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Warum wir wissentlich das Falsche tun.

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Und dann gibt es ja noch die Fälle, wo jemand Ihren Rat sucht oder Ihnen zumindest für hilfreiche Hinweise dankt und dann zur Tür herausspaziert und genau das Gegenteil tut, so weitermacht wie bisher oder das macht, wovor Sie gewarnt haben. In der Beziehungskomödie »Harry & Sally« gibt es dazu eine passende Situation.

Sallys beste Freundin Marie hat seit Jahren ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, der immer dann bei seiner Familie ist, wenn sie sich eigentlich nach Zweisamkeit sehnt: an Weihnachten, an Feiertagen, in den Ferien. Marie ist jedes Mal kreuzunglücklich und weint sich dann bei Sally aus. Nach dem letzten Schluchzer sagt Sally jedes Mal: »Marie, du musst dich von ihm trennen! Er wird seine Frau nie verlassen.« Worauf Marie jedes Mal antwortet: »Du hast recht! Ich weiß, dass du recht hast!« Scheinbar ist der Trennungsvorsatz gefasst. Doch wenige Wochen später klagt sie Sally erneut ihr Leid. Erst eine neue Liebe ändert die Situation.

Was haben Sie gerade gedacht, als Sie diese Geschichte lasen? Hatten Sie Verständnis oder haben Sie die Wertungskeule hervorgeholt und Marie Inkonsequenz, Feigheit oder Schwäche unterstellt? Der Neurobiologe und Philosoph Gerhard Roth hat eine bessere Erklärung dafür, warum wir einem Rat mitunter selbst dann nicht folgen, wenn wir ihn als richtig erkennen und eigentlich umsetzen wollen. Unser Verhalten wird eben nicht nur von rationaler Einsicht geprägt, sondern von genetischen Dispositionen, frühkindlichen Prägungen, unserer Sozialisation, das heißt vor allem jenen Erfahrungen, die wir bis zum frühen Erwachsenenalter machen. Diese Eindrücke graben sich tief in die emotionalen und zum Teil unbewussten Bereiche unseres Gehirns ein, in das limbische und mesolimbische System. Sie machen unser »unbewusstes Selbst« aus, das von »emotionalen Konditionierungen« bestimmt wird, von tief verwurzelten Prägungen, die unser Denken und Verhalten steuern, ohne dass sie rationaler Überlegung zugänglich sind.2 So kommt es, dass wir uns manchmal selbst nicht verstehen und wider besseres Wissen Dinge tun, von denen wir eigentlich wissen, dass wir sie später bereuen werden. Wir können nicht anders, ohne sagen zu können, warum. Das mag einerseits ein frustrierender Gedanke sein. Andererseits kann man es als Anregung sehen, etwas geduldiger und nachsichtiger zu sein: mit sich selbst und mit anderen!

Warum es Bullshit ist, andere ändern zu wollen

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