Читать книгу Warum es Bullshit ist, andere ändern zu wollen - Nele Kreyßig - Страница 19
Sie können nur einen Menschen ändern: sich selbst!
ОглавлениеIm ersten Schritt geht es in diesem Modell darum, die eigenen Mechanismen zu verstehen. Wenn Sie sich öfter hinterfragen und sich selber besser verstehen, gelingt Ihnen im nächsten Schritt möglicherweise eine neue Bewertung (was gar nicht so einfach ist) oder zumindest ein anderes Verhalten: Sie reagieren anders, etwas überlegter und vorsichtiger, oder sparen sich den einen oder anderen Kommentar ganz. Denn die einzige Person, die Sie wirklich zuverlässig ändern können, sind – Sie selbst! Warum hier der echte Hebel für Veränderungen in Ihrem Leben liegt, werden wir uns später noch genauer anschauen (vgl. Kapitel 2 »Mehr Durchblick für Gelassenheit«).
WEWAW-Modell: Wie werte ich im Alltag?
Nehmen Sie ein Blatt Papier zur Hand und notieren Sie sich in welcher Situation Sie sich selbst als wertend wahrgenommen haben. (Seien Sie ehrlich zu sich selbst: Notieren Sie auch Wörter, die Sie eigentlich niemals sagen oder gar aufschreiben würden. Das ist Ihr Übungsfeld, hier werden Sie nicht bewertet!)
W | Wahrnehmung Was nehme ich wahr? Was fällt mir besonders auf? (Z. B. unpassende Kleidung des Partners beim Geburtstagsfest einer Bekannten.) |
E | Emotion Welche Emotion löst das bei mir aus? (Z. B. genervt sein.) |
W | (Be-)Wertung Wie bewerte ich (aufgrund dieser Emotion) das Wahrgenommene bzw. die Person? (Z. B.: »Idiot! Wie oft habe ich das schon angesprochen!?«) |
A | Aktion Wie verhalte ich mich? Was sage ich (falls ich etwas sage)? Auch Nichthandeln ist eine Aktion! (Z. B. Augenrollen, ich strafe ihn, indem ich ihn beim Fest meide …) |
W | (Aus-)Wirkung Welche Auswirkung hat mein Handeln auf den anderen und auf unser Miteinander? (Z. B.: Er denkt: »Oh Mist, ich hab schon wieder was falsch gemacht und weiß nicht was.« Oder andere sprechen über uns: »Was ist bei denen denn los?«) Welche Auswirkung hat mein Handeln auf mich? (Z. B. weniger Freude bei dem Fest.) |
Bedeutet der kritische Blick auf unsere Neigung, zu bewerten, dass man einfach alles akzeptieren soll? Diese Frage wird mir manchmal gestellt. Die Antwort ist: Eindeutig nein! Etwas zurückhaltender, selbstkritischer und toleranter zu sein beim Formulieren von (Be-)Wertungen ist nicht gleichbedeutend mit einem Freifahrtschein für jede, jeden und alles. Da, wo die eigenen Werte massiv verletzt oder bestimmte Grenzen überschritten werden, sollten wir handeln. Das gilt nicht nur für juristische Grenzen (wie etwa bei Beleidigungen, Hetze, Verleumdungen oder Ähnlichem), sondern auch für persönliche Grenzen, die sich aus unseren Kernwerten ergeben. Wer für Toleranz und Weltoffenheit steht, wird hoffentlich die Stimme erheben, wenn am Kaffeetisch oder im Sportverein gegen Ausländer gehetzt wird. Auch da, wo die eigene seelische oder körperliche Unversehrtheit bedroht ist, muss man handeln. Wem als Kind Kälte oder gar Gewalt entgegengebracht wurde, der hat jedes Recht dazu, den Kontakt zu seinen Eltern abzubrechen. Behandeln Sie sich selbst genauso liebevoll, wie Sie eine enge Freundin oder einen engen Freund behandeln würden. In der Praxis belasten wir uns und unsere Beziehungen jedoch häufig mit Werturteilen zu Fragen, bei denen man durchaus unterschiedlicher Meinung sein kann – wie die Frage nach der »richtigen« Art und Weise, eine Hochzeit zu feiern. Wenn es dann geknallt hat, reiben wir uns mit etwas Abstand die Augen und fragen uns: War es das wirklich wert?