Читать книгу Ein Mann steht seine Frau - Matthias Veit - Страница 4

Ich bin dann mal Papa!

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„So, in wenigen Sekunden wird Ihr Baby nun seinen ersten Schrei tätigen und dann dürfen Sie auch endlich gucken, Herr Veit.“ Doch was war? Nichts. Stille. Die Sekunden wollten gar nicht vergehen, klebten wie Kaugummi aneinander. Aber dann...nein, doch nichts…immer noch Stille. Hallo, war da was nicht in Ordnung? Wann wird denn jetzt endlich geschrien? Mir wurde Geschrei versprochen! Es wird doch hoffentlich alles in bester Ord...- „Uäääähhh!“ Na endlich, meine Nerven! Ein wunderbarer, kräftiger, vor Lebenslust strotzender Babyschrei erlöste mich von einer kaum zu beschreibenden Anspannung. Sie lebt, unsere Tochter lebt! Dieses wundervolle Kind hat sich soeben mit einem kräftigen Hallo seinen festen Platz in der Welt und in meinem Herzen erschrien. In Zukunft würde ich mich zwar deutlich weniger über solches Geschrei freuen, aber das ist natürlich ein anderes Thema.

Jetzt war ich erst einmal sprachlos, beseelt und vom Glück berauscht. Auch meine Frau war berauscht, aber eher von den verabreichten Schmerzmitteln. Sie bekam unser Kind nur kurz gereicht, aber für einen kleinen Moment konnten sich Mutter und Tochter schon einmal beschnuppern. Dann war ich auch schon an der Reihe und bekam das kleine Knäuel in die Hand gedrückt. Ich sah unserer Tochter, die noch keinen Namen hatte, also das erste Mal in die Augen. Und konnte nun auch diesen Gedanken von vorhin zu Ende denken: Ja, alles war in bester Ordnung. Und ich hin und weg. Unser Kind, unser Fleisch und Blut. Was für ein Geschenk, was für ein Anblick!


Der völlig erschöpfte Vater kurz nach der Entbindung

Während ich versuchte, dieses einmalige Erlebnis, diesen unwiederholbaren Moment des Erstkontakts von Vater und Tochter und meine Begeisterung für dieses schönste Geschöpf der Welt emotional und rational zu verarbeiten, nahm mir ein äußerst junger, aber sehr sicher und kompetent wirkender Arzt mein verschmiertes Käseknäuel behutsam wieder ab, um sofort diverse Schnelltests durchzuführen. Kniereflexe, Lungenfunktion, Herzfrequenz - der smarte Jungmediziner klopfte, tastete, guckte, horchte und schenkte mir schließlich die Andeutung eines Lächelns: „Ich bin ganz zufrieden, Herr Veit.“ Wie bitte, ganz zufrieden? Hat er gerade „zufrieden“ gesagt? Hallo? Unser Kind ist doch in einem 1a-Zustand! Warum es trotzdem nur für eine gefühlte Drei plus reichte, frage ich mich noch heute. Eltern können sehr empfindlich sein, wenn es um die Benotung ihrer geliebten Brut geht. Jetzt durfte ich jedenfalls in einem Zimmer Platz nehmen, in das in Kürze auch meine Frau reingerollt werden würde, um nach dem Kaiserschnitt in Ruhe zu sich zu kommen. Ich wurde gebeten, meinen Oberkörper frei zu machen, um gleich mit dem Kind zu „bonden“. Man muss sich ja gegenseitig gut riechen können. Ist ja nicht immer unter Verwandten der Fall, dass sich da alle gut…Aber meine Tochter und ich, wir kamen klar, das stand mal fest. Es war ein wunderbarer, intimer und stiller Moment. Dann endlich wurde meine persönliche Heldin hereingefahren, wenn auch noch reichlich benommen. Langsam richtete ich mich auf, bewegte mich mit unserem sanft schlummernden Töchterchen auf meine erschöpfte Frau zu und legte die Kleine vorsichtig auf ihrer Mama ab. Unser erster Moment zu dritt, als Familie.

In den folgenden fünf Tagen fühlten wir uns wie im Hotel, wobei ich den leichteren Part hatte: Essen, schlafen, schmusen und mich an diesem süßen, süchtig machenden Baby-Duft berauschen. Bei meiner Frau war das Programm ähnlich, nur dass sie täglich zu sportlichen Verrenkungen gezwungen wurde, eine schmerzhafte, medizinisch aber angeblich notwendige Ertüchtigungsmaßnahme. Dabei hatten die Ärzte sie doch gerade erst wieder zugenäht! Zum Glück gab es für sie eine Großpackung Schmerzmittel. Wenigstens das - hatte der Wolf aus „Rotkäppchen“ nicht. Aber das waren ja auch ganz andere Zeiten damals!

Dann kam der Tag der fristlosen Entlassung. Wie so viele Familien schon zuvor, schrieben auch wir dem Team auf der Station ein paar nette Zeilen und hinterließen eine mittelgroße LKW-Ladung Pralinenschachteln für alle. Wir waren einfach unendlich dankbar für die Herzlichkeit und das Engagement dieser Leute, für die das, was wir als die aufregendsten Tage unseres Lebens bezeichnen könnten, ja ganz normaler beruflicher Alltag ist. Sofern man in einem Kreißsaal, in dem Frauen auf- und zugenäht werden, von Routine sprechen kann.

Ein Mann steht seine Frau

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