Читать книгу Mut zum Genuss - Marlies Gruber - Страница 10
2.2.1 Ein Kommen und Gehen: Genuss und Askese
ОглавлениеDas einzige Mittel gegen Gier und Überdruss ist die bewusste Auszeit von entsprechenden Stimuli: eine Phase der Askese. Askese stammt aus dem Griechischen und ist vom Zeitwort askeín (ἀσκεῖν) abgeleitet, das soviel wie ›üben‹ bedeutet. Seit der Antike wird damit eine Selbstschulung verstanden, um bestimmte Tugenden oder Fähigkeiten, Selbstkontrolle und/ oder einen gefestigten Charakter zu erlangen.
Askese nimmt in der Überflussgesellschaft eine wesentliche Funktion ein und wurde gar als pädagogisches Prinzip formuliert. Genuss und Askese wirken wechselseitig aufeinander: Ohne Zeiten der Abstinenz ist kein Genuss möglich, ohne Zeiten des Genießens keine Enthaltsamkeit.
Dabei haben sich mehrere Aspekte der Askese als bedeutsam herausgestellt:
Der Bedürfnisaufschub: Ein Bedürfnis muss nicht unmittelbar befriedigt werden.
Die Anstrengung: Die Enthaltsamkeit ist mit einer gewissen Überwindung verbunden. Wer an einen asketischen Lebensstil gewöhnt ist, erfährt keinen Genussverzicht.
Die Entscheidung: Phasen der Enthaltsamkeit werden bewusst entschieden, also auch bewusst begonnen und bewusst beendet.
Die Autonomie: Askese wird einem nicht von außen oktroyiert – sie ist ein Zeichen autonomer Lebensführung und resultiert aus einem selbstfürsorglichen Umgang.
Menschen verzichten phasenweise auf unterschiedliche Dinge: Die Nahrungskarenz beim Fasten zählt sicher zu den häufigsten Varianten. Auch einzelne Genussmittel werden, vor allem in der Fastenzeit, häufig ausgespart, wie Fleisch, Alkohol oder Süßes. Auch sexuelle Enthaltsamkeit oder Kommunikationsverzicht (Schweigegebot) erfahren einen Aufschwung.
Zwanghaftes Asketentum kann aber auch krank machen. Das zeigen Befunde von Patienten mit koronarer Herzkrankheit. Mehr als andere neigen solche Menschen dazu, alle Dinge übernehmen zu wollen, ständig aktiv zu sein, Krankheitssymptome kleinzureden und sich nichts zu gönnen. Ob letzteres daran liegt, dass sie es nicht wollen oder ob sie es nicht können, ist noch nicht erforscht.