nicht wirklich, sondern

nur scheinbar geschehen. Der Seher schaut oder

hört ein Geschehnis in der Ferne oder in der Zukunft

wie ein den Sinnen gegenwärtiges. – Die Hauptgegenstände

des Vorspuks sind bedeutungsvolle, durchweg

unangenehme Begebenheiten des Lebens, als Todesfälle,

Leichenzüge, Brände, Kriege, Versehgänge

usw.

154.

Der Glaube an Vorgeschichten findet sich auch bei

Menschen, die nicht im Verdachte stehen, abergläubisch

zu sein. Ernste und besonnene Männer, Gebildete

aller Stände, tief religiöse und religiös freisinnige

bekennen sich zu demselben. Sie geben zu, daß viel

Täuschung und Betrug mit unterläuft, daß die Phantasie

subjektiven Sinnesvorgängen den Schein von objektiven

Wahrnehmungen verleihen und dadurch Sinnesvorspiegelungen

bewirken könne, und daß somit

unzweifelhaft viele Visionen auf solche Hallucinationen

zurückzuführen seien, bleiben aber dabei, daß es

trotzdem Vorgeschichten gebe. Sie berufen sich zu

dem Ende auf Selbsterlebtes oder auf das Zeugnis zuverlässiger

Seher. Der Streit ist alt und wird wohl niemals

ein Ende finden. – Magister Heinr. Schwarz, zur

Zeit des 30jährigen Krieges schwedischer Feldprediger,

dann Prediger an St. Lamberti in Oldenburg, eifert

gegen den Vorspuk wie folgt: »Einige geben für,

sie müssen nachts zu gewisser Zeit aufstehen und

sehen, was passiert. Da sehen sie denn ganze Leichenbegängnisse,

Leute, die sie kennen, in richtiger

Prozession. Sie sehen weiße Männer und Weiber für

die Türe gehen. Sie sehen Totenlichter im Hause

brennen. Sie sehen und hören Totensärge zuschlagen

und was die Phantasie mehr ist. Das ist allzumal

nichts als des leidigen Teufels Gespenst. Der will

weissagen und sich an des allwissenden und wahrhaftigen

Gottes Statt stellen usw.« (Schwarz, Katech. 6

S. 98.) Auch Strackerjan eifert gegen den Vorspukaberglauben.

Das geht schon daraus hervor, daß er

den Vorspuk im Kapitel Aberglauben behandelt, er

hat überdies in einer besonderen Abhandlung: Wie ist

der Vorspuk zu erklären? (Von Land und Leuten S.

82 ff.) sich die Finger fast wund geschrieben, um zu

beweisen, daß bei Vorgeschichten alles auf Täuschung

und Einbildung beruhe. Er mag einen oder anderen

bekehrt haben, die große Gemeinde der Gläubigen

ist geblieben. Bei Lesung dieses Aufsatzes mußten

wir einmal herzlich lachen. St. bemerkt u.a., daß

viele Vorgeschichten erst bekannt werden, wenn sie

ausgetan sind, woraus man schließen dürfe, daß sie

nachträglich erfunden seien. Andere Gesichte stellten

sich als solche dar, welche recht wenig Aussichten auf

Erfolg böten. »Man hat,« fährt er fort, »Dampfwagen,

oder was man als solche auslegt, gesehen zu Bokelesch,

bei Damme, bei Sandersfeld. Daß bei Damme

eine Eisenbahn gebaut werde, ist leider wenig wahrscheinlich

und dann würde sich noch fragen, ob sie

gerade über die Stelle laufen würde, wo sie gesehen

sein soll. Daß aber bei Bokelesch oder bei Sandersfeld

sich je eine Lokomotive bewegen wird, ist kaum

denkbar. Die Bremer Bahn hat eine andere Richtung

bereits bekommen, die ostfriesische wird sicher nicht

das ausgedehnte Moor im Westen durschneiden, um

nur über Bokelesch nach Ihrhove zu gelangen.« Der

gute Strackerjan würde sicher große Augen machen,

wenn er jetzt alle Schienenstränge sähe, die nach und

nach ihren Weg durch die Heiden und Moore gefunden

haben. Bei Damme klettert die Maschine schon

seit Jahren über die Berge, bei Bokelesch läuft der

Dampfwagen seit Monaten ebenfalls hin und her, und

Sandersfeld ist der Bahn auch schon näher gerückt.

Übrigens ist St. im Kampfe für seine Überzeugung

von Zweifeln doch nicht freigeblieben. Er sagt nämlich:

»Wie sind denn die Vorspukgeschichten zu erklären,

die von glaubhaften Leuten erzählt und bezeugt

werden, ja in sich selbst, so wunderbar sie sind,

doch den Charakter der Glaubwürdigkeit an sich zu

tragen scheinen?« (Von Land und Leuten S. 87.)

Auch bezüglich des Einwandes, daß Vorgeschichten

erst ruchbar werden, wenn die Erfüllung eingetreten,

gibt St. zu, »einzelne, allerdings wenige Fälle« ermittelt

zu haben, in denen ein Gesicht wenigstens »in

dunkeln abgerissenen Äußerungen« von dem Seher

vor der eingetretenen Erfüllung mitgeteilt sei. (Von

Land und Leuten S. 91.)

Bei der Suche nach neuem Material zu diesem Abschnitte

ist dem Bearbeiter der 2. Auflage einmal na-

hegelegt, den Abschnitt Vorspuk zu unterdrücken,

denn Vorgeschichten gäbe es, also dürfe dieser Gegenstand

nicht dem Aberglauben beigezählt werden.

Dem Ansinnen ist nicht stattgegeben. So lange in dieser

Sache nicht das letzte Wort gesprochen ist, so

lange wollen wir uns nicht unnütz aufregen, sondern

alles beim alten lassen, schon aus dem Grunde, weil

dem Vorspuk, mag er in Wahrheit bestehen, viel

Abergläubisches beigemischt ist. Es wäre auch jammerschade,

wenn die Geschichten vom Vorspuk, die

St. gesammelt hat und so viele Leser bislang angenehm

unterhalten und auch belustigt haben, aus dem

Buche verschwinden sollten. Es ist uns sogar eine angenehme

Aufgabe gewesen, die vielen im 4. Abschnitte

verzeichneten »Fälle« durch neue, darunter

recht auffällige und weniger auffällige zu bereichern.

Wer sich darüber unterrichten will, wie die heutige

wissenschaftliche Welt über Vorgeschichten urteilt,

dem empfehlen wir das sehr lesenswerte Buch »Das

zweite Gesicht« von Professor Dr. Zurbonsen (Köln,

Bachem, 1908, 108 Seiten, 2 Mark.)

155.

Nicht immer kündigen sich die kommenden Ereignisse

so an, wie sie in Wirklichkeit auftreten. Häufig

dient ein Nebenumstand als Vorspuk, ohne daß dieser

als Vorgeschichte angesehen wird. Erst wenn die

Sache »ausgetan« ist, wird man gewahr, daß man es

mit einem Vorspuk zu tun hatte.

Auf dem Tische hat eine Schere geklirrt ohne alle

erdenkliche Ursache. Nicht lange darauf gibt es im

Nachbarhause eine Leiche, jene Schere wird bei Anfertigung

des Leichenhemdes gebraucht; und siehe da,

wie sie einmal unsanft auf den Tisch gelegt wird,

klirrt sie gerade so wie damals. Ein Tisch knackt und

knackt wieder, wenn er beim Wohnungswechsel

transportiert, oder wenn ein Leiche auf ihn gelegt

wird. Teller, Tassen, Messer und Gabeln erklingen

unberührt, und bald darauf ist aus freudigem oder

traurigem Anlasse eine große Gesellschaft zu bewirten,

bei welcher Gelegenheit das Geräusch sich wiederholt.

Die Rouleaux, obwohl schon lange niedergelassen,

machen ein Geräusch, als ob sie nochmals niedergelassen

würden, aber doch etwas ungewöhnlich;

einige Tage darauf stirbt ein Kind, und wie der Vater

die Rouleaux herabläßt, ertönt das bereits einmal gehörte

Geräusch. Ein Spinnrad schnurrt, und nach eini-

ger Zeit wird die Tochter Braut, ihre Aussteuer wird

auf dem Spinnrad gesponnen. Die Glocken läuten zur

ungewohnten Zeit, oder ein Sturmläuten erschallt aus

der Ferne, während doch keine Glocke weit und breit

sich gerührt hat, und in einigen Monaten gibt es im

eigenen oder im Nachbardorfe Brand, wobei die Glokken

wirklich geläutet werden. Man riecht gebrannten

Kaffee oder Moschus, obwohl nichts der Art im

Hause ist; aber eine Kindtaufe, ein Sterbelager läßt in

kurzem denselben Geruch wirklich durch das Haus

ziehen.

a.

Es war im vorigen Herbst, am 14. Oktober morgens 4

Uhr, als ich im Erwachen das Rücken des Stuhls

hörte, wie es meine Frau fast regelmäßig beim Aufstehen

verursacht; ich glaubte auch das Scharren zu

vernehmen, wie es sonst von ihren Pantoffeln ausgeht,

wenn sie eben hineingetreten ist. Und doch lag meine

Frau noch neben mir; ich weckte sie daher mit der

Frage: »Was ist das? hörst du das Scharren nicht?

Hat vielleicht das im kleinen Bette schlafende Kind

durch die Decke den Stuhl in Bewegung gesetzt?«

Meine Frau hatte nichts gehört und war nur über die

Störung unzufrieden. Ich aber konnte nicht wieder

einschlafen. Wir waren um 6 Uhr eben aufgestanden,

als der Nachbar uns benachrichtigen ließ, um 4 Uhr

sei seine Frau verschieden, und meine Frau ersuchen

ließ, ihm jetzt doch zu Hülfe kommen zu wollen, wie

sie in dringlichen Fällen sonst wohl getan. Als nun

meine Frau wieder in die Kammer kam, um ihr Tuch

umzutun, da hörte ich gerade dasselbe Geräusch mit

dem Stuhle und wußte nun, was das diesen Morgen

zu bedeuten gehabt. (Brake.)

b.

Ein Bäcker erzählte: »Wir waren einmal unserer sechs

Gesellen in der Werkstatt, als mit einem Male nebenan

auf der Diele ein Lärm entstand, als wenn der

Holzstoß, der dort aufgestapelt war, zusammenfalle.

Wir erschraken und sahen uns an, und es war uns unheimlich,

indessen gingen wir mit Lichtern hinaus,

um die Sache zu untersuchen. Aber der Holzstoß war

unversehrt und auch sonst keine Ursache des Geräusches

zu entdecken. Kurz darauf erkrankte unser Meister

und starb. Als er hinausgetragen werden sollte,

fand sich, daß der Sarg zu klein war, oder richtiger,

daß zu viel Hobelspäne hineingepackt waren. Der

Sarg wurde daher auf der Diele wieder niedergelassen

und der Deckel abgenommen, um einige Hobelspäne

heraus zu legen. Dabei stieß der Deckel an jenen

Holzstoß, so daß er zusammenbrach. Wir Gesellen

standen in der Nähe und vernahmen dasselbe Geräusch,

das wir schon einmal gehört hatten. Wieder

erschraken wir und sahen uns an, aber wußten nun

auch, was jenes erste Poltern zu bedeuten gehabt

hatte.«

c.

In einem Hause zu Varel war das Mittagessen beendet

und die Familie saß noch im Gespräch um den Tisch.

Da gingen zwei Töchter in die Küche und setzten sich

an das Feuer, kamen aber gleich darauf erschrocken

und zitternd wieder hereingelaufen und versicherten,

in der Stube an der Küche, in welcher doch niemand

war, sei so eben laut geweint worden, und mehrere

Stimmen hätten laut durcheinander gesprochen. Niemand

wußte das Geschehene zu erklären. – Nun geschah

es, daß gegen den Herbst hin das kleinere der

beiden Mädchen, ein Kind von neun Jahren an der

Schwindsucht erkrankte und bis in den Winter hinein

elend litt. Endlich war die Krankheit aufs Höchste gestiegen.

Das Kind rang mit dem Tode, konnte aber

durchaus nicht zur Ruhe kommen, sondern verlangte

beständig, in die erwähnte Stube neben der Küche gebracht

zu werden. Da es aber starkes Frostwetter war

und gerade der Ofen dort nicht gebraucht werden

konnte, so durfte der Kleinen nicht gewillfahrt werden.

Als sie aber immer und immer wieder davon anfing,

mußte man sich endlich entschließen, sie mit

Bett und Bettstelle an den gewünschten Ort zu bringen.

Kaum war sie da, so wurde sie ruhig und starb.

Darüber erhoben Mutter und Geschwister ein

Schluchzen und Weinen, und alle Anwesenden sprachen

klagend und tröstend laut durcheinander. Später

beteuerte die älteste Schwester der Verstorbenen, daß

dies Weinen und Durcheinandersprechen genau dasselbe

gewesen sei, wie sie und die Verstorbene es im

Sommer vorher gehört hätten.

Unsere Magd trat eines Morgens aus ihrer Kammer

und klagte, sie habe eine unruhige Nacht gehabt, in

dem leeren Zimmer neben ihrer Kammer sei ein Jammern

und Stöhnen gewesen, daß sie kein Auge habe

zutun können. Mein Vater lachte darüber. Als am selben

Tage der Dachdecker kam, um über dem Zimmer,

aus dem das Weinen und Jammern gekommen, das

Dach auszubessern, rief er ihm zu: »Paß auf, daß du

nicht herunterfällst, unsere Minna hat in verflossener

Nacht was gehört.« Die Arbeit ging ohne Unfall von

statten. Einige Monate später erkrankte unser Vater

und starb. Kurz vor seinem Tode wollte er vom Bett

herunter, wurde auf ein Sofa gebettet und gab dort

seinen Geist auf. Wir trugen die Leiche dann in jenes

Zimmer, in welchem die Magd früher die Jammerlaute

vernommen. Dort wurde der Entseelte aufgebahrt,

während wir Kinder und das übrige Hauspersonal

dabei standen und laut klagten und weinten. (Lutten.)

d.

In einem Hause zu Oldenburg wurde einst der Bruder

der Frau von der Universität zurück erwartet. Alles

war zu seiner Aufnahme bereit, die Stube eingerichtet,

aber da seine Reise sich etwas verzögert hatte und er

des Nachts ankam, fand er alles zu Bette. Er wußte

ohne Störung in das bekannte Haus zu gelangen und

legte sich ermüdet zu Bette. Aber bald erwachte er

von einem starken Lärm im Hause. Es schien ihm, als

wenn alle Möbeln in seiner Stube zum Hause hinausgeworfen

würden. Er stand auf, aber nun war alles

still. Als er sich wieder zu Bette legte, begann der

Lärm von neuem und viel stärker. Er stand nochmals

auf, und wieder war alles vorbei. Als er sich zum dritten

Male ins Bett gelegt hatte, erhob sich ein so heftiges

Poltern und Rumoren, daß er sich nicht mehr

dabei beruhigte, sondern seinen Schwager und seine

Schwester weckte und ihnen die Geschichte erzählte.

Sie wunderten sich über seine unvermutete Ankunft,

aber noch mehr über sein Erlebnis, denn sie selbst

hatten nichts gehört. – Die nächste Nacht ward er

wieder von einem schrecklichen Lärm geweckt und

sah nun gleich, daß des Nachbars Haus in vollen

Flammen stand. Nun kam es aus, daß alle Sachen des

Hauses hinausgeworfen wurden. Er selbst aber kam

bei dem Brande, als er mit retten wollte, ums

Leben. – In derselben Nacht sind auf dem Klavier seiner

Schwester, die auf dem Lande wohnte, viele Saiten

gesprungen. Die Schwester soll gesagt haben, nun

sei wahrscheinlich einer aus ihrer Familie gestorben,

denn das künde sich in ihrer Verwandtschaft immer

so an.

Ich wurde nachts wach von einem seltsamen Spektakel

im Hause; die Kühe zerrten an den Ketten, die

Dreschmühle glaubte ich sich drehen zu hören, Türen

wurden geschlagen, Kisten und Kasten verschoben u.

dgl. mehr. Ich springe aus dem Bette und eile in die

Küche, finde und höre nichts, alles ist ruhig. Das Rumoren

wiederholte sich in kurzer Zeit noch drei Mal.

Jedesmal, wenn ich aufstand, schaute ich nach der

Uhr und sah die Zeiger zwei Uhr anzeigen. Dann kam

wieder eine Nacht mit Aufruhr im Hause; ich verlasse

mein Lager und sehe, daß das Vieh Grund hat, unruhig

zu sein. Die ganze Tenne ist ein Feuermeer. Die

Nachbarn eilen herbei, ziehen die Kühe aus den Ställen,

tragen die Möbeln aus der brennenden Wohnung

und es hört sich alles so an, wie ich es in den verflossenen

Nächten vernommen hatte. Auch die Uhr war

hinausgeschleppt worden und hatte im Gehen innehalten

müssen. Als ich sie später besichtigte, sah ich,

daß sie um 2 Uhr stehen geblieben war (Bakum). –

Von zuverlässiger Seite übermittelt, ist aber verdäch-

tig, denn die Uhrgeschichte wird auch anderswo erzählt.

e.

N.N. wohnte als junger Mann bei seinem Oheim, dem

Pastor Siemer in Bakum. Im Jahre 1842 besuchte er

mit der Haushälterin des Pastors den Vechtaer Stoppelmarkt.

Bei der Rückkehr werden beide von einem

Gewitter überrascht und genötigt, in einem Hause auf

dem Gute Vardel Schutz zu suchen. Es ist 1 Uhr

nachts, als sie in Bakum anlangen. Sie gehen an der

Kirche vorbei, und da hört N.N. in derselben klar und

deutlich die Präfation singen, er erkennt sogar an der

Stimme des Singenden den Pastor in Oythe. Am andern

Morgen erzählt er die Begebenheit seinem

Oheim, der gesund und wohl ist. Dieser macht ein erstauntes

Gesicht, sagt nichts und begibt sich in seine

Stube. Nachmittags ruft der Pastor seine Haushälterin

und erklärt ihr, er fühle sich nicht wohl und wolle zu

Bett gehen. Er hat das Krankenlager nicht wieder verlassen,

hat die Kirche lebend nicht wieder betreten

und ist im Frühjahr folgenden Jahres gestorben. Der

Pastor von Oythe hielt das Requiem (Totenofficium)

und die Leichenrede. (Das Gesicht hat damals viel

Aufsehen erregt.)

f.

Auf der Drantumer Mühle (Gem. Emstek) kündigte

der Müllerknecht. Der Besitzer fragt nach dem Grunde.

»Ich habe,« entgegnete der Müller, »klagende,

herzzerbrechende Hilferufe gehört und fürchte, daß

mich ein Unglück treffen wird.« Und er blieb bei seiner

Kündigung und ging. Bald darauf wurde sein

Nachfolger von einem Mühlenflügel getroffen und

über die Reeling geschleudert. Im Liegen stieß er Hilferufe

aus in der Art, wie sie der abgegangene Müllerknecht

gehört hatte.

156.

Nicht selten geschieht es, daß jemand, der nachts auf

einem Fahrwege geht, plötzlich im Gehen mehre Male

in die Höhe steigen muß und dann wieder herabfällt;

er ist über einen spukhaften Leichen- oder Hochzeitswagen

gestiegen, und der wirkliche Leichen- oder

Hochzeitswagen läßt nicht lange auf sich warten.

Darum ist es auch Regel, daß man nachts überhaupt

nicht zwischen den Wagenspuren, sondern nur an der

Seite des Weges gehen soll. Auch ist es schon manchem,

der des Nachts auf die Hausdiele hat gehen

müssen, begegnet, daß er nicht wieder zurück hat finden

können, so viele Mühe er sich auch gegeben hat;

es pflegt in solchen Fällen ein spukhafter Sarg auf der

Diele zu stehen, der ihm den Weg versperrt. Auch

sonst kommt Vorspuk vor, der undurchdringlich ist

wie ein Körper.

a.

Zwei Jünglinge von Zwischenahn waren ausgegangen

und kehrten erst spät abends wieder heim. Wie sie so

zusammen auf dem Wege gingen, blieb der eine ganz

erschrocken stehen und rief: »O Jan, Jan, bliw stahn!«

»Hä,« erwiederte der andere, »ick lat mi van di nicks

wies maken.« »O Jan,« rief der erste laut zum zweiten

Male, »o gah doch ut dem Wege!« und fiel ohnmächtig

nieder. Jan, der sich nicht daran gekehrt hatte,

fühlte dann, daß er empor gehoben wurde, stieß mit

dem Fuße an und fiel dann unsanft nieder und auf die

Knie. Kurz darauf kam der Ohnmächtige wieder zu

sich, und Jan fragte ihn, ob er etwas gesehen habe.

Dieser antwortete, er habe einen Leichenzug gesehen,

und Jan sei zwischen den Pferden auf den Wagen und

über den Sarg gelaufen und endlich hinten vom

Wagen gefallen.

b.

Etwa zwei Jahre vor dem ersten Lager unserer Truppen

bei Falkenburg mußte ein Bauer über das Habbrügger

Feld, auf welchem nachmals das Lager errichtet

wurde. Plötzlich sieht er lauter Zelte um sich,

und wie er sich davon machen will, fällt er mehrere

Male über etwas, was er nicht sieht, und hört nun,

daß er tüchtig ausgelacht wird. Dann verschwand

plötzlich der ganze Spuk. Als zwei Jahre später der

Vorspuk auskam, sah er, daß es die Zeltleinen waren,

über die er gefallen war.

157.

Manche Vorzeichen ereignen sich so oft, daß sie von

denen, die es angeht, sogleich richtig gedeutet werden,

wenn sie auch nur Nebenpunkte betreffen. So stellt

sich bei gewissen Handwerkern des Nachts ein Rumoren

unter den Gerätschaften und Materialien in der

Werkstätte ein, und der Meister weiß dann, daß er

bald Arbeit ins Haus bekommen wird. Wie Tod und

Begräbnis am häufigsten vorspuken, so sind es auch

die Tischler und Totengräber, welche am häufigsten

durch Vorspuk merken, daß ihre Tätigkeit zur Anfertigung

eines Sarges, zum Auswerfen eines Grabes in

Anspruch genommen werden soll. Jene hören ein Gepolter,

als wenn Holz umgestapelt würde, oder sie

hören den Hobel zischen und heulen, die Meßschnur

aufschnellen, wie dies beim Ausmessen und Abreißen

der Bretter vorzukommen pflegt. Bei dem Totengräber

klirren die Spaten, die Hacken fallen um, die Bahren

knarren usw. Der Totenbarbier (in jedem Dorfe

war früher ein Eingesessener, der die Leichen beim

Auskleiden barbieren mußte) hört das Rasiermesser

sich im Kasten bewegen oder er wird nachts gerufen.

Bauern, die das Sargholz gewöhnlich fertig liegen

haben, hören eine Bewegung der Bretter, wenn ein

Toter in Sicht ist. Küster hören ein Klopfen, wenn ein

Versehgang in Sicht ist (Münsterland). »Diese Nacht

bin ich geklopft worden,« sagte ein Küster, »ich

werde also bald geweckt werden,« und er behauptete,

er würde immer vorher aufmerksam gemacht, wenn er

zu Kranken müsse (Münsterland).

a.

Ein Tischlerlehrling zu Rodenkirchen erzählte: »Ich

weiß es jedesmal vorher, wenn wir einen Sarg machen

müssen. Einige Nächte vorher höre ich, wie mein

Meister die Bodentreppe, ich schlafe darunter, hinaufgeht,

wie oben die Dielen durcheinander geworfen

und rutschend die Treppe hinabgelassen werden, wie

in der Werkstätte gesägt und gehobelt wird.« –

»Warum stehst du dann nicht auf und siehst zu, da du

doch sonst nicht bange bist?« – »Ich habe es einmal

getan und tu es nicht wieder. Auf dem Boden war erst

ein fürchterlicher Spektakel, die Dielen wurden durcheinander

geworfen, herabgelassen, meines Meisters

Schritt kam die Treppe herunter. Dann fing es in der

Werkstatt an zu sägen, zu hobeln, zu poltern, und ich

hörte deutlich, wie der Geselle in seiner besonderen

Weise eine Diele an der Hobelbank festdrehte und zu

hobeln anfing. Ich stand auf. Kalter Schweiß bedeckte

mich, die Haare standen mir zu Berge. Da sprach ich

zu mir selbst: ›Ich will hinein, und wenn der Teufel

selbst darin ist,‹ nahm meinen ganzen Mut zusammen,

ging zur Werkstattstür, riß sie auf und rief:

›Donner und Doria, was ist hier?‹ Aber die Werkstätte

war finster und alles still. Ich schloß die Tür und

legte mich ins Bett, aber kaum war ich wieder warm,

da ging der Lärm aufs neue los, bis es eins schlug –

da war alles still. Acht Tage später starb N., wir mußten

den Sarg machen, und es kam alles so, wie ich es

gehört hatte.«

b.

Ein Zimmermann zu Wardenburg saß eines Abends

mit seiner Familie in der Wohnstube, da hörten alle

auf einmal einen Ton, wie wenn eine Zimmermannsschnur

hell auf Holz schlägt. Die Anwesenden wußten,

daß dies auf Anfertigung eines Sarges deute,

konnten sich aber durchaus nicht erklären, daß grade

hier, wo doch nie gezimmert wurde, dergleichen vorkommen

könne. Nach kurzer Zeit fiel jedoch der Ofen

in der allein neben dem Hause stehenden Werkstatt

ein, und da grade starker Frost eingetreten war, konnte

der Ofen jetzt gleich nicht wiederhergestellt werden.

Nun traf es sich, daß grade ein Sarg bestellt

wurde, der natürlich eilig fertig mußte. In der kalten

Werkstatt konnte er nicht gemacht werden, so blieb

sonst kein Rat, als die Wohnstube zur Werkstatt zu

machen. Als nun dort das Holz abgerissen wurde,

schlug die Schnur grade so hell an, wie die Familie es

schon einmal gehört hatte, und es war klar, daß hiemit

der Spuk ausgetan sei. – Zu einer anderen Zeit geschah

es, daß in demselben Hause in der zweiten

Stube, die als Weberwerkstätte benutzt wurde, einer

der Hausgenossen sich dorthin zurückgezogen hatte,

um ungestört zu lesen, während das auf dem Webestuhl

ausgelegte und geschmittete (gekleisterte) Garn

trocknete. Da hörte er denselben wohlbekannten

Schlag der Schnur. Hier, dachte er, wird doch sicher

kein Sarg gemacht. Aber kurz darauf wurde wieder

ein Sarg bestellt, und da man grade einige Tage vorher

trockene Dielen in die Werkstatt gestellt hatte, die

nun gebraucht werden mußten, kam der Spuk dennoch

aus.

158.

Dem Auge pflegen sich meist ganze Vorgänge oder

doch Bilder zu zeigen, wobei eine nebenher laufende

Wahrnehmung durch andere Sinne keineswegs ausgeschlossen

ist. Wenn aber auch die Vorstellung, welche

der Spuksehende durch das Auge empfängt, umfassender

und für sich verständlicher ist, so folgt daraus

doch nicht, daß das vorspukende Ereignis ihm

klar und offen vorläge; auch hier gibt oftmals erst das

wirkliche Eintreffen des Ereignisses die richtige Deutung

des Vorspuks mit Sicherheit an die Hand. Wichtige

Begebenheiten, welche ein ganzes Land oder

doch eine ganze Gegend in ihren Wirkungen ergreifen

und in Bewegung setzen, Feuersbrünste, Kriegsgeschichten

usw. zeigen sich besonders gern vorlaufend

an, und man erzählt auch jetzt Vorgeschichten solcher

Kriegsgeschichten, deren Erfüllung noch nicht gekommen

ist und sich noch in ein geheimnisvolles

Dunkel hüllt. – Vorgeschichten von Kriegen gehen

stark um, wenn die Zeiten unruhig sind. Der Dinklager

Chronist Klinghamer schreibt in seiner Chronik

nach Hörensagen: »1546 ist bei der Stadt Unna auf

der Creutzen Heide eine große Bataille von Reitern

und Knechten mit Trummen und Waffen gesehen und

Geschall der Geschütze und Rinschen der Pferde ge-

hört worden, doch alles palt verschwunden.«

Zuweilen haben sich die Erzählungen von solchen

Spukgeschichten der Form nach in reine Prophezeiungen

umgestaltet; aber auch dann liegt ihnen doch

wohl ein Gesicht zum Grunde, was namentlich dann

erkennbar wird, wenn ein künftiges Ereignis mit

einem anderen in Verbindung gebracht wird: wenn

das und das geschieht, so wird das und das geschehen.

Vgl. 162.

a.

Vor reichlich zwölf Jahren war eine Frau aus Neuenburg

ausgegangen, um nach ihren Kartoffeln zu

sehen. Wie sie so eine Strecke fortgegangen ist und

ungefähr am rechten Orte zu sein meint, ist ihr mit

einem Male die Umgegend ganz fremd und ist eine,

die sie noch nie gesehen. Kurz darauf wurde ihr

Wohnsitz nach Cloppenburg verlegt. Dasselbe ereignete

sich etwas später in Cloppenburg. Als sie einmal

ihren Acker besuchen wollte, konnte sie ihn nicht finden,

sondern befand sich plötzlich in einer ganz unbekannten

Gegend. Es dauerte nicht lange, so mußte sie

wieder ihren Wohnort verändern.

b.

Der alte N. zu Hohensüne lag einmal in einer hellen

Nacht schlaflos auf seinem Bette. Wie er durch die

Öffnung der Bettladen sah, erblickte er einen Sarg,

der, statt mit einem Deckel, mit einem Tuch bedeckt

war. Furchtlos stand er auf, ging zum Sarge, brachte

seine Hand unter das Tuch, und wie er die Hand aufhob,

hob sich auch das Tuch mit in die Höhe, obgleich

er durchs Gefühl dasselbe nicht wahrnehmen

konnte. Unter dem Tuche erblickte er mit Entsetzen

eins von seinen Kindern. Gleich darauf war alles verschwunden.

Das Kind aber starb kurz hernach.

c.

Mehrere Knaben aus Zwischenahn im Alter von

10-12 Jahren kehrten von einer nach Westerstede gemachten

Fußtour nach Zwischenahn zurück, als sie

plötzlich nahe vor Zwischenahn gegen 10 Uhr abends

auf der Chaussee einen mit zwei Pferden, einem weißen

und einem dunkeln, bespannten Wagen bemerkten,

der ihnen langsam entgegen kam und an ihnen

vorbeifuhr. Ein Fuhrmann war nicht zu sehen, aber

neben dem Wagen an der Erde hin schleppte ein

dunkler Körper, der am Wagen zu hangen schien.

Dasselbe haben andere Einwohner von Zwischenahn

gesehen, sowohl an diesem wie an anderen Abenden.

Ungefähr ein Jahr darauf ist auf dieser Chaussee der

zehnjährige Sohn eines dortigen Einwohners, der für

seinen Vater Steine fuhr, verunglückt. Er hatte sich,

neben dem Wagen hergehend, die Peitsche, aus welcher

er eine Schlinge gemacht, um den Hals gelegt

und den Peitschenstiel zwischen die Rad-Speichen gehalten,

um sich an dem Klappern zu freuen. Das Rad

hatte aber den Peitschenstiel ergriffen und mit herumgerissen,

und die Schlinge hatte sich zugezogen und

den Knaben erdrosselt. Dieser schleppte nun, an der

Peitsche hangend, neben dem Wagen her. Der Wagen

war mit einem weißen und einem braunen Pferde be-

spannt.

d.

Einige Jahre vor der französischen Zeit wachte des

Nachts die Schwiegertochter eines Bauern zu Grabstede

auf und sah, daß drei große Männer mit grauen

Mänteln beim Bette ihres Schwiegervaters standen,

die Decke zurückschlugen und ihn aus dem Bette

heben wollten. Sie fing an zu schreien, und der Spuk

verschwand, aber sie fiel in ein Nervenfieber. – Als

im Jahre 1806 eine holländische Armee das Land besetzte,

kamen drei Sappeurs (Bielen-Kärls) zu dem

Bauern ins Quartier. Der Bauer, ein alter Mann von

95 Jahren, starb. Die Sappeurs wollten ihn durchaus

ankleiden, verfuhren grade so mit ihm, wie die

Schwiegertochter vorher gesehen, und der Spuk war

ausgekommen.

e.

Der Mauermann Harf zu Bockhorn sagte lange vor

der französischen Zeit zu einigen Nachbarn: er habe

von Steinhausen nach Bockhorn über den Esch viel

Kavallerie kommen sehen, und der Anführer sei zur

Seite der Truppen quer über die Äcker geritten. Als

nun nach dem Eindringen der Franzosen eines Tages

die Kunde kam, daß französische Kavallerie von

Steinhausen kommen werde, sammelten sich viele

Neugierige, unter ihnen auch Harf. Die Truppe kam,

der Anführer ritt wirklich neben derselben quer über

die Äcker, und Harf sprach: »Nu kikt to, of't nich all

so utkummt, as ick vorher seggt hebbe.«

f.

Ein Offizier erzählte: Im Jahre 1854 hielten wir ein

Manöver zwischen Oldenburg und Rastede. Unsere

Abteilung mußte in Ofenerfelde über einen kleinen

Hof. Dort wurde plötzlich Halt geblasen. Vor dem

kleinen Hause ruhte eine Kompagnie Infanterie, zwei

Geschütze waren aufgefahren, und auch etwas Kavallerie

hielt dort. Im Hause war ein großes Getümmel

von Soldaten, die Wasser trinken wollten, aber die

junge Frau, die sich im eigenen Hause kaum rühren

konnte, war sehr vergnügt, daß wir da waren, denn

nun brauche sie nicht mehr zu fürchten, daß die Franzosen

kämen. Ihr Großvater habe nämlich im Vorspuk

Haus und Hof voll von Soldaten gesehen, und

sie hätten gemeint, daß die Franzosen kommen würden;

nun sei aber der Spuk so schön in Erfüllung gegangen!

Auch der alte Großvater, ein Mann von beinahe

90 Jahren, freute sich, daß der Spuk durch uns

ausgekommen sei; grade so hatte er es gesehen, aber

was für Soldaten kommen würden, hatte er nicht

sehen können.

g.

Eine alte Frau in Damme wollte eines Tages einen

Ausgang machen, der sie über die Hauptstraße führte.

Als sie nun an die Hauptstraße kommt, sieht sie eine

unermeßliche Menschenmenge auf derselben hin- und

herwogen und darunter ganz fremde wunderbare Gestalten.

Das Gewühl war so groß, daß sie unverrichteter

Sache wieder nach Hause zurückkehren mußte. Sie

erzählte den ihr unerklärlichen Vorfall mehreren Bekannten.

Endlich lange Jahre nachher (1836) kam die

junge Königin Amalie von Griechenland auf ihrer

Hochzeitsreise von Oldenburg nach Damme, wo ihr

ein Fackelzug gebracht wurde. Bei dieser Gelegenheit

zeigte sich dasselbe Schauspiel, welches die alte Frau

vor so und so viel Jahren, als noch kein Mensch daran

dachte, daß Herzogin Amalie Königin von Griechenland

werden sollte, vorausgesehen hatte. Die fremd

gekleideten Menschen waren Griechen im Gefolge der

Königin.

h.

In der Waddewarder Mühle waren einst in einer windstillen

Nacht Gesell und Lehrling des Abends bei 10

Uhr noch allein wachend beisammen. Da nun wegen

der Windstille nichts in der Mühle anzufangen war,

sprach der Gesell zum Lehrling: »Ich will mich bis 1

Uhr schlafen legen, alsdann kannst du mich wecken

und dich legen; wenn Wind kommen sollte, so stelle

die Mühle und halte alles in Ordnung.« Damit entfernte

er sich. Gegen Mitternacht, wie der Lehrling

unten in der Mühle halb träumend auf einem vollen

Sacke sitzt, hört er oben ein auffallendes Geräusch. In

dem Glauben, es sei Wind im Anzuge, eilt er sogleich

nach oben. Aber zu seinem Erstaunen begegnete ihm

auf der schmalen Treppe ein Soldat, der ihm sehr höflich

auswich, jedoch sein Gesicht sorgfältig verbarg.

Wie er oben anlangte, sah er alles voll Soldaten sitzen

und stehen. Von Furcht übermannt, ergriff er die

Flucht; aber beim Zuschlagen der Tür sah er auch

unten sehr viele Soldaten. Eilends läuft er jetzt zum

Lager des Gesellen und fällt mit dem Ausrufe »Soldaten

« besinnungslos nieder. Von dem Geräusche erwachend

springt der Geselle auf, hebt den vor seinem

Bette liegenden Lehrling ins Bett und eilt zur Mühle,

weil er glaubt, es seien Diebe da. Aber er hört und

sieht nichts Befremdendes in der Mühle, so sehr er

auch horcht und jeden Winkel durchstöbert. Einige

Jahre später soll die Mühle durch fremde Soldaten geschleift

worden sein.

i.

Ein fünfzehnjähriges Mädchen aus Rodenkirchen besuchte

ihre Verwandten im Kirchspiel Eckwarden.

Als sie ihren Rückweg antrat, fing es bereits an, dunkel

zu werden. Bei Eckwarderhörn ging sie auf den

Deich, um von da aus über Stollhamm nach Hause zu

wandern. Auf der Deichkappe angelangt, sah sie den

Augustgroden, soweit sie sehen konnte, von Kriegsvolk

wimmeln, und immer landeten noch mehr Truppen;

auf der Jade schwammen Böte und weiter nach

der Mitte zu mehrere große Schiffe. Als sie ihren Weg

fortsetzte, bemerkte sie einen Reiter neben sich, welcher

ihr immer zur Seite blieb. Das Mädchen achtete

nicht weiter auf ihn. Als es aber die rote Brücke betrat,

war der Reiter verschwunden. Bis jetzt war die

Wanderin ruhig gewesen; als aber der Reiter neben

ihr verschwand, schauderte ihr die Haut und von

Schrecken erfaßt, eilte sie weiter. Zu Hause angekommen,

sank sie in Ohnmacht, und als sie aus dieser erwachte,

erzählte sie kurz das von ihr Gesehene, fiel

alsdann in ein hitziges Fieber und war in wenigen

Stunden tot.

k.

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts lebte in Goldenstedt

ein Mann, der bezeichnete in Vechta genau eine Stelle,

wo ein Haus werde gebaut werden, und wenn das

Haus fertig sei und die Leute dann »Komm, heiliger

Geist« singen würden, also am Pfingstfeste, so würde

Vechta ganz voll von Franzosen sein. Als nun mehrere

Jahre nachher wirklich ein Haus an der bezeichneten

Stelle gebaut war, kam der Mann, welcher es prophezeiht

hatte, gerade am ersten Pfingsttage nach

Vechta. Da seine Prophezeihung allgemein bekannt

war, wurde er gleich angehalten und gefragt, wo nun

die Franzosen seien, das Haus sei ja fertig. Er erwiderte,

sie sollten nur Geduld haben, der Tag sei noch

nicht zu Ende. Aber es glaubte ihm jetzt niemand

mehr, und er wurde von allen Seiten mit seinen Franzosen

geneckt, so daß er gar keine Ruhe hatte. Da

sagte er zuletzt: »Ich will machen, daß ich aus Vechta

komme, ehe es zu voll wird.« Alle lachten ihn aus;

aber nachmittags zwischen zwei und drei Uhr kam ein

Bote gelaufen und meldete, der Weg hinter Vechta

nach Lohne hin sei ganz voll Soldaten und gleich darauf

hörte man auch schon die Trommeln, und 4000

Mann Franzosen rückten in Vechta ein. (Der Einmarsch

der Franzosen erfolgte Pfingsten 1803). –

Derselbe Mann hat nachher auch gesagt, die Franzosen

würden noch einmal wieder kommen, aber die

Zeit könne er noch nicht bestimmen; es würden auch

noch andere Krieger dabei sein, welche er gar nicht

kenne, die hätten ganz sonderbare Monturen an. Was

es zu bedeuten haben werde, wisse er nicht; aber er

sehe, wie Preußen vor den Franzosen herliefen und

verfolgt würden.

l.

Ick wull is van Varel nan Vareler Siel to un slenderde

so langsam hen; boll keek ick rechts, boll links und

freude mi, dat de Frucht so moi stund. Nu keek ick ok

is vor mi ut nan Diek to, awers dat di te Swärenot,

wat verjagt ick mi! De ganze Diek reet dicht vull in

langer Rege van luter Pärvolk, un achterto keem luter

Fotvolk, ganz bet nar Sweiborg hen, un de letzten

segen so lütjet ut, as wenn se utn Diek krupen deen.

Se harren alle wiede Boxen an, 'n bunt Dok umn

Kopp wunnen, 'n groten krummen Sabel an de Siet un

ok'n lank Gewähr mitn Bangenett darup. De Tambours

harren swarte Trummeln, un vorup drog'n Kärl

'n groten langen Stock mit twee Pärstärten daran un'n

blanken halben Mahn darup. As ick all dat Volk up

mi tokamen seeg, swenkd ick mi un reet 'r ut, un as

ick do is wedder umkeek, weren se binahst ganz verswunnen,

blot de Köpp keken man'n bäten mehr utn

Diek herut. In Varel hett mi hernahst 'n olen Kärl dat

utleggt. He sä: »Dat is'n Vorspok wäsen un bedutt,

dat de Torken hier int Land kamen un Varel innähmen

wärd.«

m.

In der Nähe von Hooksiel liegen zwei Landgüter, die

den Namen Maihausen führen. Auf einem dieser

Güter wohnte vor einer Reihe von Jahren Hillern

Töllner, ein langer hagerer Mann, von trockenem

langsamen Wesen, aber verständig und voll Mutes.

An einem Juliabend wollte Hillern Töllner mit seinem

Knechte fort, um auf zwei Wagen Torf aus dem

Moore zu holen und schickte etwa bei 11 Uhr den

Knecht fort, um die Pferde herbeizubringen. Da der

Knecht lange ausblieb, ging der Herr aus der Scheune

auf den großen Düngerhaufen, um sich nach dem

Knechte umzusehen. Der Himmel war heiter und die

Nacht durch den klaren Mondschein fast taghell. Als

der Bauer sich umschaut, erblickt er auf dem Ovelgönner

Wege nach Osten ein Blinken und Blitzen,

kann aber nichts näheres entdecken. Inzwischen kam

der Knecht mit seinen Pferden; er hatte das Blinken

auch gesehen und sich darüber verspätet; er sagte, es

komme eine Menge Soldaten den Weg herunter. Die

beiden brachten die Pferde in den Stall und gingen

dann wieder hinaus. Nun konnten sie russische Soldaten

erkennen, die Gewehre blitzten im Mondenschein,

daß es zwar grausig, aber schön anzusehen war. Da

der Zug den Maihauser Weg hinunterbog, den sie

zum Torfholen auch fahren mußten, gab der Bauer die

Torfreise auf, ließ sich aber schleunigst ein Pferd satteln,

um hinter dem Zuge her zu reiten. So große Eile

hätte er übrigens nicht zu haben brauchen, denn der

Zug nahm noch immer kein Ende, als das Pferd schon

lange bereit stand. Endlich wars vorbei, und Hillern

Töllner bestieg sein Pferd und ritt dem Zuge nach. Als

er auf den Hauptweg kam, den die Soldaten zogen,

wunderte er sich nicht wenig, daß er denselben mit

Backsteinen belegt fand. Er ritt immer den Truppen

nach, immer auf dem schönsten Steinpflaster. So kam

er endlich mit dem Heere in die Stadt Jever, wo er

sich aber nicht zurecht finden konnte. Als er zuletzt

beim alten Markte dicht beim Schlosse ankam, waren

alle Soldaten verschwunden, und er blieb ganz allein.

Mit großer Mühe fand er sich wieder aus Jever, mußte

aber auf ungepflastertem Wege wieder zurückreiten.

Als die Sonne aufging, zog er sein Pferd wieder in

den Stall. – Dies ist geschehen, als der Amtmann

Minsen in Hookfiel stand, der 1823 oder 1824 gestorben

ist. Man wußte damals noch nichts von Backsteinstraßen,

aber jetzt führen Klinkerchausseen kreuz

und quer durchs Land.

n.

In demselben Monat Juli, als Hillern Töllner zu Maihausen

die Russen nach Jever geleitete, machte auch

der Feldhüter Ahrend zu Oldorf sich mit seinem

elfjährigen Sohne auf den Weg, um Torf zu holen. Als

sie abends 11 Uhr beim Oldorfer Baum waren, sah

Ahrend, obgleich heller Mondschein war, glühende

Kugeln von der Westseite nach Jever hineinfliegen.

Ahrend beobachtete dies längere Zeit, schwieg aber,

um seinen Sohn nicht furchtsam zu machen. Endlich

aber wards ihm aber doch zu bunt, und er fragte:

»Siehst du wohl?« Der Junge erwiderte: »Vater,

siehst du das jetzt erst? Ich habe die schönen Kugeln

schon lange gesehen.« Je näher Ahrend mit seinem

Sohne Jever kam, desto mehr Kugeln sahen sie. Als

sie endlich in Jever anlangten, brannte die ganze

Stadt. Sie fuhren durch die brennenden Straßen und

kamen nach Sibetshaus, wo sie einkehrten und sich

eine Tasse Tee geben ließen. Kaum saßen sie, so kam

noch ein anderer Torffahrer, ließ sich eine Tasse Tee

geben und erzählte auch, wie Jever brenne. Die brennende

Scheldegerstenmühle, sagte er, sei zusammengestürzt

und die Flügel dicht hinter seinem Wagen

niedergefallen. Als sie noch darüber sprachen, trat ein

Knecht aus Kniephausen in die Stube. Er war kreide-

weiß und über und über mit Schweiß bedeckt und erzählte

dasselbe, was die beiden anderen auch gesehen

hatten. – Ahrend hat diese ganze Sache dem Amtmann

Minsen zu Hooksiel erzählt und sich auch erboten,

seine Aussage mit einem Eide zu bekräftigen.

o.

Im 19. Jahrhundert werden in dem Kloster zu Vechta

Brüder und Schwestern wohnen, hinter der Klostermauer

wird ein Haus mit einem platten Dache erbaut

werden. Nach dieser Seite wird man in die Klostermauer

drei Türen brechen, und wenn die dritte Tür

fertig ist, wird Vechta von großer Kriegsnot heimgesucht

werden. Dann wird auf dem Mühlenkampe ein

Kommandeur, auf einem Schimmel reitend, seine

Truppen mustern; alle seine Mannschaften werden

grüne Zweige an den Hüten tragen. Der Anführer auf

der anderen Seite wird ein großer Mann in weißer

Uniform sein, mit einem Stern auf der Brust. Dieser

Anführer wird mit seinen Truppen am Hagener Kreuze

halten, und ehe er das Zeichen zum Angriff gibt,

wird er vom Pferde steigen und vor dem Hagener

Kreuze beten. Die Truppen auf dem Mühlenberge

werden geschlagen werden und ihre Flucht nach

Goldenstedt und weiter ins Hannöversche nehmen.

Die Vechtaer werden etweder nach Bokern oder nach

dem grünen Moore flüchten. – Ein Teil dieser Prophezeiung

ist bereits erfüllt. Das Kloster ist zu einer

Strafanstalt eingerichtet und barg anfangs in sich

Männer und Frauen. – In Goldenstedt bei der goldenen

Brücke wird es zu einer Schlacht kommen und so

viele Leichen werden den Fluß füllen, daß das Wasser

der Hunte dadurch eine Stauung erfährt. Die Soldaten

werden bis zu den Knöcheln im Blute waten und die

Goldenstedter ins Moor flüchten und dort in Sicherheit

sein. Drei Reiter werden kommen und im Dorfe

Goldenstedt durch eine Seitentür in Dierkens Haus

treten. Dies ist das Zeichen, daß die Eingesessenen

flüchten müssen, weil der Kampf losgeht. (Von dem

Seher S., vgl. 163c.)

p.

Ein Bauer von Lohausen ging um das Jahr 1820 über

die Heide, die sich zwischen Damme und Lohausen

erstreckt. Da hört er plötzlich ein Brausen hinter sich

und sieht etwas mit unerhörter Schnelligkeit sprühend

bei sich vorbeisausen. Er erzählte den Vorfall sogleich

zu Hause, aber niemand vermochte die Erscheinung

zu deuten. Später kam öfter wieder die Rede

darauf, aber die Sache blieb unaufgeklärt, bis man

jetzt die Eisenbahnen kennen gelernt hat. Viele glauben

jetzt, daß jene Erscheinung eine Eisenbahn vorbedeutet

habe. – Zu Bokelesch hat ein alter Bettler einen

Wagen ohne Pferde durch den Klosterbusch fahren

und sich nach der Hannoverschen Seite nach Ihrhove

zuwenden sehen. Auch dieser Wagen wurde auf einen

Dampfwagen gedeutet. Ebenso hat man schon vor

langer Zeit bei Sandersfeld Eisenbahnzüge fahren

sehen. Ferner bei Ahlhorn, Steinfeld, Vechta, Lindern

usw. – Ein Mann erzählt (1866): Es sind 50 Jahre

her, da traf ich mit einem alten Onkel zusammen, der

mir mitteilte, er sei in die Wiesen zwischen Beverdiek

und Darrel (Gem. Essen) gegangen, um nachzusehen,

ob auch der Kuhhirt gut Acht gebe. »Auf einmal sehe

ich einen Feuerwagen ohne Pferde, welcher mehrere

Wagen nach sich zieht, dahin rasen. Gleich darauf

war alles aus.« Seit 1874 oder 75 läuft die Bahn Oldenburg-

Osnabrück dort, wo der Spuk gesehen ist. –

»Frau D. in Lüsche bei Vestrup erzählte mir vor 6

Jahren: Eines Tages stand ich in der Nähe unseres

Hauses und sah einen Dampfwagen vom Rosengarten

her nach Ruhen Fellaken in der Richtung Carum fahren.

Damals hatte Dinklage noch keine Bahn. Jetzt

spricht man vom Weiterbau derselben; wird dann Lüsche

oder Carum davon berührt werden?« – »Am 23.

Mai 1885 fuhr ich mit meiner Mutter, meinem jüngsten

Bruder und unserm Knecht von Löningen nach

Herzlake. Dicht hinter Helmighausen, dort wo dessen

letzten wallumgebenen Kämpe aufhören und die ausgedehnte

Heidefläche beginnt, zeigte meine Mutter

scherzend mit den Worten: ›Dort fährt nächstens die

Eisenbahn‹ rechts in die Heide. Ich frug lachend:

›Woher weißt du das?‹ ›Unser Hinnerk hat sie schon

vor 20 Jahren gesehen‹ war die Antwort. Hinnerk, mit

scharfem Gehör begabt und neugierig auf unsere Unterhaltung

lauschend, drehte sich auf dem Bock um

und sagte lebhaft und energisch: ›Dät häb ick uck.‹

Im Brustton der Überzeugung erzählte er nun, daß er

schon als Knabe rechts in der Heide, etliche hundert

Schritte von der Chaussee entfernt, mit vollster Deutlichkeit

die Lichter der Lokomotive, die Lokomotive

und hinter dieser 4 oder 5 Wagen durch die Heide

habe dahinfahren sehen. Er wies mit Entschiedenheit

zurück, damals schon eine Eisenbahn oder auch nur

das Bild eines Eisenbahnzuges jemals gesehen zu

haben und wollte die Möglichkeit einer Täuschung

nicht zugeben. 1885 war die Bahn Meppen-

Haselünne-Herzlake noch nicht gebaut. Ich glaube,

daß auch die Strecke Essen-Löningen nicht gebaut

war. Wenn ich in späteren Jahren in der Zeitung las,

wie die Ansichten auseinander gingen, ob und wo die

Strecke Löningen-Landesgrenze gebaut werden sollte,

habe ich manchmal in überlegener Weisheit gelächelt:

›Ich weiß es ja seit vielen Jahren, unser Hinnerk hats

mir gesagt‹. Dennoch bin ich etwas neugierig, einmal

zu erfahren, ob unser ›Schichtkieker‹ auch die Richtung

recht gesehen hat. Vielleicht fahre ich noch

selbst einmal in Helmighausen an Püsters und Meyers

Hof vorbei und überzeuge mich, daß ich gar keinen

Grund habe, an meinem ererbten Westfalenaberglauben

irre zu werden.« Die Bahn Löningen-Helmighausen-

Herzlake ist 1. Oktober 1907 eröffnet.

»Ein alter Mann erzählte mir vor etwa 30 Jahren, er

sei am hellen Tage durch die Fuhren zwischen Hamstrup-

Bunnen gegangen. Plötzlich sei etwas vor ihm

über den Weg gerasselt, er habe es für einen Eisenbahnzug

gehalten. Nach mehreren Jahren wurde die

Eisenbahn Essen-Löningen gebaut.«

In Großenkneten weiden Kühe auf einem Kampe,

auf einmal stieben sie bei ruhiger Luft auseinander,

ein Teil nach der einen, der andere nach der anderen

Seite, wie wenn ein Gefährt zwischen sie durchgerannt

wäre. Gleich darauf kommen alle wieder zusammen

und blicken aufgeregt und neugierig nach einer

Richtung, als wenn sie einem Reiter oder Wagen

nachblicken. Das ist Vorgeschichte, sagte jemand, der

den Vorgang beobachtet. Später wurde die Bahn Oldenburg-

Osnabrück gebaut, und der Bahndamm lief

über den besprochenen Weidekamp.

In Sehestedt am Jadebusen hat ein Mann die glühenden

Augen einer Lokomotive auf dem Deiche sich

fortbewegen sehen, der von Eckwarden nach Varel

läuft, hat auch das Pusten der Maschine gehört.

q.

Von Ostfriesland her wird durch Strücklingen ein großes

Heer kommen, nahe bei Ramsloh Ruhe halten und

dann vom Westende von Ramsloh nach dem Südende

marschieren. Der letzte der durchziehenden Reiter

wird einen weißen Schimmel reiten und das Westende

von Ramsloh in Brand stecken. Zu Papenburg wird

ein Lager aufgeschlagen, und der mit dem Schimmel

wird dann zwischen Papenburg und dem Saterlande

patrouillieren.

r.

Bei dem Kirchdorf Wiarden hinter dem Kirchhofe ist

ein Stück Land, das immer im Grünen liegt. Wird

dies Land einmal aufgebrochen, so werden die Türken

nach Jeverland kommen und das ganze Dorf abbrennen.

s.

Wenn die Damen Hüte tragen wie Pferdehufen, dann

wird in der Gegend von Goldenstedt eine Schlacht geliefert

werden, in welcher so viel Menschen umkommen,

daß in drei Jahren das Land nicht gedüngt zu

werden braucht.

Vgl. o.

t.

Im Jahre 1866 beim Ausbruche des Krieges erzählte

man sich bei Oldenburg: In den Jahren 1866 bis 1869

wird der Krieg auch unser Land verwüsten. Wenn der

Brenner Hullmann zu Etzhorn seinen großen Kamp

ganz mit Roggen bestellt und der Roggen dann in

Hocken steht, wird bei jedem Hocken ein Pferd stehen.

Die Stadt wird eingenommen und dermaßen zerstört

werden, daß man zu gleicher Zeit durch das Heiligengeisttor

und das Dammtor wird sehen können.

Bei Wildeshausen wird das Blut fließen wie jetzt das

Wasser. – Auch hieß es schon vor 1866: Wenn der

Beverbäkenberg, eine Düne etwa eine halbe Stunde

vor Oldenburg, nach der Stadt kommt, so werden wir

Krieg haben. Als nun im Jahre 1866 ein großer Teil

jener Düne zur Bahnhofsanlage bei Oldenburg verwandt

wurde, glaubte man, daß die Prophezeiung erfüllt

sei.

u.

Kolon T. geht eines Abends vom Orte Neuenkirchen

nach Hause. Plötzlich sieht er hinter seinem Hof ein

in allen Farben schillerndes Rad sich drehen. Im

nächsten Jahre wird hier, auf dem Schützenplatz, zum

ersten Mal ein Karussel aufgebaut und macht am

Feste seine üblichen Drehungen.

Kolon Bl. geht in der Nacht von Neuenkirchen

nach Grambke. Auf einmal, hinter Nellinghof, ist er

von einer Menge Soldaten und Pferde umgeben, so

daß er nicht durchkommen kann. Einige Jahre nachher

wurde in der Holdorfer Heide ein Manöver abgehalten

und gerade an der Stelle, wo Kolon Bl. in das Reitergetümmel

geraten war, machte die Kavallerie Rast. –

Ein Mann aus Fladderlohausen kommt abends von

der Apotheke in Neuenkirchen. Hinter Nellinghof auf

der Chaussee halten viele Kutschwagen und viele

Leute stehen umher. Ein Jahr nachher wird der neue

Pastor von Neuenkirchen an dieser Stelle empfangen.

– Eines Nachts kommt ein Mann von Neuenkirchen,

um nach W. zu gehen. Plötzlich sieht er östlich

von Bergmanns Kolonat viele Lichter brennen. Er hat

dies öfter erzählt. Im Jahre 1904 wurde dort, wo er

die Lichter gesehen, die Heilstätte erbaut, und seitdem

strahlen abends elektrische Glühkörper ihr Licht in

die Nacht hinaus, gerade so, wie es der Mann gesehen

hatte.

159.

Gewisse Zeichen weisen hin auf ein gleichzeitiges

oder künftiges Ereignis. Der Mensch weiß diese Zeichen

nicht immer zu deuten, aber er wird unruhig, er

hat das Gefühl, daß für ihn oder andere in den Anzeichen

etwas angekündigt ist. In anderen Fällen werden

die Anzeichen nicht beachtet, aber bedeutsam, wenn

die Erfüllung eingetreten ist. Es handelt sich hier um

Vorspuk, der in das Gebiet der A h n u n g e n fällt.

a.

Ein Jüngling aus Zwischenahn ging in die Fremde.

Als er eine Zeit lang draußen gewesen war, empfand

er eine große Sehnsucht nach seiner Heimat, machte

sich auf und reiste ab. Unterwegs kehrte er bei einem

Freunde zum Mittagsessen ein. Da er nun seinen Platz

nahe am Fenster hatte, sah er hinaus und erblickte

eine weiße Gestalt, die ihm winkte. Sogleich kam ihm

ein Schaudern an; er nahm Abschied und eilte weiter.

Als er zu Hause angelangt, wurde er gleich mit der

Nachricht empfangen, daß seine Mutter sehr krank

sei. Er trat in das Zimmer, und nachdem er seine Mutter

gesehen, starb dieselbe sogleich.

b.

Ein Mann ging zu Hooksiel an dem Hause eines

Schiffers vorbei, der zur See abwesend war, aber

seine Frau zurückgelassen hatte. Vor ihm her ging ein

Mann in Schiffertracht, trat an das Haus, guckte über

die Gardinen und ging dann wieder fort. Jetzt konnte

der erstere im Mondenschein deutlich erkennen, daß

es der abwesende Schiffer, der Eigentümer des Hauses,

war. Kurze Zeit darauf kam Nachricht, daß der

Schiffer in eben dieser Nacht verunglückt sei.

c.

Ein Schulknabe, welcher zu Oldenburg hinter dem

Kirchhofe wohnte, mußte einst in die Stadt zum Doktor,

da seine Mutter plötzlich krank geworden war.

Wie er am Kirchhofe vorbei kam, sah er auf dem

Grabe seines schon früher verstorbenen Vaters, das

nahe an der Mauer war, die Gestalt seiner Mutter im

Totenanzuge. Voll Angst lief der Knabe nach Hause

zurück und fand seine Mutter – tot.

d.

Der alte Kirchenrat N. schlief einst als Student mit

mehreren Gefährten in einem Zimmer. In der Nacht

wachte er auf und sah eine weiß gekleidete Dame, mit

Blumen in den Haaren, in das Zimmer treten. Die

Dame machte die Runde bei den Schläfern und schaute

jedem ins Gesicht; bei einem aber verweilte sie,

schaute ihn lange an und entfernte sich dann stumm

wie sie gekommen war. Am folgenden Morgen bekam

derjenige, vor dessen Bette die Erscheinung so lange

verweilt hatte, einen Brief, daß seine Mutter gestorben

sei. (Ganz ähnliche Geschichten werden in gebildeten

Kreisen vielfach erzählt).

e.

Eine Schifferfrau in Hooksiel erzählt: Mein Mann war

mit seinem Schiffe abwesend, und da wir lange keine

Nachricht von ihm bekommen hatten, wurden wir

schon ängstlich. Eines Abends lag ich mit meinem

Kinde in der Stube im Bette, als die Tür aufging und

jemand hereintrat. Der Mond schien hell, und so

konnte ich deutlich meinen Mann erkennen. Er hatte

eine schwarze Hose und eine blaue Jacke an und ein

schwarzseidenes Tuch mit einer doppelten Schleife

um den Hals. Er sagte nichts, sondern zog seine Jacke

aus, schlug, wie er zu tun pflegte, die weiten weißen

Hemdärmel auf und strich sich das Haar weg. Jetzt

setzte er den Hut auf den Tisch und kam zum Bette.

Ich schrie laut auf und die Erscheinung verschwand.

Wie mein Mann später von der Reise heimkam, erfuhr

ich, daß in jener Nacht er sein Schiff verloren und nur

mit Mühe sein Leben gerettet hatte.

f.

Ein Steuermann warnte seinen Schiffsjungen, der in

den Mast wollte, er möge nicht hineingehen; es

komme nichts Gutes daraus. Der Steuermann galt

aber auf dem Schiffe für einen wunderlichen Menschen,

der allerlei Grappen im Kopfe habe; daher achtete

der Junge seiner Warnung nicht und kletterte

doch hinauf. Aber es dauerte nicht lange, so kam ein

heftiger Windstoß, ein Segel schleuderte den Jungen

in die See, und keine Anstrengungen waren vermögend,

ihn zu retten. Als man später den Steuermann

fragte, wie er das habe voraussehen können, antwortete

er: »Ich sah eine weiße Frau auf dem Deck, und

immer, wenn ich die sehe, muß einer von der Mannschaft,

der eine Mutter hat, sterben.«

g.

Eine Frau in Lohe (Gem. Bakum) wacht nachts erschreckt

auf und glaubt, jemand habe sie scharf an der

Schulter gefaßt. Später erhielt sie die Nachricht, ihr

Mann, ein Schiffer, sei auf der See verunglückt. Das

Unglück hatte sich in derselben Nacht und zur selben

Stunde zugetragen, als sie so unsanft aus dem Schlafe

gerüttelt worden war.

h.

Ein junger kräftiger Mann erzählt: Mich überfiel

plötzlich ein Angstgefühl und eine Atemnot, daß ich

glaubte, sterben zu müssen. Ich ließ den Doktor

holen, und als der kam, war der Anfall schon überstanden.

Eine Untersuchung stellte nichts fest. Am andern

Morgen erhalte ich ein Telegramm, ich möchte

sofort nach Hause kommen. Dort angekommen fand

ich meinen Bruder als Leiche vor. Vom Schlage getroffen

war er zur selben Zeit gestorben, als bei mir

die Angstgefühle oder Herzbeklemmungen aufgetreten

waren (Löningen).

i.

Auf dem alten Schlosse Hopen bei Lohne befand sich

bislang ein Ahnensaal mit den Bildern früherer Besitzer

oder deren Abkömmlinge, darunter das Bildnis

einer Nonne in der Tracht der Cisterzienserinnen.

Eines Abends erhält der Bewohner des Schlosses Besuch

von einem Amtmann von Schüttorf. Dieser

bleibt die Nacht über im Schlosse. Mitten in der

Nacht öffnet sich plötzlich die Türe seines Schlafzimmers,

eine Nonne in weißem Habit tritt herein, kommt

an das Bett des Fremden, beugt sich über ihn und ist

gleich darauf verschwunden. Am andern Morgen führt

der Schloßbewohner seinen Gast durch das Haus und

zeigt ihm auch den Ahnensaal. Als der Amtmann das

Bild der Nonne erblickt, erstaunt er, tritt einen Schritt

zurück und sagt: Diese ist mir in der Nacht erschienen.

Ob etwas darauf erfolgt ist, hört man nicht. Nieberding

bemerkt am Schlusse seiner Beschreibung des

Gutes Hopen (Gesch. des Niederstifts Münster II,

464): »Es war früher die Sage auf diesem Gute von

einer weißen Frau, deren Erscheinen in den Gängen

des Hauses den baldigen Tod eines Gliedes der Familie

ankündigte.«

k.

Vor 20 Jahren stand ich als Lehrer in A. Eines Nachts

hatte ich einen Traum; danach befand ich mich in der

Schule und unterrichtete. Plötzlich wird an die Türe

geklopft und auf das Herein erscheint ein stattlicher

Herr im tadellosen Reiseanzuge, stellt sich als Landsmann

vor und fängt an, von der Heimat allerlei interessantes

zu erzählen. Mitten in seinen Schilderungen

wache ich auf und bin überrascht, daß alles nur ein

Traum gewesen ist. Einige Stunden später stehe ich in

der Schule inmitten der Kinder. Auf einmal machen

mich diese darauf aufmerksam, daß geklopft sei, ich

gehe hinaus und stehe einem mir unbekannten Herrn

aber demselben gegenüber, mit dem ich mich im

Traume lebhaft unterhalten hatte. Mein Erstaunen

wuchs, als derselbe mir die Hand zum Gruße bot und

mich Nachbar nannte. Ich erfuhr dann, daß er aus

meinem Heimatsdorf stammte, kurz nach 1870, als

ich erst einige Jahre zählte, bereits die Heimat verlassen

und in Metz eine einträgliche Stellung beim

Hauptzollamte gefunden habe. Da er in all den Jahren

die Heimat nicht gesehen, habe ihn eine unwiederstehliche

Macht dahin gezogen, und so sei er denn

jetzt dahin aufgebrochen und habe bei dieser Gelegenheit

von mir und meiner Anstellung in A. erfahren. Da

sein Rückweg ihn über A. führte, habe er mir seinen

Besuch abstatten wollen. – Wie kam ich nun zu dem

Traum? Ich wußte kaum etwas von der Existenz meines

Besuchers, der schon, als ich noch Kind war,

unser Dorf verlassen hatte. Seine Reise in die Heimat

war mir vollständig unbekannt geblieben. Ich weiß

auch nicht, daß ich v o r meinem Traum an ähnliches

gedacht hatte. Freilich war ich zu der Zeit sehr nervös,

was die Sache einigermaßen erklärlich machen

dürfte. (1907 berichtet).

l.

»Da muß ich Ihnen doch mal etwas merkwürdiges erzählen,

was mir passiert ist. Es war am 28. Okt.

1906. Ich hantierte morgens in der Küche, als ich unsern

abgeschlossenen Korridor mit einem ganz fremdartigen

rötlichen Lichte erleuchtet sah. Wir haben im

Hause nur das bleiche elektrische Licht. Ich sah dann

im Korridor einen Mann in unsere Schlafstube gehen;

sein Gesicht konnte ich nicht erkennen. Ich dachte an

meinen Mann, der noch nicht aufgestanden war.

Damit war das Licht auch alsbald verschwunden. Ich

ging in die Schlafstube zu meinem Mann und fragte:

›Bist du eben auf dem Korridor gewesen?‹ Er verneinte

es. ›Hast du gemerkt, daß jemand vom Korridor in

unsere Schlafstube gekommen ist?‹ Auch das verneinte

er. Ich ging mit eigenartigen Gedanken zurück und

sah nach der Uhr; es war etwa 7 Uhr morgens. – Bald

nachher erhielten wir die Nachricht von dem Tode

meines Schwiegervaters. Er hatte am 28. Okt. morgens

die Besinnung verloren, und am selben Tage

abends war er gestorben.«

So erzählte mir Frau B. aus Berlin, eine kerngesunde,

lebhafte Person, deren Mann aus dem südlichen

Oldenburg stammt. »Sie haben derartiges wohl schon

mehr erlebt?« fragte ich sie. »Noch niemals.« »Dann

haben sie sich in den Tagen vorher in Gedanken wohl

viel mit Ihrem Schwiegervater beschäftigt?« »Nein,

gar nicht; mein Schwiegervater hielt ein großes Stück

auf mich, ober in jener Zeit war mein ganzes Denken

und Trachten lebhaft von ganz anderen Dingen in Anspruch

genommen« (Essen).


Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg - 991 Seiten

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