Читать книгу Milly Darrell - Мэри Брэддон, Мэри Элизабет Брэддон - Страница 13

XI. Kapitel.

Gefahr.

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Der Sommer in diesem Jahre war herrlich und wir brachten den größten Theil unserer Zeit im Freien zu, indem wir zu Fuß und zu Wagen Ausflüge machten, oder im Garten saßen, oft bis spät in die Nacht. Es war ein Wetter, in dem es eine Art Verrath gegen die Natur gewesen, sich länger als nöthig, im Zimmer aufzuhalten.

Wir unternehmen oft lange Spaziergänge im Cumber-Holz, die damit endigten, daß wir in dem kleinen Studierzimmer der Priorei unsern Thee einnehmen — eine schlichte, einfache Bewirthung, welche Milly ungemein liebte. Sie kam mir bei diesen Anlässen wie ein glückliches Kind vor, das sich darin gefällt, die Hausfrau zu spielen.

Augusta Darrell war fast immer in unserer Gesellschaft. Ihr Benehmen zu dieser Zeit setzte mich vielfach in Erstaunen und Verwirrung. Es schien jetzt ganz so zu sein, wie man es von einer guten Stiefmutter erwarten kann. Ihre frühere gleichgültige Miene war ganz verschwunden; sie war herzlicher und nahm einen größeren Antheil an Millys Wohlergehen, als ich dies früher für möglich gehalten hatte. Das Mädchen war ganz gerührt von dieser Veränderung in ihrem Benehmen und erwiederte dieses ungewohnte warme Entgegenkommen mit arglosem Vertrauen.

Ich meines Theils erinnerte mich an Alles, was ich gesehen und geargwöhnt hatte und ich konnte mich deshalb nicht dazu verstehen, in Millys Stiefmutter mein volles Vertrauen zu setzen. Eine dunkle unbestimmte Besorgniß, der ich mich nicht zu enthalten vermochte, beunruhigte mich.

Wie ich bereits gesagt, war sie immer in unserer Gesellschaft, alle unsere einfachen Vergnügungen mit einem Anschein von mädchenhafter Fröhlichkeit mit uns theilend. Ich bemerkte, daß ihre Toilette bei solchen Anlässen stets von ausgesuchter Eleganz war und daß sie keine jener Künste vernachlässigte, die ihre Reize erhöhen konnten; aber sie versuchte niemals Mr. Egertons Aufmerksamkeit ausschließlich in Anspruch zu nehmen und sie ließ niemals seine Stellung als Millys Verlobter außer Acht.

Lange Zeit wurde ich durch ihr Benehmen getäuscht — fast überzeugt, daß wenn sie jemals Angus Egerton geliebt hätte, diese Leidenschaft in ihrem Herzen erstorben sein müßte. Aber es kam ein Tag, wo ein Blick von ihr den wahren Stand der Sache verrieth und mir deutlich genug zeigte, daß diese ganze neuerwachte Zuneigung für Milly sowohl als die liebenswürdige Theilnahme für ihr Glück nichts weiter als eine gut einstudierte Rolle sei. Es war nur ein Blick — ein ernster, verzweifelnder, leidenschaftlicher Blick — der mir dies sagte, aber es war ein Blick, der das Geheimniß eines Lebens verrieth. Von diesem Augenblicke an traute ich Augusta Darrell nicht mehr.

Mit dem Eintritt des Herbsts änderte sich das Wetter und es begann die unangenehme regnerische Jahreszeit. Die Aenderung der Witterung brachte uns Sorgen und Mißgeschick. In der Umgegend von Thornleigh herrschten fieberhafte Krankheiten und Milly wurde ebenfalls davon befallen. Sie hatte ihre Besuche bei den Armen selbst während ihres Brautstands nicht eingestellt und es ist kein Zweifel, daß sie bei einer dieser Gelegenheiten vom Fieber angesteckt wurde.

Ihre Krankheit erweckte indeß keine Besorgniß; auch hielt man sie nur unter gewissen Umständen für ansteckend. Mr. Hale, der Arzt von Thornleigh, nahm die Sache sehr leicht und versicherte uns, daß Milly in einer Woche wieder vollkommen gesund sein werde. Mittlerweile aber hütete mein liebes Mädchen das Zimmer und ich pflegte sie mit Beihilfe ihrer ergebenen kleinen Zofe.

Mr. Egerton kam täglich, gewöhnlich zweimal des Tags, um sich nach dem Befinden der Kranken zu erkundigen. Er blieb gewöhnlich eine halbe Stunde oder länger da, um sich mit Mrs. Darrell oder mir zu besprechen. Diese Krankheit ging ihm sehr nahe und er konnte die Wiederherstellung seiner Verlobten kaum erwarten. Es war ihm nicht gestattet, sie zu besuchen, da vollkommene Ruhe die Haupterforderniß für ihre Genesung war.

Die Woche war fast vorüber und Milly bedeutend besser, Sie konnte jetzt täglich einige Stunden das Bett verlassen und der Arzt versprach Mr. Egerton, daß sie zu Anfang der nächsten Woche in das Wohnzimmer hinuntergehen dürfe. Das Wetter war diese ganze Zeit über ohne Unterbrechung regnerisch gewesen. Endlich aber kam ein schöner Abend und ich ging hinunter auf die Terrasse, um mir nach der langen Gefangenschaft einige Bewegung zu machen. Es war zwischen sechs und sieben Uhr; Milly schlief und es war nicht wahrscheinlich, daß man meiner in der nächsten halben Stunde bedürfen werde.

Es herrschte bereits Dämmerung, als ich ins Freie trat und Alles war ungewöhnlich ruhig, kein Blättchen regte sich in der stillen Luft. Trotz der späten Stunde war der Abend mild und warm. Ich schritt etwa zehn Minuten lang auf der Terrasse an der westlichen Seite auf und ab und ging dann nach der andern Seite, wo sich die Fenster des Besuchs und Wohnzimmers befanden. Ehe ich das erste dieser Fenster ganz erreichte, traf ein so eigenthümlicher Ton mein Ohr, daß ich unwillkürlich stehen blieb, um zu horchen. Während des ganzen Vorgangs, der jetzt folgte, hatte ich keine Zeit zu erwägen, ob ich Recht oder Unrecht thue, wenn ich, was ich vernahm, anhörte; aber ich glaube, daß ich, wenn ich auch hinlängliche Muße zum Nachdenken gehabt hätte, zu dem- selben Entschluß gekommen wäre — ich würde gehorcht haben. Was ich hörte war von solcher Wichtigkeit für das Mädchen, das ich liebte, daß die Freundschaft für sie jede andere Rücksicht überwog.

Der eigenthümliche Ton, der mich in der Nähe des offenen Fensters zum Stehenbleiben veranlaßte, war das heftige Schluchzen eines Weibes — ein solches stürmisches Weinen, wie man es nicht leicht im Leben hört. Ich wenigstens hatte früher nie etwas Aehnliches vernommen.

Angus Egertons wohltönende Stimme unterbrach fast ärgerlich dieses leidenschaftliche Schluchzen.

»Augusta, dies ist die äußerste Thorheit.«

Das Schluchzen dauerte noch einige Secunden fort, dann hörte ich sie sagen:

»O Angus, ist es so leicht für Dich, die Vergangenheit zu vergessen?«

»Sie war längst vergessen,« antwortete er, »von uns Beiden sollte ich glauben. Als meine Mutter Dich bestach, Ilfracomba zu verlassen, hast Du meine Liebe und mein Glück für den elenden Preis verkauft, den sie zu bezahlen vermochte. Ich war ein schwacher Thor in jenen Tagen und nahm mir die Sache, Gott weiß es, bitter genug zu Herzen; aber die Lection war nützlich und sie erfüllte ihren Zweck. Ich habe mir seit jenem Tage niemals getraut, wieder ein Weib zu lieben, bis ich das reine junge Wesen fand, das meine Frau werden soll. Ihre Treue steht über allem Zweifel. Sie wird ihre Erstgeburt nicht für ein Linsengericht verkaufen.«

»Das Linsengericht war nicht für mich, Angus. Es war der Handel meines Vaters, nicht der meinige. Man hatte mir gesagt, daß Du nichts mehr von mir wissen wolltest, daß Du niemals daran gedacht habest, mich zu heirathen. Ja, Angus, Deine Mutter hat mir das mit ihren eigenen Lippen gesagt — hat mir gesagt, daß sie sich ins Mittel lege, um euch vor Elend und Schande zu retten. Und dann brachte man mich eiligst in ein wohlfeiles französisches Erziehungsinstitut, um dort zu lernen, für mich selbst zu sorgen. Ein paar Jahre Unterricht war der Preis, den ich für mein gebrochenes Herz erhielt. Das nannte Deine Mutter eine Dame aus mir machen. Ich glaube, ich würde in diesen beiden Jahren wahnsinnig geworden sein, wenn meine leidenschaftliche Liebe zur Musik nicht gewesen wäre. Dieser gab ich mich mit ganzer Seele hin, und man sagte mir, ich habe in zwei Jahren mehr gelernt, als andere Mädchen in sechs. Ich hatte nichts Anderes, um dafür zu leben.«

»Ausgenommen die Hoffnung auf einen reichen Gatten,« sagte Mr. Egerton mit spöttischem Lachen.

»O Gott, wie grausam kann ein Mann gegen eine Frau sein, die er einst geliebt hat!« rief Mrs. Darrell leidenschaftlich aus. »Ja, ich heirathete einen reichen Mann,« aber ich habe nicht das Geringste gethan, um ihn anzulocken oder zu gewinnen. Die Gelegenheit bot sich mir ohne eine Hoffnung oder einen Gedanken von meiner Seite. Es war die Gelegenheit der Erlösung von dem traurigsten Leben eines armen abhängigen Wesens, wie es nur jemals ein solches gab, und ich ergriff sie. Aber ich habe Dich niemals vergessen, Angus, keine Stunde meines Lebens.«

»Es thut mir leid, daß Du Dir die Mühe genommen hast, Dich meiner zu erinnern,« antwortete er kalt. »Mehrere Jahre meines Lebens habe ich es zu meinem Hanptgeschäft gemacht, Dich und all den Schmerz, der mit Deiner Bekanntschaft verknüpft war, zu vergessen, und da mir dies auch gelungen ist, kann ich es nicht für angemessen halten, die stehenden Gewässer jenes todten Sees, den die Menschen Vergangenheit nennen, wieder aufzuregen.«

»Wollte Gott, daß wir uns nie mehr wieder getroffen hätten,« sagte sie.

»Ich kann diesen Wunsch nur theilen, besonders wenn wir vielleicht mehrere solche Szenen haben sollten.«

»Grausam — grausam!« murmelte sie. »O Angus, ich war so geduldig gewesen! Ich habe mich selbst angesichts der Verzweiflung immer noch an die Hoffnung angeklammert. Als mein Gatte starb, glaubte ich, unsere alte Liebe würde wieder erwachen. Wie können solche Dinge sterben? Ich glaubte, Du würdest zu mir zurückkommen — zu mir, die Du einst so sehr geliebt — nicht zu diesem Mädchen. Du kamst zu ihr zurück und noch immer war ich geduldig. Ich glaubte noch immer, Deine Liebe zurückgewinnen zu können. Ja, Augus, ich hoffte noch bis ganz zuletzt. Erst denn begann ich einzusehen, daß Alles nutzlos sei. Sie ist jünger und schöner als ich.«

»Sie ist besser als Du, Augusta. Es war nicht ihre Schönheit, die mich bestochen hat, sondern etwas Edleres und Selteneres als Schönheit: es war ihr trefflicher Charakter. Je fehlerhafter wir selbst sind, desto höher verehren wir ein wahrhaft edles Weib. Aber ich will Dir nichts Hartes sagen, Augusta. Laß uns lieber diese Thorheit jetzt und für immer bei Seite setzen. Du bist Deinen Weg gegangen und hast, was weltliche Güter anlangt, Dein Ziel erreicht; laß mich jetzt auch den meinigen gehen und uns, wenn möglich, Freunde sein.«

»Du weißt sehr wohl« daß Dies nicht möglich ist. Wir müssen uns entweder Alles, oder die bittersten Feinde sein.«

»Ich werde nie Ihr Feind sein, Mrs. Darrell.«

»Aber ich werde von diesem Abend an Ihre Feindin und auch die Feindin jenes Mädchens sein. Sie glauben, ich könne ruhig zusehen, wie Sie ihr Ihre Huldigungen darbringen? Ich habe bisher nur eine Rolle gespielt. Ich glaubte, daß es in meiner Macht liege, Sie wieder zu gewinnen.«

Alles dies wurde mit einer Art leidenschaftlicher Offenheit gesprochen, als ob die Sprecherin, nachdem sie einmal die Maske abgeworfen, sich kaum darum kümmerte, wie sehr sie sich erniedrigte.

»Gute Nacht, Mrs. Darrell. Sie werden morgen über diese Dinge ruhiger nachdenken. Lassen Sie uns wenigstens höflich gegen einander sein, wenn uns die Umstände zusammenführen und, um Gottes willen, seien Sie freundlich gegen Ihre Stieftochter. Sehen Sie dieselbe nicht als Ihre Nebenbuhlerin an; meine Liebe für Sie war längst erloschen, ehe ich sie erblickte Sie brauchen ihr deshalb nicht zu grollen. Guten Abend.«

»Guten Abend.«

Ich hörte die Thüre des Zimmers öffnen und schließen und wußte, daß er fort war. Ich ging au den offenen Fenstern vorüber, da es mir gleichgültig war, ob mich Mrs. Darrell wahrnähme. Ich dachte, es möchte vielleicht besser für Milly sein, wenn ihre Stiefmutter wüßte, daß ich ihr Geheimniß kannte und gegen sie gewarnt war. Aber ich glaube nicht, daß sie mich gesehen hatte.

Ein Viertelstunde darauf kehrte ich ins Haus zurück. Es war jetzt vollkommen dunkel. In der Vorhalle begegnete ich Mrs. Darrell, zum Ausgehen angekleidet.

»Ich will einen Gang durch den Garten machen, Miß Crofton,« sagte sie. »Es ist unerträglich schwül diesen Abend. Wir« werden Alle das Fieber bekommen, wenn dieses Wetter länger andauert.«

Sie wartete nicht auf meine Antwort, sondern entfernte sich rasch. Ich ging in Milly’s Zimmer zurück und fand sie ruhig schlafend. Zehn Minuten darauf hörte ich den Regen an die Fenster anschlagen und wußte, daß eine stürmische Nacht bevorstand.

»Mrs. Darrell wird nicht im Stande sein, weit zu gehen,« dachte ich.

Ich saß eine Zeit lang am Bette, darüber nachdenkend, was ich gehört hatte. Es lag etwas Tröstliches darin, daß ich einen so entschiedenen Beweis von der Aufrichtigkeit Angus Egertons gegen mein theures Mädchen besaß, und von dieser überzeugt, glaubte ich die Bosheit der Mrs. Darrell nicht fürchten zu dürfen. Indeß hätte ich doch gewünscht, daß die Heirath auf einen früheren Zeitpunkt angesetzt und daß die Zeit, welche Stiefmutter und Tochter miteinander zubringen mußten, kürzer wäre.

Milly erwachte und stand eine halbe Stunde auf, um eine Tasse Thee zu nehmen, während ich ein wenig über die angenehmsten Dinge, die ich erdenken kannte, plauderte. Sie fragte, ob Mr. Egerton diesen Abend in Thornleigh gewesen sei.«

»Ja, Liebe, er war da.«

»Hast Du ihn gesprochen, Mary?«

»Nein, ich habe ihn nicht gesprochen.«

Sie stieß einen leichten Seufzer aus. Es war ihr Vergnügen, auch seine Botschaften Wort für Wort wiederholen zu hören.

»So hast Du mir also nichts von ihm zu sagen« Liebe?«

»Nichts, ausgenommen, daß ich weiß, daß er Dich liebt.«

»Ah, Mary, es war eine Zeit, wo Du an ihm zweifeltest.«

»Diese Zeit ist ganz vorüber.«

Sie küßte mich, als sie mir die Tasse zurückgab und versprach mir, wieder zu schlafen, während ich in mein Zimmer ging, um einen langen Brief nach Hause zu schreiben.

Ich wer in dieser Weise länger als eine Stunde beschäftigt und dann ging ich hinunter in die Halle, um meinen Brief in den dazu bestimmten Kasten zu legen, damit ihn der Postbote am andern Morgen mitnehmen könnte.

Es war jetzt nahe an zehn Uhr und ich wurde durch das Geräusch an der Hausthüre überrascht, welche von Außen leise geöffnet wurde. Ich drehte mich rasch um und sah Mrs. Darrell mit triefenden Kleidern eintreten.

»Gütiger Himmel!« rief ich unwillkürlich, »waren Sie die ganze Zeit über im Regen draußen, Mrs. Darrell?«

»Ja« ich bin draußen gewesen,« antwortete sie in verlegenem ungeduldigen Tone. »Komm das Ihren nüchternen Ideen von Anstand so schrecklich vor? Ich vermochte es diesen Abend im Hause nicht mehr auszuhalten. Man hat zuweilen fieberhafte Phantasien, — wenigstens habe ich sie — und ich zog es vor, lieber im Regen, als gar nicht draußen zu sein. Gute Nacht.«

Sie eilte mit leichten Schritten die Treppe hinauf und ich kehrte in mein Zimmer zurück, mich wundernd, was Mrs. Darrell so lange draußen aufgehalten habe — ob sie irgend einen speziellen Gang gehabt, oder ob sie nur ohne Zweck in den Gärten und Anlagen herumgewandert sei.

Einige Tage lang ging es mit Milly sehr gut, dann trat eine leichte Verschlimmerung ein und die Symptome waren nicht sehr günstig. Mr. Hale versicherte uns, es sei keine Ursache zur Besorgniß vorhanden; die Genesung sei nur ein wenig verzögert.

Mr. Egerton war indeß sehr beunruhigt und bestand darauf, daß ein berühmter Arzt von Manchester berufen werde.

Der große Mann kam und seine Absicht stimmte ganz mit Dr. Hale überein. Es sei nicht die geringste Ursache zur Besorgniß vorhanden. Sorgsame Pflege und Ruhe seien die wesentlichsten Erfordernisse. Er rieth, eine gelernte Wärterin anzunehmen. Aber ich bat so ernstlich, man möge mir und ihrer Dienerin wie bisher die Pflege Milly’s überlassen, und setzte meine Befähigung dazu so eindringlich auseinander, daß er endlich einwilligte.

Mrs. Darrell war bei dieser Unterredung zugegen und ich war sehr überrascht, daß sie in der Frage über die Pflege der Kranken meine Partie nahm, da es doch sonst ihre Gewohnheit war, mir in allen Dingen entgegenzutreten. Heute zeigte sie sich ganz besonders zuvorkommend gegen mich.

Eine weitere Woche verging und es war keine Aenderung zum Bessern, aber auch keine wahrnehmbare Verschlechterung eingetreten. Die Kranke war nur ein wenig schwächer und litt an Gemüthsverstimmung, gegen die alle meine Bemühungen vergebens blieben.

Angus Egerton kam während dieser Woche täglich zweimal, aber er sah Mrs. Darrell nur sehr selten. Ich glaube, daß er sie nach der oben beschriebenen peinlichen Szene sorgfältig vermied. Er fragte stets nach mir, um die gewünschten Aufschlüsse über das Befinden seiner Verlobten zu erhalten.

So gingen die Tage in jener langsamen traurigen Weise hin, in der die Zeit vergeht, wenn Diejenigen, die wir lieben, krank sind, und es schien in der Todtenstille des Krankenzimmers, als ob alle Dinge des Lebens zum Stillstand gekommen wären.

Ich sah während dieses Zeitraums nicht viel von Mrs. Darrell. Sie kam zwei- oder dreimal des Tags an Milly’s Thüre, um sich mit allen Zeichen der Liebe und Theilnahme nach ihrem Befinden zu erkundigen; aber während des übrigen Theils des Tags blieb sie in ihren eigenen Zimmern. Ich bemerkte, daß sie um diese Zeit ein bleiches verstörtes Aussehen hatte, wie eine Person, die lange Zeit ohne Schlaf gewesen; doch dies konnte mich nach jener Szene mit Mr. Egerton nicht überraschen.

Indeß dehnte sich die Dauer der Krankheit über alle Erwartung aus und im Verlaufe der Zeit fühlte ich, daß meine Kräfte nachließen und daß wir schließlich doch genöthigt sein dürften, eine gelernte Wärterin anzunehmen. Ich hatte, seit dem ersten Beginn von Milly’s Krankheit, sehr wenig geschlafen und die Wirkungen dieser verlängerten Schlaflosigkeit begannen sich jetzt geltend zu machen; aber ich kämpfte entschlossen gegen die Ermüdung und mit Hilfe unzähliger Tassen starken Thees gelang mir das auch.

Mit dem Beistand von Milly’s Kammerjungfer, Susan Dodd, die ihrer Gebieterin sehr zugethan war, versah ich alle Dienste des Krankenzimmers.

Die Arzneien, der Wein, die Suppen, die Gelees und alle Dinge, die für die Kranke nothwendig waren, wurden in dem Ankleidezimmer aufbewahrt, das durch eine Thür mit dem Schlafzimmer und durch eine zweite mit dem Gang in Verbindung stand.

Das Krankenzimmer, das sehr groß und lustig war, wurde dadurch von allen fremden Gegenständen frei gehalten und Susan und ich waren immer darauf bedacht, ihm ein frisches heiteres Aussehen zu geben. Zu diesem Zweck pflegte ich auch jeden Morgen aus dem Garten ein kleines Bouquet für das Tischchen am Bett zu holen. Schon seit geraumer Zeit hatte ich Peter, den Enkel der Mrs. Thatcher vermißt. Ich fragte einen der Leute, was aus ihm geworden sei, und erhielt zur Antwort, daß er das Fieber bekommen habe und im Hause seiner Großmutter krank darniederliege. Ich erwähnte dies gegen Mrs. Darrell und bat sie um die Erlaubniß, ihm einige passende Speisen und etwas Wein senden zu dürfen, was sie auch zugestand.

Nach Verlauf einer Woche stattete der Arzt aus Manchester einen zweiten Besuch ab und bei dieser Gelegenheit sprach er sich über den Fall nicht so bestimmt aus. Er sagte, er glaube nicht, daß für jetzt Gefahr vorhanden sei, da er aber die Kranke schwächer fand, war er keineswegs zufrieden. Er ließ die Arznei wechseln, schärfte wiederholt sorgfältige Pflege und Ruhe ein und trug dem Dr. Hale auf, es ihm sofort durch den Telegraphen zu melden, wenn eine Verschlimmerung eintreten sollte.

Ich war diesmal in Folge seines Benehmens sehr niedergeschlagen und kehrte in das Zimmer meines theuren Mädchens mit schwerem Herzen zurück.

Ich hatte die Gewohnheit, des Nachmittags, so gut es anging, einige Stunden zu schlafen, um so im Stande zu sein, die ganze Nacht zu wachen. Während ich auf diese Weise abwesend war, versah Susan Dodd meine Stelle am Bette der Kranken. Des Nachts ließ ich dagegen das Mädchen schlafen, damit es am Tage frisch und munter wäre. Ich fühlte, daß die Nachtwache wichtiger sei und wollte sie deshalb keiner andern Person anvertrauen.

Unglücklicher Weise kam es sehr oft vor, daß ich, wenn ich des Nachmittags in mein Zimmer ging, um mich niederzulegen, nicht im Stande war, einzuschlafen. Die Hälfte der Zeit lag ich gewöhnlich wachend da, an mein liebes Mädchen denkend und für ihre Wiedergenesung betend. An dem Nachmittage, welcher dem zweiten Besuche des Manchester Arztes folgte, begab ich mich, wie gewöhnlich, nach meinem Zimmer, hatte aber weniger als jemals Neigung zum Schlafen. Zum erstenmal seit dem Beginn des Fiebers fühlte ich eine schreckliche Furcht, daß der Ausgang verhängnißvoll sein könnte. Ich lag, mich von einer Seite auf die andere wälzend, ruhelos da und suchte mich, über jedes Wort und jede Miene des Arztes nachdenkend, zu überreden, daß keine wirkliche Gefahr vorhanden sei.

Auf diese Weise war ich mehr als eine Stunde wach gewesen, als ich die Thüre von Milly’s Ankleidezimmer, die sich ganz nahe an der meinigen befand, leise zumachen hörte. In der Meinung, daß man meiner bedürfe, sprang ich augenblicklich auf und eilte aus den Gang hinaus. Aber anstatt. wie ich erwartet hatte, Susan Dodd zu finden, sah ich, daß mir Mrs. Darrell gegenüberstand.

Sie erschrak ein wenig, als sie mich bemerkte. Sie hatte die Hand noch auf dem Drücker der Thüre des Ankleidezimmers, mich mit dem sonderbarsten Ausdruck, den ich jemals in einem menschlichen Gesichte gesehen habe, anblickend. Furcht, Trotz, Haß — was war es?«

»Ich glaubte, Sie schliefen,« sagte sie.

»Ich habe diesen Nachmittag nicht einschlafen können.«

»Sie sind eine schlechte Wärterin, Miß Crofton, wenn Sie nicht nach Belieben schlafen können,« sagte sie. »Nach der Art, wie Sie aus dem Zimmer gestürzt sind, fürchte ich, daß Sie auch aufgeregt sind.«

»Ich hörte diese Thüre schließen und glaubte, Susan käme, um mich zu rufen.«

»Ich war innen, um zu sehen, wie es der Kranken geht — das ist Alles.«

Sie ging an mir vorüber und nach ihren eigenen Gemächern, welche auf der andern Seite des Hauses lagen. Ich fühlte, daß jetzt jeder weitere Versuch zu schlafen, nutzlos sein würde und kehrte in Millys Zimmer zurück, die, wie mir Susan sagte, sehr ruhig geschlafen hatte.

»Sie haben wahrscheinlich der Mrs. Darrell, als sie so eben hier war, um sich zu erkundigen, gesagt, daß Alles gut gehe?« fragte ich.

»Mrs. Darrell war nicht da, seit Sie sich schlafen gelegt haben, Miß» antwortete das Mädchen, über meine Frage verwundert.

»Wie, Susan, Mrs. Darrell war ja so eben erst in dem Ankleidezimmer. Ich hörte sie herauskommen und ging hinaus, um zu sehen, wer da wäre. Ist sie nicht hereingekommen, um sich nach Miß Darrell zu erkundigen?«

»Nein, Miß.«

»Dann hat sie wahrscheinlich nur hereingeblickt und gesehen, daß Miß Darrell eingeschlafen war.«

»Ich kann nicht einsehen, wie sie diese Thüre öffnen konnte, ohne daß ich es hörte. Ich weiß bestimmt, daß sie fest geschlossen war.«

Sie war geschlossen worden, als ich durch das Ankleidezimmer hinausging. So geringfügig dieser Vorfall an sich war, so erregte er doch mein Nachdenken. Ich wußte, daß Augusta Darrell ihre Stieftochter haßte und der Gedanke, daß diese geheime Feindin um das Krankenzimmer herumschlich, war mir nicht ganz gleichgültig. Auch der Ausdruck, den ich in ihrem Gesicht gesehen, machte mich nachdenklich. Daß sie mich haßte, wußte ich; aber es lag neben der Abneigung auch Furcht in ihrem Blick und ich konnte mir, keinen Grund denken, weshalb sie eine so unbedeutende Person wie ich fürchten sollte.

Der übrige Theil dieses Abends und der Nacht verging ohne ein bemerkenswerthes Ereigniß. Ich ließ die Thüre zwischen dem Schlaf- und Ankleidezimmer die ganze Nacht über weit offen, entschlossen, daß Augusta Darrell nicht ohne mein Wissen in dieses Zimmer kommen sollte; aber die Nacht verging, ohne daß wir etwas von ihr zu sehen bekamen.

Als ich früh am nächsten Morgen in den Garten ging, um Blumen für Millys Zimmer zu pflücken, traf ich Peter wieder bei der Arbeit. Er sah sehr bleich und schwach aus und war kaum im Stande, etwas Rechtes zu thun. Er kam zu mir, während ich die Spätrosen für das Bouquet abschnitt und fragte nach Milly. Als ich ihm geantwortet hatte, zögerte er ein wenig in einer sonderbaren Weise, gerade, als ob er mir etwas sagen wollte; ich war aber zu voll von meinen eigenen Gedanken und Sorgen, als daß ich ihm viel Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

Die nächsten Tage brachten keine Veränderung in Millys Befinden und ich wurde jede Stunde ängstlicher. Ich konnte sehen, daß Mr. Hale über den Fall nicht im Klaren, daß er unruhig war, obschon er sagte, er sehe für jetzt keinen Grund, nach Manchester zu telegraphieren. Er war äußerst aufmerksam und galt für sehr geschickt und ich wußte, daß er eine wahre Zuneigung für Milly hegte, die er von Kindheit an behandelt hatte.

Angus Egerton suchte mich nunmehr täglich zweimal auf und diese kurzen Unterredungen waren mir jetzt sehr peinlich geworden. Ich fand es so schwierig, ihn mit hoffnungsvollen Worten aufzuheitern, während mein eigenes Herz täglich schwerer wurde und meine Besorgnisse, die bisher unbestimmt und schattenhaft gewesen, immer mehr eine feste Gestalt annahmen. Ich war sehr ermüdet, hielt aber entschlossen aus. Ich hatte bisher — bis zur zweiten Nacht nach jenem Zusammentreffen mit Mrs. Darrell an der Thüre des Ankleidezimmers, noch niemals eine Viertelstunde auf meiner Wache geschlafen.

In dieser Nacht wurde ich etwa eine Stunde, nachdem ich Susan entlassen hatte, von einer unüberwindlichen Schläfrigkeit ergriffen. Das Zimmer war sehr ruhig. Kein Ton mit Ausnahme des Tickens der netten kleinen Uhr auf dem Kamin ließ sich vernehmen. Milly war fest eingeschlafen und ich saß am Feuer und versuchte zu lesen, als mich meine Schläfrigkeit übermannte, meine schweren Augenlieder niederfielen und mich eine Art fieberhafter Schlummer überkam, in welchem ich das unruhige Bewußtsein hatte, daß ich wach sein sollte.

Ich hatte in dieser Weise wenig mehr als eine Stunde geschlafen, als ich plötzlich, vollkommen erwacht, emporfuhr. In der Stille des Zimmers hatte ich einen Ton, wie Klingen von Glas, vernommen und ich dachte, Milly habe sich gerührt.

Es stand ein Tisch neben ihrem Bette mit einem Glase von kühlendem Getränk und einer Flasche Wasser auf demselben. Ich vermuthete, sie müsse ihre Hand nach dem Glase ausgestreckt und dasselbe an dies Flasche angestoßen haben; aber zu meiner Ueberraschung fand ich sie noch immer in ihrer früheren Lage fest eingeschlafen. Der Ton mußte demnach von einer andern Richtung — wahrscheinlich aus dem Ankleidezimmer gekommen sein.

Ich ging in dieses Gemach. Es war aber Niemand dort. Keine Spur der geringsten Störung unter den dort befindlichen Gegenständen. Die Arzneifläschchen und Gläser standen noch ganz ebenso auf dem kleinen Tische, wie ich sie hingestellt hatte. Ich war sehr sorgsam und accurat bei Anordnung dieser Dinge und die geringste Störung darin würde mir sicherlich nicht entgangen sein. Was konnte diesen Ton hervorgerufen haben? War es ein zufälliges Klingen des Glases, durch einen Windhauch erregt eine von jenen geheimnißvollen Bewegungen lebloser Gegenstände, welche so häufig in den stillen Stunden der Nacht vorkommen und aufgeregten Personen stets mehr oder weniger gespensterhaft erscheinen? Konnte es blos zufällig sein? Oder hatte sich Mrs. Darrell leise in das Gemach und wieder hinausgeschlichen?

Weshalb sollte sie dort gewesen sein? Was konnte ihr geheimnißvolles Kommen und Gehen zu bedeuten haben? Welches konnte ihr Zweck sein, wenn sie auf diese Weise um das kranke Mädchen herumschlich? Welchen Vortheil konnte ihr Haß aus solcher unruhigen Wachsamkeit ziehen, außer — Außer was? Eine eisige Kälte durchlief mich und ich zitterte wie Laub, als ein schrecklicher Gedanke in mir aufdämmerte. Wie wenn der Haß des verzweifelten Weibes die furchtbarste Gestalt annahm? Wie wenn ihre geheime Anwesenheit in diesem Gemach Mord bedeutete?

Ich nahm das Arzneifläschchen und untersuchte es genau. In Farbe, Geruch, Geschmack schien mir die Medicin ganz dieselbe zu sein, wie zur Zeit, wo sie nach der Vorschrift des Manchester-Arztes geändert wurde. Auch die Quantität des Inhalts war ganz so, wie sie gewesen war, als ich Milly ihre letzte Dose gegeben hatte.

»O nein, nein, nein,« dachte ich bei mir, »ich müßte wahnsinnig sein, etwas so Schreckliches anzunehmen. Eine Frau mag schwach, boshaft und eifersüchtig sein, wenn sie so heftig geliebt hat, wie dieses Weib Angus Egerton geliebt zu haben scheint; aber das ist noch kein Grund, daß sie eine Mörderin sein sollte.«

Ich stand mit dem Medicinfläschchen in der Hand in der größten Verlegenheit da. Was konnte ich thun? Sollte ich die Arznei aussetzen auf die Gefahr hin, die Cur zu verzögern? oder sollte ich sie weiter geben trotz dieses halben Verdachts, daß etwas damit vorgegangen sein könnte?

Welchen Grund hatte ich zu einem solchen Verdacht? In diesem Augenblicke keinen andern, als den Ton, der mich erweckt hatte, den klingenden Ton eines Glases, das an ein anderes angestoßen wird.

Hatte ich wirklich einen solchen Ton gehört, oder war es nur eine Täuschung meines halbschlafenden Gehirns.

Während ich dastand und diese Frage erwog, kam mir eine plötzliche Erinnerung in den Sinn, die sofort allen Zweifel verscheuchte.

Der Korkstöpsel des Arzneifläschchens, als ich Milly ihre letzte Dose gab, war zuerst zu groß für dasselbe gewesen, so daß es mir schwer wurde, ihn wieder hineinzubringen, nachdem ich die Arznei gegeben. Der Stöpsel des Fläschchens, den ich jetzt in der Hand hielt, ging leicht genug hinein. Es war ein kleiner und älter aussehender Stöpsel. Dies war für mich entscheidend. Ich brachte das Fläschchen in Millys Garderobe unter Schloß und Riegel und gab ihr diese Nacht keine Arznei mehr.

Es war nicht zu fürchten, daß ich auf meinem Posten wieder einschlafen würde. Meine Gedanken während des übrigen Theils dieser Nacht waren voll Schrecken und Verwirrung. In einer Hinsicht schien mein Weg klar genug vor mir zu liegen. Die geeignete Person« der ich mich anzuvertrauen hatte, war Dr. Hale. Er würde im Stande sein, zu entdecken, ob mit der Arznei etwas vorgegangen sei und es war seine Pflicht, seine Patientin zu beschützen.

Milly Darrell

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