Читать книгу "Dein Blut wird die Kohle tränken" - Oleksandr Mykhed - Страница 10
DOBROPILLJA. 1.
ОглавлениеAuf einem Plakat am Eingang zum Bergbaumuseum steht:
Ruhm dem Bergarbeiterstamm
Ruhm der Bergarbeit
Doch das Bergwerk behält seine Geheimnisse für sich. Ins Museum lässt man uns nicht ein.
„Eine Besonderheit unserer Stadt ist, dass überall mit Kohle geheizt wird. Wenn hier Schnee fällt, ist er fast schwarz. Gut ist, wenn der Ostwind weht, denn der trägt den Staub aus der Stadt. Wenn dann der Westwind kommt, pustet er ihn wieder zurück. Wie immer nur Probleme mit dem Westen.“
Die Hauptstraße der Stadt heißt Teatralna. Von ihr geht die Festywalna ab. Doch wie man erzählt, gab es hier weder je ein Theater noch Festivals.
„Heute ist die Bergarbeit hier Sklavenarbeit. Die Arbeitsbedingungen sind härter geworden. Es wäre für die Bergarbeiter praktisch unmöglich, eine andere Arbeit zu finden, wenn die Bergwerke schlössen.“
„Der Tag des Bergarbeiters bleibt unser wichtigster Feiertag.“
Die Todeszahlen übersteigen die Kapazitäten des offiziellen Gedenkens und die Möglichkeiten des Erinnerns. „So viele Menschen sind gestorben. In der Kapelle gibt es auf den Gedenktafeln keinen Platz mehr.“
„Die Älteren erinnerten sich oft noch an die vorrevolutionären Straßennamen. Heute erinnern wir uns an die Straßennamen vor der Dekommunisierung und dem Krieg.“
„In Dobropillja gibt es nichts. Alles Interessante liegt außerhalb der Stadt.“
Jeder, mit dem wir sprechen, erwähnt den wunderschönen Park mit den Karussells und anderen Attraktionen. In einem Moment beschleicht mich das Gefühl, dass es hier weniger um schöne Kindheitserinnerungen an den Park geht, als vielmehr um die Vertreibung aus dem Paradies, dem Fantasiegarten der Mutter Erde, welcher sich seiner elenden Kinder entsagt hat.
Dieselbe Geschichte über das vergangene goldene Zeitalter klingt in nahezu jedem Gespräch über jede Stadt im Donbass.
„Früher gab es hier alles. Nun möchte man das alles zurück. Nun ist es eine Stadt der Möglichkeiten, weil es hier nichts gibt.“
„Die Geschichten über den Geist der Bergarbeiter und die Arbeit haben hier alle satt, die selbst nicht im Bergwerk gearbeitet haben.“
„Diejenigen, die unter Tage fahren, müssen diese besondere Bergarbeiterkultur annehmen.“
„Man nennt die Kohle nicht umsonst schwarzes Gold. In ihr steckt so viel Arbeit. An ihr klebt das Blut der Kumpel.“
„Glauben die Bergarbeiter an etwas? Wenn ja, dann wohl nur an den Berggeist Schubin.“
Noch etwas, das es zu erforschen gilt.
„Versucht gar nicht erst, hier etwas Besonderes zu finden. Wir sind so wie alle anderen Bergarbeiterstädte auch.“
„Der Bergarbeiter entwickelt einen besonders scharfen Selbsterhaltungsinstinkt. Er kann die Gefahr innerlich spüren. Dabei halten wir uns oft selbst nicht an die Regeln. Wir strecken unsere Fühler aus, um die Gefahr zu wittern. Doch vergiss die Gefahr. Das Wichtigste ist die Erfüllung der Norm.“
„Es gibt einen Vorsatz: Fange vor dem Schichtende nichts Neues mehr an. Denn beginnst du zwanzig Minuten vor Schluss etwas Neues, dann fängst du an zu hetzen und denkst nur noch daran, wie du den Bus schaffst. Besser ist es, nichts mehr zu beginnen, denn irgendwas ist immer.“
„,Peremjot’ ist ein Schneesturm, der Schneewehen auf die Felder und Straßen treibt. Letzte Woche haben hunderte Autos fast einen ganzen Tag in den Schneemassen zwischen Dobropillja und Kramatorsk festgesteckt.“
„Vom Krieg profitieren hier alle. Früher sind wir für 35 Hrywnja nach Donezk gefahren, heute kostet es 450.“
„Im Donbass leben die nettesten Menschen. Bei uns gab es nie interethnische Konflikte. Unter Tage merkt man sofort, was für ein Mensch der andere ist.“
„In den Neunzigern wurde hier ein neuer Stachanow1 geboren. Der Geist der Sowjetunion war damals noch nicht verflogen. Angeblich soll er in einer Woche 800 Meter geschafft haben. In Wirklichkeit waren es nur etwas mehr als 700 Meter, aber man schrieb einfach 800. In der Zeitung stand, dass er hierfür einen Orden bekam. Später kamen einmal Deutsche zu einem Erfahrungsaustausch. Als ihnen unsere Bergwerksleitung von den Rekorden und den 800 Metern erzählte, fragten sie nur: ‚Wozu?‘. Wir wissen es selbst nicht, wozu wir das gemacht haben. Bald darauf wurde alles verschüttet und wir mussten uns von neuem durchgraben, nur war es diesmal viel schwieriger.“
„Ein Bekannter ist jetzt an der Front. Ich habe mit ihm gesprochen. Er sagt, dass er Wodka trinke und trauere. Ein Scharfschütze hat seinen Kameraden in den Hals getroffen. Der trank nicht mal, war Nichtraucher und trieb Sport. Mein Bekannter versuchte noch irgendwie die Wunde zu verschließen, doch er war nicht zu retten.“
„Das Wasser, in dem wir arbeiten, ist so aggressiv, dass wenn wir die Schaufel abstellen und die Schicht über Tropfen auf sie fallen, das Metall weggeätzt wird. Richtige Löcher gibt das.“
„Wenn ihr das nächste Mal da seid, kommt, um mit uns einen zu trinken.“
„Wenn die Bergwerke schließen, stirbt hier alles.“
„Die Berufskrankheiten hier heißen Staublunge, Rückenschmerzen, Taubheit und Blindheit.“
Die Lungen der Kumpel versteinern durch den Staub und erinnern eher an Fossilien, als an innere Organe. Wer für die Kohle herkommt, den wird sie zugrunde richten. Jeden Tag ein bisschen mehr. Der Kohlestaub, den man nicht weiter beachten soll, tut sein Eigenes. Die Lungen werden nicht sofort befallen. Silikose heißt die Krankheit. Sucht im Internet bei Gelegenheit mal nach einer Bergmannslunge. Versteinerte Überbleibsel einer Epoche im Leben eines kleinen Menschen.
Die größte Grubenkatastrophe Europa passierte im Kohlebergwerk Courrières im Norden Frankreichs im März 1906.2
Das Feuer war bereits einige Tage vor der Katastrophe ausgebrochen. Natürlich wurde die Förderung durch die Ingenieure aufrechterhalten. Umsatzeinbrüche und Probleme mit der Bergwerksleitung waren unerwünscht.
Am 10. März fuhren insgesamt 1664 Kumpel ein.
Die Explosion ereignete sich am frühen Morgen und war so heftig, dass in 110 Kilometer Stollen alles Leben vernichtet wurde.
Aus einem der Schächte wurden Pferde und Schutt meterweit hinausgeschleudert.
1099 Bergleute kamen ums Leben.
100 weitere wurden unter dem Schutt begraben und nicht gefunden. Unter den Getöteten waren nicht wenige Kinder.
Am 12. März erreichten Helfer aus Deutschland den Ort. Es sind Aufzeichnungen erhalten, welche das Grauen der Rettungsaktion dokumentieren. Diejenigen, die gerettet wurden, hatten Brandwunden und Gasvergiftungen.
Am 13. März erklärte die Courrières-Gesellschaft, der das Bergwerk gehörte, alle noch vermissten Kumpel für tot und wollte die Suche nach ihnen einstellen. Die Gesellschaft wollte die Stollen schließen, um die verbleibende Kohleflöze vor dem Feuer zu schützen. Ein klassischer Konflikt der Bergbaugeschichte. Profitsucht gegen Menschenleben.
Am 30. März, fast drei Wochen nach der Explosion, gelangten dreizehn Kumpel an die Oberfläche. Um zu überleben, hatten sie ein Pferd mit einer Spitzhacke erschlagen und verzehrt.
Vier Tage später fanden die Retter aus Deutschland noch einen vierzehnten Kumpel. Er war insgesamt 24 Tage verschüttet gewesen.
Einer der Geretteten wurde 91 und lebte bis zum Jahre 1977. Zwei andere arbeiteten nach dem Unglück weiter im Bergwerk.
Wenn man ein Foto der 13 Geretteten betrachtet, fällt auf, dass nur zwei von ihnen über 40 Jahre alt waren. Die Mehrheit war gerade einmal um die 18 Jahre alt.
Später kam es zu einer Blockade durch die Bergleute. Premierminister Georges Clemenceau erschien, um zu verhandeln. Letztlich wurde kein einziges Versprechen eingehalten.
Und das Leben ging weiter. In einem anderen Bergwerk.
1 Anm. d. Übers.: Der Bergarbeiter Aleksej Stachanow wurde 1935 nach der angeblichen 13-fachen Übererfüllung der Arbeitsnorm in seiner Schicht zur Ikone und einem Anführer einer Bewegung für die Übererfüllung der Arbeitsnormen durch die Sowjetführung stilisiert.
2 Diese und andere Geschichten und Details zur Bergarbeiten wurden auf der Seite www.miningwiki.ru von ehemaligen Bergarbeitern und Amateuren zusammengetragen.