Читать книгу VON KANADA NACH PANAMA - Teil 1 - Mario Covi - Страница 5

3. TRÄUME

Оглавление

Zwei abenteuerlustige Kameraden und ich hatten an Bord des Frachtschiffes Geert Howaldt ausgemacht, dass wir uns ein altes Segelboot in Schweden kaufen, es wieder in Schuss bringen und schließlich um die Welt segeln würden. Als der Zweite Offizier - einer von uns dreien - einen Navigationskurs für diejenigen Matrosen gab, die sich zum nautischen Offizier ausbilden lassen wollten, war ich als Außenseiter einer der eifrigsten Kursbesucher in der Offiziersmesse. Natürlich blieb sie ein Traum, unsere Weltumsegelung. Hat man erst mal abgemustert und sich in alle Winde zerstreut, dann verliert man als Seemann in aller Regel rasch seine Kameraden, selbst gute Freunde, aus den Augen und trifft sich vielleicht irgendwann mal irgendwo auf der Welt rein zufällig wieder.

Also gut, wenn schon keine Weltumsegelung, dann könnte man ja um die Welt trampen. Über Land per Daumen - und über See als sogenannter Überarbeiter, also als billige Arbeitskraft an Bord irgendeines Rattendampfers. Hauptsache er brachte einen von A nach B über die Weltmeere! Mit Rudi, dem Bootsmann, hatte ich verabredet, nach unserer Abmusterung diesen Traum zu verwirklichen.

Der Anfang klappte ganz gut. Ich jedenfalls nahm es noch sehr ernst mit unserer Verabredung und hob vom Großraum Stuttgart kommend artig den Daumen, bis ich endlich, nach vielen Tagen und einem mit dem Notwendigsten gefüllten Seesack, das Ziel unserer ersten Etappe erreichte: Barcelona, Spanien. Rudi wollte vom nordrhein-westfälischen Großraum Dortmund aus das Gleiche tun. In Barcelona also wollten wir uns treffen, um als nächstes gemeinsames Ziel erst mal die Karibik anzupeilen. Von Spanien oder Portugal oder Nordafrika aus würden wir bestimmt ein Schiff finden, das uns rüber brächte in die westindische Inselwelt...

Kommunikation auf Reisen war seinerzeit, 1963, noch eine schwerfällige Angelegenheit. Ein Telefonanschluss zählte noch lange nicht zum Alltagsstandard eines jeden Haushaltes. Über mobile Telefone für jedermann brauchen wir hier gar nicht erst anfangen zu spekulieren. Zwei Typen, die irgendwo unterwegs waren, konnten sich vielleicht bei ausgeklügelter Strategie von zwei im Voraus ausgemachten Standpunkten aus zu einem bestimmten Zeitpunkt telefonisch verabreden. Das war allerdings viel zu kompliziert und teuer. Ferngespräche kosteten eine tüchtige Stange Geld, die man in Form von Münzen auch reichlich zur Hand haben musste in den öffentlichen Groschengräbern, sprich Telefonzellen. Was blieb, war der Postweg. Ein Brief - postlagernd - poste restante. Auf allen großen Postämtern bestand die Möglichkeit, einen Brief an eine Person XYZ postlagernd aufzugeben. Diese Person, XYZ, konnte dann den Brief abholen, wenn sie sich entsprechend ausgewiesen hatte.

In Barcelona hatte ich bereits ein preiswertes Zimmer gefunden und schrieb einen kurzen Brief an Rudi mit der genauen Anschrift und der Bitte, sich eventuell auch postlagernd zu melden. Ich hatte gerade eben den Brief, ordentlich frankiert, aufgegeben und stieg die Treppen vom Postamt hinab, als mir ein fröhlicher Rudi federnden Schrittes entgegenkam. "Hallo! Mensch, prima! Dann brauch ich ja gar nicht mehr nach deinem Brief nachfragen!"

"Nee, nee, so nicht! Du holst den Brief schön ab, schließlich habe ich mir damit auch Mühe gemacht und Porto bezahlt!"

Das war unsere fröhliche Begrüßung. Und dann gestand mir Rudi, dass er nicht per Anhalter, sondern mit dem Europabus von Dortmund in zwei Tagesetappen bis Barcelona gefahren sei! Dieser bequeme Drückeberger! Wo blieb da der Abenteuergeist?

Nun war Rudi zwei oder drei Jahre älter als ich und für mich 23-Jährigen schon fast eine Respektsperson. Zumal er mit mehreren Jahren Seefahrtzeit schon eine eher erfahrene Teerjacke war. In der paramilitärischen Bordhierarchie der Handelsmarine stand er allerdings als Bootsmann im Unteroffizierrang unter mir. Ich war auf der Geert Howaldt zwar der Jüngste und ein totales Greenhorn, stand aber als Funkoffizier etwa im gleichen Rang wie ein Zweiter Offizier. Was für ein verzwacktes System, nicht wahr? Vor allem damals schworen Traditionalisten noch eisern darauf. Für einen Individualisten - für den ich mich hielt -, mit aufmüpfigen Idealen und nonkonformistischen Gelüsten, war das manchmal ein schlüpfriges Terrain. Aber ich kam immer irgendwie zurecht auf dieser Leiter überlieferter Hierarchie! Also respektierte ich Grünschnabel den älteren Rudi als den Erfahreneren. Ich akzeptierte ihn in unserem Zwei-Mann-Rudel als Leitwolf.

Bald sollten Zeiten kommen, da würde ich sämtlichen göttlichen Mächten danken, dass Rudi, die bequeme Socke, den Europabus genommen hatte!

Wir stürzten uns zunächst ins Nachtleben von Barcelona, das sich in den Nebenstraßen und Gassen bei der Prachtpromenade La Rambla abspielte. Zum Glück wohnten wir auch gleich dort, hoch oben in einer preiswerten Absteige.

"Ich habe übrigens eine ganz interessante Frau kennen gelernt im Europabus", erzählte Rudi als wir in einer Pinte Vino süffelten, der uns von einer glutäugigen Kubanerin serviert wurde, die Rudi gleich heftig anbaggerte.

"Und?", fragte ich.

"Na ja, 'ne Studentin, so 'ne Schlaue, studiert Mathematik und Sport und Musik, oder so was, Mann! Aber sie trifft sich mit drei Freundinnen irgendwo südlich von Tarragona. Hat mir die Adresse gegeben. Können ja mal vorbei schauen, vielleicht nicht uninteressant. Weiber, du weißt schon..."

Natürlich war ich mit diesem Vorschlag einverstanden. Wir jungen Kerle waren mehr als ungebunden. Meine letzte Freundin und große Liebe hatte mir längst den Laufpass gegeben. Ihr Abschiedsbrief hatte mich während unserer langen Liegezeit im Westen Kanadas erreicht. Im Nachhinein betrachtet hatte mir das Schicksal gar nicht so übel mitgespielt, denn zum Schwiegersohn eines Richters in Dortmund hätte ich bestimmt nicht viel getaugt, nee!

Also, ab nach Tarragona! Und dann noch 30 km weiter. Diesmal zünftig per Daumen. Zum Glück hatten Rudi und ich an Bord in der Südamerikafahrt fleißig Spanisch gebüffelt. So konnten wir uns verständlich machen, und erreichten Miami Playa, einen kleinen Badeort, wo sich schon seinerzeit einige Deutsche ein schlichtes Häuschen in die noch einsame, ursprüngliche Küstenlandschaft gebaut hatten. Wir fanden die vier deutschen Mädels, und ein preiswertes Zimmer mit Meerblick im nahen Hotel Miami Playa.

Die vier Studentinnen, die anderen drei studierten an der Werkkunstschule in Bielefeld, wohnten im Haus der Eltern eines der Mädchen. Wir verstanden uns gut, unternahmen Ausflüge und trafen uns täglich am Strand. Ich verliebte mich prompt in die sportliche Mathematikstudentin, die mich zu Höchstleistungen beim Schwimmen verführte. So weit hinaus aufs Meer war ich noch nie - und bin ich seither auch nie wieder geschwommen. Schon irre, wozu einen Verliebtheit anzustacheln vermag!

Eines Abends feierten wir im Haus der Mädels. Aus der Nachbarschaft hatten sie eine Gitarre organisiert - und ich konnte endlich mal wieder Musik machen. Schließlich hatte ich mit einigen Bands in den Clubs der Amerikaner und in deutschen Tanz-Gaststätten rund um Stuttgart und Ludwigsburg mein Geld für die Ausbildung zum Schiffsfunker verdient. So ließ ich das alte Wimmerholz tönen und sang all die schönen Songs jener Zeit, von Elvis, von Harry Belafonte, von Peter, Paul und Mary, Lieder, die ich in Lateinamerika und Kanada gelernt hatte.

Eines der vier Mädchen, Hildrun, setzte sich neben mich. Ich war begeistert, wie schön sie mitsang und genau den Takt der Lieder einhielt oder den Rhythmus klatschte, Caramba! Dass sie auch noch gut aussah, Mann, ich war hin und weg! Aber zunächst schien sie mir etwas unnahbar zu sein. Auch war sie des Öfteren mit einer Clique holländischer Jungs unterwegs. Doch das Schicksal hatte längst seine Medizinmann-Knöchelchen gewürfelt und seine verworrenen Fäden gesponnen: Wir verliebten uns ineinander - und diese Liebe hält bis zum heutigen Tag!

Natürlich war für Rudi und mich der Traum von einer Trampreise um die Welt erst mal zu Ende. Rudi hatte allerdings darauf bestanden, dass wir nach etwa einer Woche weiterziehen sollten. Nach hartnäckigen Diskussionen ließ er sich jedoch überzeugen, vor allem durch die Unterstützung des freundlichen weiblichen Hotelpersonals, dass man dieser jungen Liebe eine Chance gewähren müsse!

"Okay", hatte Rudi gesagt, "dann bleiben wir aber bis Ende September hier!"


Mir sollte es recht sein. Unser Geld, vor allem meines, schmolz sowieso dahin und wir mussten uns einen Job suchen. Orangen pflücken unten in Valencia war im Gespräch. Vorerst ernährten wir uns aber mit spanischen Liedern im nahen Camping-Restaurant. Dessen Wirt hatte zwar eine Gitarre, konnte aber nicht spielen. So unterhielten wir abgemusterten Seeleute die Touristen und wurden mit freiem Essen, vor allem aber mit viel zu vielen freien Drinks entlohnt...

Es war also diese Weichenstellung des Schicksals gewesen, Rudis bequeme Europabusreise, dass ich in Hildrun meine zukünftige Frau, die beste Seemannsfrau und den treuesten weiblichen Reisekameraden gefunden hatte.

Und ich lernte Hildruns Wohnort, Gütersloh, kennen, der mir bislang so fern und unbekannt schien wie Ouagadougou. Deshalb diese etwas weitschweifige Einführung, denn ohne Hildrun hätte es keine elf Monate lange Hochzeitsreise von Kanada bis Panama, keine weiteren, oftmals Monate dauernde Reisen durch die schönsten Landstriche Nordamerikas bis hinunter nach Mittelamerika gegeben.

VON KANADA NACH PANAMA - Teil 1

Подняться наверх