Читать книгу "Dein Blut wird die Kohle tränken" - Oleksandr Mykhed - Страница 12
SJEWJERODONEZK. 1.
ОглавлениеEin Schild an der Rezeption des Hotels „Mir“ verkündet: „Der Verkauf von Alkohol an Soldaten ist verboten.“
„Jetzt sind wir Hauptstadt der Oblast. Man hat Beamte aus anderen größeren Städten hierher versetzt. Die haben andere Ansprüche. Es ist ein Theater entstanden und eine Philharmonie. Laut einer Umfrage ist die klassische Musik zu einer der liebsten Beschäftigungen der Bürger geworden.“
„Jeden einzelnen offiziellen Feiertag begehen wir in doppelter Ausführung. Den Tag des Sieges, Tag des Chemiearbeiters, Tag der Region Luhansk. Alles wird zweimal gefeiert. Einmal von der Gebietsverwaltung und einmal organisiert durch den Stadtrat. Dieselben Tanzgruppen und Sänger erst an einem, dann am anderen Tag.“
„Einmal ist das Symphonieorchester aus Odessa zu uns gekommen. Wir haben sie uns angesehen und ihnen gelauscht. Das waren alles Leute im Ruhestand oder einfach Statisten. Wir haben schnell gemerkt, dass es scheinbar einfacher war, sie nach Lyssytschansk zu holen, anstatt hier etwas Eigenes aufzubauen.“
Diese Art über Lyssytschansk als hoffnungslosen kleinen Bruder zu reden, scheint für die Bewohner von Sjewjerodonezk symptomatisch. Das spürt man in allen Gesprächen. Nun lässt die Stadt, welche einst als Fortsatz von Lyssytschansk entstand, keine Gelegenheit aus, daran zu erinnern, dass sie den Vorfahren überholt hat.
„Mit dem Umzug der Universität aus Luhansk hält die Idee einer Stadt der Wissenschaft wieder Einzug.“
„Hier wurde die Formel des PVA-Klebers entdeckt. Ungefähr 70 Prozent der mittelgroßen Geschäfte hatten mit dem Kleber zu tun. Wir verfolgen schon seit einigen Jahren die Idee, dem Leim ein Denkmal zu stiften.“
„In den Neunzigern hat man sich einfach 200 Dollar von einem Nachbarn geliehen und hat davon 3–5 Tonnen Kleber gekauft. In der Nähe von Kyjiw konnte man ihn dann für 400 verkaufen. Die Hälfte davon gab man dem Nachbarn zurück und die andere behielt man für sich.“
„Mit der Zeit kannte man die Orte, an denen der Leim gelagert wurde. Dort lagen überall Flaschen verstreut.“
Ein Jahr vor unserem Treffen hatten lokale Unternehmer ihre Idee eines Denkmals in einem Kommentar für eine Zeitung umschrieben: „Ein Block in Form eines Bündels Geldscheine und darauf eine Tube Kleber. Statt eines Deckels sitzt dort das zufriedene Gesicht eines Unternehmers.“
Nach etwas Suchen findet man die Arbeit der kanadischen Wissenschaftler A. Kaboorani und B. Riedl, welche behaupten, dass die Polyvinylacetat-Formel (C4H6O2) 1912 durch den deutschen Forscher Fritz Klatte entdeckt wurde. Dasselbe bestätigen auch hunderte anderer Wissenschaftler, die sich mit der Geschichte des PVA-Klebers beschäftigen. Auch wird erwähnt, dass die erste industrielle Produktion von PVA-Klebstoff 1937 in den USA begann.1
Gemäß der „Lebendigen Chronik von Sjewjerodonezk“ wurde die Herstellung von Haushaltschemie im Werk erst 1971 aufgenommen. Dementsprechend kann die Fertigung des PVA-Klebers erst zu jener Zeit begonnen haben.
Wenn man in die Nachrichtenarchive von Sjewjerodonezk schaut, lassen sich Meldungen über illegale Kleberproduktion finden, bei der noch bis vor einigen Jahren knapp 500 Liter pro Tag zusammen pantscht wurde.
Später wurden hier Angeln und die Aktenkoffer des Modells Diplomat produziert.
Auch dieses sowjetische Videospiel „Nu, Pogodi!“, wo ein Wolf Eier mit einem Korb fängt, wurde hier produziert.
Ich erinnere mich an diesen Aktenkoffer. In meiner Kindheit verging wohl kein Tag, an dem mein Vater ihn nicht mit zur Arbeit nahm. Auf dem Koffer war ein schwarzes Rechteck mit silberfarbenem Rand. Unvergesslich ist mir auch der Geruch, wenn man ihn öffnete.
An die „Nu, Pogodi!“-Konsole erinnere ich mich auch. Wie könnte ich diese unbequemen Knöpfe vergessen, die einem Blasen an den Daumen hinterließen.
Während ich diese Zeile schreibe, stöbere ich im Internet nach dem gebrauchten Krempel. Einen Koffer mit Originalpreisschild aus dem Sjewjerodonezker Werk „Asot“ (Koffer Nr. 48; Preis 20 Rubel; Juni 1981; Qualitätskontrolle: A-Ware) gibt es für 250–350 Hrywnja. Für die „Nu, Pogodi!“-Konsole muss man bis zu 850 Hrywnja abdrücken.
Man erzählt, dass der Koffer eigentlich in Frankreich entwickelt wurde. Später hätte man ihn den Sowjets als strategische Erfindung geschenkt.
Die „Nu, Pogodi!“-Konsole war die sowjetische Version des Nintendo EG-26 Egg. In der sowjetischen Variante fand sich auch ein interessanter Hinweis auf das Original. Die integrierte Uhr lief im in den USA verbreiteten 12-Stunden-Format. Die Spielkonsole wurde mit dem Baujahr 1984 in den Werken von Orjol, Jewpatorija, Moskau, Kirowabad, Kaluga und Sjewjerodonezk versehen.
Auch wenn bereits so viel darüber geschrieben wurde, wundere ich mich immer wieder über dieses Imperium, welches nach dem Prinzip funktionierte, Dinge (un-)bewusst schlechter zu kopieren. Später finde ich bei Marina Abramović die wohl beste Beschreibung dieses Phänomens in den Erinnerungen an ihre Belgrader Kindheit:
„Es mangelte an allem, alles war grau. Der Kommunismus und der Sozialismus haben eines gemeinsam – eine Ästhetik, die auf purer Hässlichkeit beruht. Das Belgrad meiner Kindheit hatte nicht das Monumentale des Roten Platzes in Moskau. Alles war irgendwie ein müder Abklatsch davon. Als hätten die Verantwortlichen sich die kommunistische Brille anderer Leute aufgesetzt und etwas geschaffen, das weniger gut, weniger zweckmäßig und total daneben war.“2
Während ich die Zeilen nochmal lese, erscheint in meiner Vorstellung das primitive Bild einer monumentalen Matrjoschka. Jedes sozialistische Land ist in ein anderes gesteckt und alle zusammen kopieren das allergrößte, die Matrjoschka-Mutter, Zarin mit Hammer und Sichel oder einfach der größte Sarkophag, in dem sich alle verstecken.
Die Abstufung der Matrjoschka-Staaten verkörperte die innere Hierarchie, in welcher manche Länder und Nationen innerhalb des sowjetischen Volkes wichtiger waren, als andere. Je weiter vom Zentrum des Imperiums entfernt, desto kläglicher und kleinmütiger war die Begeisterung für die Idee und ihre Umsetzung.
„In der Sowjetzeit hat man uns mit Denkmälern vollgestellt. Nur hat man vergessen, sie mit Sinn zu füllen. Man bekommt den Eindruck, dass sie nach dem Prinzip: ‚Kauf’ zwei und erhalte eins gratis dazu‘ verteilt wurden.“
Als man uns das örtliche Kloster in der Nähe zeigt, stellt sich heraus, dass dies in Wirklichkeit keine Kirche, sondern ein Vergnügungspark ist. Er ähnelt der „Kryjiwka“-Bar in Lwiw, wobei letztere die patriotischen Instinkte bespielt während die Kreuzerhöhungskirche auf die religiösen Seiten unseres Bewusstseins abzielt. Dieser Neubau der Eparchie der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats von Sjewjerodonezk wirkt nicht wie ein heiliger Ort. Viel eher erinnert er an einen dieser Themenparks aus Blockhäusern und Lokalen wie „Fischerhütte“, „Futtern bei Muttern“ oder anderen Ketten, die auf den Rasthöfen an Fernstraßen zu finden sind.
Wie fast immer existieren auch in diesem Fall verschiedene Sichtweisen. Der Foto-Blog „Russische Kirchen“ auf www.russian-church.ru beschreibt den Bau wie folgt: „Ein Ort, der durch Reinheit und schöne Natur besticht. Das Feldsteinensemble fügt sich sanft zwischen den Wald und die Blumen ein, rundherum zwitschern die Vögel. Der Bau unter dem blauen Himmel ist von hohen Kiefernwipfeln umsäumt. […] Die Kirchen und Kapellen werden eins mit Gottes Schöpfung. Die orthodoxe Heiligkeit hat diesem Ort am linken Donezufer die Ehre erwiesen. Die Luft ist erfüllt vom Lobgesang der hierher pilgernden Städter.“
Auf dem Territorium sind die folgenden „einem jeden orthodoxen Herze teuren“ Reliquien zu finden: ein Teil des Lebens spendenden Kreuzes Christi, ein Stein vom Berg Golgatha, Steine aus dem Garten Gethsemane, vom Berg Tabor und anderen Orten. Klingt zunächst überzeugend. In dem Stein gibt es zehn Vertiefungen bedeckt durch Glasscheiben, unter denen sich jeweils kleine Steine „von Orten, an die Jesus seine Füße setzte“ befinden. Einige der Scheiben sind zerschlagen und die Steine entwendet.
Ein Stück weiter steht die Skulptur eines knienden Bärtigen. Sie soll einen Seraph darstellen, der tausend Tage auf den Knien verbrachte und für die ganze Menschheit betete. „Schaut doch, wenn man so schaut, sieht es so aus, als drückten seine Knie in den Stein.“
Am Eingang zur zentralen Kirche steht auf einem Schild: „Wer in der Kirche lärmt, den wird die Sünde treffen.“
Später sagt mir ein Einheimischer, dass man den Kloster-Komplex einfach als kommerzielles Unternehmen und Ort betrachten müsse, zu dem die Hochzeitspaare zum Fotografieren kämen.
Da ist es wieder, das Problem mit den Brautpaaren und den Fotos. Wie lässt sich nur dieser Tag für die Ewigkeit festhalten? Wie sorgt man dafür, dass die gemietete Limousine auf den schlechten Straßen nicht kaputtgeht. Wie bekommt man Farbe in die Bilder, wenn die Heimat rundherum grau ist?
In der ganzen Stadt hängen Banner mit der Aufschrift „Unsere Stadt heißt Sjewjerodonezk. Wir bewahren ihren Namen“. Diese ständigen Diskussionen um Sewerodonezk, Sjewerodonezk oder Siwerskyj Donez und andere Namensvarianten dieses Donezk des Nordens entfachen stets neuen Streit im Internet und werden zur Manipulation der Bevölkerung benutzt nach dem Motto: Die in Kyjiw wollen uns mal wieder umbenennen.
„Wie hat man uns nicht schon genannt. Sogar Separadonezk.“
In der ganzen Stadt gibt es Werbung mit der Aufschrift: „Kaufe Schrott. Tag und Nacht“.
„Hier ist unser Stadion. Wenn der Präsident für einen Besuch herkommt, landet dort auf dem Fußballfeld immer sein Helikopter.“
„Für diejenigen, die hierherkommen, ist das eine Donbass-Safari. Die kommen doch, um etwas Exotisches zu sehen.“
„Fragen sie mal einen Einheimischen, was das Bermuda-Dreieck ist. Der nennt ihnen: Sjewjerodonezk — Lyssytschansk — Rubischne.“
„Unsere Stadt ist noch sehr jung. Gerade einmal 80 Jahre alt. Zuerst hieß sie LysChimBud und war der Fortsatz von Lyssytschansk und der Chemiefabrik.“
„Lyssytschansk steht auf fruchtbarem Boden. Dabei war hier einst Wüste. Sanddünen überall. Die älteren Leute erzählen, dass die Sanddünen bis zu 15 Meter hoch waren. Wenn sie von den Baracken die knapp anderthalb Kilometer zur Arbeit gingen, waren die Taschen und ihre Kleidung voller Sand, sodass sie diese erst ausschütteln mussten.“
Eines der eindrücklichsten Fotos im Museum der „Asot“-Fabrik zeigt drei sich umarmende Jungen, die durch den Sand gehen. Hinter ihnen sind ihre Spuren zu sehen, die offensichtlich schon bald, den Kräften der Natur ausgesetzt, im Sand verschwinden. Kleine Menschen gegen die Ewigkeit.
„Bei uns war der Tag des Chemiearbeiters stets wichtiger als der des Bergarbeiters. Wir liegen sowieso näher an der Sloboschantschyna3 als am Donbass.“
„Bei uns brannte immer die ewige Flamme. Nun ist das Gas doch so teuer geworden. Deshalb brennt sie nicht mehr.“
Auf einer Wand des Museums sind die Nachnamen der 157 Soldaten vermerkt, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind. In der Mitte der Komposition befindet sich die ewige Flamme aus Pappmaché, die auf eine Tür geklebt ist. Dahinter führt ein Gang zum Dachboden. Eine bessere Metapher für das ewige Leben kann man sich wohl kaum vorstellen.
Im Museum gibt es neun „Ehrenbücher“. Die gewaltigen Chroniken enthalten Namen und Heldentaten, wie zum Beispiel die Normübererfüllung um 213, 261, 268, 209, 238 und 299 Prozent (alles Daten eines einzigen Arbeiters, der von April bis Oktober 1948 die Norm übertraf). Ein jeder der Helden auf eine besondere Weise fotografiert, mit besonderem Schatten und Liebe zum Detail, welche man auf den Fotos spürt. Das letzte Ehrenbuch endet im Jahr 1986. Das ist das Ende der Geschichte.
„Die Stadt hätte auch Mendelejewsk oder Switlograd heißen können. Wir haben hier ein Dokument, welches mit ,Switlograd‘ gestempelt wurde. Anfangs war dies hier eine ukrainischsprachige Siedlung. Schauen sie, auf diesem Foto sind alle Schriftzüge in der Stadt auf Ukrainisch.“
„Schauen sie, hier, diese interessante Skulptur aus gepresstem Zucker: Ein Satellit, der von einer Roten Beete abhebt. Und hier das Datum der Herstellung. In jenem Jahr wurde die Skulptur gemacht.“
„46 Arbeiter haben bei uns mehr als 50 Jahre in der Fabrik gearbeitet.“
„Sjewjerodonezk — was ist das überhaupt? Das ist eine Stadt, in der es sich für seine Bewohner schwer lebt. Die Natur kennt keine Gnade.“
„Hier wächst eine besondere Baumart, die Feldulme. Sie hält den Sand zurück. Meine Erinnerungen der Kindheit assoziieren die Stadt eben mit diesem Baum. Nur einmal in Kasachstan habe ich in der Wüste so einen Baum gesehen.“
Die Eigenschaften der Feldulme könnten ebenso gut den Charakter einer Vorstadtsiedlung beschreiben: „wärmeliebende Schattenpflanze.“
In verschiedenen Gesprächen erwähnten Aktivisten den lokalen Dichter Josip Kurlat (1927–2000). Der hatte am Gorki Literaturinstitut studiert und stand mit russischen Vertretern der Generation der Sechziger4 in engem Kontakt. Ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre lebte er in Sjewjerodonezk. Er schrieb fast 50 Bücher, die in einer Auflage von mehr als zwei Millionen Exemplaren gedruckt wurden.
Er schrieb viele Kinderbücher und leitete außerdem einen Literaturkreis und organisierte ein Gedichtfestival für Kinder.
„Diese Stadt wurde nach sowjetischen Mythen erschaffen. Aber die sind jetzt tot. Jetzt wird nach etwas gesucht, womit diese Leere gefüllt werden kann.“
„Nachdem das Luhansker Theater hierher verlegt wurde, wuchs es von 3 Mitarbeitern auf 120.“
„Wenn ich in diesen postsozialistischen Städten bin, muss ich immer an den Zusammenbruch der Sowjetunion denken. In anderen Städten wie Kyjiw oder Lwiw gab es nach 1991 noch die vorsowjetische Geschichte, an die man anknüpfen konnte. Doch hier gab und gibt es nichts, was diesem Chaos und Verfall einen Sinn geben könnte. Die Wirkung des Zusammenbruchs verstärkt sich sogar, da die städtebaulichen Visionen der Sowjetzeit verfallen und die rationalen Lösungen durch schlecht durchdachtes Bauen zerstört werden.“
Wir hatten die Idee ein Wandbild des Big Ben zu erschaffen, des Eiffelturms, oder des Empire-State Buildings. Stellt euch vor, ihr könntet euren Bekannten sagen: „Lass uns in Paris treffen“,
oder: „Wir sehen uns in London“.
Warum?
Wie „warum“? Zweifelst du daran, dass Kunst überhaupt notwendig ist?
In jedem Akt eines Künstlers steckt Verantwortung und Reflexion. Ich würde es ja verstehen, wenn dies ein Viertel wäre, das mit der Geschichte der Engländer zu tun hat. Oder mit den Belgiern. Aber was sollen diese Kopien hier bewirken?
Aber unsere Leute hier werden doch niemals dorthin fahren und die Orte in echt sehen. Deshalb muss man sie hierherbringen.
Ein Künstler soll denken und erforschen.
Wozu denn? Ein Künstler soll Dinge erschaffen!
Ich erinnerte mich oft an dieses Gespräch. Später fand ich genau das gleiche Motiv in Olena Stjaschkinas Buch „In der Sprache Gottes“:
„Es ist dieser ganz bewusste und massenhafte Wahnsinn, Pseudogotik neben Pseudobarrock zu setzen, von dem aus man durch schmale Fenster auf ein Backsteintürmchen der Fabrik schaut. Das mehrstöckige Gebäude wurde zum Ende der Sowjetunion errichtet und galt als Zenit der Arbeiter-Ingenieurskunst. Die Stadt zerbrach und ähnelte einem Kühlschrank mit Magneten aus unterschiedlichen Orten, wie sie Touristen sammeln. Die eine Seite der Straße sieht aus wie Paris, die andere wie Marmaris. Dort in der Sackgasse beim Wohnheim der polytechnischen Universität sind wir auf einmal in Liverpool und sehen ein Beatles-Denkmal. Etwas weiter an einer Kreuzung gibt es ein Haus, welches nach Gaudi benannt wurde.“
Zwar geht es hier um Donezk. Doch in dieser Region strahlt das Zentrum in die Peripherie.
„Habt ihr die Kirche im Zentrum gesehen, die im Park? Laut Bauplan sollten die Mauern dort anderthalb Meter im Durchmesser haben. Aber mit den dafür vorgesehenen Steinen haben sich die Bosse der Stadtverwaltung ihre Datschen gebaut. Und dann wurden noch alle Unternehmer gezwungen für den Bau der Kirche zu spenden.“
„Wir hatten eine Idee. In der Stadt gibt es einen Ort, an dem viel Sand herumliegt. Stellt euch vor, wie cool es wäre, hier auf die Häuserwand Pyramiden und Sand zu malen, die in den echten Sand übergingen. Das wäre echt stark.“
„Ich habe einen Kollegen auf der Arbeit, der ungefähr 45 Jahre alt ist. Einmal sollte er für einen Auftrag nach Ternopil fahren. Da sehe ich wie nervös er durchs Büro geht und frage ihn, was los ist. Er sagte, dass er nach Bandera-Land müsse und doch gar kein Ukrainisch könne. Weiter westlich als Berdjansk war er in seinem Leben nie gewesen.“
Aus den Gesprächen mit Aktivisten und Stadtbewohnern verstehe ich, dass man in uns, Touristen und Fremden, eine wandelnde Beschwerdestelle sieht.
„Einen Obdachlosen zu bestatten, kostet die Stadt 17 000 Hrywnja. Denn dafür verantwortlich ist eines der fast 20 Unternehmen, die den Stadtoberen gehören“
Wir waten durch mit einer dünnen Eisschicht bedeckte Pfützen und den Matsch. Ich stelle mir vor, wie wir im Sommer hierher zurückkommen werden. Riesige Sanddünen. Der Sand wird mir auf den Zähnen knirschen und der heiße Wind mich einfach umpusten.
1 Kaboorani A., Riedl B. Mechanical performance of polyvinyl acetate (PVA) — based biocomposites // Biocomposites: Design and Mechanical Performance, ed. Manjusri Misra, Jitendra Pandey, Amar Mohanty. — Woodhead Publishing, 2015 S. 347–364.
2 Abramović, Marina. Durch Mauern gehen: Autobiografie. München. 2016. S. 10.
3 Anm. d. Übers.: Die Sloboschantschyna, auch Sloboda-Ukraine, war eine historische Region im Nordosten der heutigen Ukraine und benachbarten Gebieten des heutigen Russlands.
4 Anm. d. Übers.: Die Generation der Sechziger war eine Bewegung innerer Opposition, die sich nach der Beendigung von Chruschtschows „Tauwetter“ in Literaturkreisen und unter Naturwissenschaftlern etablierte.