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Kapitel 6

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Ari

Zwei Therapiesitzungen später krame ich mein belegtes Brot aus meiner Handtasche, nachdem mein vorheriger Patient gerade abgeholt wurde. Hunger habe ich nicht viel, dafür bin ich inzwischen eindeutig zu aufgeregt, trotzdem beiße ich dreimal hinein. Als ich den letzten Bissen heruntergewürgt habe, packe ich das Essen wieder weg. Ich bekomme einfach nichts runter. Stattdessen greife ich zur Wasserflasche und nehme ein paar große Schlucke. Anschließend gehe ich zum Fenster und öffne es, um die verbrauchte Luft durch frischen Sauerstoff zu ersetzen. Tief atme ich ein und versuche dabei, meine Nerven zu beruhigen, was mir allerdings nicht wirklich gelingt.

Draußen im Hof sehe ich einige Häftlinge Basketball spielen. Sie veranstalten einen Heidenlärm dabei, brüllen sich an und machen sich gegenseitig nieder. Ein paar Wärter stehen drum herum und beobachten das Schauspiel. Sie sind vermutlich genauso angespannt wie ich und warten nur darauf, bis sie eingreifen und das Gerangel unterbinden müssen. Ich seufze und schicke ein Stoßgebet gen Himmel, dass dieser Termin mich nicht meinen letzten Nerv kosten wird. Selten war ich vor einer Sitzung so aufgeregt wie jetzt, dabei ist mir klar, dass das eigentlich völlig absurd ist. Er ist ein Patient wie jeder andere auch. Zumindest versuche ich mir das einzureden.

Als es klopft, zucke ich zusammen und noch bevor die Tür geöffnet wird, weiß ich, dass er hier ist. Schnell sehe ich auf die Uhr. Etwa fünf Minuten zu früh, aber besser so als zu spät.

»Ja, bitte?«, rufe ich aus, wohlweislich darauf bedacht, das inzwischen verhasste ›Herein‹ zu umgehen, wende ich mich zur Tür. Herr Neumann wird hereingeführt und der Wärter dirigiert ihn zu dem Stuhl vor meinem Schreibtisch.

»Brauchen Sie mich hier, Frau von Ahrensburg?«

Skeptisch werfe ich einen Blick auf meinen Patienten, der mich gekonnt ignoriert und schüttele dann den Kopf. »Nein, Sie können draußen warten. Danke!«

Der Wärter nickt und verschwindet dann. Dass den Häftlingen ihre Handschellen nicht abgenommen werden, irritiert mich, selbst wenn ich das von den letzten beiden Sitzungen schon kenne. Allerdings versuche ich, diese Tatsache zu ignorieren. Auch wenn sich eine Stimme tief in meinem Inneren fragt, ob er tatsächlich so gefährlich ist, schiebe ich den Gedanken zurück in die hinterste Ecke und schließe das Fenster. Anschließend nehme ich auf meinem Stuhl Platz.

»Hallo, Herr Neumann. Wie geht es Ihnen?« Sein eisblauer Blick beginnt mich zu fixieren, doch er antwortet mir nicht. Na, das kann ja heiter werden! »Sie müssen natürlich nicht mit mir sprechen, aber das würde es deutlich einfacher gestalten. Für uns beide«, beginne ich zaghaft und erkenne, wie es in seinen Augen aufblitzt.

»Ich wüsste nicht, was ich überhaupt bei Ihnen soll. Geschweige denn, was ich Ihnen erzählen könnte.«

»Nun, wir sprechen über das, was Sie erzählen möchten«, biete ich ihm an.

»Was ich möchte?« Sein Tonfall ist drohend und ich befürchte bereits, dass er gleich einen Wutausbruch bekommt, also lenke ich ein. Einen aufgebrachten Häftling, der mir vielleicht an die Gurgel geht, kann ich sicher nicht gebrauchen.

»Sie wollen gar nicht hier sein, oder? Hier, bei der Therapie.« Sein Schnauben ist mir Antwort genug, daher setze ich nach.

»Warum nicht? Was genau widerstrebt Ihnen?«

Lange sieht er mich an. Sein stechender Blick ist unangenehm und wirklich nicht leicht zu ertragen, trotzdem zwinge ich mich, ihm Stand zu halten. Ich bin ihm bereits entgegengekommen. Jetzt ist er dran. Doch als er zur Seite blickt, schwinden meine Hoffnungen, eine Antwort zu bekommen. Resigniert durchforste ich mein Gedächtnis nach Fragen, mit denen ich ihn dazu bringen könnte, etwas zu sagen.

»Duftkerzen, also?«

»Wie bitte?« Mein Kopf schnellt wieder hoch und ich sehe ihn an, folge dann seinem Blick, der sich an dem niedrigen Aktenschrank neben uns festgeheftet hat. Erst dann schaue ich zu dem kleinen Buddha und den Kerzen, die ich dort gestern aufgestellt hatte, um es mir etwas gemütlicher zu machen.

»Bekommen Sie die Leute so zum Reden? Mit diesem esoterischen Hokus-Pokus-Zeug?«, hakt er nach und ich muss schmunzeln.

»Nein, es soll lediglich beruhigend wirken. Bei mir funktioniert das gut. Soll ich die Kerzen anzünden? Wir könnten ja versuchen, ob es bei Ihnen ebenso …«

»Sparen Sie sich die Mühe!«

Da ist sie wieder, die harte Zurückweisung. Man dringt wahrhaft nur schwer zu ihm durch.

»Also? Wovor haben Sie Angst?«, versuche ich es erneut.

»Angst? Sie denken ich hätte … Angst?« Er spuckt mir das Wort förmlich entgegen und ich überlege fieberhaft, ob ich es überhaupt wagen kann, weiterzusprechen, oder ob ich jetzt lieber einen Rückzieher machen sollte. Fast bilde ich mir ein, so etwas wie Mordlust in seinem Gesicht zu sehen. Bin ich verrückt oder sieht er mich tatsächlich auf diese angsteinflößende Weise an? Ich muss schon irgendwie irre sein, wenn ich mich mit solch gefährlichen Menschen in einen Raum begebe, so ganz ohne Schutz! Trotzdem spreche ich weiter, denn die Blöße, jetzt vor ihm einzuknicken, werde ich mir sicher nicht geben. Außerdem ist das hier nun einmal mein Beruf, für den ich mich bewusst entschieden habe.

»Nun ja, es muss doch einen Grund geben, weshalb Sie diese Sitzungen so konsequent ablehnen. Herr Wehrstein hat mich informiert, dass Sie sich weigern würden, eine Therapie zu machen.«

Zuerst sieht er mich verwirrt an, dann scheint er meine Aussage zuordnen zu können.

»Ich sehe nicht ein, weshalb ich so etwas benötigen sollte. Ich bin weder krank noch geistesgestört!«

»Aber das hat doch damit nichts zu tun. Viele Leute machen eine Therapie, weil sie vielleicht ein Problem haben, bei dem sie Hilfe benötigen. Das sagt doch rein gar nichts über ihre geistige Gesundheit aus.«

»Ich habe kein Problem und Fakt ist, ich bin kerngesund. Ich lasse mich weder unterwerfen, noch mache ich eine Therapie. Und von euch Affen im Hirn rumpfuschen, lasse ich mir schon erst recht nicht! Was in meinem Kopf passiert und was ich denke, geht allein mich etwas an, sonst niemanden. Ich gebe nichts Preis, so einer neugierigen Wichtigtuerin, wie Ihnen, schon gar nicht!« Jetzt bin ich baff, doch so wie es aussieht, ist er noch nicht fertig. »Damit wir uns richtig verstehen: Ich brauche so einen Scheiß nicht und das gebe ich Ihnen auch gerne schriftlich.«

Er hat es schon wieder getan. Er beleidigt mich und das mit voller Absicht. Und wieder trifft es mich, wie er über mich denkt. Ich weiß, dass es mich nicht so kränken sollte, trotzdem tut es das. Und weil er es geschafft hat, mich mit seinem Verhalten zu ködern, hake ich nach. Zu gerne möchte ich mich dazu rechtfertigen. Ich kann nicht anders.

»Sie halten mich also für eine neugierige Wichtigtuerin?«

»Was ich über Sie denke, ist irrelevant. Sie stehen auf deren Seite und damit nun einmal nicht auf meiner. So einfach ist das.«

»Weshalb gehen Sie davon aus, dass ich nicht auf Ihrer Seite stehe?«

Nun zieht er eine Augenbraue nach oben, dann redet er weiter. »Ich denke nicht, dass es an dieser Situation etwas zu interpretieren gibt.« Dabei hebt er die Hände und deutet mit einem Zeigefinger zwischen ihm und mir hin und her, wobei seine Handschellen leise klirren. »Sieht für mich alles ziemlich eindeutig aus und Sie stehen dabei ganz klar über mir. Im Klartext: Uns trennen Welten und schon allein diese Tatsache reicht, um meiner Abneigung gegen Sie freien Lauf zu lassen.«

»Ich möchte Ihnen helfen, Herr Neumann!« Eindringlich lehne ich mich nach vorne und sehe ihm fest in seine Augen. Warum ist er nur so verbohrt? Er wehrt sich so standhaft gegen mich, als wäre ich das schlimmste Übel für ihn, das er sich vorstellen kann.

»Sie wollen mir helfen?« »Natürlich! Das ist mein Job. Deshalb bin ich hier.«

»Und wie bitteschön wollen Sie das anstellen? Mich wieder mit Medikamenten vollstopfen, bis ich erneut ein hirnloses, sabberndes Etwas bin und mich nicht mehr wehren kann? Damit ihr mir dabei das nächste Mal eine Gehirnwäsche verpassen könnt, um mich wieder in dieses scheiß System zu integrieren? Das alles nur, weil ich nicht eurer Norm entspreche und ihr der Meinung seid, dass man mich vorher nicht mehr auf die Öffentlichkeit loslassen kann?«

»Nun, mit den Methoden, die in dieser Anstalt offenbar zur Anwendung kommen, bin ich absolut nicht einverstanden, das können Sie mir glauben! Was aber die Norm und dieses ›scheiß System‹ angeht … Sie haben nun einmal etwas getan, was nicht in Ordnung war. Deshalb sind Sie hier und darüber müssen wir uns unterhalten.«

»Weder muss ich mit Ihnen reden, noch bin ich ein kranker Psychopath, auch wenn ihr mich gern so sehen möchtet. Ich habe lediglich eine Meinung, die ich vertrete. Und ich kann Ihnen sagen: Mein Gewissen ist rein, ich habe absolut nichts falsch gemacht! Ob Ihnen das nun passt oder nicht, daran wird sich nichts ändern. Psychologie hin oder her. Es ist mir ehrlich gesagt scheißegal, ob Ihre Meinung dahingehend mit meiner konform geht oder nicht. Es kümmert mich schlicht nicht und ich bin ziemlich stolz darauf, dass es mich nicht juckt. Also gehen Sie mir mit dieser scheiß Therapie gefälligst nicht auf den Sack! Denn ich habe kein Interesse daran, mich mit Ihnen ›zu unterhalten‹.«

Wutschnaubend ringt er nach Atem, während ich mich über seinen Ausbruch nur wundern kann. Er kämpft gegen mich, mit allem, was er hat. Verzweifelt hält er mich auf Abstand, dadurch bekomme ich jedoch so langsam ein Gefühl dafür, wie ich mit ihm umgehen könnte. Über seine Wut habe ich einen Zugang zu ihm gefunden. Im Grunde genommen verstehe ich sein Problem. Ihm ist jegliches Vertrauen in diese Anstalt abhandengekommen und ehrlich gesagt wundert mich dies kein bisschen.

Dass ich ihm helfen will, war nicht gelogen. Ich weiß nicht, warum, aber irgendetwas sagt mir, dass er es wert ist, dass man ihm hilft. Meine Menschenkenntnis hat mich bisher selten im Stich gelassen. Und auch wenn ich noch gar nicht weiß, was er überhaupt angestellt hat, habe ich dieses Gefühl tief in mir. Was mich allerdings gleich zum nächsten Thema bringt: Was hat er überhaupt getan?

»Okay. Ich habe verstanden.«

»Sie verstehen gar nichts!«, spuckt er mir entgegen.

»Doch, ich denke schon. Sie sind verletzt. Und ob Sie es nun zugeben möchten oder nicht, Sie haben Angst. Angst davor, dass man Ihnen auch noch das letzte Stück Würde nimmt. Sie kämpfen jeden Tag, um hier nicht unterzugehen. Ich werde Ihnen jedoch versprechen, so lange Sie mein Patient sind, wird sich so ein Vorfall nicht wiederholen.«

Ein funkelndes und doch erstauntes Augenpaar blickt mir entgegen und allein die Tatsache, dass er nichts mehr sagt, lässt mich vermuten, dass ich zumindest ansatzweise ins Schwarze getroffen habe. Diese Situation möchte ich sogleich nutzen.

»Würden Sie mir erlauben, ein paar Fotos von Ihren Verletzungen zu machen?« Jetzt ist er vollkommen erstaunt, blockt jedoch gleich wieder ab.

»Weshalb sollte ich?«

Nun seufze ich leise auf und überlege, in wieweit ich ihm sagen soll, wofür ich diese Bilder benötige. Ohne Frage brauche ich diese sowohl zu seinem als auch zu meinem Schutz. Ich denke, es ist nur fair, wenn er Bescheid weiß. Zumal es wohl keine bessere Gelegenheit für mich gibt, sein Vertrauen zu gewinnen.

»Wie Sie sicherlich wissen, bin ich neu an dieser Anstalt. Und ich kann Ihnen versichern, dass ich von den Machenschaften nichts wusste. Die Sache gestern hat mich ehrlich gesagt ziemlich erstaunt, um nicht zu sagen entsetzt, wie man hier mit Häftlingen umgeht. Und Sie können sich vielleicht denken, dass ich mir gestern bei Ihrer Befreiungsaktion nicht nur Freunde gemacht habe.«

»Und das soll mich jetzt interessieren, weil …?«

»So etwas soll nicht wieder vorkommen, und dafür werde ich mich einsetzen! Allerdings benötige ich dafür Beweise. Dies dürfte sowohl in Ihrem als auch in meinem Sinne sein.« Eindringlich sehe ich ihn an und kann nur hoffen, dass er darauf einsteigt. Es dauert jedoch unfassbar lange, bis er reagiert. Seine stahlblauen Augen blicken mir direkt entgegen und fixieren mich. Stechend bohrt sich sein Blick in meinen und nimmt mir fast die Luft zum Atmen. Ich weiß, dass er mich ergründen will, dass er herauszufinden versucht, ob ich tatsächlich die bin, die ich vorgebe zu sein. Da ich jedoch alles so meine, wie ich es gesagt habe, habe ich nichts zu befürchten und sehe ihm offen entgegen. Trotzdem wirft mich seine Musterung vollkommen aus der Bahn.

»Machen Sie Ihre Fotos«, entscheidet er dann leise und sieht zur Seite.

Hat er mir gerade wirklich die Erlaubnis erteilt? Aufgeregt macht mein Herz einen Satz und schlägt nun einen Tick schneller als zuvor. Und als ich in die Schreibtischschublade greife, um mein Handy herauszuholen, rutscht es mir beinahe noch einmal aus der Hand vor Aufregung. Kurz darauf gelingt es mir, mein Smartphone zu entsperren. Dann starte ich die Kamera-App und stehe auf.

Mein Weg führt mich um den Schreibtisch herum und ich mache ein Foto von seinen Handgelenken. Anschließend strecke ich die Hand nach ihm aus, stocke aber indessen. Ich sehe ihm in die Augen, hole mir die Erlaubnis, ihn berühren zu dürfen, denn wer weiß, wie dieser Mann reagiert, wenn ich es einfach so tun würde? Einen Moment sieht er nur zu mir auf, dann vernehme ich schließlich ein leichtes Nicken. Demzufolge traue ich mich und überwinde die letzten Zentimeter. Meine Finger schieben die Handschellen ein wenig zur Seite, damit die Wunden freiliegen und ich sie besser fotografieren kann. Dabei berühre ich aus Versehen seine warme Haut, was einen heftigen Stromschlag durch mich hindurchschickt. Ich zucke zurück, mein Herz beginnt zu rasen und ich muss mich unglaublich zusammenreißen, mir nichts anmerken zu lassen. Natürlich spüre ich, wie er mich unentwegt taxiert und bin mir sicher, dass er jede Regung von mir nur zu deutlich wahrnimmt.

Was zum Teufel ist nur los mit mir? Ich schlucke kurz, dann widme ich mich wieder seinen Verletzungen und versuche zu verdrängen, was die Berührung eben in mir ausgelöst hat. Seine Wunden sehen schlimm aus. Das ist definitiv nichts, was innerhalb von einer Woche wieder heilen wird. Doch mehr, als ihm die Salbe zu geben, kann ich nicht tun, wenn er sich nicht verarzten lassen will.

Noch einmal nehme ich ein Foto auf, dann fotografiere ich ihn komplett, damit die Handgelenke auf seinem Schoß ihm zuzuordnen sind, falls daran Zweifel aufkommen sollten. Schließlich sind wir in der Beweispflicht. Ich könnte mich selbst in den Hintern treten, dass ich nicht gestern schon Bilder von ihm in dieser Kammer gemacht habe, aber ich muss mir natürlich ebenso eingestehen, dass ich in dem Moment viel zu sprachlos gewesen bin, um überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können. Sein Leben war zu diesem Zeitpunkt weitaus wichtiger gewesen als irgendwelche dummen Fotos!

Anschließend sehe ich ihn wieder an. Ich hatte gestern vage gesehen, dass die Verletzungen an den Handgelenken nicht die Einzigen waren und frage mich nun, ob ich es wagen kann, sein Shirt auszuziehen. Dann jedoch wird mir wieder klar, dass das auch in seinem Interesse ist. Wenn wir das hier anfangen, dann machen wir es auch richtig! Daher beuge ich mich zu ihm herunter und deute auf sein T-Shirt.

»Darf ich? Also … können wir …?« Verflixt! Warum bekomme ich eigentlich gerade keinen vernünftigen Satz mehr zu Stande?

Bei meinen Worten verengen sich seine Augen zu schmalen Schlitzen und sein Blick wird noch intensiver, gleitet wissend über mich hinweg und ich würde am liebsten im Erdboden versinken vor Scham. Er sieht es! Er sieht verdammt genau, wie unsicher ich ihm gegenüber bin.

Plötzlich steht er auf und richtet sich vor mir zu seiner vollen Größe auf. Dabei weiche ich erschrocken einen Schritt zurück, weil er damit gut zwei Köpfe über mir aufragt. Währenddessen sieht er mich auf eine Art an, die meine Knie weich werden und meinen Verstand komplett aussetzen lässt. Dieser Blick, als er auf mich herunterschaut, löst Gefühle in mir aus, die ich definitiv nicht haben sollte! Nicht in dieser Situation!

Ich ringe um Fassung, versuche irgendwie, meine Professionalität wiederzuerlangen, was mir aber nur mit mäßigem Erfolg gelingt.

Ohne dass ich erneut etwas sagen muss, hebt er seine Hände in den Handschellen langsam nach oben, greift den T-Shirt-Kragen in seinem Nacken und zieht sich das Shirt über den Kopf. Währenddessen entweicht ihm ein leichtes Schnaufen und als er seine Arme danach wieder sinken lässt, passiert dies etwas langsamer, als die Aufwärtsbewegung zuvor. Er muss Schmerzen haben, denke ich, doch der Gedanke verschwindet sofort im Nirwana, als das Shirt nun über seine Arme nach unten rutscht und über den Handschellen hängen bleibt.

»Oh. Mein. Gott!«

Als mir klar wird, dass ich das laut gesagt habe, weicht mir sämtliche Farbe aus dem Gesicht. Diese Muskeln! Sofort wird mir jedoch bewusst, dass er das durchaus genauso auf die diversen Hämatome beziehen kann, die sich über seine Haut erstrecken. Wie auch immer! Ich werde das sicher nicht richtigstellen!

Der Anblick seines gestählten Oberkörpers verursacht allerdings trotz der vielen Verletzungen umgehend tausende Schmetterlinge in meinem Bauch, die wild umherflattern. Ich beobachte, wie sich seine Schultermuskeln anspannen, die Brustmuskeln kurz zucken und sich eine zarte Wellenbewegung bei dieser Aktion über seine Bauchmuskeln bewegt. Zuvor, als er noch angezogen war, hatte ich schon vermuten dürfen, dass sein Körperbau nicht von schlechten Eltern ist, denn diese Form, das deutliche V, war auch durch den Stoff hindurch bereits gut zu erkennen gewesen. Damit allerdings, dass seine Muskeln so ausgeprägt sind, habe ich bestimmt nicht gerechnet! Mit Sicherheit trainiert dieser Mann täglich und ich vermute, dass ihn diese lächerlichen Handschellen nicht aufhalten würden etwas anzustellen, wenn er es wollte. Ich kann an ihm kein Gramm Fett erkennen, nur einen stahlharten Körperbau. Er ist keiner dieser Kühlschränke, die quer nicht mehr durch den Türrahmen passen würden, aber man sieht ihm an, dass er vor Kraft nur so strotzt.

Breitbeinig steht er vor mir, die Hose sitzt tief auf seinen Hüften, was meine Blicke sofort in Regionen landen lässt, in denen sie derzeit sicher nichts zu suchen haben!

Kurz schließe ich die Augen, versuche mich am Riemen zu reißen und das Prickeln zu ignorieren, dass sich in mir gerade südwärts schleicht, dann öffne ich sie wieder und trete nochmal einen Schritt auf ihn zu.

Einen blauen Fleck nach dem anderen begutachte ich, laufe langsam um ihn herum und sehe mir auch seinen Rücken an, wobei sein Blick mir abwartend ein Stück folgt. Hier findet sich genau das gleiche Spiel auf seiner Haut und ich muss erneut hart schlucken. Was haben sie ihm nur angetan? Gestern, in der Dunkelheit, habe ich definitiv nicht das ganze Ausmaß seiner Verletzungen gesehen!

Ich greife zu meinem Handy, mache Nah- und Großaufnahmen von ihm. Sowohl von seiner Rück-, als auch von der Vorderseite. Alles dokumentiere ich. Dabei sage ich kein Wort, denn ich bin einfach nur sprachlos über diese Brutalität, die ihm zuteilwurde. Es tut mir in der Seele weh und am liebsten würde ich ihn berühren, meine Hände tröstend und liebevoll über ihn gleiten lassen. Ich möchte ihm die Erinnerung und den Schmerz nehmen, doch erstens kann ich das nicht und zweitens steht es mir nicht zu, ihn auf diese Art und Weise anzufassen.

Doch eine Sache fällt mir noch ins Auge. Jetzt habe ich die Möglichkeit, ihn genau zu begutachten, also gleitet mein Blick natürlich auch auf seine Tattoos, die ich in der dunklen Kammer vorher kaum gesehen hatte. Fasziniert betrachte ich die schwarzen Linien auf seinem Arm und seiner Brust. Manche davon sind echt gut gestochen, andere wiederum sehen sehr wackelig aus und sind teilweise sogar vernarbt. Vermutlich sind es Knast-Tattoos. Wenn ich darüber nachdenke, unter welchen hygienischen Bedingungen die gestochen worden sein müssen, wird mir schlecht. Trotzdem würde ich zu gerne wissen, welche Bedeutungen sie alle für ihn haben, aber ich traue mich nicht zu fragen. Da ich ihn allerdings nicht die ganze Zeit anstarren will, muss das für meine Neugierde genügen und ich wende mich ab.

»Ok. Danke!«, sage ich daher lediglich, greife nach seinem Shirt, schiebe es seine Arme wieder hinauf und streife es ihm über den Kopf, wobei er ein wenig in die Knie geht, um es mir leichter zu machen. Anschließend rolle ich den Stoff an seinem Körper nach unten und ziehe ihn wieder an, wodurch meine Finger hier und dort über seine Haut gleiten und dabei erneut heiße Blitze durch mich hindurchjagen. Diesmal lasse ich es mir bestimmt nicht anmerken. Und auch wenn ich versuche, die Situation so lange wie möglich hinauszuzögern, um diese ein klein wenig länger genießen zu dürfen, muss ich mich schlussendlich von ihm lösen, bevor es peinlich wird.

Ich laufe zurück zu meinem Stuhl, spüre, dass er mich dabei nicht aus den Augen lässt und erst, als ich mich setze, nimmt er ebenfalls wieder Platz.

»Ich bin schockiert!«, gestehe ich ihm, ohne ihn anzusehen. Mir fehlen einfach die Worte und ich habe keine Ahnung, was ich sonst sagen könnte.

»Das sieht man«, teilt er mir auch ohne Umschweife mit.

Daraufhin sehe ich ihm in seine Augen, nehme diesen stechenden Blick in mir auf und blinzele dann ein paar Mal, um wieder zu Sinnen zu kommen. Diese Augen haben eine absolut hypnotische Wirkung auf mich, stelle ich fest, doch mir ist genauso klar, dass ich dem keinen Raum geben darf.

»Ich werde Ihnen noch eine weitere Salbe gegen die Hämatome besorgen.« Doch er schnaubt nur. »Sparen Sie sich das und verwenden Sie ihre Zeit lieber für etwas Sinnvolles.«

Er ist wieder genauso kalt wie vorher und das kurze Zeitfenster, in dem er mich ein wenig an sich herangelassen hat, ist verflogen. Trotzdem versuche ich noch einmal, einen Zugang zu ihm zu finden und notiere mir dabei, dass ich ihm die Salbe auf jeden Fall besorgen werde.

»Erzählen Sie mir von sich. Warum sind Sie Ihrer Meinung nach hier?«

»Beantworten Sie mir zuerst eine Sache: Was bitte macht eine Adelige im Knast? Weiß ihre Familie davon?« Seine Fragen erstaunen mich, doch ich spüre nur allzu deutlich, dass er das Thema nur anschneidet, um von sich abzulenken. Er macht erneut dicht. Innerhalb von Sekunden ist die Stimmung umgeschwenkt und sein Tonfall ist wieder genauso schneidend wie vorher. Kurz überlege ich, ob ich ihm seine Fragen beantworten soll, entscheide mich jedoch dagegen, weil es für die Therapie nicht relevant ist. Und schließlich muss ich meine Privatsphäre schützen, denn bei Straftätern weiß man definitiv nie. So hart es auch ist, aber ich muss ihn zurückweisen, weil ich keine Ahnung habe, weshalb er das von mir wissen will.

»Ich wüsste nicht, was Sie das angeht«, erwidere ich daher bestimmt, nichtsdestotrotz nach wie vor freundlich.

»Ahhhh, jetzt kommen wir der Sache näher. Einfältig sind Sie gar nicht, oder? Ist Ihnen bewusst, dass Sie mir absolut nichts über sich erzählen, aber von mir Informationen fordern?«

»Ja, denn das tut schließlich nichts zur Sache und außerdem verbitte ich mir solche Äußerungen!«

»Schon klar! Wenn Sie mir jedoch nichts über sich erzählen, weshalb glauben Sie dann, dass ich Ihnen etwas über mich erzählen werde?«

Nun ja, im Grunde genommen hat er Recht. Zumindest, wenn das hier ein normales Gespräch wäre, wäre es ein Zeichen der Höflichkeit, dass ich mich ihm ebenfalls öffne. Ist es jedoch nicht. Trotzdem muss ich sagen, dass er mich ein wenig zum Nachdenken bringt.

»Weil Sie hier sind, um eine deliktorientierte Psychotherapie zu machen«, erkläre ich, wohlwissend, dass ich natürlich versuche, mich mit fachlichen Ausdrücken und aktuellen Gegebenheiten herauszureden. »Es tut doch nicht weh, wenn wir uns ein wenig unterhalten. Immerhin haben Sie dann die Aussicht auf eine vorzeitige Haftentlassung.« Doch insgeheim muss ich ihm Recht geben. Ich kann mir vorstellen, dass es mit Sicherheit nicht schön ist, ständig reduziert zu werden. Das hier sind erwachsene Menschen und sie werden bevormundet wie Kinder.

»Und wenn euch meine Antworten nicht passen, buchtet ihr mich einfach noch ein wenig länger ein, stimmt‘s? Nein, danke! Ich ziehe es vor, meine normale Haftstrafe abzusitzen.«

»Das ist so nicht ganz richtig.« Sicher, eine Therapie ist normalerweise freiwillig. In seinem Fall besteht Wehrstein jedoch darauf. Und wie ich lernen durfte, ist seiner Anweisung unbedingt Folge zu leisten, was ich nun irgendwie begründen muss. »Bei Ihnen steht eine anschließende Sicherungsverwahrung durchaus zur Diskussion, weil Sie sich bisher in Haft wenig kooperativ gezeigt haben. Aus Ihrer Akte geht hervor, dass Sie einen anderen Häftling schwer verletzt haben, sodass dieser mehrere Tage um sein Leben gekämpft hat und anschließend monatelange Reha-Maßnahmen erhalten musste.« Zumindest habe ich wenigstens diesen Vermerk in der Akte gefunden. Das und die achtjährige Haftstrafe lassen darauf schließen, dass er alles andere als harmlos ist. Auch eine so hohe Freiheitsstrafe zeugt davon, dass es sicher kein kleines Delikt gewesen sein kann, das er sich zu Schulden hat kommen lassen. Vor mir sitzt also definitiv kein Kleinkrimineller, so viel ist klar. »Wenn man Sie nach der Haftstrafe in Verwahrung nehmen sollte, ist keine Therapie mehr möglich. Also lege ich Ihnen dringend nahe, mitzuarbeiten. Es ist wirklich zu Ihrem Besten!«

»Falsch, Mäuschen! Das ist es nicht. Ich weiß sehr genau, was ich tue. Und ihr habt nichts gegen mich in der Hand. Für was bitte wollt ihr mich denn noch länger hierbehalten? Nur weil ich mich bei den anderen nicht in die Gemeinschaft einfüge? Lächerlich! Und der Wichser war selbst dran schuld. Hätte ich mich nicht gewehrt, wäre ich derjenige gewesen, den man hätte vom Boden kratzen müssen. Einen Scheiß werde ich also tun! Ihr glaubt, ihr könntet mich dazu zwingen, diese Therapie zu machen. Aber wisst ihr was? Schiebt euch euer Psychogelaber sonst wo hin! Was nach den acht Jahren passiert, darauf lasse ich es gerne ankommen.«

Ich blinzele irritiert. Auch wenn er sich vor mir aufbäumt, muss ich gestehen, dass mich seine Art schon wieder verwirrt. Noch nie hat jemand so mit mir gesprochen. Und trotzdem ziehen mich diese Augen nach wie vor magisch an, die nun erneut aggressiv meinen Blick halten. Einen Moment zögere ich, denn ich weiß nicht, ob es schlau ist, was ich jetzt tue. Und trotzdem spüre ich, wie sich bereits meine Lippen öffnen und ich die ersten Sätze von mir gebe. Denn irgendwas sagt mir, dass es genau das ist, was er jetzt braucht.

»Sie haben Recht. Ich komme aus gutem Hause, doch das war nie ein Grund für mich, mich auf meinem Familiennamen auszuruhen. Ganz im Gegenteil. Sie sind hier eingesperrt. Nun, Sie können mir eins glauben: Ich weiß sehr wohl, wie sich das anfühlt.«

Perplex sieht er mich an, dann entspannt er sich und sinkt in seinem Stuhl zurück, folglich fahre ich fort. »Ich wollte Psychologin werden, weil es mir schon immer ein Anliegen war, Menschen zu helfen. So bin ich erzogen worden. Wer viel hat, hat die Pflicht, etwas davon abzugeben. Doch anders als meine Eltern, wollte ich nicht einfach nur Geld geben. Etwas zu spenden und mich dann nicht weiter dafür zu interessieren, ist nicht meine Art. Ich könnte niemals zur Tagesordnung zurückkehren, wenn ich nicht wüsste, ob meine Hilfe ankommt. Daher habe ich mich für einen anderen Weg entschieden. Ich möchte selbst helfen und den Menschen in die Augen blicken, denen ich helfe. Ich möchte wissen, ob meine Bemühungen von Erfolg gekrönt sind. Und ja, es ist mir wichtig, meiner Familie ebenso zu beweisen, dass ich das kann. Dass ich nicht auf sie angewiesen, sondern in der Lage bin, für mich selbst zu sorgen. Das sind meine Beweggründe und ich kann Ihnen versichern, dass ich für meine Patienten, und damit auch für Sie, da sein werde! Was immer ich für Sie tun kann, ich werde es tun.«

Eine Weile sagt er nichts, sieht mich einfach nur an und zum ersten Mal spüre ich, wie ich seinem Blick mit Ruhe begegne. Es tut gut, etwas auszusprechen, was ich sonst mit mir selbst ausmachen muss und irgendwie habe ich fast das Gefühl, dass diese stahlblauen Augen geradewegs in meine Seele schauen. Ist so etwas überhaupt möglich? Vollkommen abgelenkt, hänge ich meinen Gedanken nach, weil ich überlege, ob ich vielleicht ebenfalls öfter über persönliche Dinge sprechen sollte. Nicht hier, aber eventuell wäre es doch an der Zeit für mich, ein paar Sachen aufzuarbeiten. Während ich ihn weiter ansehe, rechne ich schon gar nicht mehr damit, eine Antwort zu erhalten, doch dann fängt er ebenfalls an zu sprechen.

»Ich habe jemanden umgebracht und ich bereue nichts!«, sagt er plötzlich, was mich hart schlucken lässt. Mord? Er ist ein Mörder? »Und weshalb bereuen Sie das nicht?« »Sagen Sie: Warum habe ich das Gefühl, dass das eine vollkommen neue Information für Sie ist? Haben Sie sich etwa nicht auf dieses Gespräch vorbereitet? Machen Psycho-Doktoren sowas nicht normalerweise?« Er beobachtet mich genau, keine Regung entgeht seinem Adlerblick und ich krame hektisch nach einer Antwort in meinem Kopf. »Ich mache mir gerne erst einmal selbst ein Bild, bevor ich alle Fakten recherchiere«, flunkere ich, weil mir die Informationen bisher ja noch nicht vorliegen. »Dann lesen Sie es nach. Steht alles in dieser Akte da.« Fahrig deutet er auf meinen Schreibtisch, dann steht er auf, klopft an die Tür und wartet darauf, dass diese geöffnet wird. Der Beamte, der ihn auch hergebracht hat, tritt ein und blickt zwischen ihm und mir hin und her.

»Ariella«, spricht Neumann meinen Vornamen aus und nickt, dann lässt er sich von dem Beamten abführen und ich bleibe sprachlos zurück.

Auch wenn es nicht viel war, was er preisgegeben hat, habe ich trotzdem das Gefühl, dass wir heute ein ganzes Stück weitergekommen sind. Und dass er mich zum Schluss mit Vornamen angesprochen hat, bestätigt meine Annahme nur noch. Er hat ihn sich tatsächlich gemerkt! Trotzdem fehlen mir die Worte, denn er scheint gefährlicher zu sein, als ich das zuerst angenommen hatte. Vielleicht ist es genau das, was mich jetzt so verwirrt. Bis auf seine Aggression wirkt er ganz normal. Man kann den Leuten nun einmal nicht in den Kopf schauen und vor denen, die am unscheinbarsten wirken, sollte man sich bekanntlich am meisten in Acht nehmen!



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