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Deutschland sucht die Super-Eltern – Was die Hebamme uns beim Casting mit auf den Weg gab

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Nach fünf Tagen Vollpension und Rundum-Betreuung im Krankenhaus lernte unsere gebürtige Kölnerin auch schon ihre zukünftige Heimat kennen - Düsseldorf! Gut, dass sie noch so klein ist und den Ernst ihrer Lage noch gar nicht einzuschätzen weiß, dachte ich damals. Immerhin war in unserer Wohnung alles vorbereitet für die neue Mitbewohnerin. Berge von Babywindeln warteten schon ungeduldig auf ihren Einsatz, Laken und Leibchen, Söckchen und Salben, Käppchen und Schläppchen - wir waren "chen-technisch" bestens ausgestattet. Träumchen! Highlight bei den Vorbereitungen war der Aufbau unseres extraschmalen Wickeltischs. Da mutierte ich trotz angeborener und mir selbst antrainierter Unfähigkeit zum ambitionierten Handwerker. Ein bisschen wacklig war das Ding am Ende schon, als es dann endlich stand, aber mit Emmas Körpergewicht von vier Kilo würde es wohl vorerst klar kommen. Für ein breiteres und stabileres Modell hatten wir in unserer eigentlich sehr geräumigen Wohnung einfach keinen Platz und das waren wir selbst schuld. Als wir damals den folgenreichen Entschluss fassten, aus der heimelig-urigen Millionenstadt Köln in die halb so große Weltstadt Düsseldorf zu ziehen, da wollten wir einfach nur noch, dass es schnell und schmerzlos geht. Und der Vermieter dieser eigentlich doch recht üppig dimensionierten Wohnung in Düsseldorf war der einzige, der sich auf unser Inserat in der Rheinischen Post überhaupt gemeldet hatte! Deshalb hatten wir zugeschlagen und das ohne uns Gedanken darüber zu machen, ob das jetzt die ideale Wohnung für ein Paar mit Kind sein würde. Wir hatten ja auch noch keins und daher keine Erfahrungswerte! Als Paar mit Kinderwunsch hätte man natürlich mal darüber nachdenken können, wie eine geeignete Wohnung für Drei aussehen könnte. Vielleicht wäre ein Kinderzimmer nicht schlecht gewesen? Aber so vorausschauend waren wir damals nicht - der Wunsch, nicht länger auf der A57 zu altern, war einfach zu groß und für rationale Erwägungen offenbar kein Platz.

Bei der ergatterten Wohnung handelte es sich wirklich um die unpraktischste Form aller Behausungen, die es gibt, quasi um das Sportcoupé im Wohnungsbau – eine sogenannte Maisonette. Wir hatten also eine sich auf zwei Etagen erstreckende Wohnung mit einem riesigen, teuer zu bezahlenden Dachgeschoss, wo sich niemand aufhielt und das eigentlich nur einem Nutzen zugeführt wurde: der Aufbewahrung nie ausgepackter Umzugskartons mit Zeug, das niemand vermisste. Und dann stand da oben noch ein Bett, in dem keiner schlief. Und ein Schreibtisch, an dem niemand arbeitete. Wir wohnten und lebten also primär in dem unteren der beiden Stockwerke. Und da ging es dann doch recht beengt zu. Kleines Zwischenfazit zum Thema Kinder: Wer sich für mindestens eines qualifizieren möchte, muss drei Voraussetzungen mitbringen: Geld für die Grundausstattung und kindergerechten Wohnraum, jede Menge Spaß an der Improvisation und die Bereitschaft zu Kompromissen – auch an Feiertagen und Wochenenden.

Die ersten Tage mit Emma waren jedenfalls furchtbar aufregend, denn nahezu alles musste jetzt zum ersten Mal bewerkstelligt werden. Die Zeit des Übens, der Theorie und der Baby-Pflegekurse mit Ole, der Testpuppe (bei der nichts schief gehen konnte, weil sie aus Plastik war) war vorbei. Und wie das so ist bei allem, was man das erste Mal macht - wir hatten zuweilen ein etwas mulmiges Gefühl und zudem kein Handbuch. Also, wir hatten schon Literatur, aber nur für Kinder im Allgemeinen, nicht für unser Modell. Umso besser, dass diese wirklich sehr patente Hebamme die ersten Tage so oft vorbeikam und nach dem Rechten schaute. Vor allem gab es dadurch kaum Streit zwischen mir und meiner Frau – zumindest schon mal nicht bei all jenen Themen, wo die Hebamme uns – quasi als neutrale Stelle – Ratschläge gab. Emmas erstes Schaumbad fand daher unter kompetenter Anleitung und fachlicher Aufsicht statt - was für eine Erleichterung!

Die Hebamme erklärte immer wieder, dass es darum gehe, dass „Kind ins Leben zu führen“. Sie versprühte jede Menge Zuversicht, dass wir den Job schon gut machen würden und es der Tochter bei uns ohne Zweifel blendend ergehen werde: "Das hier mit Ihnen ist wirklich ein Kinderparadies verglichen mit dem, was ich aus anderen Haushalten gewohnt bin!". Das ging natürlich runter wie Öl, warf aber Fragen auf. An Neugier mangelte es uns ohnehin nicht, man will ja wissen, wo man als Eltern so steht. Was die Hebamme daraufhin zu berichten hatte, war allerdings absolut bestürzend: Aschenbecher auf der Wickelkommode, Schnapsflaschen neben der Kinderwiege, Eltern, die sich vom Kindergeld Computerspiele kaufen oder im Kinderzimmer rauchen. Und dann dieser Vater von zweieiigen Zwillingen, der seine Frau angewiesen hatte, dem Mädchen gefälligst weniger Muttermilch zu geben als dem deutlich wichtigeren Sohnemann - einfach unfassbar! In den besonders krassen Fällen würde sie aber auch mit dem Jugendamt zusammenarbeiten, versuchte die Hebamme uns zu beruhigen. Schockiert waren wir trotzdem.

Nach ein paar Wochen kam so langsam Routine in den Alltag als Familie. Meine Frau würde ein Jahr lang zuhause bleiben, hatte also keinen Stress durch etwaige Gedanken an eine baldige Rückkehr an ihren Arbeitsplatz. Das brachte schon mal eine gewisse Ruhe rein. Schlimm war hauptsächlich dieser eklatante Schlafmangel durch die permanenten Fütterungszeiten. Acht Stunden lang am Stück schlafen und genauso lange nichts essen, das kann so ein kleines Menschlein mit Mini-Magen schließlich noch nicht, auch wenn man es speziell den Müttern von Herzen gönnen würde. Nachts war ich bei alledem nicht immer eine große Hilfe. Da hab ich mich so manches Mal im Bett umgedreht und eine Tiefschlafphase vorgespielt. Jetzt, wo das Kind durchschläft, kann ich es ja zugeben! Manchmal hab ich auch schon tags drauf ein umfassendes Geständnis abgelegt und meiner Liebsten zugeflüstert: „Schatz, mein Über-Ich wollte Dir heut Nacht ja helfen, aber weißt du, mein Es wollte…“ – „Halt die Klappe, dein Es kann mich mal!“ Da hab ich also manchmal ein eher schwaches Bild abgegeben und das hat mir auch einige Punktabzüge in der von meiner Frau geführten „Was bisher nicht so toll zwischen uns lief“-Kartei eingebracht. Steht direkt unter diesem anderen Negativ-Eintrag: „Kam erst einen Tag nach seinem angeblich spontanen Hochzeitsantrag mit dem blöden Ring um die Ecke!“

Für tagsüber hatte ich (wie Millionen anderer Männer auch) jedenfalls eine prima Ausrede, um mich beim Thema Kindergrundversorgung auszuklinken: den Job. Für die diversen Hilfsarbeiten und Botengänge musste meine Frau also andere liebe Mitmenschen einspannen. Abends stand ich dann wieder bereit und konnte mich nützlich machen: abgepumpte Milch im Fläschchen verabreichen, Baby wickeln, Wohnung aufräumen, Windeln entsorgen, Heilwolle kaufen, Pakete bei den Nachbarn einsammeln und so weiter. Die wenige Zeit, die mir damals zur Verfügung stand, um das Töchterchen näher kennen zu lernen, es im wahrsten Sinne des Wortes an mich ran zu lassen, habe ich sehr genossen. Als vertrauensbildendes Hilfsmittel kam dabei ein buntes Wickeltuch zum Einsatz, das auf verschiedenste Weisen angelegt und genutzt werden kann. Wie genau, das haben wir natürlich auch bei der Hebamme gelernt.

Ein süß duftendes, wenige Wochen altes Baby "am Wickel" zu haben und mit sich herum zu schleppen, ist ganz wunderbar. Das Knäuel ist wach und schaut dich an – du strahlst! Es schläft satt und zufrieden – du strahlst! Es atmet regelmäßig und chillt vor sich hin – du strahlst! Das Ganze sorgt wirklich für Tiefenentspannung. Einfach mal zu einem Neugeborenen-Verleih um die Ecke fahren und den Mietpreis erfragen, es lohnt sich! Oder eben selbst eins machen, das geht natürlich auch. Sogar unnatürlich geht inzwischen, aber das wäre nochmal ein ganz eigenes Thema.


Auch am 22. September 2013 hatte ich meine Wickelmontur mal wieder an. Da bin ich dann früh morgens mit dem wenige Tage alten Töchterchen in ein vor sich hin marodierendes Schulgebäude bei uns um die Ecke und habe mit schlafendem Kind vor der Brust meinen Wahlzettel ausgefüllt. Die Tochter hat ihre erste Bundestagswahl also komplett verpennt. 2017 waren wir übrigens wieder gemeinsam wählen. Am Wickel hatte ich die Tochter da zwar nicht mehr - das hätte sehr merkwürdig ausgesehen - dafür aber am Händchen. Aber auch mit vier hat sie natürlich nicht wirklich verstanden, was sie (zu jung) und ich (zu alt) in dieser Schule verloren hatten. Ich glaube aber, dass sie mitbekommen hat, dass man da bei einer wichtigen Sache mitmachen und mitbestimmen darf und deswegen sein Kreuz „bei den Guten“ machen muss, damit alle Bösen krachend an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Falls der Bundestag auch in Zukunft alle vier Jahre gewählt wird und wir unseren Planeten bis dahin nicht zerstört haben, darf die Tochter im Jahre 2033 das erste Mal selbst ihre Stimme abgeben. Wir haben also noch ein bisschen Zeit, ein demokratisch gesinntes Wesen aus ihr zu machen, das seiner Bürgerpflicht nachkommt und wählen geht statt nur über "die da oben" zu jammern, was zum Beispiel die Familienpolitik angeht.

Ein Mann steht seine Frau

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