Читать книгу BEHIND BARS - Marina Ocean - Страница 16
Kapitel 7
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Was ich von dieser Frau halten soll, weiß ich beim besten Willen nicht. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass sie versucht, einen Draht zu mir zu finden. Klar, als Psychologin ist das ihr verdammter Job! Aber da ist sie bei mir an der falschen Adresse. Ich werde sie nicht in meinen Kopf schauen lassen. Meine Gedanken gehören mir, mir allein!
Eigentlich könnte sie sich die Mühe auch sparen und das habe ich ihr wohl auch deutlich zu verstehen gegeben. Trotzdem lässt sie sich irgendwie nicht abweisen. Sie hat sich an mir festgebissen, da haben auch meine Anfeindungen nichts gebracht. Vielleicht muss ich dahingehend noch deutlicher werden, damit sie sich von mir abwendet und mich endlich in Ruhe lässt. Normalerweise widerstrebt es mir, irgendwelche Frauen mit Kraftausdrücken zu titulieren, aber wenn es nicht anders geht?!
Sehr wohl habe ich gesehen, dass meine Worte etwas mit ihr gemacht haben. Ich verletze sie und das ist auch gut so. Es ist genau das, was ich bezwecke, trotzdem lässt sie sich nicht abschütteln. Mal sehen, wie deutlich ich da noch werden muss. Denn wenn ich es schon nicht schaffe, diese Therapie zu verhindern, dann kann ich eventuell erreichen, dass sie es von sich aus aufgeben.
Was mich jedoch stutzig werden lässt, war ihre Reaktion beim Fotografieren meiner Verletzungen. Sie hatte sich richtig erschreckt, als sie mich versehentlich berührt hat. Warum ist das so? Hat sie solche Angst vor mir? Auch ihr Blick, als ich mein T-Shirt ausgezogen habe, ist mir nicht entgangen. War sie wirklich so schockiert über die blauen Flecken und offenen Schürfwunden? Vielleicht habe ich da möglicherweise noch etwas anderes in ihren Augen gesehen. Bilde ich mir das nur ein, oder habe ich tatsächlich eine Wirkung auf sie, die sie nicht kalt zu lassen scheint? Ich sollte das auf jeden Fall einmal beobachten, denn eventuell hilft mir das, mir dieses Mäuschen vom Hals zu halten.
Der Wärter führt mich zurück zu meinem Arbeitsplatz. Nicht mehr lange und ich habe Feierabend. Immerhin werden mir diese verkackten Sitzungen auf meine Arbeitszeit angerechnet. Wäre ja auch noch schöner, wenn sie mich einerseits dazu zwingen, obwohl ich das gar nicht will und ich die Zeit andererseits dann nacharbeiten müsste.
Missmutig lasse ich mich durchsuchen. Danach führen sie mich in die Wäscherei, wo ich mich der Dreckwäsche zuwende und damit beginne, sie wieder einmal nach Farben zu sortieren. Tag ein, Tag aus, derselbe Mist. Anschließend befülle ich mehrere Maschinen. Diesmal jedoch nur noch mit Kurzwäsche. Der Rest muss bis morgen warten, denn ich habe nicht vor, heute Überstunden zu machen. Ganz im Gegenteil. Was freue ich mich gleich aufs Training. Mein Aggressionsabbau ist an diesem Tag wirklich dringender nötig als sonst!
***
Seit etwa fünfzehn Minuten drücke ich nun schon die Hantelbank und fühle mich trotzdem noch nicht ausgepowert. Auch wenn meine Haut an den offenen Stellen schmerzt und ich meinen Oberkörper kaum bewegen kann, ignoriere ich diese Empfindungen und schone mich nicht. Zur Vorsorge habe ich doch etwas von der Salbe aufgetragen, die mir das Therapiepüppchen gegeben hat und mir dann von einem der Wärter einen notdürftigen Verband anlegen lassen. Nicht weil ich möchte, dass die Wunden schneller abheilen, sondern, weil das Fett in der Creme meine Haut elastischer macht. Ich kann beim Training schlicht und einfach keine blutenden Handgelenke gebrauchen, nur, weil die Haut an den Stellen wieder einmal aufreißt. Ist mir kurz vor Feierabend bereits in der Wäscherei passiert, weshalb ich einige Kleidungsstücke morgen nochmal waschen kann. Ich hätte kotzen können.
Eine weitere halbe Stunde trainiere ich, bis meine Muskeln endlich zu brennen und anschließend zu zittern beginnen. Ein untrügliches Zeichen, dass es jetzt genug ist. Ich bin nach den Strapazen in dieser Kammer heute wohl doch einfach noch nicht in Form und muss einsehen, dass mein Körper immer noch ziemlich geschwächt ist. Mit letzter Kraft vollende ich den begonnenen Satz beim Bankdrücken und richte mich dann auf, verschnaufe einen kurzen Moment. Geistesabwesend wische ich mir den Schweiß von der Stirn und hänge meinen Gedanken nach. Als ich auf die Uhr sehe, ist es kurz vor fünf. Der Schichtwechsel steht an. Nicht gut! Ich bin heute etwas früher als sonst zum Training gekommen, weshalb ich mich nun merklich verspanne. Denn in wenigen Augenblicken wird hier drin kein Wachposten mehr zugegen sein, zumindest für ein paar Minuten. Nur draußen sind noch zwei Männer postiert, die die Stellung halten. Das wissen natürlich auch alle anderen, denn beinahe jeder im Raum blickt inzwischen nervös zur Uhr hinüber.
In wenigen Minuten wird etwas passieren, jeden Tag liegt diese angespannte Stimmung von Neuem in der Luft. Ob es diesmal eine Schlägerei sein wird oder nur ein Drogenverkauf, weiß vorher niemand. Oft passiert sogar beides. Das ist auch der Grund, weswegen ich es in der Regel vermeide, mich zu dieser Uhrzeit im Gym aufzuhalten.
Dass die es aber auch nicht kapieren! Sind die hier in der Anstalt tatsächlich so dumm oder wollen sie aus den Vorfällen nicht lernen? Den Mist nicht sehen, der jeden Tag wieder passiert? Dafür sind sie beim Filzen der Zellen umso gründlicher!
Lauernd scanne ich meine Umgebung und inspiziere sämtliche Störquellen, die für eine Auseinandersetzung in Betracht kommen. Allein fünf Personen zähle ich, die ständig Ärger machen, also bewege ich mich in die entgegengesetzte Ecke. So weit weg von ihnen wie nur möglich, denn ich habe keine Lust, gleich mitten im Gerangel zu stehen. Erstens befinden sich noch genügend Wunden an meinem Körper und zweitens habe ich auf den nächsten Eintrag in meiner Akte keinen Bock.
Zwei Minuten vor fünf geht es los. Der Wachmann verlässt das Gym und ich mache es mir auf einem Hocker bei den Kurzhanteln bequem. Auch wenn ich jetzt zur Abwechslung lieber zur Beinpresse hinübergegangen wäre, halte ich es für sinnvoller, mich erst einmal hier zu betätigen. Erstens gehe ich den Anstiftern damit aus dem Weg und zweitens hätte ich, für den Fall der Fälle, auch gleich noch eine Waffe in der Hand. Aus diesem Grund und weil meine Muskeln gerade mehr als überstrapaziert sind, entscheide ich mich lediglich für fünfundzwanzig Kilo, statt wie üblich für fünfzig. Sicher ist sicher.
Meine Anspannung wächst, als ich einen Bizeps-Curl nach dem nächsten durchführe.
»Seit wann gibt es denn hier Mädchen-Gewichte? Hast du gesehen, Viktor, der Typ bringt‘s nicht.«
Klar, dass ich mir nun den ein oder anderen blöden Spruch anhören muss, weil ich nur kleine Scheiben stemme, doch das ist mir egal. Denn die drei Jungs, die sich derzeit über mich lustig machen, sind neu. Dumme Kinder, die noch lange nicht raushaben, wie der Hase hier läuft.
»Schon mal fünfundzwanzig Kilo gegen den Kopf bekommen, Mann? Kann auch verdammt wehtun und ich wette, wenn ich treffe, stehst du nicht mehr auf!«, entgegne ich lässig und sehe den Halbstarken dabei noch nicht einmal an. Mein Blick geht starr in den großen Spiegel vor mir. Genau mustere ich meine Bewegung, um sie so sauber wie möglich auszuführen und habe dabei ebenfalls den ganzen Raum hinter mir im Blick. Die Tatsache, dass der Typ nun nichts mehr sagt und mich lediglich perplex anschaut, während sein Kumpel ihm lachend auf die Schulter klopft, lässt mich allerdings wissen, dass ich den Schlagabtausch gewonnen habe.
Plötzlich geht es los. Im Augenwinkel erkenne ich, dass ein paar kleine Utensilien und anschließend Tütchen mit Schnee den Besitzer wechseln. Alles passiert natürlich vor massigen Körpern, die den Deal vor den Deckenkameras abschirmen. Genau beobachte ich das Geschehen, lasse mir dabei jedoch nicht anmerken, dass ich im Spiegel alles im Blick habe.
Kurze Zeit später kommt es bei einem Geschäft zur Schlägerei. Da waren sich wohl zwei Parteien uneinig …
Ohne Vorwarnung fliegen die Fäuste und das Gerangel geht los. Die zwei Muskelprotze krachen aufeinander und stolpern dann gemeinsam in meine Richtung. Dabei reißen sie den vorlauten Depp von eben von den Füßen und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, als er erst unsanft auf seinem Hintern landet und anschließend mit dem Kopf gegen die Hantelbank knallt, auf der ich eben noch trainiert habe.
Ich springe auf, mache der Rangelei Platz und registriere dann, wie mehrere Beamte den Raum stürmen und auf die beiden Streithähne losgehen. Fast jeden Tag das Gleiche, die lernen es aber auch nie!
Schnell ist die Situation wieder unter Kontrolle, vermutlich deshalb, weil sich kein weiterer Häftling einmischt. Als die beiden Männer, die sich eben noch geprügelt haben, abgeführt werden, lege ich meine Hantel wieder an ihren Platz und laufe an dem vorlauten Kerl vorbei, der sich nun eine blutende Platzwunde an seinem Schädel hält.
»Vollidiot«, murmele ich ihm zu, weiß jedoch genau, dass er es gehört hat. Anschließend verlasse ich den Raum und gehe duschen. Die Lust auf die Beinpresse ist mir irgendwie vergangen. Daher lasse ich es für heute gut sein. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag.
***
Nach dem Essen, das heute erstaunlich friedlich verlief, werden wir wieder in unsere Zellen gesperrt. Der nächste Tag, den ich hier überstanden habe, geht zu Ende. Erst in meinen vier Wänden komme ich zur Ruhe, denn dort muss ich zumindest nicht ständig auf der Hut sein.
Einen weiteren Strich male ich in mein Notizbuch und mache dabei wieder ein Zehnerpäckchen voll. Die komplette Anspannung des Tages fällt von mir ab und vollkommen erledigt lasse ich mich aufs Bett sinken. Heute bin ich wirklich k.o.! Gut, dass ich das mit der Beinpresse gelassen habe.
Ob es die Verletzungen sind, die meinen Körper so aus der Bahn werfen oder ich eventuell sogar krank werde, weiß ich nicht. Vielleicht sind es auch noch die Nachwirkungen der Tortur in der Folterkammer, wer weiß das schon. Auf jeden Fall geht es mir plötzlich beschissen. Daher rolle ich mich auf meinem Bett zusammen, schlage die Decke über mich und schlafe bereits wenig später ein.
Blaue Augen tauchen vor meinem inneren Auge auf, dazu ein hübsches Gesicht, das ich so gut kenne. Ich vergöttere jede Nuance davon, jeden Leberfleck, der perfekt an jede einzelne Stelle passt. Blonde, leichte Wellen umrahmen all das und ich atme den verführerisch blumigen Duft ein, den ich so sehr liebe. Ihr Shampoo hat einen Geruch, der mir wohl immer im Gedächtnis bleiben wird. Er bedeutet für mich, dass ich mich fallen lassen kann. Ihr kann ich vertrauen, zu jeder Zeit, das weiß ich. Sie würde mich niemals enttäuschen, denn sie ist meine große Liebe und sie wird es vermutlich auch immer bleiben.
Ihre zarten Finger streifen meine Wange, was einen wohligen Schauer durch mich hindurchjagt, ihr Blick versinkt in meinem und ihre Lippen öffnen sich leicht, während ich ihre Hüften packe und sie nahe an mich ziehe. Ich will sie küssen, mich mit ihr verlieren. Doch auf einmal beginnen ihre Lider zu flattern, sie sackt in sich zusammen und hängt daraufhin schlaff in meinen Armen. Panik steigt in mir auf. Ich rufe ihren Namen und wenige Sekunden später ist da so viel Blut. Alles um mich herum wird plötzlich dunkel, jegliches Licht ist auf einmal verschwunden. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals und die pure Verzweiflung ergreift von mir Besitz. Nicht schon wieder! Ich schreie. »Bleib bei mir, bitte. Ich flehe dich an! …«
Atemlos schlage ich die Augen auf und rolle mich auf den Rücken. Meine Brust hebt und senkt sich schmerzhaft schnell. Die Gedanken fluten mich und ich bekomme kaum noch Luft. Alles dreht sich. Die Flutlichter dringen zwischen den Gitterstäben hindurch und in meinen Haftraum hinein, verursachen harte Schatten auf Schrank und Bett. Sie lassen mich wissen, dass ihre Erscheinung in längst vergangene Zeiten gehört und sie nicht mehr neben mir liegt. Wie könnte sie auch? Ich muss lernen zu akzeptieren, dass ich hier drin bin und sie dort draußen. Aber ich kann nicht!
Wieder einmal habe ich von ihr geträumt, wieder einmal leide ich Höllenqualen, weil sie nicht bei mir sein kann. Oder ich bei ihr. Wie man’s nimmt. Mein Herz zieht sich qualvoll in meiner Brust zusammen, nur um kurz darauf in wildem Schmerz zu explodieren. Die Gewissheit kriecht wie Gift durch meine Adern und bringt mich damit an den Rand einer Ohnmacht. Viel zu oft habe ich diese Empfindungen schon gespürt. Gott verdammt, ich liebe sie so sehr und sie fehlt mir unglaublich, jeden beschissenen Tag!
Irgendwie ist alles aus dem Ruder gelaufen. Das Gefühl von schwerem Blei legt sich auf meinen Brustkorb und ich kralle meine Finger in die weiche Decke, dann richte ich mich auf und schalte das Licht an, in der Hoffnung, dass es die bösen Geister vertreibt und den Albtraum in die hinterste Ecke meines Hirns zurückdrängt.
Die kleine Glühbirne erleuchtet den Raum und blendet mich erst einmal, trotzdem hat die Helligkeit eine besondere Wirkung auf mich. Ganz langsam werde ich ruhiger, fühle mich jedoch wie in einer Welt gefangen, in die ich nicht gehöre. Eine einzelne Träne sammelt sich in meinem Augenwinkel und rinnt mir wenig später über die Wange, bis ich sie mit meinem Handrücken wütend fortwische und mir das Weinen verbiete.
Alles um mich herum ist so unwirklich und ich bin noch gar nicht richtig da. Jedes Mal hoffe ich aufs Neue, trotzdem sind die Dinge nun einmal, wie sie sind. Und ich spüre, dass genau das hier mein Weg ist. Ich muss ihn gehen, so schmerzhaft er auch sein mag. Das ist mein Leben, es ist vorherbestimmt und gleichzeitig verloren. Ich bin verloren.
Natürlich weiß ich, dass mir der Schlafmangel morgen wieder zum Verhängnis werden wird, dass ich wie gerädert sein werde und ich an Sport noch nicht einmal zu denken brauche, weil ich jetzt garantiert nicht mehr einschlafen kann. Mal wieder, wie so oft! Trotzdem greife ich zu dem Thriller auf meinem Nachtschrank und schlage das Buch auf. Wenn ich sowieso nicht in der Lage bin zu schlafen, kann ich wenigstens der Vorgabe nachkommen und dieses beknackte Buch zu Ende lesen!
Wie in Trance fliege ich durch die ersten Seiten und tauche langsam in eine andere Welt ab, eine Welt, die mich ablenkt, und die mich von meinem inneren Schmerz befreit. Die Buchstaben formen sich zu Worten und diese wiederum bilden Sätze. Bilder entstehen in meinem Kopf und entführen mich an einen Ort, der mich beinahe vergessen lässt. Beinahe …
Einen anderen Ausweg weiß ich nicht, denn sonst kann ich gerade nichts tun. Und so lese ich gute drei Stunden, bis mir schließlich erneut die Augen zufallen, mir das Buch langsam aus der Hand gleitet und vor meinem Bett zu Boden fällt.