Читать книгу "Dein Blut wird die Kohle tränken" - Oleksandr Mykhed - Страница 8
KOSTJANTYNIWKA. 1.
ОглавлениеAlles beginnt mit den Taxifahrern, jener Meute hungriger Raubvögel, bereit sich auf ihr Opfer zu stürzen, um es an jeden gewünschten Punkt zu bringen. Die Rufe „Donezk!“ oder „Tores!“ und andere Ortsnamen sind aus den Nachrichten bekannt. Man erwartet jeden Moment, dass jemand „Casablanca!“ ruft – jener Ort, von welchem aus, man sich während des Zweiten Weltkriegs in Sicherheit bringen konnte.
Was ist das für ein Gebäude?
Der Kindergarten.
Ist der erst nach dem Krieg so verfallen?
Nein. Schon lange davor. Die Verwaltung hier…einfach zum Kotzen.
Eine kaputte Bushaltestelle, auf die jemand geschrieben hat: „Juschtschenko, zerschlag deinen Kopf an dieser Wand“.
Ein Lampengeschäft: „Alles für die Birne“.
Ein rätselhaftes Haus mit kleinem Turm. Auf der einen Tür, die offensteht, prangt die Aufschrift: „Bestattungshaus ‚Requiem‘. Aufbahrungsraum“. Auf der anderen (wie immer geschlossen und kaum zu öffnen) heißt es: „Paradies“.
Von den Mauern blättert der Putz, die Fenster sind zerbrochen. Auf ihr kleben frische Wahlplakate mit dem Bild eines Kandidaten.
„Wenn ich von meiner Stadt spreche, erinnert sie mich an den Kern eines Uranatoms. Konzentriert im Zentrum, mit Läden, Cafés, Parks, aber leer am Rand, einfach leer.“
„Die Jugend hier vergnügt sich, indem sie durch die Ruinen streift. Alles verlassene Fabriken und verfallene Häuser.“
„Die jungen Erwachsenen erwarten, dass alles für sie gemacht wird. Nur wenn ihnen das Nest gemacht wird, kommen sie und setzen sich hinein.“
„Zu Sowjetzeiten gab es hier knapp zwanzig Fabriken, dafür jedoch keine Vögel. Sie konnten hier nicht überleben. Die Frauen kannten keinen Luxus. Heute gibt es nur noch zwei Fabriken. Wenn mir hier jemand mit Umweltproblemen kommt, sage ich, dass er lieber dem Gesang der Vögel lauschen soll.“
„Ich liebe den Eklektizismus unserer Stadt, die Reste einer Industrielandschaft. Hier kann man die Zeitenwende, den Wandel der Epochen erleben.“
„In Wirklichkeit gibt es hier unglaublich viele Möglichkeiten. Egal was du tust — du bist der erste.“
„Das Leben verläuft hier unspektakulär — Tag für Tag. Ruhig und leise. Einmal mit dem Auge zwinkern und schon sind zehn Jahre vorbei. Merkt euch das! Zehn Jahre fühlen sich an wie ein Tag. Wenn du nach Kyjiw kommst, ziehen sich die Tage. Dort dauert jeder Tag zehn Jahre.“
„Es ist einfach, San Francisco zu lieben. Doch versuche einmal Kostjantyniwka zu mögen. Ich liebe diese Stadt gerade deshalb, weil es so schwer ist, sie zu lieben. Jeden Tag suche ich nach etwas, wofür man sie lieben könnte.“
„Diese Stadt muss man für seine Menschen lieben. Sie ist eine echte Kaderschmiede.“
„Einst nannte man uns Steklograd.1 Wir waren Hauptstadt der sowjetischen Glasproduktion. In unserem Werk ‚Awtosklo‘ wurde das Rubinglas für die Sterne auf den Kremltürmen gegossen. Ebenso wie Glas für U-Boote und Raumschiffe. Auch Lenins gläserner Sarkophag wurde hier hergestellt. Hier hat man die Spitzen für Raketen gefertigt, mit denen man nun auf uns schießt. So gesehen haben wir hier die Waffen gebaut, mit denen wir nun selbst getötet werden.“
„Hier wurde auch Tannenbaumschmuck hergestellt. Zuhause haben wir viel davon. Alles in der gleichen Form.“
„Hier wurde ein Glasbrunnen gebaut, den ihr auf unserem Wappen sehen könnt. Er wurde auf der Weltausstellung 1939 in New York präsentiert.“
„Auf dem Gagarin-Prospekt haben wir einige Mosaiken. Als einmal die besten Ikonenmaler aus Charkiw kamen, zeigten wir ihnen unsere Weltraummosaiken. Sie haben uns alles erklärt. Sie meinten, dort wäre ein Kosak abgebildet, aus dessen Zopf das Weltall entspringe.“
„Aktivisten haben hier unser Wappen gemalt. Doch es wurde jede Nacht beschmiert und mit Farbe übergossen. Doch die Aktivisten haben es stets erneuert. Jetzt ist es schon seit Längerem beschmiert und die Aktivisten warten ab.“
„Dort beim Denkmal und dem Kino „Lenin“ war alles mit Penissen bemalt. Also hat man den Kindern Farbe gegeben, damit sie alles bunt übermalen.“
„Hier herrscht ein ewiger Graffitikrieg zwischen pro-ukrainischen und pro-russischen Sprayern. Neulich sah ich den Schriftzug ‚Ruhm der DNR‘2, mit einem durchgestrichenen D und dafür ein U: ‚Ruhm der UNR‘3.“
„Mir tun die Brautpaare leid, die in dieser Stadt heiraten. Sie müssen sich in diesem schrecklichen Standesamt das Ja-Wort geben und treten danach hinaus in diese hässliche Landschaft. Vor welchem Hintergrund soll man sich denn bitte hier fotografieren lassen? Vor einer verfallenen Fabrik? Da müssen sie schon nach Druschkiwka fahren, um wenigstens ein paar schöne Fotos zu bekommen.“
„Den Leuten hier fehlt das Gefühl für ihr Land. Früherfühlte man sich seiner Fabrik verbunden. Es gab die fabrikeigenen Schulen und Läden. Sogar ein eigener Friedhof. Ein ganzer Lebenszyklus.“
Eine riesige Schlammpiste hier. Straße kann man so etwas nicht nennen. Und du weißt nicht einmal wer schuld daran ist: die Kettenpanzer oder die Regierung? Oder ist es einfach die Zeit?
In Kostjantyniwka steht ein ausgemusterter IS-3 Panzer aus dem Jahr 1945 als Denkmal auf einem Sockel. Als Simulacrum soll es die Erinnerung an den Mythos erhalten.
Im Dorf Oleksandro-Kalynowe gelang es 2014 den Separatisten übrigens bei einem ähnlichen Modell den Motor zu starten und ihn vom Sockel zu fahren. Einige Zeit nutzten sie ihn sogar bei Kämpfen.
Es fällt schwer, sich ein passenderes Bild auszudenken, um zu erklären, was damals geschah.
„Unsere Stadt wurde im Stil des destruktiven Konstruktivismus erbaut.“
„Hier steht ein Denkmal für dreizehn Hingerichtete. Als die Soldaten Denikins4 mit ihren St. Georgs-Bändchen in die Stadt kamen, erschossen sie jeden zehnten Einwohner. Seitdem haben wir noch eine Rechnung mit diesen Bändchen offen.“
„Einst nannte man uns die zehnte Provinz Belgiens. Die Belgier bauten hier Fabriken und begannen mit der Produktion. Sie haben die ganze Infrastruktur geschaffen und gründeten in den Jahren 1895 bis 1899 eine Flaschen-, eine Spiegel- und eine Glasfabrik.“
Der lokale Aktivist und Journalist Wolodymyr Beresin, dessen Stimme in den angeführten Zitaten bereits zu Wort kam sagt: „Kommt, ich zeige euch den Ort, an dem ich für gewöhnlich meine Stadtführungen beende. Hier um die Ecke wohne ich und wie alle Bewohner dieses Viertels komme ich tagtäglich an dieser Stelle vorbei. Wir alle müssen durch diesen Durchgang, um hinaus in die Welt zu gelangen. Jeden Morgen werden wir doch neu geboren. Hier sollte eigentlich „Du bist schön“ oder „Das wird dein Tag“ stehen. Doch schaut mal, was hier geschrieben steht. Erst wollte ich es übermalen, doch dann dachte ich: soll es doch so bleiben und uns jeden Tag, jeden Morgen, erinnern.“
Ich schaue ins Dämmerlicht. Auf der Wand steht in gelber Farbe und als Nachricht für alle kommenden Generationen die ewige Einstellung des Staates gegenüber seinen Bürgern: „Fick dich!“
Als die Einheimischen denken, dass sie nun unter sich und keine Touristen mehr da sind, schwenkt das Gespräch auf die Hunde. Die Meute hungriger Tiere attackiert hier Kinder und schnappt den Erwachsenen nach den Armen.
Kostjantyniwka spart. Besonders beim Wasser. Als ich die Bibliothekarin nach der Toilette fragte, führte sie mich in eine wundersame, geheime Ecke und bat mich: „Bitte nur klein. Sparen sie Wasser.“
Die Einheimischen haben eine besondere Technik entwickelt, an den Häusern entlang zu gehen, von denen ständig Teile der Fassade abfallen können. Ein Leben mit den Gefahren des Alltags, ständiger Aggression und Bedrohung durch die Umwelt. An den Fassaden der Häuser hängen kaputte Fliesen, die aussehen wie Kokosraspeln. Die Leute hier wissen, dass man unterhalb der Rohrleitungen gehen muss, um stets etwas Schützendes über dem Kopf zu haben. Sicherheit ist das Wichtigste, die Ruhe kommt danach.
Mit einem Abenteuerroman über die Eroberung des Donbass durch die Belgier und andere Kolonisten könnte man als Autor einen echten Erfolg landen. Etwa mit einer Geschichte über furchtlose Abenteurer mit funkelnden Goldmünzen in den Augen, die im Rausch des schwarzen Goldes unter der Steppenerde auf Berggeister treffen.
Ich sehe die Stadt aus Glas vor mir: zerbrechlich wie der Frieden. Ideale Form. Ein utopischer Traum. Transparent und offen. Ein Wunderland. Eine Wolkenstadt, errichtet im Reich des Kommunismus. Hier entzünden sich die Sterne, welche noch in tausenden von Jahren leuchten sollen. Die Sterne als Herzen und Augen des Imperiums.
Doch dann bekommt die Kuppel der Glasstadt einen Riss. Und die scharfen Scherben des Imperiums begraben die Stadt und zerschneiden sie in Stücke.
1 Anm. d. Übers.: Glasstadt
2 Anm. d. Übers.: Donezker Volksrepublik (ukr.: Donezka Narodna Respublika).
3 Anm. d. Übers.: Ukrainische Volksrepublik (ukr.: Ukraijinska Narodna Respublika). Versuch einer unabhängigen ukrainischen Staatsgründung nach dem Ersten Weltkrieg.
4 Anm. d. Übers.: General Denikin (1872–1948) kämpfte im russischen Bürgerkrieg auf Seiten der Weißen.