Читать книгу BEHIND BARS - Marina Ocean - Страница 14
Kapitel 5
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Ich stehe ziemlich angespannt vor ihm, sehe ihm dabei zu, wie er auf dem Bett liegt und den Arm über seinen Augen liegen hat. Er hat noch nicht einmal aufgesehen und trotzdem weiß er anscheinend, dass ich es bin, die nun hier bei ihm ist. Kurz frage ich mich woher, doch dann fällt mir ein, dass ich es ihm schließlich angekündigt hatte …
»Ich hatte bereits gesagt, dass ich noch einmal nach Ihnen sehen würde. Wie fühlen Sie sich?«
»Oh, ich denke, Sie wissen verdammt genau, wie ich mich fühle.«
Sein Ton ist abweisend und es versetzt mir, wenn ich ehrlich bin, einen Stich, dass er offensichtlich kein Interesse daran hat, mit mir zu sprechen.
»Nein, das weiß ich nicht. Deshalb frage ich Sie doch«, entgegne ich daher immer noch freundlich und um Ruhe bemüht, lasse mir nicht anmerken, dass mich diese Situation mehr fordert, als ich es zugeben möchte.
Bereits in der Ausbildung hat man mich gewarnt, dass meine zukünftige Tätigkeit alles andere als leicht sein würde. Von Natur aus bin ich ein unglaublich empathischer Mensch und nehme mir sofort alles zu Herzen. In dem Job, in dem ich arbeite, ist dies das pure Gift für die eigene Seele. Und trotzdem liebe ich meine Arbeit. Ich mache sie gerne, weil ich weiß, dass ich Menschen helfen kann.
Natürlich wusste ich, dass es womöglich eine Stufe härter sein würde, in einer JVA zu arbeiten, doch es hielt mich nicht davon ab, denn auch hinter den Gefängnismauern werden Menschen gebraucht, die den Häftlingen Gutes tun und sie auf die richtige Spur zurückbringen.
»Ach kommen Sie, sparen wir uns das Gelaber. Lassen Sie mich einfach in Ruhe.«
Er vertraut mir nicht, aber das kann ich nachvollziehen. Wenn man bedenkt, in welchem Zustand ich ihn vorhin gefunden habe, dann wundert es mich ehrlich gesagt, dass er überhaupt noch mit jemandem spricht.
»Ist das schon einmal vorgekommen?«, möchte ich wissen. Dass gerade noch ein Wärter mit im Raum ist, passt mir dabei gar nicht, aber sie werden mich niemals mit ihm alleine hier drin reden lassen.
»Sehen Sie gefälligst in Ihren schlauen Akten nach und gehen mir damit nicht auf den Sack!« Sein schroffer Ton richtet sich ganz offenkundig gegen mich und ein wenig zucke ich zurück. Dennoch fasse ich mir ein Herz und versuche, einen Zugang zu ihm zu finden.
»Ich weiß, es mag Ihnen absurd vorkommen, aber ich möchte Ihnen tatsächlich helfen.«
»Ach ja? Dann wären Sie die Erste!« Er schnaubt verächtlich und nimmt seinen Arm von seinem Gesicht, starrt nun an die Decke. »Tun Sie uns beiden einen Gefallen und schwingen Sie Ihren zierlichen Arsch hier raus! Ich möchte jetzt schlafen!«
»Okay. Ich werde gehen. Aber ich habe Ihnen noch eine Salbe mitgebracht. Geben Sie diese auf Ihre Wunden, dann werden Ihre Verletzungen schneller heilen.«
Jetzt richtet er sich auf und stiert mich an.
»Wozu? Um die Spuren schnellstmöglich zu verwischen, die ihr mir zugefügt habt?« Angepisst steht er auf und kommt auf mich zu. Nur ein paar Zentimeter vor mir bleibt er stehen und baut sich bedrohlich vor mir auf, was mich zwei Schritte zurückweichen lässt. Dabei spüre ich, dass sich der Wärter schräg hinter mir ebenfalls anspannt.
»Sie verstehen das falsch …«
»Oh nein, ich verstehe das schon ganz richtig!« Noch näher schreitet er auf mich zu, doch diesmal bleibe ich stehen, versuche, nicht zurückzuweichen und gebe dem Wachmann mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ich die Sache im Griff habe. Auch wenn ich mir da selbst nicht wirklich sicher bin. Ich will Herrn Neumann nicht signalisieren, dass er mir gerade ziemlich Angst macht. Männern wie ihm darf man das nicht zeigen, soviel habe ich in meinem Job immerhin schon gelernt.
»Wie heißen Sie?«
»Mein Name ist Ariella von Ahrensburg.« Selbstbewusst recke ich ihm mein Kinn entgegen, doch er schnaubt erneut.
»Ja klar, und ich bin der Papst von Rom.«
»Bitte?«
»Weshalb sollte eine Frau mit Adelstitel in einer JVA arbeiten? Und was ist denn Ariella für ein Name? Wollen Sie mich verarschen?«
»Ein ganz gewöhnlicher, soweit mir bekannt ist«, gehe ich auf seine zweite Frage ein.
»Wenn Sie meinen. Falls das ihr richtiger Name ist, finde ich jedoch, dass Ihre Eltern da verflucht grausam waren. Oder dämlich. Wobei … Wer weiß!? Vielleicht auch beides?«
»Wie, bitteschön, reden Sie denn über meine Eltern?« Er ist clever und versucht mich mit persönlichen Dingen zu kränken, um mich loszuwerden. Gleichzeitig wird mir klar, dass er mich niemals körperlich angreifen würde, wenn er auf diese Weise versucht, mich dazu zu bringen, zu gehen. Natürlich weiß ich genau, was er bezweckt, dummerweise funktioniert es. Ich kann nicht leugnen, dass es mich verletzt, wie er mit mir spricht, obwohl ich den Sachverhalt aus psychologischer Sicht längst durchschaut habe.
»Ganz einfach, Schätzchen. Du klingst, als wärst du einem Disney-Film entsprungen. Oder einer Waschmittel-Werbung!« Dreckig grinst er mir mitten ins Gesicht und wahrhaftig fehlen mir jetzt die Worte. So etwas hat noch nie jemand zu mir gesagt! Misshandlung hin oder her, alles hat Grenzen! Beleidigen lassen muss ich mich von ihm sicher nicht. Daher knalle ich den kleinen Becher mit ein wenig Salbe darin auf seinen Tisch, drehe mich auf dem Absatz herum und bedeute dem Wärter, dass ich hier fertig bin.
»Wir sehen uns morgen um 14:00 Uhr zu ihrer ersten Sitzung, Herr Neumann«, entgegne ich lediglich. Daraufhin öffnet sich die schwere Tür zum Haftraum und ich schlüpfe mit dem Wärter hindurch.
»Na, da bin ich ja mal gespannt«, ruft er mir noch hinterher, bevor der Beamte die schwere Tür mit der Verriegelung wieder schließt.
Was für ein überhebliches Arschloch! Und für diesen Kerl habe ich bereits meine ersten, freiwilligen Überstunden gemacht. Super! Außerdem habe ich mich mit ziemlicher Sicherheit mit Herrn Wehrstein angelegt! So wie ich gehört habe, wusste er von diesen Foltermethoden. Vermutlich hat er diese Tortur für Herrn Neumann sogar angeordnet und ich habe diesem Häftling auch noch geholfen, habe es gut mit ihm gemeint. Das wird mir sicher nicht nochmal passieren! Du bist einfach zu gutmütig, denke ich mir und ärgere mich über mich selbst, dass ich überhaupt eingeschritten bin. Auch, wenn diese Maßnahmen definitiv nicht in Ordnung sind und niemand so etwas erleiden sollte.
Wutschnaubend laufe ich zurück in mein Büro, hole meine Sachen und verlasse die JVA. Wenn dieser Arsch Krieg will, dann soll er ihn bekommen! Mein Abend ist jedoch gelaufen, das hat er zumindest geschafft!
***
Am nächsten Morgen befällt mich eine nervöse Unruhe. Schon während ich das Gefängnis betrete, muss ich an den Termin heute Mittag denken. Natürlich habe ich vorher weitere Therapiesitzungen, doch vor der mit Herrn Neumann habe ich Angst. Ich kann nicht unbedingt sagen, dass er es ist, der mir ein ungutes Gefühl bereitet. Vielmehr fürchte ich mich vor mir selbst. Vor der Wirkung, die er auf mich hat und vor der Tatsache, wie verletzlich ich offenbar in seiner Gegenwart bin. Weshalb hat dieser Mann so eine Macht über mich?
Ich hatte es in den letzten Jahren weiß Gott mit vielen Menschen zu tun, durch meinen Job bleibt das gar nicht aus. Auch musste ich schon mit Beleidigungen umgehen. Wer musste das schließlich noch nicht? Bisher habe ich es jedoch immer geschafft, dabei eine professionelle Herangehensweise beizubehalten. Bei ihm hingegen fällt es mir unglaublich schwer, sachlich zu bleiben.
Sein stahlblauer Blick zeugt von Härte und Überzeugungskraft. Jeder sieht sofort, dass mit diesem Mann nicht zu spaßen ist! Trotzdem kann ich nicht glauben, dass er böse ist. Er wirkt dunkel, bedrohlich und geheimnisvoll auf mich, ja, aber nicht gewalttätig. Zumindest nicht mir gegenüber, denn ich habe das Zögern in seinen Augen gesehen, als er sich gestern Abend in seiner Zelle über mir aufgebaut hat. Er wollte mir nicht wehtun, mich lediglich auf andere Weise angreifen und verletzen, damit ich verschwinde! Und ich habe zugelassen, dass er mit seinem Verhalten Erfolg hatte.
Ich bin so bescheuert! Man sollte eigentlich meinen, dass ich professioneller bin. Dass mir so ein Arsch nichts anhaben kann, trotzdem zieht er mich magisch an. Verdammt! Ich muss das abstellen. Irgendwie muss ich es schaffen, dass ich ihn auf Abstand halte, das wäre ohne Zweifel besser für uns beide. Und von einer Psychologin, die ich nun einmal bin, sollte man auch erwarten können, dass ich so jemanden in den Griff bekomme.
Eigentlich …
Vielleicht wäre es besser, wenn ich den Fall einfach abgebe und ihn gegen einen anderen Patienten tausche. Noch habe ich die Sitzungen mit ihm nicht begonnen. Auf der anderen Seite möchte ich mir diese Blöße nicht geben. Nachdem ich diesen Job gerade erst angefangen habe, kann ich nicht schon den ersten Häftling ablehnen, nur, weil ich damit nicht klarkomme, dass er es geschafft hat, mich zu kränken. Seufzend betrete ich mein Büro und schließe die Tür hinter mir. Einen Moment lang lehne ich mich mit dem Rücken dagegen und atme erst einmal tief durch, um mich zu sammeln. Anschließend gehe ich zu meinem Schreibtisch und fahre den Computer hoch. Geistesabwesend verstaue ich meine Handtasche und mache es mir bequem. Dann greife ich, einem Instinkt folgend, seine Akte.
Als ich sie aufschlage, starren mir gleich wieder diese durchdringenden Augen entgegen. Sie fesseln mich, lassen mich einfach nicht mehr los. So sehr ich es auch versuche, ich kann mich diesem Anblick nicht entziehen. Als ich es letztendlich doch schaffe, sehe ich an der Uhrzeit, dass ich bereits eine halbe Stunde vertrödelt habe. Das ist doch nicht zu glauben, oder?
So viele Gedanken sind durch meinen Kopf geschossen, ohne dass ich bemerkt habe, wie tief ich im Anblick dieser stahlblauen Augen versunken bin. Ich habe überhaupt nicht mitbekommen, wie die Zeit an mir vorbeigerast ist.
Schnell blättere ich eine Seite weiter, dann noch eine und noch eine. Meine Finger gleiten durch die Akte, denn ich suche etwas, kann es jedoch nicht finden. Parallel schlage ich eine weitere Akte von einem anderen Patienten auf und entdecke dort sofort das gewünschte Papier. Schwarz auf weiß lese ich die Verurteilungsgründe und schließe die zweite Akte wieder. Noch einmal blättere ich die Seiten von Herrn Neumann durch, doch das gesuchte Schriftstück ist offensichtlich nicht vorhanden. Auch die Kurzinformation mit der Zusammenfassung über Herrn Neumann fehlt. Wie kann das denn sein?
Vor allem geistern nun die nächsten Fragen durch meinen Kopf. Erstens: Wie zum Teufel soll ich mich denn auf eine Therapie mit diesem Patienten vorbereiten, wenn ich nicht einmal alle Fakten kenne und zweitens: Was genau hat er überhaupt getan, dass er einsitzt? Besonders der zweite Gedanke brennt mir unter den Nägeln.
Ist es ein Versehen, dass ausgerechnet bei ihm diese Auskunft fehlt? Ist das Urteil von ihm einfach nur verloren gegangen oder ist es eventuell sogar absichtlich entfernt worden? Wer aber könnte daran ein Interesse haben, dass diese Information nicht in der Akte zu finden ist? Das wäre recht unüblich und darüber hinaus total absurd. Es muss ein Versehen sein, dass sich das Schriftstück nicht mehr in der Akte befindet, anders kann ich mir das nicht erklären. Sicher hat jemand das Urteil gebraucht und einfach nur vergessen, es wieder einzuheften.
Auf der anderen Seite wäre es nicht das Erste, was hier in diesem Hause komisch ist. Und über die Maßnahme, die man ihm angetan hat, gibt es schließlich auch keinen Vermerk.
Ich schlage die Akte wieder zu und studiere den Umschlag. Offensichtlich sollte Herr Neumann von Herrn Wehrstein persönlich betreut werden, denn außen ist sein Name als betreuender Psychologe angegeben. Bisher war ich der Meinung, dass Herr Wehrstein nur den Posten der Anstaltsleitung innehätte. Mir war ehrlich gesagt nicht klar, dass er ebenfalls psychologisch tätig ist. Doch dann fällt mir wieder ein, dass er bei Zweitmeinungen zugegen sein wollte. So ganz kann ich daher noch nicht einschätzen, was damit sein genaues Tätigkeitsfeld ist. Ob er ebenfalls Psychologie studiert hat?
Da die Akte nun aber bei mir liegt, werde ich diesen Umstand mit dem Betreuungsnamen sofort ändern. Als nächstes führt mich mein Weg allerdings zu Wehrstein ins Büro, denn ich habe vor, mir die benötigten Informationen zu besorgen.
Entschlossen stehe ich auf und verlasse mein Zimmer, laufe hinüber zu der Tür, die gar nicht weit von meiner entfernt ist und klopfe an. Sein inzwischen bekanntes »Herein!« schlägt mir entgegen und ich weiß, dass ich diesen barschen Tonfall bereits jetzt zu hassen beginne. Natürlich lasse ich mir das nicht anmerken, wirklich wohl fühle ich mich in der Gegenwart meines Chefs jedoch nicht.
»Frau von Ahrensburg, gut, dass Sie da sind! Was fällt Ihnen eigentlich ein, eine Anweisung von mir aufzuheben?« Seine aggressive Art geht mir sofort durch und durch und selbstverständlich fällt mir nun siedend heiß ein, dass ich ja bereits befürchtet hatte, mir Ärger eingehandelt zu haben. Da ich Herrn Neumann aus den Ketten und diesem frostigen Gewölbe befreit habe, konnte ich mir längst denken, dass dies ein Nachspiel haben würde.
»Bitte? Ich verstehe nicht …«, gebe ich mich ahnungslos und mache ihn offensichtlich damit noch wütender, während ich mich ungefragt auf einen der Stühle vor seinem Schreibtisch setze. Ganz im Gegensatz zu diesem einen Patienten von mir, fällt es mir in der Nähe meines Chefs nicht schwer, die Contenance zu wahren.
»Sie verstehen nicht? Dann will ich Ihnen mal auf die Sprünge helfen! Sie haben Herrn Neumann gegen meine strikte Anweisung befreien lassen.«
»Bei aller Liebe, Herr Wehrstein. Wir leben im 21. Jahrhundert. Foltermethoden gehören ins Mittelalter, jedoch nicht in die Neuzeit! Und in eine staatliche Einrichtung schon erst recht nicht!«
»Welche Methoden hier Anwendung finden, das entscheide immer noch ich!«
»Das kann doch wohl nicht Ihr Ernst sein!?«
»Und ob es das ist!«
»Das ist ein Mensch aus Fleisch und Blut. Haben Sie denn keine Skrupel, mit solchen Methoden aufzuwarten?«
»Das sind Monster! Glauben Sie mir, ihre Opfer haben weitaus mehr gelitten, als es diese Straftäter bei uns jemals tun werden.«
»Es steht Ihnen nicht zu, darüber zu urteilen oder solch entwürdigende Strafen zu vollziehen. Dafür gibt es Gerichte und ich bin sicher, dass ein Richter ihre Ansichten definitiv weder teilen würde noch mit der Anwendung solcher Sachen einverstanden wäre.«
»Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, dann kümmern Sie sich zukünftig ausschließlich um Ihren Aufgabenbereich und überlassen den Rest mir.«
»Herr Neumann gehört zu meinem Aufgabenbereich!«
»Das sagt wer?«
»Seine Akte lag bei den Unterlagen, die Sie mir haben hinlegen lassen. Daher darf ich wohl davon ausgehen, dass ich auch für ihn zuständig bin. Im Übrigen stand über diese zweifelhaften Methoden«, ich stocke kurz und verziehe angewidert den Mund, »nichts in der Akte. Können Sie mir das bitte erklären?«
»Solche Aufzeichnungen verwahren wir gesondert.« Ja, so etwas hatte ich mir bereits gedacht.
»Und es muss dann wohl ein Versehen gewesen sein, dass die Akte bei Ihnen gelandet ist. Herr Neumann wird von mir persönlich betreut.«
»Ich habe gleich die erste Sitzung mit ihm, der Termin steht. Es tut mir leid, aber Herr Neumann ist und bleibt damit fortan in meinem Zuständigkeitsbereich. Das darf ich wohl erwarten, schließlich kostet es mich auch Zeit, mich in die Fälle einzuarbeiten.«
Einen Moment schaut er mich durchdringend an, greift sich ans Kinn und reibt seine Finger darüber. Man sieht ihm an, dass er alle Möglichkeiten abwägt, bevor er mir antwortet.
»In Ordnung, er bleibt bei Ihnen. Vorerst zumindest. Jedoch darf ich Sie darauf hinweisen, dass Herr Neumann kein einfacher Häftling ist. Er braucht eine harte Führung und so lange ich nicht weiß, ob Sie der Sache gewachsen sind, bleibt diese Entscheidung unter Vorbehalt.«
Seine Aussage ärgert mich maßlos, doch auszuflippen würde meinen Standpunkt sicher nicht verbessern. Somit besinne ich mich und halte dazu einfach den Mund. Ich werde ihm schon beweisen, dass ich der Sache mit Herrn Neumann durchaus gewachsen bin. »Weiter ist mein Wort hier Gesetz, merken Sie sich das! Und Ihre Widerworte werde ich zukünftig nicht mehr dulden. Sollte es also noch einmal vorkommen, dass Sie gegen mich arbeiten, sind Sie Ihren Job schneller wieder los, als Sie schauen können! Ich hoffe, ich habe mich klar genug ausgedrückt?«
»Sicher! Ich habe nicht vor, mich Ihren Anweisungen zu widersetzen, doch diese Methoden kann ich nicht tolerieren. Und ich sage Ihnen ebenfalls: Sollten Sie noch einmal Hand an einen meiner Patienten legen, zeige ich Sie an!« Fest blicke ich ihm entgegen und mache deutlich, dass auch mit mir nicht zu spaßen ist. Das ist illegal, was er hier tut und er weiß das ganz genau. Sollte hiervon etwas nach außen dringen, ist er ebenso seinen Job los. Er versucht zwar, mich klein zu halten und mich in dem Glauben zu lassen, dass er mir überlegen ist, doch das ist definitiv nicht der Fall. Ich habe eine einflussreiche Familie und den geschädigten Neumann als Zeugen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, dass er hierzu auspacken würde. Dennoch gibt es Beweise! Diese muss ich mir nur noch aneignen, daher lasse ich nicht zu, dass Herr Wehrstein mir droht. Ich sollte unbedingt Fotos von Neumann machen, so lange die Wunden sichtbar sind, überlege ich jetzt.
Mit diesen Worten erhebe ich mich vom Stuhl und gehe zurück zur Tür. Ich weiß selbst nicht, woher ich auf einmal dieses Selbstbewusstsein nehme, doch Wehrstein scheint es offensichtlich schwer beeindruckt zu haben. Denn jetzt starrt er mir grimmig hinterher, als ich mich nochmal umdrehe. Unnötig zu erwähnen, dass es mir eine Genugtuung ist, ihn dermaßen in die Schranken verwiesen zu haben, denn Sympathien hege ich für diesen Mann nicht.
Während ich nach der Türklinke greife, fällt mir ein, dass ich eigentlich wegen einem ganz anderen Thema in sein Büro gekommen bin.
»Ach, haben Sie zufällig eine Ahnung, wo die Verurteilungsunterlagen von Herrn Neumann sind? Diese fehlen nämlich in seiner Akte.«
Daraufhin nimmt das Gesicht von Herrn Wehrstein eine dunkelrote Farbe an und er geht in die Offensive.
»Sagen Sie nicht, Sie haben diese Unterlagen verschlampt!? Ich habe Ihnen nur vollständige Akten zukommen lassen.«
Er beschuldigt mich allen Ernstes, dass ich diejenige gewesen sein soll, die dieses Dokument entfernt hat?
»Stopp! Ich verbitte mir solche Äußerungen! Wenn ich Ihnen sage, dass das Schriftstück nicht in der Akte war, als ich sie erhalten habe, dann war das auch so. Ich wollte Sie lediglich bitten, in Ihren Unterlagen nachzusehen, ob das Urteil eventuell noch bei Ihnen liegt.«
»Bei mir ist es definitiv nicht mehr! Die Akte muss vollständig gewesen sein.«
»Können Sie mir dann vielleicht sagen, weshalb Herr Neumann hier ist?«
»Frau von Ahrensburg, ich kenne sicherlich nicht alle Akten auswendig. Dann rufen Sie eben bei Gericht an und lassen sich eine Abschrift schicken.«
Ich nicke lediglich, weil ich ehrlich gesagt keine Lust mehr habe, mich weiterhin beschuldigen zu lassen. Und noch viel weniger verspüre ich den Drang danach, mir den Tonfall weiter anzuhören. Daher verlasse ich umgehend das Büro von Wehrstein und gehe zurück an meinen Schreibtisch. Soviel zum Thema ›neuer Job‹! Das läuft ja alles großartig!