Читать книгу Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg - 991 Seiten - Ludwig Strackerjan - Страница 9
Kapitel 7
Оглавление160.
Die spukhafte Erscheinung von Licht und Feuer hat
ihre feststehende Bedeutung. Ein kleines weißliches
oder bläuliches Flämmchen bedeutet einen Todesfall.
Wenn man auf der Bettdecke eines Kranken zur linken
Hand ein kleines Flämmchen sieht, wenn es auf
der Brust eines auch scheinbar gesunden Schläfers,
wenn es selbst im leeren Alkoven sich zeigt, so weiß
man Bescheid; der Kranke, der Schläfer, der gewöhnliche
Inhaber des Alkovens ist fege, dem Tode geweiht.
Sieht man ein Licht auf der Diele, so wird dort
jemand sterben; sieht man es auf dem Wasser, so muß
dort jemand ertrinken. Wird jemand verunglücken
(durch ertrinken, erschießen usw.) so sieht man vorher
ein Licht sich bewegen auf dem Wege, den der Ertrinkende
usw. zum Unglücksorte nehmen wird, oder auf
dem nachher der Verunglückte nach Hause transportiert
wird (Westerburg). Sieht man einen Feuerfunken
vom Hausgiebel fallen, so stirbt eine Hauptperson des
Hauses; überhaupt jede Lichterscheinung am Dache
sagt den Tod eines Hausgenossen voraus. Ist aber
eine Lichterscheinung hellglänzend und rot, so bedeutet
sie gutes, und wenn sie gar hüpfend sich bewegt,
so ist es ein Brautwagen, oder wie es in Holle heißt:
ein Totenlicht zieht langsam und ruhig dahin, ein
Licht, das auf eine Hochzeit hindeutet, hüpft und
tanzt. (Vgl. 26). Ein Licht auf Fahr- und Fußwegen,
das sich fortbewegt, deutet in katholischen Gegenden
meist auf einen Versehgang hin (Bringen der Sterbesakramente
zu einem Kranken, wozu immer ein Licht
in einer Laterne mitgenommen werden muß).
a.
Ein Knecht in Jeverland war nach einem anderen
Dorfe gewesen. Auf dem Rückwege stieß ein helles
Licht zu ihm. Er lief weg, aber das Licht verfolgte ihn
stets. Als er zu Hause ankam, erzählte er das Begegnis,
ward aber von dem Bauern tüchtig ausgelacht.
Der Knecht legte sich zu Bette und am anderen Morgen
war er tot.
b.
In Wardenburg kam einmal abends im Finstern ein
Schmied mit seinen Gesellen aus der Werkstatt, um
ins Haus zu gehen, weil es Feierabend war. Als sie
nun vor den im Unterschlage des Hauses befindlichen
Fenstern waren, bemerkte der Meister durch dieselben
auf der Hausdiele unweit des Herdfeuers ungefähr in
der Höhe eines Stuhles ein kleines, zitterndes, dem
Verlöschen nahes Flämmchen. Er blieb stehen, sah es
genau an, merkte sich die Stelle und zeigte auch den
Gesellen die Erscheinung. Dann gingen alle hinein. In
der Stube fragte der Schmied die Hausgenossen, ob
soeben jemand draußen auf der Diele gewesen sei,
aber sie verneinten es. Kurze Zeit darauf wurde das
Kleinste der Familie sterbenskrank und rang mit dem
Tode, konnte aber gar nicht zum Sterben kommen.
Die Mutter trug es auf dem Arme im Haus umher, um
ihm frische Luft und Linderung zu verschaffen, aber
alles umsonst. Da fiel dem Vater das Flämmchen von
letzthin ein. Er nahm einen Stuhl, stellte den an die
ihm bekannte Stelle und bat die Mutter, sich doch einmal
mit dem Kranken dorthin zu setzen. Sie tat es,
und sofort ward das Kind ruhig und war nach einigen
Augenblicken verschieden.
c.
Vor mehreren Jahren sah man auf der Chaussee in
Tweelbäke ein Licht auf- und niederhüpfen. Nicht
lange nachher kamen auf derselben Stelle zwei Kinder
um. Sie waren in das Schiff eines stillstehenden
Frachtwagens gekrochen und eingeschlafen. Als der
Fuhrmann, welcher die Kinder nicht bemerkt hatte,
weiter fuhr, wachten die Kinder auf und wollten aus
dem Schiffe steigen, gerieten dabei aber unter die
Räder und wurden jämmerlich zu Tode gequetscht.
d.
Als einmal jemand in der Lethe ertrunken war, und
seine Leiche nicht aufgefunden werden konnte, gab
ein Tischler die Stelle an, wo sie sich befand. Er hatte
dort früher wiederholt ein Licht brennen sehen. – Auf
einem Graben unweit der Bokler Bug sah man öfter
ein bläuliches Licht. Dies war schon mehrmals beobachtet,
als ein Anwohner am hellen Tage auch das Rasteder
Amt nach jener Stelle fahren und dieselbe besichtigen
sah. Doch kaum war dies geschehen und der
Wagen wieder bestiegen, als alles vor seinen Augen
verschwand. Etwa acht Tage darauf verunglückte hier
ein Mann, und das Amt kam wirklich zur Besichtigung.
Vgl. 545 a.
e.
In einem Hause zu Absen war einst ein Fremder. Derselbe
ging aus dem Hause und kam bald nachher blaß
vor Schrecken wieder hinein. Nach der Ursache seines
Schreckens gefragt, antwortete er anfangs ausweichend;
auf weiteres Zudringen gestand er aber endlich,
er habe draußen eine Erscheinung gehabt und
wisse nun, daß bald in diesem Hause jemand sterben
müsse. Er habe unter dem Dache (unter der Oese)
einen Stern gesehen, der allmählich größer geworden
sei, das deute auf den Tod eines Erwachsenen; sei ein
Kind gemeint gewesen, so würde der Stern nach und
nach kleiner geworden sein. Bald darauf starb der
Hauswirt selbst.
f.
Ich war 13 Jahre alt, meine Schwester, die an einer
schleichenden Krankheit litt, 12 Jahre. Wir schliefen
mit den Eltern in einer Kammer, meine Schwester bei
meiner Mutter, ich beim Vater, die Betten standen nebeneinander,
durch einen meterbreiten Gang von einander
getrennt. Eines Tages erzählte meine Mutter
dem Vater, sie habe verschiedentlich auf der Stelle,
wo er schliefe, ein Licht brennen sehen, er möge doch
vorsichtig sein, sie habe große Angst für sein Leben.
Ich merkte, daß die Nachricht dem Vater nicht angenehm
war, aber er schwieg dazu. Unterdeß ging es mit
der Gesundheit meiner Schwester immer mehr abwärts,
sie spielte und ging noch umher, aber ihr Zustand
ließ es doch rätlich erscheinen, mich auszuquartieren,
ich mußte fortan in einer Nebenkammer schlafen.
Eines Nachts wurde ich geweckt, die Kranke
hatte nach mir verlangt. Wie der Blitz fuhr ich aus
dem Bett und stand bald darauf am Lager der Schwester.
Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und rief
meinen Namen, dann legte sie sich zurück. Nach einer
Weile sagte sie: »Nun legt mich in Papas Bett, da
liege ich besser.« Kaum war sie dort gebettet, gab sie
ihren Geist auf. Dort, wo sie ihr Köpfchen im Sterben
neigte, hatte meine Mutter das Licht brennen sehen.
(Vechta.)
g.
Die nachfolgende sehr alte symbolische Vision
schließt sich wohl hier am passendsten an. Sie ist entnommen
einer Aufzeichnung aus der zweiten Hälfte
des vierzehnten Jahrh., welche sich in der Handschrift
der ältesten Chronik des Klosters Rastede findet. Der
oldenburgische Graf, von welchem die Vision handelt,
ist vermutlich Konrad I., der Gründer des oldenburgischen
Stadtrechts, der Schreiber ist ein Angehöriger
des Klosters Rastede. – Es war einmal zu Oldenburg
ein Graf, welcher durch seine Vögte den Bauern
dieser Kirche sowohl in Stedingen als im Ammerlande
gar manche Unbill zufügte. Auch säete er den
Samen der Zwietracht zwischen Abt und Brüdern,
ließ die Brüder, welche für den Nutzen und die Ehre
der Kirche arbeiteten, gefangen setzen, und ging
damit um, den Bauern Geld abzupressen. Und obwohl
er von seinen vertrauten und getreuen Freunden öfter
ermahnt wurde, abzustehen, gab er in seinem verstockten
Gemüt seine Absicht doch nicht auf. Daher
erbarmte sich die heilige Mutter Gottes, welche in
allen Gefahren die getreueste Trösterin ist, der Diener
dieses Ortes und beschwichtigte die Gewalttätigkeit
des gedachten Grafen in solcher Art. – Es trug sich
nämlich zu, daß ein frommer Priester, der aber nicht
dieses Ortes war, zeitiger als gewöhnlich aufstand
und seiner Andacht halber in die Kirche ging und dort
vor Tagesanbruch seine Morgengebete sprach. Nach
dem »Herr Gott dich loben wir« hielt er inne und verfiel
auf seinem Sitze vor dem Altare in ein Sinnen.
Wie er nun so da saß und über verschiedenes nachdachte,
sah er drei Brüder unseres Klosters, die längst
verstorben waren, in ihren Kapuzen herbeikommen,
die stellten sich vor ihn und grüßten ihn bei Namen.
Weil er aber allein war in der Kirche und wußte, daß
jene längst tot waren, geriet er in nicht geringe Bestürzung.
Nun sah er an der anderen Seite eben jenen
Grafen, mit köstlichen Kleidern angetan, auf einem
Sessel neben dem Altare sitzen. Derselbe war umgürtet
mit einem köstlichen Gürtel, und recht vor der
Brust, wo der Gürtel geschlossen wurde, hatte er
einen überaus köstlichen Stein, von dessen Glanze die
ganze Kirche erleuchtet wurde. – Die Brüder schritten
ehrerbietig und demütig vor den Altar, und einer von
ihnen redete das Bildnis der heiligen Jungfrau, welches
auf dem Altare stand, folgendermaßen an: »O
Maria, die du bist die Mutter der Barmherzigkeit und
die beständigste Helferin in aller Not, dir und deinem
Sohne klage ich in der Bitternis meines Herzens und
im Schmerze, daß jener Graf da unser Kloster in allen
Dingen stört und hindert.« Der zweite Bruder aber
sprach so: »O, Maria, Königin des Himmels und über
alle Chöre der Engel wunderbar erhöht, dir klage ich,
daß jener Graf unser Kloster in vielen Dingen geschädigt
hat.« Der dritte Bruder aber sagte: »O Maria, die
du aus deinem Schoße geboren, den alle Kreatur
fürchtet, der Himmel und Erde und alles, was darinnen
ist, geschaffen hat, dir klage ich, daß jener Graf
da unser Kloster, das deinem Dienste und deiner Ehre
bestimmt ist, also hindert und schädigt, daß es in kurzem,
wenn nicht die Hand deiner Barmherzigkeit
Hülfe bringt, vernichtet und zerstört werden muß.«
Und das Bildnis antwortete und sprach also: »Ich will
dieses Grafen Bosheit strafen!« Und es stieg von dem
Altar, riß mit Heftigkeit jenen köstlichen Edelstein
von der Brust des Grafen und schleuderte ihn auf das
Pflaster der Kirche, daß er in tausend Stücke zersprang.
Darob erhob sich der Graf; sein Antlitz wurde
sofort schwarz und schauderhaft, und mit lautem
Schrei und jämmerlichen Klagen schritt er aus der
Kirche. Das Bildnis aber kehrte zurück und stellte
sich auf den Altar. Hierauf verneigten die drei Brüder
sich tief, sprachen demütig ihren Dank aus und schritten
aus der Kirche, und nach ihrem Weggange schlugen
die Türen der Kirche zu. – Der fromme Priester
aber, welcher dies alles hörte und mit körperlichen
Augen ansah, wurde in die größte Angst versetzt.
Jener Graf aber fing sofort an zu kränkeln und ging
binnen vierzehn Tagen in Raserei aus dieser Welt,
ohne über das Heil seiner Seele irgend eine Bestimmung
zu treffen. – Es hat uns jener Priester bei dem
Leibe Christi, den er oft in seinen Händen getragen,
geschworen, daß er dies alles, wie es niedergeschrieben
ist, gesehen und gehört hat. Jene drei Mönche
aber, welche die Klagen über den Grafen vorbrachten,
waren fromme und gottesfürchtige Männer gewesen
und hatten in diesem Leben der heiligen Jungfrau mit
großer Demut in diesem Kloster gedient. Und Gott
weiß, daß wir alle ihr Leben kennen, dieweil sie in
jedem guten Werke eifrige und treue Diener Gottes
waren.
h.
Eines Abends sieht mein Vater durch das offene Fenster
ins Freie. Plötzlich sagt er: »Was ist das, ein
Licht kommt den Weg herunter, gerade auf unser
Haus zu?« Gleich darauf war der Lichtschein verschwunden.
Es war damals noch nicht Sitte, die
Wagen mit Lichtern zu versehen, und fremde Kutschen,
die Lichter führten, kamen des Weges nicht.
Einige Tage darauf wurde die Frau des Nachbars versehen
und der Wagen mit dem Geistlichen und dem
Lichte nahm die Richtung, die kurz vorher das Spuklicht
genommen hatte (Goldenstedt).
i.
In der Aue hat man ein Licht brennen sehen. Es wird
dort ein Kind ertrinken und eine Frau im rotem Rock
hinlaufen, um das Kind zu retten (Bösel).
161.
Sieht man auf dem Felde an der Erde ein Feuer, so
wird an dieser Stelle ein Haus gebaut werden. Einige
sagen, es sei schlichtweg das künftige Herdfeuer, und
würde es alsdann dem gewöhnlichen Vorlaufe angehören.
Wenn man ein Haus spukweise hell brennen
sieht, so muß man die Wände befühlen. Sind diese
kalt, so bedeutet es einen Todesfall im Hause, und
zwar vermutlich für den Hausherrn oder doch die
Hausfrau, oder aber (Vechta) im Hause dessen, welcher
den Spuk erblickt. Einige fügen hinzu, daß der
Todesfall in neun Tagen eintreten werde. Andere dagegen
wollen behaupten, ein Haus, das hell und weiß
aussehe, und sich kalt anfühle, deute auf eine Hochzeit
hin. Findet man aber die Wände des brennenden
Hauses warm, so ist das Feuer ein Vorspuk der gewöhnlichen
Art: das Haus wird abbrennen. Durch das
Jahrgebet in der Kirche kann der Brand auf 10, längstens
auf 100 Jahre hinausgeschoben werden (Münsterland).
– Hört man des Nachts Wasser im Zimmer
rieseln, so deutet dies entweder auf die Geburt eines
Kindes oder auf einen Todesfall (Kimmen). – Wenn
in einem Hause, wo ein Kranker liegt, man nachts
eine Tür sich öffnen hört, muß der Kranke sterben.
a.
Der frühere Amtmann Schilgen zu Vörden sah zur
französischen Zeit, als er eines Abends nach Hause
ritt, in weiter Entfernung abseiten des Weges ein
Feuer im Walde. In der Meinung, es könnten Kosakken
dort wider alle Ordnung sich ein Feuer angemacht
haben, um ihre Lanzenschäfte, wie sie zu tun pflegten,
über demselben zu schwärzen, ritt der eifrige Beamte
auf die Stelle zu, um dem Unfug zu steuern. Doch als
er an den Platz kam, fand er nichts. Viele Jahre nachher
legte er selbst an dem Wege nach Damme ein Kolonat
an, und das Haus kam gerade auf der Stelle zu
stehen, wo er jenes Feuer vorhergesehen hatte.
b.
Ende August 1902 gingen am frühen Morgen zwei
Männer den Kämpe-Weg. Sie hatten ungefähr die
Hälfte des Weges zurückgelegt, da sehen beide zu
gleicher Zeit, daß in nordöstlicher Richtung eine Feuersäule
langsam emporsteigt und sich dann langsam
wieder senkt. Das ist Vorgeschichte, sagte der eine
zum andern. In der Richtung des Feuerscheins lag das
Haus des Joh. E. Mehrenkamp, welches Ende September
ein Raub der Flammen wurde. (Altenoythe.)
c.
Als im Jahre 1867 eines Tages gegen Mittag die Kinder
aus der Schule zu Rüschendorf kamen, rief plötzlich
wohl ein Dutzend derselben: Bäumers Hus dat
brennt, Bäumers Hus dat brennt! Die Leute liefen auf
die Straße, sahen aber nichts. Acht Tage nachher, um
12 Uhr mittags, stand das Haus in Flammen.
(Damme.)
d.
»Der Blitz war in einen Stall gefahren und hatte gezündet.
Der Nachbar des Stalles war in Gefahr und
ich lief hin, um zu helfen. Ich traf die Frau beim Einpacken.
Der Mann derselben redete auf sie ein: ›Laß
alles nur stehen, ich habe den Brand längst gesehen,
er geht nicht weiter.‹ Und so geschah es. Der Stall
brannte ab, die Nachbarhäuser blieben verschont. Ich
war erstaunt gewesen über die Rede des vom Feuer
Bedrohten und erzählte das Gehörte beim Fortgehen
einem Schuhmacher, der ebenfalls zur Hilfeleistung
herbeigeeilt war. ›Der C.,‹ entgegnete dieser, ›versteht
das Schichtkieken, auf den kann man sich verlassen.‹
Und er erzählte folgende Geschichte: ›Ich hatte einen
Gesellen, der plötzlich erkrankte. Gelegentlich traf ich
mit C. zusammen und teilte ihm mit: ich wäre durch
die Erkrankung des jungen Mannes in große Verlegenheit
gekommen, hoffe aber, daß er bald wieder
hergestellt sei. »Der kommt nicht durch,« erwiderte
C., »ich habe seinen Leichenzug gesehen. Und hinter
der Leiche wird ein Mann gehen, dem ein rotes Taschentuch
aus der Rocktasche hängt.« Richtig kam es
zum Sterben bei meinem Gesellen, und beim Begräbnis
suchte ich, so gut es ging, Träger und Leidtragende
dahin zu bereden, daß sie ihre Taschentücher gut
wegsteckten. Da kommt plötzlich, als wir mit der Leiche
schon unterwegs sind, ein Verwandter des Verstorbenen
aus Harpstedt, schließt sich dem Zuge an,
und alle können sehen, wie ihm sein rotes Taschentuch
aus der Tasche baumelt. C. war übrigens ein
alter guter Mann, der für seine Frau und zwei Töchter
prächtig sorgte.‹« (Wildeshausen.)
e.
Mein in Vechta ansässiger Großvater bemerkte eines
Abends einen Feuerschein in der Richtung nach Lutten.
Da er ein Gehöft in Lutten besaß, begab er sich
auf den Weg nach Oythe; seinen jüngsten 15jährigen
Sohn nahm er mit sich. Auf der Oyther Straße glaubte
er die Wahrnehmung zu machen, daß das Feuer auf
seinem Gehöft oder in unmittelbarer Nähe desselben
wüte und beschloß hinzugehen. Als sie der Brandstätte
ziemlich nahe gekommen waren, konnten sie durch
einen Busch, der sie von dem brennenden Hause
trennte, die Flammen zum Himmel emporschlagen
sehen. Gleich darauf, nachdem sie das Gehölz durchquert
hatten, sahen sie deutlich das Nachbarhaus von
Großvaters Besitztum in Flammen stehen, aber nirgends
war ein Mensch zu erblicken, der retten oder
löschen wollte. Mit den Worten: die verbrennen ja
samt und sonders, setzten sich beide in Laufschritt,
immer das brennende Haus vor sich sehend. Sie sahen
es noch brennen, als sie bis auf 50 Schritte herangekommen
waren. Da auf einmal, sie sind schon ganz
nahe der Brandstätte, ist aller Feuerschein verschwunden,
das Haus steht schwarz und kalt da. – Einige
Jahre später brannte das Haus ab, die Einwohner retteten
nur das nackte Leben. (Vechta.) (Wie Feuer-
scheine entstehen, zeigte eine Begebenheit in Oythe
im Winter 1907. Eines Morgens wurden dort die
Notglocken gezogen. Leute, welche in der Kirche
sind, stürzen heraus und fragen: Wo brennts? Auf
dem Stoppelmarkt! ist die Antwort. Gleich darauf
löste sich alles in Wohlgefallen auf. Die aufgehende
Sonne hatte die Fenster eines Hauses auf dem Stoppelmarkt
rot gefärbt und so einen Brand ohne Rauch
erzeugt. Die Allarmrufer brauchten fortan für den
Spott nicht zu sorgen.)
f.
Mein Vater hatte die Gewohnheit, kurz vor dem Zubettgehen
einen Augenblick vor die Tür zu treten und
frische Luft zu schöpfen. Eines Abends tritt er aus
dem Hause und sieht das K.sche Haus, das durch eine
große tief liegende Wiese von unserer Wohnung (jetzt
Brenner Kröger) getrennt war, in vollen Flammen stehen.
Er eilt zurück, schnallt seinen Säbel um (er war
Gendarm) und eilt nach der Brandstätte. Als er am
Platze anlangt, ist alles ruhig, kein Feuer zu sehen.
Ein oder einige Jahre später brannte das K.sche Haus
ab. (Goldenstedt.)
162.
Bei allem Vorspuk ist es Regel, daß die abends gesehene
Vorgeschichte früh in Erfüllung geht, um so früher,
je näher die Mitternachtsstunde ist, die morgens
gesehene spät und desto später, je später nach Mitternacht
sie vorgeschieht. Andere sagen, es komme darauf
an, ob sie früh oder spät in der Stunde geschehe;
je später sie geschehe, desto früher gehe sie in Erfüllung,
doch schwanken die Angaben. Seltener aber
dann übereinstimmend hört man, daß eine kleine Erscheinung
auf eine späte Erfüllung hindeutet; je weiter
die Erfüllung noch entfernt ist, desto kleiner sieht
man die Menschen, oder was sich sonst zeigt, und
immer größer bis zur natürlichen Größe, je näher das
Ereignis bevorsteht. Im allgemeinen kann aber der
Spuk-Sehende die Zeit dadurch feststellen, daß er auf
die begleitenden Nebenumstände merkt, z.B. das Dorf
wird brennen, wenn der Roggen in Hocken steht, oder
im schlimmeren Falle, wenn die Düngerhaufen auf
dem Acker liegen, also das Getreide soeben eingeheimst
ist.
Vgl. 158o.
a.
Zu einer Frau in Neuenkirchen kam einst die alte
Anne Mette. »Wo geit et, Anne Mette?« O all god,
ähr Vatter läwet düt Jahr noch. »Wo meenst du dat?«
Ja, ick heww et woll sehen, de Lichter bi em weren
noch gans kört. Das heißt vermutlich: auf dem Sarge,
den sie spukweise gesehen hatte.
b.
In einem Hause zu Neuenkirchen war vor etwa 30
Jahren eine Frau, namens Anne Mette, zur Arbeit. Da
sagt sie auf einmal: »Wat is dat? wat is dat? dat is ja
kurios, ick seh wat!« »Wat süst du denn? dar is jo
nicks!« »Ja, ick seh wat, man ick kannt hüte noch
nich seggen.« Am andern Tage sagte sie, sie habe ein
Leiche aus dem Hause tragen sehen, hinter der nur ein
Mann, Meyer, gefolgt sei. Niemand wußte sich zu erklären,
wessen Tod das bedeuten könne, da in Neuenkirchen
allemal das ganze Dorf die Leichen zu Grabe
geleitet. Anne Mette erklärte aber, es werde noch
nicht so bald kommen, was sie vorhergesehen habe,
da sie das Gesicht erst am Nachmittage gehabt habe.
Nach etwa 3 Jahren stirbt in jenem Hause ein fremder
Kaufmann, und siehe da, es folgte der Leiche niemand
als ein Handelsfreund, jener Meyer.
c.
Im Klosterhof Lindern diente vor etwa 100 Jahren ein
Kuhhirt, namens Hinrich Carstens, welcher erzählte,
daß er im Linderner Busche eine große Anzahl Menschen
gesehen, welche erst einen Fuß groß waren,
unter ihnen Frauen mit weißen Mützen. Der Kamp
vor dem Hause habe voll Kanonen und Pulverwagen
gestanden, und ins Haus sei eine Kutsche mit 4 Pferden
gefahren. Man meint, daß nochmal in ferner Zeit
bei schweren Kriegsläuften die Leute aus Grabstede
in den Busch flüchten müssen, dann auch der Kamp
voll Kanonen und Pulverwagen stehen und der Anführer
in Lindern sein Quartier haben werde.
163.
Einem jeden kann es gelegentlich vorkommen, daß er
Vorspuk von einer der verschiedenen Arten wahrnimmt,
aber es gibt auch eine besondere Gabe, Vorspuk
zu sehen, Schicht to kieken, wie der plattdeutsche
Ausdruck lautet. Allgemein findet sich diese
Gabe bei gewissen Tieren. Der H u n d ist spuksichtig
und sieht jeden Leichenzug im voraus. Dann setzt
er sich hin, blickt dorthin, woher der spukende Leichenzug
kommt, und fängt an zu heulen. Wer darauf
achtet, weiß daher, ob und aus welcher Gegend ein
Leichenzug zu erwarten ist. Besonders gern setzt sich
ein spuksichtiger Hund auf Kreuzwegen. Die gleiche
Gabe hat das P f e r d ; es sieht Leichen- aber auch
Hochzeitszüge. Wenn das Pferd seine Nüstern aufbläst,
die Mähne sträubt, den Kopf hin- und herwirft,
die Ohren spitzt und schnaubt und wiehert, dann ist es
nicht richtig; es sieht einen Leichenzug. Wenn es mit
den Ohren klappt, so kommt es an einen Hochzeitswagen;
wenn es sich im Geschirre schüttelt, an einen
Leichenwagen (Visbek). Wenn es an einer Person im
Hause nicht vorbei will, so wird jene Person oder ein
Bewohner des Hauses bald sterben. Wenn es am
Weihnachtsmorgen im Stall schwitzt, ohne doch Arbeit
getan zu haben, so kommt es bald an einen Lei-
chenwagen. Auch E u l e n , E l s t e r n , K r ä h e n
und andere Vögel scheinen Spuk sehen zu können; indessen
neigt sich der allgemeine Glaube mehr und
mehr dahin, bei diesen Vögeln nicht sowohl
Vorspuksgesichte anzunehmen, sondern mehr eine
überaus scharfe Witterung, die an kranken und selbst
gesunden Menschen den künftigen Leichengeruch bereits
spürt. In gewissem Maße gilt dies freilich auch
von Hunden und Pferden, und wir haben alle spuksehenden
Tiere daher auch bei den Vorbedeutungen, wo
lediglich aus dem Benehmen der Tiere auf die Zukunft
geschlossen wird, ohne ihnen eigentliche Weissagung
beizulegen, bereits aufgeführt.
Vgl. 5 und 11.
a.
Der Wirt in Ganderkesee hatte einen Hund, welcher
als »Totenhund« gefürchtet war. In welchem Hause
jemand schwer krank lag, erschien kurz vor dessen
Tode jener Hund, kam bis an den Feuerherd oder sah,
wenn die Stubentür offen stand, in dieselbe hinein
und ging dann schweigend wieder weg. – Vor reichlich
50 Jahren bemerkte man in Cloppenburg, daß ein
Hund wiederholt auf eine Brücke ging, sich dort setzte
und furchtbar zu heulen anfing. Man versuchte vergeblich,
ihn von dort zu vertreiben, aber selbst dem
Eigentümer des Hundes war dies unmöglich, er mochte
anfangen, was er wollte. Acht Tage lang mochte der
Hund ab und zu und immer in derselben Stellung dort
sich aufgehalten haben, als der Apotheker der Stadt
starb. Von da an war der Hund ruhig. (6).
b.
Ein Landmann aus dem Kirchspiel Wiarden fuhr mit
seiner Schwester und einer Nichte zu Schlitten aus
nach Minsen, um die Pastorenfamilie zu besuchen.
Die beiden Mädchen waren mit den Pastorentöchtern
lustig, schwatzten, lachten und musizierten. Der Pastor
ging mit dem Landmanne in den Krug. Gegen 10
Uhr abends wurde wieder vorgespannt, und der Landmann
wählte von der Pastorei aus einen anderen Weg,
als auf dem er gekommen war, der aber bald wieder
mit diesem, der eigentlichen Landstraße, zusammenläuft.
Kaum ist er auf dem neuen Wege eine Strecke
gefahren, so fangen die Pferde an zu stutzen und wollen
nicht aus der Stelle, sonst fromme Pferde. Der
Kutscher steigt ab, faßt die Pferde am Zügel und
bringt so das Fahrzeug ein paar Schritte weiter; wenn
er sich aber aufsetzt, gehts mit den Pferden wieder
nach der alten Weise. Krugleute kommen dazu und
helfen; die Pferde sind aber kaum aus der Stelle zu
bringen. Als sie endlich mit Mühe und Not die eigentliche
Landstraße erreichen, geht es mit einem Male
flott weiter, und bald sind sie zu Hause; doch ist es 2
Uhr geworden über eine Entfernung, die ein Fußgänger
in einer Sunde zurücklegt. – Einige Zeit darauf
verunglückten sieben Schiffer im Horummersiel, die
in einer Jölle auf der Jade fuhren und mit ihren Fahrzeug
umschlugen. Die am Minser Deich angetriebenen
Leichen wurden alle an einem Tage begraben,
und die sieben Wagen mit den Leichen fuhren auf
demselben Wege in das Dorf ein, auf welchem der
Landmann kurz vorher das nächtliche Abenteuer mit
den Pferden gehabt hatte, und man konnte sich das
Abenteuer nunmehr leicht erklären; die Pferde hatten
den Leichenzug gesehen.
c.
Eines Tages fahren Leute aus Goldenstedt, darunter
der als Spökenkieker bekannte S., von Kleinenkneten
nach Hause. Plötzlich bleiben die Pferde stehen, bäumen
sich auf und wollen nicht weiter. S. sagt, man
solle einen Augenblick warten, die Gäule würden sich
bald beruhigen. Als nach einigen Minuten die Pferde
sich wieder in Trab setzten und alle Unruhe vermissen
ließen, bemerkte S., man wäre vorhin einem Leichenwagen
begegnet. Gleich darauf starb dort der Zeller L.
und der Leichenwagen nahm den Weg, den S. und die
anderen benutzt hatten.
Vgl. 158 p.
164.
Was Hund, Pferd und einige Vögel von Natur können,
muß der M e n s c h sich erst aneignen; nur ganz
ausnahmsweise ist es ihm angeboren. Der Mensch
wird spuksichtig, wenn er einem Hunde, einem Pferde
in dem Augenblicke, wo das Tier Spuk sieht, oder
(Holle) dem Pferde, wenn es vor einem Leichenwagen
geht, von hinten her zwischen die Ohren durchblickt,
oder (Jeverl.) wenn er überhaupt einem Hunde über
das linke Ohr, aber in der Mitternachtsstunde, wegsieht,
oder (Schwei) wenn er dem spuksehenden
Hunde von hintenher zwischen die Ohren hindurch
sieht, und ihn zugleich auf den Schwanz tritt, oder
(Holle) einem spuksehenden Hunde zwischen die
Vorderpfoten durchsieht, oder (Oldenbg.) wenn er auf
den heulenden Hund schießt. Ferner wenn er durch
die Augenlöcher eines gefundenen Todenkopfes sieht
(Oldenbg.), wenn er beim Auswerfen eines Grabes ein
Stück von einem Sarge, in welchem ein Nagel gesessen
hat, findet und durch das Nagelloch sieht
(Stedgn.), wenn er einem Leichenzuge durch eine Türritze
nachsieht (Cloppenbg.). Von Menschen endlich
lernt es der Mensch, wenn er einem, der Spuk sehen
kann, mit dem linken auf den rechten Fuß tritt und
ihm über die linke Schulter wegsieht – oder umge-
kehrt. Für einen einzelnen Fall soll man spuksichtig
werden, wenn man einem heulenden Hunde zwischen
die Ohren durchsieht, aber sofort wie man genug gesehen
hat, aufhört und gewisse Worte spricht und mit
gewissen Bewegungen begleitet (Cloppenbg.). Einige
behaupten (z.B. im Amte Wildeshausen), das zwischen
die Ohren-Durchsehen müsse nicht bei einem
Hunde, sondern bei einer Hündin geschehen.
a.
Ein Mann auf der Osternburg, der Spuk sehen mußte,
hatte immer einen Traum, als ob er einer Leiche folgen
müsse, wenn ein Leichenzug im Vorspuk sich
zeigte. Darum stand er auf und ging hinaus. Er hatte
die Gabe erhalten, weil er einen Hund tot geschossen,
der den Tod seines Vaters durch Heulen angekündet
hatte.
b.
Vor vielen Jahren lebte zu Rodenkirchen ein alter Totengräber,
der immer vorher sah und auch offen aussprach,
wann ein Leichenzug bevorstand und woher
er kommen mußte. Der Hauptprediger, gleichfalls ein
alter Mann, war schwankend, ob dem Totengräber
wirklich eine besondere Kraft vorherzusehen beiwohne,
und fragte denselben, ob er solchen Vorgang wohl
auch zu sehen bekommen könne. Der Totengräber bejahte
dies und versprach, dem Prediger Bescheid zu
geben, wenn wieder ein Leichenzug vorspuke. Bald
darauf rief eines Tages der Totengräber den Prediger
vom Mittagstisch heraus und sagte ihm, er möge sich
hinter ihn stellen und ihm über die linke Schulter weg
nach Mittenfelde sehen. Der Prediger tat dies und erblickte
einen Leichenwagen, der mit vier Pferden bespannt
von Mittenfelde kam und dem viele Wagen
folgten. Nahe bei Rodenkirchen hielt der Wagen eine
Weile stille. Dem Prediger war bekannt, daß zu der
Zeit die wenigen Bewohner von Mittenfelde sämtlich
gesund waren. Aber schon nach acht Tagen vernahm
er, daß ein Landmann zu Mittenfelde gestorben war,
und die Beerdigung desselben fand genau so statt, wie
er es vorher gesehen hatte. Voran der Leichenwagen
mit vier Pferden, dann genau so viel folgende Wagen,
wie er früher gezählt hatte, und selbst das auffallende
Haltmachen der Wagen nahe vor Rodenkirchen trat
ein: bei dem schlechten Wege war ein Führer des Leichenwagens
mit einem Beine unter den Wagen geraten.
165.
Wer Vorspuk sehen kann, ist ein unglückseliger
Mensch, denn er sieht den Spuk nicht nur, wenn er
will, sondern er muß ihn sehen, so oft derselbe
kommt. Sobald ein Vorspuk geschieht, bei Tage oder
bei Nacht, wird er gerufen, es läßt ihm keine Ruhe, er
muß hinaus aus dem Bette, aus dem Familienkreise,
aus der fröhlichen Gesellschaft und muß dorthin, wo
der Spuk geschieht, und das Unglück – denn Unglück
ist es in der Regel – sehen, das seinen Freunden oder
Nachbarn bevorsteht. Meistens ist es ein innerer unwiderstehlicher
Drang, der den Schichtkieker hinaustreibt,
aber es heißt auch, wer seinem Drange nicht
folge, empfange zuerst eine Ohrfeige und werde endlich,
wenn er auch diese Warnung unbeachtet lasse,
mit Ruten gewaltsam aus dem Bette getrieben
(Münsterld.). Und hat er den Spuk gesehen, so muß er
seine traurige Wissenschaft bei sich behalten und unbefangen
und mit vergnügtem Gesichte unter denen
herumwandeln, die er von einem schweren Schlage
nahe bedroht weiß; denn man soll solche Gesichte
nicht weiter erzählen, um die Leute nicht vor der Zeit
zu betrüben, und überhaupt, je weniger man von solchen
Dingen spricht, desto besser ist es, desto weniger
wird der Schichtige durch seine Gabe beunruhigt.
Die schichtigen Menschen werden von der fortwährenden
Aufregung ganz siech und schwinden hin, und
schon mancher hat die beunruhigende, ängstigende
Gabe mit einem frühen Tode büßen müssen. Einen
den es zum Sehen hinaustreibt, darf man auch nicht
etwa zurückhalten wollen, denn es nützt nichts, und
man vergrößert nur seine Qual. Meistens sind es die
Kreuzwege, zu welchen es den Schichtigen treibt (Oldenbg.).
Wer einmal spuksichtig ist, kann die Fähigkeit
nur los werden, wenn er sie auf einen anderen
überträgt, dadurch nämlich, daß er ihn verführt, auf
irgend eine Weise selbst das Sehen zu erlernen. Die
Uebertragung geschieht namentlich auch dadurch, daß
der Schichtige zugleich mit einem andern einem heulenden
Hunde zwischen die Ohren durchsieht, und
zwar so, daß der letztere hinten steht und dem ersteren
über die Schulter sieht. Vgl. auch 223 a, 208. Doch
sagt man im Münsterlande, daß auch besonders fromme
Geistliche die Gabe bannen können.
a.
In einem Wirtshause der Landgemeinde Oldenburg
diente eine Magd, welche mitunter des Nachts sich
ankleidete und aus der Haustür ging und nach einer
kleinen Weile wiederkam. Nachher erzählte sie dann
wohl, es werde nächstens ein Leichenzug vorüberkommen,
und dies traf immer ein. Als einst die Magd
wieder hinaus wollte, hielt das andere Mädchen sie
fest, worauf sie flehend bat, sie gehen zu lassen, und
sich loszureißen versuchte. Als sie endlich frei kam,
lief sie in aller Eile aus dem Hause und kehrte erst
nach geraumer Zeit fast atemlos zurück. Da bat sie
denn das andere Mädchen, sie künftig nicht wieder
fest zu halten, denn sie m ü s s e es sehen und habe
jetzt beinahe bis zum Kirchhofe laufen müssen, um
den Zug einzuholen. (Oldenburg, ganz ähnlich Bisbek).
– Auf dem Gerberhof bei Oldenburg lebte ein
Mann, den es gleichfalls des Nachts häufig hinaustrieb,
um Spuk zu sehen. Als er einmal ruhig in seinem
Bette schlief, banden seine Hausgenossen ihn mit
Stricken an die Bettstelle fest, indem sie hofften, ihn
so von seiner Plage zu befreien. Nicht lange hernach
wachte er auf und wollte aufstehen, und als er sich gebunden
fand, bat und flehte er, ihn loszumachen, und
arbeitete mit aller Kraft an den Stricken; zuletzt schrie
er so, daß man ihn endlich befreien mußte. Sofort
sprang er in bloßem Hemde aus dem Bette und aus
dem Hause und eilte nach Oldenburg und in der Richtung
auf den Kirchhof zu. Aber er kam zu spät, um
den Leichenzug, der vorspukte, noch zu sehen, und
fiel ohnmächtig auf dem Wege zur Erde. Eine halbe
Stunde nachher fanden ihn die Hausgenossen, die ihm
nachgelaufen waren, dort liegen und brachten ihn
mehr tot als lebendig nach Hause. Er ist nachher auch
lange krank gewesen, hat aber doch Spuk sehen müssen
nach wie vor.
b.
Ein junger Bursche in Cloppenburg war spuksichtig,
und namentlich kam in der ganzen Umgegend kein
Brand aus, den er nicht vorhergesehen hatte. Seine
Vorhersagungen trafen so sicher ein, und zugleich
mehrten sich die Feuersbrünste in dem Maße, daß
man endlich den Verdacht bekam, der Bursche möge
wohl die Brände selbst veranlassen, und ihn auf das
Landgericht kommen ließ. Allein der Bursche beteuerte
seine Unschuld, und es war ihm nichts anzuhaben.
Doch gab ihm der Landvogt den Rat, das Spuksehen
aufzugeben. »Wie gern!« erwiderte der Bursche,
»aber es ist nicht mein freier Wille, sondern ich
muß wohl und kann nicht anders davon frei kommen,
als wenn ein anderer es von mir annimmt. Willt Se,
Herr Landvagt, so träen Se mi man mitn rechten Fot
upp minen linken Fot un kiken äwer mine rechte
Schuller.« Damit trat er dem Landvogt einen Schritt
näher. Aber der Landvogt wich zurück, rief: »Drei
Schritt vom Leibe!« und entließ den Burschen schleunigst.
– Als mein Bruder (so erzählt ein Oldenburger)
halb erwachsen war, war er ein tollkühner unbesonnener
Bursche. Nun hatte er so viel von Vorspuk gehört,
daß er ihn auch einmal erleben wollte. Er ging darum
zum alten H. auf dem Gerberhofe, der ein Schichtkie-
ker war, und fragte, ob er ihn nicht auch einmal etwas
sehen lassen wolle. Der war gleich bereit und ging mit
ihm hinters Haus und sagte: »So, nun tritt nur mit deinem
rechten Fuß auf meinen linken und sieh nur über
die rechte Schulter weg nach der Chaussee zu.« Mein
Bruder hatte schon seinen rechten Fuß auf H's linken
Fuß gesetzt und wollte sich gerade in die Höhe heben,
um über die Schulter wegzugucken, als zum Glück einige
Leute vorbeikamen und den Vorgang bemerkten.
Sie rissen meinen Bruder sofort weg und machten den
alten H. tüchtig herunter, daß er ihn so unglücklich
habe machen wollen. Aber der alte H. hat sich wenig
daraus gemacht und hat gesagt: »Jeder ist sich selbst
der nächste.«
c.
Auf der Osternburg wohnte ein Mauermann, der mit
dem Spuksehen behaftet war, weil er einem heulenden
Hunde zwischen die Ohren durchgeguckt hatte. Jeden
Leichenzug sah er voraus, und viele, viele Nächte
mußte er aus dem Bette, um den Spuk anzuschauen.
Dagegen half auch nichts, selbst mit Gewalt konnte
man ihn nicht zurückhalten. Zwar waren seine nächtlichen
Gänge mitunter nützlich, denn mehrere Male
hat er Diebstähle verhindert; er selbst aber litt schwer
unter seiner Gabe, war stets trüben Sinnes und ging
immer mit gesenktem Kopfe. Endlich hat er aber seine
Erlösung gefunden, denn ein alter Mann, der auf dem
Sterbebette lag, hat ihm aus Mitleid das Sehen abgenommen,
indem er ihm über die Schulter sah.
d.
Na Hinnerk, wat hes du denn up'n Harten, frög der
Pastor enes Dages, as Hinnerk ganz verlägen bi üm
kamm: »O Herr Pastor, ick mag't bolle nich seggen,
man so kannt't ook nich wieder.« »Ja Hinnerk, was is
et denn? seggen mos du't all, wenn ick Roat gäwen
schall.« »Dat is mit de Vörgeschichten; dat bin ick nu
ja woll all gewennt, aber koddens mot ick rein to
foacken herut un dat bi nachtschlapen Tied, un wenn
ick dan'n Doenwoagen seih, off'n Hochtiedswoagen,
dann helpt dat nicks, ick mot na, bet ick wedder losloaten
weer. Un nu woll ick eis froagen, of Sei mi doar
nich ofhelpen könnt, dat ick nich mehr na bruke?«
»Ja, Hinnerk, dat mag wol goan, dat kump dar up an,
of du daun kannst un daun wußt, wat ick di tau Roae
gäwe. Wenn du nu dat nächste Moal wedder na moßd
un wedder loßloaten weßd, dann moßt du di ganz
genau de Fautstappen marken, wor du tauleste steihst,
aber ganz genau. Wenn du dann 'n annern Dag ganz
genau wedder in de lesten Fautstappen trest, dann bis
du der awe. Sullest du di de lesten Fautstappen woll
so marken köänen?« »Mi ducht, dat mößde goahn, ick
hebbe woll all vertellen hört, man mök dat mit
Arwken.« »Jawoll Hinnerk, den Weg kannst du der
woll mit teiken, aber de Fautstappen? Dat is mi
twiewelhaft, und doar kümmt jüs up an.« – »Hinnerk
kleiede sick wat verlägen achter de Ohren.« »Hinnerk,
« segg de Pastor, »ick weit woll ein sicher Middel;
dat kummt der blos up an, off du dat woll fardig
kriggst. Am sichersten finnst du de Fautstappen wedder,
wenn du doar de Nothdurft verrichten kunnst.
Begrippst du dat?« »O ja, Herr Pastor, so geihd't
würklich, so geihd't, besten Dank.« Un dormit günk
Hinnerk aff. Na einige Tied woakede Hinnerk morgens
up, sine Frau was bannig an't Schellen: »Du
Schwienhund van'n Keerl, wat heste van Nachd moaket?
Dat Bedde so unslig moaken! Un so wat! So'n
Swienägel!« Hinnerk hadde ook nachts wedder na
mößd un nu wuß hei, wo't taugunk (Münsterland).
166.
Die sehenden Leute erblicken einzeln zwar Vorgeschichten
der verschiedensten Art, weitaus am häufigsten
indessen Leichenzüge, seltener eine Hochzeit; jedoch
soll die letztere ein unheimlicheres Schauspiel
bieten als die ersteren, denn das Gefolge einer Leiche
geht ehrbar und würdig mit gesenktem Haupte einher
und macht den ernsten Eindruck, welchen die Gelegenheit
verlangt, aber Hochzeitsgäste und Begleiter
eines Brautpaares verzerren die Gesichter, grinsen
und sehen mit den geöffneten Lippen und den langen
weißen Zähnen gräulich aus. – Der Vorspuk zeigt
einem Sehenden die Begebenheit in allen Einzelheiten,
läßt die Pferde und Wagen, die Personen und ihre
Kleidung und alle besonderen Vorkommnisse deutlich
erkennen, nur sich selbst pflegt der Sehende nicht zu
erkennen, mag er nun als Leiche, als Folger, Wagenführer
oder wie sonst bei dem Ereignisse beteiligt
sein. Auch wenn ein vorspukendes Lichtflämmchen
grade dem Sehenden gilt, pflegt dieser davon keine
Ahnung zu haben. Sonst aber sind die Erscheinungen
der Wirklichkeit so täuschend ähnlich, daß der Sehende
zuweilen gar nicht weiß, daß er Vorspuk sieht,
sondern Wirkliches zu erleben meint.
a.
Dat mag nu woll'n Jahr of tein wäsen, do keem ick's
Abends van de Arbeit. Unnerwegs keem ick bi Snider
sin Jan, un wi gungen tohop awer den Kröger sin
Esch. Do keem dar'n Wagen anjagd, Gott noch mal,
wi kunnen doch nich so flink utn Wäge kamen, un't
weer'n grot Spectakel. Veer Pär harrn se vorn Wagen,
dree brune un een wittet, un uppen Wagen seten acht
Minsken, de hollden all den Kopp in de Luft und
harrn den Mund wiet apen, as wenn se lachden – 't
seeg gräsig ut! »da 's 'n Brutwagen,« sä ick to Snider
sin Jan, un so as ick't sä, weer de Wagen weg, as
weer'e inne Aer gahn, alles dodenstill. Wi gungen na
Hus, awer nan halw Jahr deh Helmers sin Lena ut; as
de na Raast (Rastede) keem, do halden se ähr mit veer
Pär af, dree brune un een wittet, un as se do an us vorbifahren,
do stottd ick Snider sin Jan an un sä:
»Löwstu nu an Vorspok?«
b.
Ein Schmidt in Neuenkirchen sah sich eines Tages
selbst als Leiche im Sarge in seinem Hause stehen
oder meinte es doch. Kurz darauf kam die Nachricht
von dem Tode seines Onkels, der in Holland wohnte,
und seinem Neffen außerordentlich ähnlich war.
c.
Der alte Mann E. in Hohensüne, der spuksichtig war,
konnte eines Nachts im Bette durchaus keine Ruhe
finden und war deshalb genötigt aufzustehen. Wie er
nun so aus dem Fenster sah, erblickte er einen Leichenwagen,
der durch die enge Straße hinter seinem
Hause fuhr, und obwohl der Weg vollkommen trokken
war, hörte er doch den Wagen durch Wasser fahren.
Die Personen auf dem Wagen konnte er, weil heller
Mondenschein war, deutlich erkennen, nur das Gesicht
des Fuhrmanns war ihm vollständig fremd. Auch
sah er, daß das Gefolge vom Wege abbog und durch
sein Haus ging, was auch sonst wohl geschah, wenn
das Wetter naß und der Weg nicht mit trockenen
Füßen zu passieren war. Kurz darauf starb in der
Nachbarschaft der alte X. Jetzt erzählte er seinen
Hausgenossen, was er gesehen, bedauerte aber dabei,
daß durch diesen Todesfall sein Gesicht noch nicht
ausgetan werden könne (also noch jemand sterben
müsse), weil seit längerer Zeit eine überaus große
Dürre geherrscht hatte. Was geschah aber? Des
Nachts vor dem Begräbnis kam ein Gewitter, und es
regnete so heftig, daß der Weg überschwemmt wurde
und die Leidtragenden genötigt waren, durch E's Haus
zu gehen. Und der Fuhrmann war E. selbst.
d.
Eine Frau zu Middogge ging einst mit mehreren
Freundinnen, welche bei ihr zum Besuche waren, am
Abend über die Dreschdiele nach dem Pferdestall.
Wie sie eine kleine Strecke gegangen waren, blieb die
Frau mit einem Male stehen und sagte: »Kinder, wo
seid ihr? wir können dort unmöglich hinkommen, es
steht ja die ganze Diele voll schwarz gekleideter Menschen,
sodaß niemand vorbei kann; kommt wieder
um, wir müssen einen andern Weg gehen.« Sie gingen
darauf einen andern Weg; von den Freundinnen hatte
aber keine etwas gesehen. Nicht sechs Wochen waren
danach verflossen, als jene Frau, welche den Besuch
gehabt hatte, starb. Sie wurde im Sarge auf die
Dreschdiele gestellt, woselbst sich viele schwarzgekleidete
Verwandte und Nachbarn versammelten. So
hatte sie ihre eigene Beerdigung vorhergesehen.
e.
Ein Mann in der Nähe von Hooksiel erzählt: Als ich
schon verheiratet war, lebte ich mit meiner Mutter
und meinen Brüdern noch in einem Hause. Ich wie
meine Brüder mochten gern fischen und gingen oft
vor Tage deshalb aus. Einst als meine Mutter recht
krank war, rief ich in der Nacht meine Frau: »Komm,
steh auf und mache Kaffee, damit wir fortkommen
zum Fischen.« Sie sagte ja, kam aber nicht. Nachdem
ich sie mehreremale aufgefordert, sagte sie: »Ja, jetzt
stehe ich auf, aber stehe du gleich mit auf.« Ich tat es,
trank meinen Kaffee, und wir gingen fischen. Am
Tage frug ich meine Frau, wie es gekommen sei, daß
sie diese Nacht so gezaudert habe. Sie erwiederte, in
der Stube habe eine Leiche gestanden. »Laßt uns alles
in Ordnung bringen,« sagte sie, »denn deine Mutter
wird gewiß sterben.« Aber in der folgenden Nacht erkrankte
sie selbst, und einige Tage nachher war sie
eine Leiche. So hatte sie sich selbst als Leiche gesehen.
f.
Zu H. im Stedingerlande diente ein Knecht, der die
Gabe hatte, Vorspuk zu sehen. Wenn ein Todesfall
bevorstand, mußte er aus dem Bette und auf die Diele
gehen, wo dann der Sarg stand, und jedesmal starb
der, welchen er gesehen, in Jahresfrist. Als es ihn einmal
wieder auf die Diele trieb, sah er den Sarg, aber
den Toten, der darin lag, kannte er nicht. »Warte,«
dachte er, »ich will dich schon wieder kennen, wenn
ich dich antreffe,« nahm ein Messer und schnitt dem
Toten über der Stirn einen Büschel Haar ab. Als sie
am nächsten Morgen beim Trinken saßen, sagte die
große Magd zum Knechte: »Du, wer ist dir bei den
Haaren gewesen?« Der Knecht erschrak und sah, daß
er selbst der Tote gewesen sei, dem er das Haar abgeschnitten.
Er kündigte sofort den Dienst, denn der
Tote muß in dem Hause sterben, wo er gesehen, und
verdang sich anderswo. Aber nach einiger Zeit fühlte
er eine große Sehnsucht nach seiner alten Herrschaft
und machte sich, da er sich ganz wohl fühlte, auf, um
dieselbe zu besuchen. Wie er aber im Hause war,
starb er. (Diese Geschichte wird mit geringen Abweichungen
auch in Elsfleth, im Butjadingerlande und an
verschiedenen Orten des Münsterlandes erzählt. In
Butjadingen heißt der Schluß: Nach Jahren traf der
Bauer seinen früheren Knecht in dem Wirtshause seines
Dorfes, wo derselbe übernachten wollte, und lud
ihn ein mitzugehen. Der Knecht nahm die Einladung
an und starb in derselben Nacht in dem Hause seiner
alten Herrschaft. In Fladderlohausen stirbt der
Knecht, als er am nächsten Sonntag nach seinem Abgange
ein vergessenes Bündel Kleidungsstücke abholen
will; in Altenoythe, als er im Hause der früheren
Herrschaft einen Toten ansagen muß. Er will nicht
bleiben, läßt sich aber herbei, einen Augenblick Platz
zu nehmen, wird plötzlich unwohl und stirbt. An
mehreren Orten werden sogar die Namen der Personen
genannt, denen die Sache begegnet sein soll.)
g.
Eine alte Frau in der Landgemeinde Oldenburg hatte
einst erzählt, sie habe auf einer wassergefüllten
Grube, die nicht weit von ihrem Hause am Wege lag,
ein Licht brennen sehen; es werde dort bald ein Unglück
geschehen. Nicht lange nachher ward diese
selbe Frau in der Grube ertrunken gefunden.
Vgl. 160 a.
h.
Die Magd eines Hausmanns zu Jade, welche die Gabe
hatte, Vorgeschichten zu sehen, war auf dem Lande
bei ihrer Arbeit, als sie einen feinen in schwarz gekleideten
Mann nach dem Hause gehen sah. Der
Hausmann war auch draußen und kam über das Feld,
wo die Magd beschäftigt war, und diese sagte ihm,
daß er Besuch bekommen habe. Der Bauer ging nach
Hause, aber es war niemand dagewesen. Die Magd erhielt
nun Vorwürfe über ihre Unwahrheit, aber sie
blieb dabei, daß sie die Wahrheit gesagt habe. Einige
Tage darauf sah sie denselben schwarz gekleideten
Herrn nach dem Hause gehen und teilte es dem Bauern,
der wieder draußen war, mit. Dieser begab sich
nach Hause, und nun war der Herr wirklich da. Es
war ein Freier, der um die Schwester des Hausmanns
anhielt.
167.
Einzelne Leute gibt es, welche anderen Menschen es
am Gesichte ansehen können, ob sie bald sterben
müssen; sie lesen den Menschen, auch wenn sie noch
in blühender Gesundheit stehen, den Tod auf dem Gesichte.
Manche, die von solchen Leuten angesehen
werden, geraten daher in nicht geringe Angst
(Ovelg.). Es mag übrigens zweifelhaft erscheinen, ob
diese Art, in die Zukunft zu sehen, dem eigentlichen
Spuksehen beigerechnet werden darf. – Einen Vorspuk
anzureden, ist gefährlich. Ein Mann, der es
getan hatte, zehrte ab und starb, warnte aber noch vor
seinem Tode inständigst vor solchem frevelmütigen
Tun, das ihm Leben und Gesundheit kostete. Meist
verschwindet der Vorspuk, wenn man spricht.
168.
Es gehört zum Vorspuk, daß auch das Unwahrscheinliche
wahr wird oder nach dem plattdeutschen Ausdruck
»utdhan ward,« denn der Vorgang ist ja ein genaues
Abbild des wirklichen Ereignisses. Dagegen
läßt sich auch mit menschlichen Mitteln nichts ausrichten,
und selbst der kleinste Nebenumstand kann
nicht geändert werden, so viel Mühe man sich auch
deshalb gibt. Es werden aber dessen ungeachtet Fälle
mitgeteilt (Brake, Harkebrügge), nach welchen durch
menschliches Einwirken eine Vorgeschichte nicht
»ausgetan« ist. Ein Schichtkieker in Harkebrügge, als
solcher weithin bekannt, hatte von einem schwer
krank darniederliegenden K. aus selbem Orte behauptet,
dieser würde nicht wieder besser werden, denn er
habe seinen Leichenwagen gesehen. K. erfährt das
und verspricht dem Visionär eine gute Belohnung,
falls er den Leichenwagen wieder umlenken würde.
Dieser geht darauf ein und lenkt den Wagen bei der
nächsten Erscheinung wirklich um. »Aber,« soll er
später gesagt haben, »das tue ich nicht wieder, denn
die Pferde wollten mich mit Gewalt beißen.« K. hat
danach noch lange gelebt. Auch sagt man, daß man
durch gute Werke wenigstens einen Aufschub der Erfüllung
bewirken könne. Dies wird mehrfach bezeugt.
Wenn ein Haus spukweise mit warmen Mauern
brennt, also das wirkliche Abbrennen vorspukt, kann
der Eigentümer das drohende Unglück verzögern,
wenn er einem Armen einen Scheffel Roggen schenkt.
So viel Körner der Scheffel enthält (Ammerld.) oder
über das gestrichene Maß enthält (Strückh.) so viel
Tage oder Jahre Frist hat er gewonnen. Daher ist es
ein Liebesdienst und eine Pflicht, es dem Eigentümer
mitzuteilen, wenn man ein Haus im Vorspuk hat
brennen sehen. Nach Andeutungen sind es im Ammerlande
vorzugsweise die Häuser geiziger und hartherziger
Leute, welche vorspuksweise brennend gesehen
werden.
a.
Eine Frau in Klippkanne hörte einst ihre silbernen
Löffel im Schranke erklingen, und weil sie vermutete,
daß dies eine Vorgeschichte sei, gelobte sie sich, die
Löffel unter keiner Bedingung aus den Händen zu
geben. Kurz nachher aber war in der Nachbarschaft
ein unerwarteter Todesfall, und während jene Frau zufällig
vom Hause abwesend war, wurden die Löffel
geliehen, um bei der Beerdigung zu dienen.
b.
In Oldenbrok sahen einige Männer des Nachts auf
dem Kirchhof eine Leiche beerdigen und den Pastor in
einem grauen Beinkleide der Leiche vorangehen. Dies
kam ihnen um so auffallender vor, als es nicht der
Ortspfarrer war. Kurz darauf starb dieser. Sein Nachfolger
wurde aus Zwischenahn dahin versetzt und war
ein leidenschaftlicher Jäger. In ihm erkannten nun die
Männer den im Vorspuk gesehenen und sagten ihm
dies; auch wie auffällig er bei einer Beerdigung gekleidet
sein werde. Er nahm sich fest vor, dies Vorgesicht
zu Schanden zu machen. Nach einigen Jahren
ging er auf die Jagd und vergaß, daß er an dem Tage
eine Leiche zu beerdigen hatte. Die Leiche kommt auf
den Kirchhof, und der Pastor ist nicht da. Boten werden
ausgesandt, ihn zu suchen, und als sie ihn finden,
eilt er zu Hause, zieht bloß den schwarzen Kleidrock
an und geht so der Leiche voraus. Nach der Beerdigung
tritt einer aus dem Gefolge zu ihm, klopft ihm
auf die Schulter und spricht: »Was sagen Sie nun,
Herr Pastor, ist Ihr Beinkleid nicht grau?«
c.
Im Ammerlande saßen im Kruge mehrere Hausleute
beisammen. Einer, der einmal draußen gewesen war,
erzählte, sie säßen nun so munter und wohl beisammen,
und doch habe er soeben bei der Tür gesehen,
daß sein Nachbar am Feuer draußen als Leiche vorbeigefahren
sei. »Daß du es warst,« sagte er, »erkannte
ich an den Pferden vor dem Leichenwagen, und an
dem Gefolge. Und du,« wandte er sich an seinen andern
Nachbar, »du warst mit unter dem Gefolge, und
dein Wagen war der dritte im Zuge hinter dem Leichenwagen,
aber was mich wunderte, war, daß du deinen
Schimmel mit angespannt hattest, da du doch andere
Pferde hast.« Nicht lange nachher starb der eine
Hausvater, den er als Leiche gesehen, eines plötzliches
Todes. Da sagte der, welcher den Schimmel
hatte: »Nun will ich doch meinen Schimmel gerade
nicht anspannen und aufpassen, daß mein Wagen
auch nicht der dritte im Zuge ist.« Als aber der Begräbniszug
abgehen sollte, kam jener doch mit einem
Schimmel angefahren, denn die übrigen Pferde hatten
sich im Holze verlaufen gehabt, so daß er notgedrungen
den Schimmel hatte nehmen müssen. Doch reihte
er seinen Wagen als vierten und nicht als dritten in
den Zug ein. Aber es dauerte nicht lange, da zerbrach
etwas am dritten Wagen, so daß er still halten und
den vierten vorbeilassen mußte. Wie der Zug das
Wirtshaus passierte, war richtig der Schimmelwagen
der dritte im Zuge nach dem Leichenwagen.
d.
Eines Abends saßen die Hausgenossen eines ammerschen
Bauern, dessen Tochter Braut war, um das
Herdfeuer versammelt. Eine der Mägde, die mit ihrem
Spinnrade zunächst der Diele saß und dieser den Rükken
zuwandte, blickte wiederholt um nach der Diele
und stand endlich auf, drängte sich durch den Kreis
und stellte sich an die Wand hinter dem Feuerherde,
ihre Augen immer nach der Hausdiele und dem Unterschlage
richtend. Die Fragen der verwunderten Hausgenossen
ließ sie unbeantwortet und erzählte erst am
folgenden Morgen: sie habe die Hochzeit der Tochter
spukweise gesehen; das Haus sei voll von Menschen
gewesen und die Trauung im Unterschlag vorgenommen.
Auch gab sie an, der Tischler, der die Brautwagen
aufgeladen, sei mit dem Hute an eine Wagenleiter
gestoßen und der Hut infolgedessen zur Erde gefallen.
Die Hausgenossen glaubten der Magd nicht. Die
Trauung in dem Unterschlage war ganz ungewöhnlich,
und den Tischler beschlossen sie zu warnen. –
Als nun die Hochzeit kam, füllte sich das Haus mit
zahlreichen Gästen, und diese drängten, als die Trauung
vorgenommen werden sollte, so das Haus hinauf,
daß kein anderer Platz übrig blieb, als im Unterschlage,
und der Prediger diesen zur Vornahme der Hand-
lung wählen mußte. Der Tischler war von dem Vorspuk
in Kenntnis gesetzt und glaubte ihn am besten
dadurch stören zu können, daß er den Hut abnahm
und auf einen Schrank setzte. Der Schrank aber gehörte
auch zur Aussteuer, und als die Reihe an ihn
kam, aufgepackt zu werden, setzte der Tischler den
Hut arglos wieder auf. Wie er bei dem Schranke beschäftigt
war, rief man ihn nach der anderen Seite des
Wagens, wo einige der hoch aufgestapelten Möbeln
herabzustürzen drohten. Der Tischler eilte geschäftig
dorthin, nahm aber in der Hast die Wendung zu kurz
und stieß mit dem Hute an die Wagenleiter, so daß
der Hut herunterfiel. (Rastede).
e.
Eine alte Frau in Brake, die bereits viele Todesfälle
vorausgesagt hatte, wurde einst durch einen Vorspuk
hinausgetrieben und sah den Leichenzug eines angesehenen
Braker Einwohners. An einer schlechten Stelle
im Wege wurden die Pferde scheu, und infolgedessen
wurde der Sarg vom Wagen herab und in einen
Graben geschleudert. Als kurze Zeit darauf jener Einwohner
wirklich starb, ging die Frau zu den Angehörigen,
erzählte denselben ihr Gesicht und ermahnte sie
zur Vorsicht, wenn das Begräbnis stattfinde. Die Angehörigen
nahmen sich dies zu Herzen, paßten sorgfältig
auf, und als der Zug an die bezeichnete Stelle
kam und die Pferde scheuten, gelang es ihren angestrengten
Bemühungen, den Sarg vor dem Herunterfallen
zu bewahren.
f.
Ein Bauer in Ohmstede sah einst in der Nacht sein eigenes
Haus spukweise brennen. Er eilte hinzu, betastete
die Wände und fand, daß dieselben warm waren.
Da schenkte er einen Scheffel Roggen an die Armen
und wiederholte dies alle Jahre, so lange er lebte, und
sein Haus blieb unversehrt. Nach seinem Tode aber
setzten die Kinder das Schenken, das ihnen schon
lange mißfallen hatte, nicht fort, und es dauerte kein
Jahr, so brannte das Haus ab.
Vgl. 161.
g.
Zeller K. in Bösel brannte vor einigen Jahren infolge
Blitzschlages ab. Ein Hellseher hatte ihn vorher auf
dies Feuer aufmerksam gemacht und geraten, versichern
zu lassen. K. beachtete die Warnung nicht und
erlitt großen Schaden.
Nachträge.
a.
Eine junge resolute Wirtsfrau erzählt: Meine Schwägerin
war bei uns zu Besuch und schlief oben im
Hause. Eines Abends ruft sie beim Zubettegehen von
oben herunter, wer gestorben sei, vor dem Hause halte
ein Wagen mit einem Sarge und ein zweiter Wagen
halte dahinter. Ich dachte sofort an Vorgeschichten
und wagte nicht aufzustehen und zuzusehen, in der
Meinung, es könne sich um einen Hausangehörigen
handeln. Gleich darauf kam die Nachricht von oben,
die Wagen wären nicht mehr da. Ich konnte von da ab
die Sache nicht aus dem Kopf kriegen, da von einem
Todesfall im Dorfe oder nächster Nähe nichts bekannt
geworden und dachte immer an einen Sterbefall im eigenen
Hause. Meine Schwägerin reiste wieder ab und
ich blieb mit schweren Gedanken zurück. Einige Zeit
nachher ertrank in Wildeshausen ein junger Mensch
aus Langförden, Schüler der Taubstummenanstalt.
Die Verwandten holten die Leiche ab, um sie auf dem
Heimatskirchhof beerdigen zu lassen. Die Fahrt ging
durch unser Dorf, und vor unserm Hause wurde für einige
Augenblicke Halt gemacht. Es waren zwei
Wagen, der eine mit der Leiche, der zweite für die Be-
gleitung. Es war mir früher aufgefallen, daß meine
Schwägerin gesagt hatte, die Pferde vor dem Wagen
hätten nach Langförden hinaus gesehen, bei einer Leiche
aus unserem Dorfe oder Hause hätten die Pferde
umgekehrt stehen müssen, weil wir nach Visbek gehören.
Nun es sich um eine Langfördener Leiche handelte,
war mir die Sache klar. Die Pferde vor dem
wirklichen Leichenwagen sahen nach Langförden hin.
(Visbek.)
b.
Ein Kolon sieht eines Morgens vor der Tür seines
Hauses aus nach Nordwesten hin ein Haus in vollen
Flammen stehen. Er glaubt, es sei das Heuerhaus des
Kolonen Bl. und macht diesem später Mitteilung von
seinem Gesichte, infolgedessen Bl. sein Heuerhaus
höher versicherte. Ein Jahr darauf brannte in der Morgenfrühe
das nebenanliegende Wohnhaus des Kolon
G. ab. (Neuenkirchen).
c.
Zeller T. aus Brokdorf kommt von Dinklage und
nimmt den Weg über die Burg. Beim Mühlenkolk
sieht er einen Mann am Boden liegen und eine Leiter
daneben. Er erschrickt beim Anblick des Daliegenden
und hemmt unwillkürlich seine Schritte. Als er sich
vom ersten Schrecken erholt hat, sind Mann und Leiter
verschwunden. Zwei Jahre darauf kommt er desselben
Weges und genau an der Stelle, wo er vor zwei
Jahren die Menschengestalt liegen gesehen, sieht er
wieder einen Mann daliegen und eine Hillenleiter daneben.
Verschiedene Menschen bemühen sich um den
am Boden Liegenden. Was war geschehen? Ein
Knecht war dort ins Wasser geraten und ertrunken.
Fast im selben Augenblicke, als unser Wanderer den
Unglücksort betrat, hatte man den Ertrunkenen aus
dem Wasser gezogen. Was die Leiter dabei sollte, hat
T. nicht erfahren oder keine Erkundigung darüber eingezogen.
Vielleicht sollte sie als Bahre dienen, vielleicht
auch hatte man sie benutzt, um die Leiche aufs
Trockene zu bringen. T. kommt später nach Lohne
und frägt einen guten Bekannten: »Glauben Sie an
Vorgeschichten?« Der Angeredete gibt die Möglichkeit
zu und T. bemerkt: »Hätten Sie die Möglichkeit
bestritten, würde ich Ihnen nie wieder geglaubt
haben.« Darauf erzählt er seine Erlebnisse (Lohne.)
d.
Ich besuchte das Gymnasium in Osnabrück und verbrachte
wie gewöhnlich die Ferien zu Hause. Eines
Tages sagte meine Schwester: »Du wirst zu ungewöhnlicher
Zeit, wenn keine Ferien sind, zu Hause
kommen, zur Nachtzeit an mein Kammerfenster treten
und mich wecken.« Ich lag wieder meinen Studien ob,
da brachen in dem Hause, wo ich wohnte, die Blattern
aus, und wir Schüler wurden vor der Zeit in die Heimat
entlassen. Das Taschengeld war stark auf die
Neige gegangen und ich ging zu Fuß nach Quakenbrück,
um von dort mit der Post in die Heimat zu fahren,
verfehlte jedoch den Anschluß, mußte die Fußreise
fortsetzen und kam nach Mitternacht zu Hause.
Mir war schon unterwegs die Prophezeiung meiner
Schwester eingefallen und ich beschloß, nicht sie,
sondern einen Bekannten, der im Elternhause schlief,
zu wecken. Zufällig hatte dieser kurz vorher seinen
Schlafraum mit dem meiner Schwester gewechselt,
und so weckte ich die, die ich nicht wecken wollte
(Löningen.)
e.
Mein Vater war Brenner und ließ eines Tages den
Knecht mit einer Fuhre Branntwein nach Oldenburg
fahren. Als dieser an einen Teich mit modrigem Wasser,
nicht weit von meinem elterlichen Hause, vorbeifährt,
bleibt er plötzlich erschreckt stehen, denn er
sieht in dem Wasser einen Mann ohne Kopf liegen.
Voll Schrecken treibt er die Pferde an, hält beim
nächsten Wirtshaus und meldet dort die Entdeckung,
die er gemacht hat. Leute, welche gleich darauf hinlaufen,
finden nichts. Einige Monate nachher findet
man unsern Pastor tot in dem betreffenden Teiche. Ein
alter Mann, unsicher auf den Beinen, war er zur
Abendzeit vom Wege ab in das Wasser geraten und in
dem Schlamm erstickt. Der Kopf steckte vollständig
in dem Morast, der übrige Teil des Körpers lag offen
am Rande des Teiches (Lutten).
f.
Der Vikar in Holdorf hatte eine Kranke besucht, mit
der es zu Ende ging. Draußen redet ihn ein Nachbar
der Kranken mit den Worten an: »Wert ut de Sitendöre
rutdragen«. Der Mann war ein lediger, älterer,
wortkarger, in sich gekehrter Mensch, der sich gern
allein hielt, etwas stotterte und als Schichtkieker bekannt
war. So hatte er einst den nahen Tod eines Verwandten
angekündigt als keiner aus der Verwandtschaft
krank war, bis kurz darauf ein naher Angehöriger
eines Morgens tot im Bette gefunden wurde. Der
Vikar denkt: Ut de Sitendör dragen, das ist ja gegen
allen Gebrauch, der Tote wird doch aus der Hauptoder
Einfahrtstüre getragen, und geht seines Weges.
Die Kranke stirbt bald darauf und der Tag der Beerdigung
wird festgesetzt. Es war im Herbst, als der Roggenacker
bestellt wurde. Vor dem Hause der Toten,
unmittelbar vor der Einfahrtstüre, befand sich eine
tiefe Düngerstätte. Man hatte kurz vorher den Dünger
in zwei große Haufen innerhalb der Düngerstätte aufgeschichtet,
damit das Wasser ablaufen könne, und so
standen diese beiden Haufen in einem großen Loche.
Am Tage vor der Beerdigung geht plötzlich ein heftiger
Platzregen nieder, das Loch läuft voll Wasser, die
Düngerhaufen bilden Inseln darin. Der Vikar, einge-
denk der Worte des Nachbars, gibt sich alle Mühe,
die Prophezeiung zu vereiteln. Er rät, Balken und
Bretter über das Wasser zu legen, damit die Leiche
aus der Haupttüre getragen werden kann. Die Nachbarn
überlegen und sagen: Es geht nicht. Er meint,
man solle die Düngerhaufen umstürzen und das Loch
damit ausfüllen, um so eine Zufahrt zum Hause herzustellen.
Man erwiedert, das dürfe man den Leuten
nicht zumuten. Schließlich blieb nichts anderes übrig,
als die Leiche aus der Seitentüre herauszutragen.
(Von dem betreffenden Vikar selbst erzählt. Vgl. 166
c.)
g.
Ein Mädchen aus Sütholte bei Bakum reinigt eines
Morgens um 8 Uhr sein Schlafzimmer. Plötzlich hört
es einen Wagen, es schaut aus dem Fenster und sieht
vor demselben ein Gefährt mit einem Sarge stehen.
Vier Personen stehen dabei, öffnen den Sarg und betrachten
die darin liegende Leiche. Tags darauf wird
des Mädchens kleine dreijährige Nichte krank, und
der herbeigerufene Arzt stellt starke Diphteritis fest.
Das Kind kommt zum Krankenhause und stirbt. Die
Leiche wird am Begräbnistage morgens zum Elternhause
gebracht. Gerade an der Stelle, wo das Mädchen
den Sarg hat stehen sehen, hält der Wagen. Der
Sarg wird vom Wagen gehoben und 4 Männer öffnen
den Deckel, damit Verwandte und Bekannte die Leiche
sehen und sich überzeugen können, ob die Verwesung
schon eingetreten ist.
h.
Mein Vater gab mir auf seinem Sterbebette Ratschläge
fürs Leben. Unter anderem sagte er: »Anton, unser
Haus wird abbrennen. Ich erlebe es nicht mehr, aber
du wirst es noch erleben. Damit du nun bei der Gelegenheit
nicht bestohlen wirst, mußt du die Bettstücke
nicht einzeln aus dem Fenster werfen, sondern alle zusammen
in ein Bettuch packen und dieses dann hinauswerfen
usw.« Der Brand trat später ein. Den Rat
meines Vaters habe ich nicht befolgt, ich hatte den
Kopf verloren (Vechta).
i.
Die Köchin des 1856 gestorbenen Pastors Thole in
Barssel fängt plötzlich in der Küche an zu rufen:
»Herr Pastor, Her Pastor, kommen Sie doch mal rasch
hierher!« Der Pastor eilt herbei und fragt: »Was ist
denn los?« »Sehen Sie nicht, wie die Leute alle Ihre
Betten, Stühle, Tische aus dem Hause in den Garten
tragen?« »Ich sehe nichts,« entgegnete der Pastor, »du
bist wohl von Sinnen?« und er begibt sich wieder in
sein Zimmer. Einige Wochen darauf entsteht im
Nachbarhause Brand, und da auch das Pfarrhaus in
Gefahr kommt, eilen mehrere Männer herbei und tragen
aus diesem Betten, Stühle, Tische usw. in den angrenzenden
Garten.
k.
Der Nachfolger Tholes, Pastor Oldenburg, erzählte
folgendes: Eine Frau redet ihn auf der Straße an:
»Herr Pastor, wen haben Sie gestern Abend noch so
spät versehen?« »Ich zum Kranken?« frägt der Pastor,
»ich bin den ganzen Abend zu Hause gewesen.« »Das
ist doch merkwürdig,« entgegnet die Frau, »ich habe
klar und deutlich gesehen, wie Sie in dem tiefen
Schnee fest fuhren, austiegen und darauf mit dem Sakrament
zu Fuß um die Ecke unseres Hauses gingen.
Wenn Sie wirklich nicht da gewesen sind, dann war
es eine Vorgeschichte.« »Wollen sehen,« spricht der
Pastor und geht weiter. Einen Monat nachher, als wieder
hoher Schnee liegt, wird er spät am Abend zu
einem Kranken gerufen. Er beeilt sich, steigt in den
bereitstehenden Wagen und fort gehts. Die Wege sind
schlecht, die Pferde haben ihre liebe Last, den Wagen
fortzubringen. Plötzlich bleibt der Wagen stehen, die
Tiere können nicht weiter. Der Pastor steigt aus und
geht zu Fuß um die Ecke eines nahegelegenen Hauses.
Als er das Haus im Rücken hat fällt ihn plötzlich
ein, was ihm vor Wochen die Frau erzählt hat. Richtig
es ist das Haus jener Frau, dessen Ecke er gestreift
hat.
l.
Ein Mann tritt eines Tages an mich heran und sagt:
»Der N. kommt nächstens gewiß noch wunderlich zu
Tode.« »Wie kannst du das doch sagen?« »Ja, wie er
zu Tode kommt, weiß ich nicht, aber er wird als Toter
mit einem weißen und fuchsigen Pferde nach Hause
gebracht, solche Pferde gibt es in ganz H. (so heißt
der Ort, wo die Geschichte spielt) nicht. Mir gegenüber
wurde später ein Haus abgebrochen. Die Sparren
und Balken waren schon meist herunter. Einer der
letzten Balken kommt den Arbeitern aus der Gewalt
und erschlägt den N. Zufällig war ein Eierhändler von
auswärts, mit einem Fuchs und einem Schimmel vor
dem Wagen, beim Wirtshaus. Dieser fährt den erschlagenen
N. heim zu seinem Hause. (Emsteck.)
m.
Ein Einwohner aus Bunnen sagte zu S., einem Einwohner
aus Essen: »Du kannst Deinem Schwager R.
in Bunnen wohl mal sagen, er möge doch höher versichern,
er wird abbrennen, erst wird aber noch ein anderes
Haus abbrennen. Ich habe das Feuer gesehen
und den alten R. auf seinem Hofe stehen, vorn und
hinten mit vollen Säcken beladen, wie er die Hände
zusammenschlug und rief: ›Nu liggt' doch alle in
Aske.‹ Nun soll es mich doch mal wundern, sagte S.
zu seinem Nachbar D. in Essen, ob das wohl auskommt.
« – Eines Vormittags brennts in Bunnen. D.
sagt zu S.: »Nachbar, jetzt gehts in Bunnen los.« Darauf
S.: »Jawohl, das ist aber R. noch nicht, erst muß
ja noch ein anderer abbrennen.« S. geht aber dennoch
nach Bunnen und sieht, wie das Haus von W. abbrennt.
Abends aber griff das Feuer auf das Haus seines
Schwagers R. über. Beim Bergen des Inventars
stopfte R. Flachs und Heede in Säcke, lud sie sich
auf, und so traf ihn B.R. hatte sein Eingut nachträglich
noch höher versichert. D. in Essen, der mir diese
Erinnerung aus seinem Leben erzählte, lebt noch.
n.
»Eine alte Frau aus Lüsche kommt in der Osternacht
von Essen, wo sie auf dem dortigen Kirchhofe für die
Verstorbenen gebetet hatte, eine Sitte, die noch jetzt
in dortiger Gemeinde und anderswo im Münsterlande
besteht. Wie sie an der Stelle ankommt, wo jetzt die
Kapelle in Bevern steht, vernimmt sie ein Klingeln,
als wenn dort zur Wandlung geschellt werde. Sie fühlt
sich angetrieben, niederzuknieen. Dieser Vorfall
wurde damals sofort von der Frau erzählt, als der Kapellenbau
noch gar nicht in den Bereich der Möglichkeit
gezogen wurde. Erst recht glaubte damals kein
Mensch, daß an dieser Stelle wohl noch eine Kapelle
zu stehen käme. Und doch ist es so gekommen, wie
die alte Frau gesagt hat, trotz der vielen Schwierigkeiten,
die dem Kapellenbau an der Stelle gemacht worden
sind.« (Aus der Münsterl. Tageszeitung im
Herbst 1907).
o.
Eine ältere gebildete Dame erzählte mir: Ich war etwa
6jährig und saß mit meinen Eltern und Geschwistern
abends am Herdfeuer, wie es damals noch Sitte war.
Plötzlich wurden wir alle aufgeschreckt. Ein Fenster
wurde – so meinten wir – zertrümmert. Doch fanden
wir es beim Nachsehen unverletzt, auch sonst war
nichts zu entdecken. Nach mehreren Jahren entstand
bei uns ein Waldbrand. Unser Haus kam in Gefahr
und unsere Möbeln wurden ausgepackt. Dabei wurde
das betreffende Fenster gewaltsam ausgestoßen, es
konnte nicht geöffnet werden. Ich hörte dasselbe Geräusch
wie ehedem. Unser Haus brannte ab. Auch von
anderen Leuten waren wir vorher benachrichtigt worden,
unser Haus würde brennen. Anfangs achteten wir
nicht darauf, schließlich nahmen wir die Sache ernst
und versicherten unser Mobiliar. (Lastrup.)
p.
In meiner Kinderzeit entstand in meinem Heimatdorf
eine Art Panik. Ein Einwohner hatte ein Haus brennen
sehen, eine ganze Häuserreihe würde vernichtet werden.
Die Dorfbewohner richteten eine förmliche
Wechselnachtwache ein, ich selber habe sie ein paarmal
mitgemacht, indem ich einem Erwachsenen beigegeben
wurde. Fragliches Haus ist bis jetzt nicht abgebrannt,
vielmehr vor mehreren Jahren abgebrochen,
desgleichen auch einige der nach der »Vorgeschichte«
gefährdeten Häuser, doch nicht unter dem Drucke der
Vorgeschichtenfurcht. (Lastrup.)
q.
Eine Dame kommt an einem finstern, stürmischen
Abend aus dem Nachbarhause. Auf der Straße schaut
sie nach oben, um sich zu orientieren. Da sieht sie
plötzlich ein goldumrändertes Kreuz recht klar und
scharf über sich hängen. Nach mehreren Jahren werden
aus Anlaß einer kirchlichen Feier im Dorfe die
Straßen und Häuser verziert. Auf Vorschlag eines Bekannten
wird an jener Stelle ein Kreuz zur Dekoration
angebracht. Die betreffende Dame verziert es selber
mit Goldrand, ohne an die Vorgeschichte zu denken.
Als alles fertig ist, besieht sie ihr Werk. Da plötzlich
fällt ihr die frühere Geschichte ein, genau so hatte sie
damals das Kreuz gesehen. (Von der betreffenden
Dame dem Berichterstatter mitgeteilt.)
r.
»Ich schlief mit meinem Bruder in einer Kammer an
der Werkstatt. Da hörte ich in der Nacht bei meiner
Hobelbank ein Klopfen, als wenn an einem Sarge gearbeitet
werde. Ich stand auf und sah nach. In der folgenden
Nacht wiederholte sich das Klopfen. Diesmal
hörte es auch mein Bruder. Er sagte ganz erschrocken
zu mir: Hör mal, es wird in der Werkstatt an einem
Sarge gearbeitet. Mir wurde ganz bange. Bald darauf
mußte ich einen Sarg machen. Nicht ganz lange danach
hörten wir dasselbe Klopfen, diesmal aber an
der Bank meines Bruders. Mein Bruder bebte im Bett.
Ich mußte sonst immer die Särge machen. Diesmal
wurde aber ein Sarg von meinem Bruder gemacht,
weil ich an dem Tage eine Dreschmaschine aufstellen
mußte.« (Märschendorf.)
Vgl. 157.
s.
Derselbe Berichterstatter erzählt: »Es war kurze Zeit
vorher, als unser Röschen geboren wurde. Ich hatte
mit meinem Bruder bis Mitternacht gearbeitet. Wir
gingen beide nach Hause, um zu essen. Als wir die
Tür anfaßten, war sie verschlossen. In der Küche und
vor der Küchentüre brannten die Lampen. Es war
aber kein Mensch zu sehen. Wir gingen deshalb nach
der andern Seite des Hauses. In der Kammer meiner
Frau war auch Licht. Eine Laterne brannte vor dem
Waschkammerfenster. Diese Tür war unverschlossen.
So wie wir die Tür aufmachten und in die Waschkammer
traten, war alles dunkel. Ich machte Licht, und
wir beide meinten, es könnte ein Dieb im Hause sein.
Wir suchten die Küche und Diele ab, fanden aber
nichts. Im Bette sagte mein Bruder zu mir: ›Du, wenn
das man nicht wieder Vorgeschichten sind!‹ Am andern
Morgen erzählte ich den Vorfall bei Tisch.
Meine Frau wurde blaß im Gesicht, sodaß mein Bruder
nachher sagte: ›Hättest du das nur nicht erzählt.‹
Als dann die Frau niederkam, mußte auch der Pastor
geholt werden, und bei dieser Gelegenheit fand ich
das Haus so erleuchtet, wie in der besprochenen
Nacht.« (Lohne.)
t.
»Nach dem H. gehe ich nicht wieder hin. Gestern
nacht gings da mal toll zu kehr. Das war ein Rufen
und Schreien, daß man bange werden konnte. Sie
warfen sich mit Dachziegeln und schossen mit Revolvern.
« Kurze Zeit, nachdem ein Besucher des
H.'schen Hauses diese Erklärung abgegeben hatte,
brannte das Haus des H. nieder. Man hörte das beschriebene
Schreien und Rufen und das Fallen der
Dachziegel. Das Schießen rührte her von explodierenden
Jagdpatronen. (Lohne.)
u.
Ich schlief mit meinem Vater in einer Kammer unseres
Hauses. Eines Nachts im Sommer 1883 erwachte
ich von einem eigentümlichen Geräusch. Es klang wie
das Röcheln eines schwer Leidenden oder Zähneknirschen
eines Zornigen, setzte ab und zu auf Augenblikke
aus, um dann um so stärker wieder zu beginnen.
Auch mein Vater wurde schließlich wach und fragte,
was da los wäre. Wir lauschten eine Weile und standen
dann auf, um die Sache zu untersuchen. Wir gingen
durch alle Zimmer, wanderten in Begleitung unseres
Hundes um die Wohnung, entdeckten aber nichts.
Zuletzt stiegen wir auf den Boden des Hauses und ließen
diesen durch den Hund absuchen. Nirgends eine
Spur eines Wesens, von dem das Geräusch herrühren
konnte. Wir legten uns wieder zu Bett, hörten noch
eine Weile das Röcheln und schliefen dann ein. Einige
Monate später kam ein 13jähriges Mädchen zu uns
ins Haus, das die Schule am Orte besuchen sollte.
Ihre Schlafkammer lag neben dem Zimmer, in dem
der Vater und ich schliefen. Da in der ersten Nacht,
als das Kind in unserm Hause schlief, wurden wir
wieder von den eigenartigen Tönen aufgeweckt, die
uns schon einmal die Nacht verdorben hatten. Hörst
Du was? fragte ich meinen Vater. Jawohl höre ich
was, erwiderte er. Alsbald sprangen wir aus dem Bett,
kleideten uns an und begaben uns auf die Suche. Als
wir an die Kammer des Mädchens kamen, hatten wir
den Sitz des Spukes entdeckt. Von dort kamen die
Geräusche. Wir öffneten die Tür und hörten die
Schlafende ganz mächtig schnarchen, es klang wie
das Röcheln, das uns heute und früher erschreckt
hatte. Beruhigt entfernten wir uns, wir wollten die
Nachtruhe der Schläferin nicht stören, sorgten aber
dafür, daß uns das Mädchen in der Folge nicht mehr
den Nachtschlummer verdarb. (Vechta.)
v.
Hinter dem Feuerherde in meinem elterlichen Hause
lagen nebeneinander 2 Zimmer, ein größeres, das als
Wohnstube oder als sogenannte gute Stube diente,
und ein kleineres, das meine Schlafstube war. Eines
Nachts konnte ich nicht zum Einschlafen kommen.
Während ich so dalag und auf das geringste Geräusch
im Hause achtete, vernahm ich plötzlich in dem nebenanliegenden
Zimmer Schritte, ich hörte deutlich,
wie jemand die Tür desselben öffnete, heraustrat, auf
mein Zimmer zuging, hier eintrat und sich an der
neben meinem Bette befindlichen Truhe zu schaffen
machte. Ich hörte wie er sie öffnete, mit Geräusch
wieder zuschnappen ließ und sich darauf entfernte.
Ich wagte vor Angst nicht zu atmen, hörte noch eine
Weile zu, ohne etwas zu vernehmen, kroch schließlich
tief unter's Bett und schlief ein. Gesehen hatte ich in
der Finsternis nichts, ich hatte nur das Gehen, Öffnen
und Wiederzuschlagen des Koffers vernommen. Im
Hause wußte man am andern Morgen von nichts.
Nach Jahresfrist starb in der Nacht meine Mutter,
man brachte die Leiche in das Wohnzimmer, und die
Nachbarfrauen erschienen, um sie auszukleiden.
Nachdem die Vorbereitungen getroffen waren, gab
man mir den Rat, zu Bette zu gehen, helfen könnte ich
nicht und nach den Aufregungen des letzten Tages
täte mir die Ruhe gut. Ich fügte mich, suchte mein
Lager auf, aber an Schlaf war nicht zu denken. Im
Hause große Stille, von den Arbeiten im Nachbarzimmer
drangen nur ab und zu unbestimmte Geräusche
zu mir herüber. Da auf einmal geht dort die Tür auf,
ich höre Tritte, sie nähern sich meinem Zimmer, jemand
kommt herein, geht an die Truhe heran, öffnet
sie, läßt sie wieder ins Schloß fallen und verläßt
meine Kammer. Genau dasselbe hatte sich wiederholt,
was mir vor Jahresfrist bange Stunden verursacht
hatte. Damals führte alles Fragen zu nichts, diesmal
aber erfuhr ich den Grund des nächtlichen Besuches.
Man hatte aus der Truhe ein Hemd geholt, das als Totenhemd
verwendet werden sollte. (Emstek.)
w.
Ein unlängst verstorbener Geistlicher aus dem Münsterlande
erzählte folgende Begebenheit aus seinem
Leben. Er sei nach Ende seiner Studien nach Ascheberg
in Westfalen als Hülfsgeistlicher beordert. Am
Tage nach seiner Ankunft dort macht er einen Gang
nach draußen, kommt an ein Bauernhaus und kehrt
hier ein, um stehenden Fußes den Leuten ein guten
Tag zu bieten und dann weiter zu wandern. Mann und
Frau empfangen ihn freundlich aber in sichtlicher
Verlegenheit; beide sehen sich an und sprechen wie
aus einem Munde: Das ist er. Auf die Frage des Besuchers,
ob er ihnen nicht gelegen käme, erzählte der
Bauer, auf ihren Hof münde ein Weg, den man vom
Feuerherd aus weithin überschauen könne. Auf diesem
Wege hätten sie einen Geistlichen in Weiß in Begleitung
des Küsters mit Laterne und Schelle herankommen
sehen, um einem Sterbenden die Sakramente
zu bringen. Sie wären aus dem Hause gelaufen, um
die Hake zu öffnen, als sie aber dort angekommen,
wären der Geistliche und Begleiter verschwunden gewesen.
Sie hätten deshalb geglaubt, die Phantasie
habe ihnen einen Streich gespielt, umsomehr, als der
Geistliche keiner von den ihnen bekannten Ortsgeistlichen
gewesen, sondern ein Fremder. Fremde aber
kämen doch nicht in fremde Pfarren. Jetzt aber stehe
der fremde Mann vor ihnen, den sie damals gesehen.
Der Besucher lachte, teilte den verblüfften Leuten mit,
daß er erst einen oder andern Tag in A. verweile und
verließ darauf das Haus. Nicht lange darauf erkrankte
einer der auf dem Hofe wohnenden Heuerleute, das
Übel verschlimmerte sich und es wurde zum Pastoren
geschickt. »Die Reihe war an mich,« erzählte der
Geistliche weiter, »und ich machte mich auf den Weg.
Als ich im Hause des Kranken meines Amtes gewaltet
hatte, geleitete der vorhin genannte Bauer mich zur
Hake, öffnete sie und entließ mich mit den Worten: es
stimmte alles.«
x.
Ich war in ein Haus nicht gar weit von meinem elterlichen
Hause hineingeheiratet. Eines Abends, es war im
September, stehe ich draußen, als plötzlich ein eigentümliches
Geräusch an mein Ohr schlägt. Es hörte
sich an, als fahre eine Karre oder Wagen über festgefrorenen
Boden. Ich gehe näher an den Weg und sehe
nun den Tischler unseres Dorfes mit einer Karre, worauf
ein Sarg steht, die Richtung auf meine elterliche
Wohnung nehmen. Meine Mutter war damals krank,
sie wurde alle Tage schwächer, und wir mußten auf
ein baldiges Ende rechnen. Ich dachte: Gilt das unserer
Mutter? Doch schlug ich den Gedanken gleich
wieder aus dem Kopf. Die Karre war über gefrorenen
Boden gerollt, und daß meine Mutter noch bis zur
Frostzeit leben werde, schien mir eine Unmöglichkeit.
So gab ich denn auf den Vorspuk nichts und tröstete
mich damit, er werde einen späteren Todesfall bedeuten,
da unser Tischler alle Särge für die verstorbenen
Dorfbewohner machte und diese gewöhnlich auf
einem Karren nach dem Totenhause hinfuhr. Was geschah?
Meine Mutter erholte sich wieder etwas und
lebte noch bis zum Winter. Es war eine kalte Zeit, als
sie von uns schied, und als der Tischler den Sarg
brachte, fuhr er damit über hartgefrorenen Boden. Ich
paßte auf, als er kam, das Geräusch, das die Schiebkarre
machte, klang so, wie ich es im September gehört
hatte (Lindern).
y.
Ich war Informator in einem adligen Hause. Eines
Tages komme ich nach Hause, öffne die Tür meines
Zimmers und sehe vor mir eine Leiche auf dem Paradebette
liegen. Ich war ganz sprachlos; als ich anfing,
meine Gedanken zu sammeln, war die Erscheinung
verschwunden. Das Gesicht verfolgte mich von da an
Tag und Nacht. Ich glaubte zuletzt, darin den Finger
Gottes sehen zu müssen, der mich auf einen baldigen
Tod aufmerksam machen wollte, traf alle Vorbereitungen,
die man im Hinblick auf das kommende Ende
zu treffen pflegt, und ergab mich in Gottes Willen.
Nach einiger Zeit erkrankte einer der Söhne des Hauses.
Die Krankheit nahm einen gefährlichen Charakter
an, der Kranke wurde von Stunde zu Stunde unruhiger
und verfiel bald auf diesen, bald auf jenen Wunsch.
Zuletzt kam er auf den Einfall, in meinem Zimmer gebettet
zu werden, dort werde er sich besser fühlen. Ich
gab selbstverständlich meine Zustimmung, eilte sofort
nach oben, um dorthin, wo ich früher die Leiche gesehen
hatte, eine Kommode zu schieben, damit nicht
das Bett des Kranken da zu stehen komme. Der Gedanke,
der Spuk, den ich gesehen, könne sich auf meinen
kranken Zögling beziehen, war mir unerträglich.
Das Bett wurde nach meiner Anordnung aufgestellt,
der Knabe hineingelegt und verhielt sich von da an
ruhig. Einige Tage darauf war er tot. Nun wurde
plötzlich die Frage aufgeworfen: Wo bahren wir die
Leiche auf? Ich erklärte mich dahin, die Leiche dort
aufzubahren, wo das Sterbebett stand. Da kommt die
Mutter und sagt: »Nein, dort nicht, – wo die Kommode
steht, da ist der beste Platz.« Ich durfte nicht widersprechen.
Die Kommode wurde beseitigt, und wo
ich früher die Leiche gesehen hatte, ruhte bis zum Begräbnis
der junge Verstorbene auf dem Paradebette.
(Der Erzähler ist Oldenburger und heute (1908) über
80 Jahre alt.)
Fünfter Abschnitt. Nachspuk.
(Wiedergehen.)