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Kapitel 3

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Ari

Sichtlich nervös betrete ich die JVA. Es ist mein erster Tag in dieser Justizvollzugsanstalt, denn vor etwa zwei Monaten habe ich einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben. Ab sofort werde ich hier auf freiberuflicher Basis arbeiten und ich bin schon sehr gespannt auf mein Aufgabengebiet. Trotzdem ist es ein überaus befremdliches Gefühl, am Eingang durchsucht zu werden. Genauso muss ich mich erst noch daran gewöhnen, dass hinter mir sämtliche Gittertüren wieder verschlossen werden. So schnell kommt hier wirklich keiner raus!

Mein Name findet sich offensichtlich auf einer Liste für Personen wieder, die heute erwartet werden. Wenn ich so darüber nachdenke, dann habe ich mir nie Gedanken gemacht, wie es in einer Haftanstalt so zugeht. Doch diese Prozedur kenne ich schon vom Vorstellungsgespräch. Ich bekomme einen Wärter zugeteilt, der mich durch die Gänge, bis hin zur Anstaltsleitung, begleitet.

Vorsichtig klopfe ich an und trete ein, als ich von drinnen ein barsches »Herein« vernehme. Der Beamte nickt mir noch einmal zu und verschwindet dann wieder durch diverse Türgitter.

»Frau von Ahrensburg. Willkommen!«

»Hallo Herr Wehrstein! Vielen Dank!« Lächelnd reiche ich ihm meine Hand, die er sofort ergreift.

»Bitte, setzen Sie sich doch.« Er zieht mir einen Stuhl zurecht und ich tue, worum er mich gebeten hat. »Wie geht es Ihnen?«

»Sehr gut, danke! Ich hoffe Ihnen ebenso?«

»Natürlich.« Jetzt zwinkert er mir zu, was ich ein wenig unangebracht finde. »Ich hoffe, Sie sind voller Tatendrang?«

»Aber sicher doch!« Ganz professionell lege ich die Hände in meinen Schoß und versuche, gerade zu sitzen.

»Schön, dass Sie uns nun unterstützen möchten. Unsere Anstalt platzt aus allen Nähten und wir haben großen Bedarf an Therapiesitzungen, um zu entscheiden, welche Gefangenen vorzeitig entlassen werden können oder eventuell auch nachträglich in Sicherungsverwahrung genommen werden müssen, um Plätze frei zu machen. Das Verlegen von Häftlingen ist derzeit leider keine Option, da auch die Haftanstalten in der näheren Umgebung alle an der Kapazitätsgrenze kratzen. Wir benötigen somit Fachkräfte, auf die wir uns absolut verlassen können«, beginnt er. »Wenn hier Fehler passieren, kann das gravierende Auswirkungen für die Sicherheit der Bevölkerung haben! Ich habe Sie vor allem dafür vorgesehen, Therapiegespräche durchzuführen. Auch Gruppentherapien werden später zu Ihrem Aufgabenbereich zählen. Darüber hinaus benötigen wir noch eine Psychologin für Zweitmeinungen bei Gutachten. Ich hoffe, Sie fühlen sich diesen Anforderungen ebenfalls gewachsen?«

»Selbstverständlich!«

»Gut. Am Anfang werde ich bei den Zweitmeinungen zugegen sein oder diese zumindest gegenzeichnen. Ich hoffe, Sie verstehen, dass diese unbedingt im Sinne der Anstalt auszustellen sind.«

Ich stocke, denn das finde ich etwas merkwürdig. Gutachten sind eine objektive Betrachtung eines Patienten und kein Wunschkonzert. Da ich jedoch am ersten Arbeitstag keinen Ärger machen möchte, nicke ich erst einmal vorsichtig. Vielleicht habe ich das jetzt nur falsch verstanden und es wird sich im Anschluss alles aufklären.

»Ich würde vorschlagen, dass ich Ihnen gleich einmal Ihr Büro zeige.« Kurzerhand erhebt er sich und kommt um den Schreibtisch herum. Sofort stehe ich ebenfalls auf und folge ihm aus seinem Zimmer hinaus. Er führt mich zu einem Raum, der sich nur zwei Türen weiter befindet und wir treten ein.

»Ich habe mir erlaubt, Ihnen schon einmal ein paar Akten Ihrer zukünftigen Patienten auf den Tisch legen zu lassen. Werfen Sie einen Blick hinein und machen Sie sich mit den Personen vertraut. Später helfe ich Ihnen bei den ersten Terminvergaben und ich nehme Sie zu einer Besprechung mit. Dann können Sie sich schon einmal einen ersten Überblick verschaffen.«

Ich nicke erneut freundlich und setze mich sogleich an meinen Schreibtisch.

»Sollten Sie Fragen haben und ich nicht zugegen sein, wenden Sie sich bitte an Frau Greiling. Sie ist die Assistentin der psychologischen Abteilung. Ihr Büro befindet sich gleich nebenan, zwischen Ihrem und meinem.« Herr Wehrstein steckt nun seine Hände in die Hosentaschen. »Dann überlasse ich Sie nun erst einmal Ihrem Aufgabengebiet. Arbeiten Sie sich in Ruhe ein.« Daraufhin verlässt er mein Büro und ich atme erst einmal tief durch. Der Raum ist hell und freundlich eingerichtet. Verwundert stelle ich fest, dass es hier keine Fenstergitter gibt und fühle mich gleich etwas wohler. Die Aussicht geht allerdings direkt in den Innenhof hinaus, wo die Gefangenen Freigang haben. Auf der einen Seite finde ich es faszinierend und interessant, auf der anderen Seite ist es mehr als gewöhnungsbedürftig für mich, mit eingesperrten Menschen zusammenzuarbeiten.

Neben einem Sessel und einer Couch steht des Weiteren ein Tisch mit zwei Stühlen im Raum. Man geht also auf die verschiedenen Wünsche der Gefangenen ein, was ich besonders begrüße, denn von Einheitsbrei für alle, halte ich absolut nichts.

»Na, dann wollen wir mal«, flüstere ich vor mich hin und greife mir die erste Akte, studiere ihren Inhalt. Eine nach der anderen blättere ich durch und bin ein wenig erschüttert, als ich sie überfliege, denn nun wird mir erst richtig bewusst, dass ich es hier mit echten Straftätern zu tun habe. Begriffe wie bewaffneter Raubüberfall, Mord und Erpressung schlagen mir entgegen. Mit diesen Männern ist nicht zu spaßen! Wenn das stimmt, was dort drinsteht, und davon ist auszugehen, dann sollte ich wirklich vorsichtig mit diesen Patienten umgehen!

Als ich allerdings die letzte Akte aufschlage, stockt mir der Atem. Ich betrachte das Foto genauer und sehe in ein paar eisblaue Augen, die so durchdringend sind, dass mich ein kalter Schauer durchläuft. Unfähig zu beurteilen, ob ich bei ihrem Anblick nun ein positives oder negatives Gefühl habe, starre ich auf diesen Mann hinunter. Raphael Neumann, lese ich seinen Namen. Aufregung keimt in mir auf und ich frage mich warum. Eigentlich ist absurd, was ich bei seinem Anblick empfinde, aber der Blick dieses Mannes zieht mich dermaßen in den Bann, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Ich spüre, wie sich Unsicherheit, ein wenig Furcht und auch Neugier in mir abwechseln und ich bin auf einmal richtig gespannt, wie das erste Zusammentreffen mit diesem Mann wohl verlaufen wird. Ich weiß, ich sollte nicht zu viel hineininterpretieren, aber gegen den inneren Aufruhr, den dieses Foto in mir auslöst, bin ich irgendwie machtlos.

Vorsichtig klopft es an meiner Zimmertür und ich bitte denjenigen einzutreten. Herr Wehrstein öffnet und holt mich ab, um ihn an meinem ersten Arbeitstag zu begleiten. Also schlage ich die letzte Akte zu, verstaue meine Tasche in meinem Rollcontainer und schließe mein Büro ab. Anschließend folge ich Herrn Wehrstein, um meiner Arbeit nachzugehen.


***


Den ersten Tag habe ich gestern überstanden und wie ich finde, bravourös gemeistert. Heute soll ich im Gebäude herumgeführt werden. Ich bin schon sehr gespannt, was mich alles erwartet und wie die restlichen Bereiche in der Haftanstalt aussehen, die ich bislang nicht kennengelernt habe. Herr Wehrstein ist heute nicht zugegen, daher wird mich ein Kollege durch die Räumlichkeiten führen. Zuerst aber begleitet mich ein Wachmann zur Personalabteilung, wo ich meine Zugangskarte abholen kann. Diese war gestern noch nicht fertig und sobald ich sie habe, werde ich mich, in den für mich genehmigten Bereichen, frei bewegen können.

Die Hälfte des Tages studiere ich neue Patientenakten und versuche, mir zumindest die wichtigsten Informationen einzuprägen, was gar nicht so einfach ist, denn die meisten Häftlinge, die ich betreuen soll, haben mehr Vorstrafen, als man an zwei Händen abzählen kann. Mir schwant bereits, dass eine riesige Aufgabe auf mich zukommt. Aber ich wollte es schließlich so.

Im Anschluss werde ich von meinem zukünftigen Kollegen Thomas Meurer abgeholt, der mich in die Systeme einweiht. Als es Richtung Feierabend geht, zeigt er mir noch die verschiedenen Bereiche der JVA und führt mich herum. Wissbegierig hänge ich an seinen Lippen, schaue mich ausgiebig um und stelle fest, dass alles hell und modern eingerichtet ist. Zumindest die Bereiche, die ich bisher zu Gesicht bekommen habe. Anscheinend hat man in den letzten Jahren einiges investiert.

Thomas zeigt mir ebenfalls kurz die angrenzenden Räumlichkeiten der Psychiatrie, mit der ich sicherlich nur am Rande Berührungspunkte haben werde. Ich folge dem großen, schlaksigen Mann mit braunem Haar und Nickelbrille durch die Gänge. Fast muss ich ein wenig lachen, als ich darüber nachdenke, dass er auch ein fahrig wirkender Professor sein könnte. In der Tat kann ich ihn mir wunderbar bei der Arbeit als Psychologe vorstellen, denn er bedient wohl alle Klischees, die man im Zusammenhang mit Psychologie haben kann. Ob er darüber hinaus an einer Uni doziert?

Ich merke, dass ich abschweife und konzentriere mich lieber wieder auf meine Umgebung.

»Und wo geht`s dort hin?«, frage ich weiter und vernehme, dass er stockt.

»Äh, dort sind weitere Behandlungsräume.«

»Das sieht mir da drinnen aber schwer heruntergekommen aus. Wird dieser Trakt auch noch renoviert?«

»Ich glaube, dass das nicht vorgesehen ist.« Fahrig streift er sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Er wirkt auf einmal sehr nervös auf mich, ich kann mir jedoch nicht erklären, weshalb.

»Also wird dieser Bereich derzeit wohl nicht genutzt«, überlege ich laut, was Thomas allerdings leise verneint.

»Ehrlich gesagt schon. Aber das ist nicht so wichtig.«

»Dort werden Patienten hingebracht?«, hake ich leicht irritiert nach und beobachte auf einmal, wie ihm der Schweiß auf die Stirn tritt. »Das will ich mir ansehen! Haben wir dort Zugang?«, frage ich, halte dennoch direkt meine Chipkarte an den Sensor und sehe ein grünes Lämpchen aufleuchten. Ohne auf ihn zu achten, ziehe ich an dem Gitter und trete ein.

»Äh, ich denke, wir sollten erst Wehrstein fragen …«

»Warum?«, erkundige ich mich gleich und laufe weiter. Als ich jedoch in die Räume hineinschaue, bekomme ich das kalte Grausen. Fixierstühle, die locker mehr als 70 Jahre auf dem Buckel haben, stehen in den Räumen. Das dunkle Lederpolster ist an einigen Stellen gerissen und auch die Möbel sehen aus, als würden sie kaum noch zusammenhalten. Der Putz platzt bereits von den Wänden und verteilt sich auf dem Boden, während die restliche Wandfarbe in einem ekligen Gelb erstrahlt. Versehen mit diversen Flecken, versteht sich.

»Und das wird tatsächlich noch genutzt? Ich kann das gar nicht glauben«, rufe ich aus.

»Wir sollten jetzt wirklich gehen, denn ich habe gleich noch einen Termin«, gibt Thomas von sich und stellt sich mir in den Weg. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwas stimmt hier nicht! Argwöhnisch beäuge ich ihn, als ich mir einbilde, ein leises Stöhnen zu vernehmen. Anschließend dringt eine Art Rasseln an mein Ohr, woraufhin ich mich umsehe.

»Was ist dort hinter dieser Tür?«, frage ich und laufe einfach an ihm vorbei.

»Gar nichts …«, murmelt er jetzt und an der Art und Weise, wie er das sagt, weiß ich, dass er lügt. Der Riegel ist mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, also öffne ich die kleine Klappe, die sich in der massiven, grauen Holztür befindet, um in den Raum hinein zu spähen.

Zuerst sehe ich gar nichts, denn es ist stockdunkel im Zimmer dahinter. Eine eisige Kälte schlägt mir entgegen und ich frage mich, ob dort ein Fenster kaputt ist. Gerade als ich die Luke wieder schließen will, vernehme ich erneut dieses klirrende Geräusch. Lauter diesmal und als ich mich anstrenge, in dem Raum etwas zu erkennen, sehe ich doch tatsächlich die Umrisse einer Person, die dort in Ketten von der Decke hängt.

»Was zum …?« Ungläubig sehe ich meinen Kollegen an. »Wissen Sie hiervon?«

Betreten senkt er den Kopf und ich kann nicht glauben, was sich hier abspielt.

»Machen Sie diese Tür auf!«, weise ich ihn an. Thomas stockt und ich werde energischer. »Sofort!«

Zitternd zieht er einen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche, sucht eine Weile nach dem passenden Schlüssel und schließt das Vorhängeschloss auf. Daraufhin öffne ich die Tür und trete in die eiskalte Kammer. Ein winziges Loch mit einem Gitter prangt vor meterdicken Außenwänden, eine Fensterscheibe suche ich jedoch vergebens.

»Seid ihr denn wahnsinnig?«, frage ich. »Wir haben beinahe Dezember! Es ist schweinekalt hier drin! Seit wann wird der Mann in dieser Kammer festgehalten?« Ich bin fassungslos und sehe mir den geschundenen Körper des Häftlings an, der schlaff in den Ketten hängt.

»Seit zwei Tagen«, flüstert Thomas nun. »Er war nicht kooperativ und …«

»Nicht kooperativ?«, falle ich ihm schrill ins Wort. Um Gottes willen! »Sie veranlassen sofort, dass er befreit wird!« Wieder stockt er und ich habe das Gefühl, im falschen Film gelandet zu sein. »Hören Sie schlecht?«, schreie ich ihn an. Das darf doch alles nicht wahr sein!

Jetzt setzt sich Thomas in Bewegung und holt hoffentlich Hilfe, während ich dem Mann zuflüstere, dass er durchhalten soll. Argwöhnisch mustere ich die Ketten, allerdings muss ich feststellen, dass ich alleine rein gar nichts ausrichten kann. Somit versuche ich, dem Mann anders zu helfen. Stürmisch renne ich aus der Kammer in den Flur, weil ich dort eben einen Getränkeautomaten gesehen hatte. Dort ziehe ich eilig eine kleine Flasche Cola und laufe zurück.

»Können Sie mich hören?«, spreche ich ihn an und öffne dabei die Flasche. »Wollen Sie etwas trinken?«, frage ich ihn sanft und schaue ihm zu, wie er langsam den Kopf hebt. Und auf einmal erwischt mich sein Blick eiskalt. Ein kribbelnder Schauer, der sich wie tausend Nadelstiche auf meinem Rücken anfühlt, läuft über mich hinweg, denn ich sehe geradewegs in stahlblaue Augen.




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