Читать книгу Weiße Wölfe am Salmon River - Lutz Hatop - Страница 16
Das rote Haus
Оглавление„Ahmik, wo sollen wir wohnen? Ich möchte mit Lakota zusammen sein.“
„Wir ziehen in das kleine rote Haus mit den weißen Fenstern, direkt am See. Du kennst es.“
Überrascht schaute sie ihren Bruder an.
„Wieso wir? Ich möchte mit Lakota zusammen wohnen, nicht mit dir.“
Marc hielt sich zurück, sicher wollte er lieber allein mit Shonessi leben, doch Ahmik hatte sie beide beschützt, wollte keinesfalls undankbar sein. Shonessi ließ sich nicht beirren, gab so schnell nicht auf.
„Bruder, du möchtest doch eine glückliche Schwester, nicht? Das Haus ist schön, aber klein. Ist das denn frei?“
„Es wird frei sein. Ich denke, unser Vater wird auch Lakota akzeptieren.“
Shonessi zog die Augenbrauen hoch.
„Und wie willst du das erreichen?“
Marc hielt sich nach wie vor zurück. Er war schließlich der Fremde, wollte auf keinen Fall negativ auffallen. Ahmik lachte, fasste sie an die Schultern und zog sie zu sich, blickte sie liebevoll an.
„Meine kleine Schwester, das rote Haus ist nur für euch allein, ich wollte dich nur testen.“
„Und? Bestanden?“ Sie wartete die Antwort nicht ab, fasste sofort nach. „Nochmal, wie willst du das erreichen?“
„Ich habe da so eine Idee. Er wird nicht 'nein' sagen.“
Shonessi und Marc gingen zu dem roten Haus. Dieses, ein Holzgebäude mit weiß gestrichener Tür, weißen Fenstern und ebensolchen Einfassungen besaß einen kleinen Garten um das Gebäude, eine Garage und einen Steg in den See. Ausgestattet mit einem kombinierten Wohn-/Esszimmer, grenzte die offene Küche direkt an den Wohnraum. Für die räumliche Trennung sorgte ein Holztresen. Dieser Tresen war als kleine Bar gestaltet mit aufgehängten Gläsern und einem hohen Schrank für Flaschen. Hinter der Küche befanden sich Bad und Schlafraum. Das Haus war einfach, aber zweckmäßig eingerichtet und hatte einen rustikalen Charme. Die Möbel waren alle handgezimmert und etwas grobschlächtig.
Mit dem Schlüssel von Ahmik konnten sie das Häuschen besichtigen. Marc begeisterte sich mehr und mehr für das in seinen Augen ideale Heim für sie beide. Shonessi lachte ihn glücklich an.
„Mir gefällt es auch sehr. Komm, lass uns zum See gehen. Alles andere regelt mein Bruder.“
Ahmik begleitete beide hinaus, schloss ab und ging zum Regierungsgebäude.
Shonessi und Marc gingen auf den Steg, setzten sich am Ende auf die Holzplanken, ließen die Beine über dem Wasser baumeln. Marc legte seinen Arm um Shonessi und zog sie an sich.
Sie blickte verträumt auf das silberne glitzernde Wasser, fragte: „würde dir das hier gefallen, das Haus am See?“
„Da fragst du noch, das wäre ein Traum. Und dann noch mit dir zusammen. Schöner geht nicht mehr.“
Shonessi wurde nachdenklich.
„Wir müssen uns eine Arbeit suchen. Ich will mich nicht von meinem Vater aushalten lassen … Das wird nicht einfach werden. Die meisten von uns sind arbeitslos.“
„Was hast du denn bisher gearbeitet?“
„Ich bin bei den 'Dene' Mädchen für alles: im Prinzip Sekretärin, Terminmanagerin, Protokollführer usw. für unseren Protest. Und nicht zu vergessen: Pressesprecher. Ich arbeite viel mit den lokalen Zeitungen, unserem Rundfunk. Das macht mir auch am meisten Spaß.“
Er schaute sie an, gab ihr einen Kuss.
„Dann ist doch klar, wie es weitergeht“, er wartete kurz, sie schaute ihn mit neugierigen Augen an.
„Du gehst nochmal auf die Schule oder noch besser studierst Journalismus, jung genug bist du.“
„Ganz super Idee. Das ist viel zu teuer, kann ich mir überhaupt nicht leisten. Ich will nicht, dass mein Bruder oder mein Vater das bezahlen. Es muss auch so gehen.“
„Wer redet denn von den beiden, ich nicht.“
„Ich lasse mich auch von dir nicht aushalten.“ Sie wurde zornig.
„Bitte nicht aufregen. Du willst doch mit mir zusammen leben, oder etwa nicht?“
Marc war sich auf einmal nicht mehr sicher.
„Ja, natürlich will ich das. … Und weiter?“
Trotz ihrer jungen Jahre war sie bestimmend. Sie lächelte ihn dabei an, sein sich anbahnender Ärger war sofort verflogen. Er gab nicht auf, wollte sie überzeugen. „Ich investiere damit in unsere Zukunft. Ich will kein Hausmütterchen zu Hause sitzen haben. Ich will eine Frau, die mitdenkt und mit entscheidet.“
„Das ist gefährlich …, für dich. Hört sich aber gut an. Was ist ein Hausmütterchen?“
„Eine Frau, die nur für ihren Mann und ihre Kinder da ist, alles widerspruchslos erledigt. Wenn ich mir das so überlege, Hm? Könnte ich mit leben.“
„Lakota, so nicht. Ich bin nicht deine Sklavin …“
Marc wehrte sich, „Moment, jetzt unterstellst du mir was. Sklavin. Was soll das? Willst du mich ärgern?“
„Nein, Lakota. Mit Sicherheit nicht. Ich denke, wir haben uns verstanden. Und du würdest mir tatsächlich das Studium bezahlen?“
„Oh ja, mit Freude sogar.“
So saßen sie noch einige Zeit am See. Ahmik wollte schon nach einer Stunde wieder zurück sein.
Der Sitzungsraum im Regierungsgebäude besaß einen großen runden Tisch. Alle Chiefs der 'Dene'-Völker waren dort versammelt, teilweise auch deren Söhne. Den Vorsitz führte Tyrone Sand, genannt 'Littlefoot'. Ahmik betrat nach kurzem Anklopfen und ohne eine Antwort abzuwarten den Raum. So konnte er sicher sein, die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken. Er wusste, er stieß einigen dabei vor den Kopf, nahm das aber bewusst in Kauf. Littlefoot erhob sich mit wichtigem Gesicht.
„Mein Sohn hat wohl keinen Respekt mehr vor dem Rat. Was soll das? Willst du uns hier vorführen?“
Immer lauter war Littlefoot geworden, man merkte ihm seinen Zorn an.
„Nein, das würde ich niemals tun. Ich achte den Rat und seine Mitglieder. Genau wie du“, er machte eine kurze Pause, „ich möchte euch allen hier ein Angebot unterbreiten: ich bin bereit, an meines Vaters Seite mit euch zu gehen und meine ganze Kraft in den Dienst unserer Sache zu stellen. Die Glenconan AG muss gestoppt werden!“
Ein Raunen ging durch den Raum, der Chief der 'Dene' erhob sich.
„Das ist endlich eine gute Nachricht, mir bist du willkommen, Ahmik. Ich denke, den meisten anderen auch. Lange mussten wir darauf warten.“
„Nicht so schnell. Ich kenne meinen Sohn. Was hat dich umgestimmt?“ Littlefoot war misstrauisch.
„Shonessi.“
Littlefoots Gesicht verfinsterte sich.
„Ich kenne keine Shonessi.“
„Vater, deine Antwort ist kindisch. Ihr braucht sie. Wer soll sonst ihre Aufgaben übernehmen? Ich kenne niemanden, der das außer ihr kann. Sie hat alle Kontakte, ist bekannt. Wir … brauchen … die … Presse! Du darfst deinen privaten Frust nicht auf dem Rücken der anderen hier austragen.“
Ehe Littlefoot antworten konnte, kamen die Einwürfe der anderen. Teilweise aufgebracht, wurde durcheinander gerufen.
„Ahmik hat Recht, es geht um die Sache …“
„Du solltest deinen Vater achten …“
„Wir brauchen Shonessi nicht …“
„Wer soll es denn machen, du …“
Immer lauter riefen sie durcheinander. Mit donnernder Stimme gebot schließlich Littlefoot dem Durcheinander Einhalt.
„Ahmik, ich denke, ich muss mich bei dir bedanken. Wir brauchen ganz besonders dich. Du weißt, das wollte ich von Anfang an. Soll Shonessi ihre Arbeit wieder aufnehmen, … aber ohne diesen Lakota.“
„Lakota wird bei uns mitarbeiten. Er wird, du wirst es sehen, uns eine Hilfe sein. Außerdem brauchen wir das Gästehaus, die beiden müssen schließlich irgendwo wohnen. Wenn du nichts dagegen hast, wohne ich bei dir.“ Ahmik lachte breit, „das sind die Bedingungen. Nur so werden wir zusammenkommen. Teilt mir bitte das Ergebnis mit.“
Mit einem kurzen Gruß entfernte sich Ahmik aus dem Versammlungsraum, setzte sich in seinen Pickup und fuhr zum Roten Haus. Marc und Shonessi saßen noch immer auf dem Steg.
„Darf ich stören?“
„Nein, das siehst du doch“, sie lachte, „Ahmik, stell dir vor, Lakota zahlt mir ein Studium für den Journalismus. Ist das nicht toll?“
„Schon. Äh, Lakota, hast du denn so viel Geld?“
Doch sie sagte nichts, blickte ihren Bruder immer noch lachend an, während Marc nach einer passenden Antwort suchte.
„Ich habe ein bisschen Gespartes, sonst hätte ich mir diese Reise nicht leisten können. Für Shonessi reicht es auf jeden Fall.“
Ein lang gezogenes „Okay“ von Ahmik war alles. Marc sah ihm an, dass er kein Wort glaubte, ließ es aber stehen. Sie warteten gemeinsam zwei Stunden, dann kam eine Abordnung die Straße zum See herunter. Der Chief der 'Dene', sein Sohn Machk und vier weitere Ratsmitglieder näherten sich langsam den Dreien. Sein Vater Littlefoot war nicht dabei. Marc sah Ahmik die Enttäuschung an.
„Das Ergebnis ist nicht so, wie ich es mir gewünscht habe“, stellte Ahmik mit bitterer Miene fest. Marc legte seinen Arm schützend um Shonessi. Dann standen sich beide Gruppen gegenüber.
„Wir haben eine Entscheidung getroffen.“
Ahmik nickte.
„Ahmik, du wirst unser neuer Sprecher mit allen Rechten und Pflichten. Shonessi wird weiter ihre Aufgabe erfüllen“, der Chief räusperte sich, „ähm, … Lakota kann hier bleiben und unterstützt euch beide. Das bedeutet, ihr seid für ihn verantwortlich.“
Marc nickte Ahmik zu und zeigte ihm sein Einverständnis.
„Dann gilt es ab jetzt.“
Der Chief nestelte in seiner Tasche, holte einen Schlüsselbund heraus und übergab diesen mit einem Lächeln an … Lakota.
„Seid willkommen in Dettah, auch du Lakota. Vergiss nie! Ehre deinen Namen. Das Haus gehört bis auf weiteres euch.“
„Was ist mit Littlefoot?“ Ahmik wollte Gewissheit.
„Littlefoot wird uns verlassen, er kehrt in sein Dorf auf Mahonie Island zurück. Er ist ein alter störrischer Mann und nicht bereit, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Das führt uns in eine Sackgasse. Shonessi, bereitest du die Presseerklärungen vor. Schließlich muss die Glenconan AG wissen, wer ihre neuen Gegner sind. Erwähne auch Lakota, es ist gut, wenn wir von einem fremden Weißen unterstützt werden. Ahmik, du bereitest die große Demonstration in Yellowknife vor.