Читать книгу Wild West Extra Großband Sommer 2018: 9 Western - Pete Hackett - Страница 13
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Ich folgte dem Salt Fork Red River nach Osten. Um mich herum war hügeliges Weideland, immer wieder kreuzten Rinderrudel meinen Weg, wobei es sich sowohl um Longhorns als auch um Herefords handelte. Sie trugen allesamt das Brandzeichen der Green Belt Ranch.
Irgendwann lag vor mir die Postkutschenstraße, die von Childress über Wellington und Shamrock nach Pampa führte. Das graue, gewundene Band der Straße, die von Rädern zerfurcht und von Hufen aufgewühlt war, verschwand im Norden zwischen den Hügeln. Es war später Nachmittag und die Sonne stand tief über dem Horizont im Westen. Die Schatten waren lang und wuchsen immer schneller. Bis zum Elm Fork lagen noch gut und gerne fünfzehn Meilen vor mir, die ich vor Einbruch der Finsternis auf keinen Fall schaffen konnte.
Ich versuchte mich in die Lage des Pferdediebes zu versetzen und kam mehr und mehr zu der Überzeugung, dass er nur zum Elm Fork geritten war, um etwaige Verfolger in die Irre zu führen. Von Fletcher wusste ich, dass dort die Fährte endete. Wenn er im Flussbett zurück nach Westen geritten war, erreichte er irgendwann die Brücke, die über den Creek errichtet worden war, um der Postkutsche dessen Überquerung zu ermöglichen. Von der Brücke aus waren es acht oder neun Meilen bis Shamrock. Es handelte sich um die nächste Stadt im Umkreis. Alle anderen Ansiedlungen waren zwanzig, dreißig oder noch mehr Meilen entfernt.
Allerdings war Shamrock von der Stelle, an der ich mich befand, ungefähr zwanzig Meilen entfernt. Und diese Strecke konnte ich vor Einbruch der Nacht ebenfalls nicht mehr schaffen.
Dennoch wandte ich mich auf der Poststraße nach Norden. Die Hufe meines Pferdes pochten, Staub wirbelte, die Gebisskette klirrte manchmal leise. Die Vögel in den Büschen verabschiedeten mit ihrem Gezwitscher den Tag. Bald zeugte nur noch der glutrote Widerschein über dem westlichen Horizont vom Sonnenuntergang, und dann kam die Dunkelheit. Das Rot hatte sich in schwefeliges Gelb verwandelt, aber auch dieser helle Schein löste sich bald auf, nahm eine Graufärbung an und vereinzelte Sterne traten in den Vordergrund.
Ich lenke mein Pferd von der Straße zwischen die Büsche, fand einen passenden Platz für ein Nachtlager und schwang mich aus dem Sattel.
Als der Morgen graute und ein Lichtstreifen über dem Horizont im Osten den Tagesanbruch ankündigte, als die Natur zum Leben erwachte und sich die Dunkelheit nach Westen verflüchtigte, saß ich wieder im Sattel. Ich folgte wieder der Poststraße, ritt eine Stunde später über die Brücke des Elm Fork und erreichte um die Mittagszeit Shamrock.
Die Ortschaft war aus einer Relaisstation der Wells Fargo Stage Line entstanden. Die Häuser waren ohne besondere bauliche Anordnung errichtet worden, zwischen ihnen waren weite, leere Flächen sowie Corrals, Koppeln und Pferche, in denen die Nutztiere der Bewohner von Shamrock weideten. Der Wind trug mir den scharfen Geruch von Tierausscheidungen entgehen.
Aus den Schornsteinen der Wohnhäuser stieg Rauch, hier und dort sah ich einen Bewohner, einige Hunde lagen in den Schatten und schliefen. Unter den Vorbauten und an einigen Zäunen hatten sich Tumbleweeds verfangen. Ein großes Schild wies mir den Weg zur Postkutschenstation.
Alles hier wirkte ärmlich und provisorisch. Viele der Häuser sahen heruntergekommen aus und schienen dem Verfall preisgegeben zu sein. Ich hatte angehalten, ließ meinen Blick in die Runde schweifen und nahm die Eindrücke auf, die sich mir boten. Es gab einen Saloon, ein Hotel, einen Store und einen Mietstall. In einiger Entfernung entdeckte ich sogar eine kleine Kirche, um die herum der Friedhof von Shamrock angelegt worden war. Einige der Holzkreuze standen ziemlich schief auf den Gräbern, Zeugnis dafür, dass sich niemand um diese letzten Ruhestätten kümmerte.
Dieser Ort war meiner Meinung nach zum Sterben verdammt. Die Nähe zum Indianer-Territorium machte ihn wenig lukrativ, und nur von ein paar Siedlern in der Umgebung konnte man hier nicht leben.
Vor dem Depot der Wells Fargo stieg ich vom Pferd und führte das Tier am Kopfgeschirr zu dem Tränketrog, der neben dem Gatter eines Corrals stand und auf dessen Wasseroberfläche ein dünner Staubfilm schwamm. Als das Tier seine Nase in das Wasser tauchte, erklang hinter mir eine Stimme: „Habe ich mich getäuscht, oder sah ich, als Sie ankamen, tatsächlich einen Stern an ihrer Weste funkeln?“
Ich trete mich langsam um und wandte mich dem Sprecher zu. Er war mir unbekannt. „Sie haben sich nicht getäuscht. Ich bin U.S. Deputy Marshal Bill Logan und reite für das Distriktgericht in Amarillo.“
„Was hat sie in diese gottverlassene Gegend verschlagen, Marshal?“
„Auch dieser Landstrich gehört zu dem Bezirk, den ich zu betreuen habe“, erklärte ich. „Wir Marshals sind ständig irgendwo im Panhandle unterwegs. Aber dass ich heute noch Shamrock komme, hat einen Grund. Der Green Belt Ranch wurden drei wertvolle Zuchtstuten gestohlen. Der Vormann der Ranch und drei Reiter haben den Dieb bis zum Elm Fork an der Grenze zum Indianer-Territorium verfolgt, doch dort hat sich die Spur in Luft aufgelöst.“
„Sie glauben nicht daran, dass der Pferdedieb ins Indianer-Territorium geflohen ist, nicht wahr?“
„Nein, denn es wäre ausgesprochen dumm, wahrscheinlich sogar lebensgefährlich. Wenn einer drei wertvolle Pferde stiehlt, dann will er so schnell wie möglich dafür Geld sehen. Das bekommt er aber nur in einer Stadt oder auf einer Ranch. Und da Shamrock der Ort ist, der vom Elm Fork aus am schnellsten erreicht werden kann, sagte ich mir, dass der Pferdedieb möglicherweise hierher geritten ist.“
„Nach Shamrock ist seit fast einer Woche niemand mehr gekommen, Marshal“, erklärte der Stationer. „Die letzten Fremden, die die Stadt besuchten, kamen vor sechs Tagen mit der Stage Coach, aber keiner von denen ist geblieben. Warum auch? In Shamrock ist der Hund begraben. Es gibt nur noch wenige Menschen hier, und sollte eines Tages die Postkutsche nicht mehr fahren, dann werden auch sie das Nest verlassen und Shamrock wird eine Geisterstadt sein.“
Ziemlich enttäuscht bedanke ich mich. Wie es schien, hatte ich mich verspekuliert und zum einen viele Meilen umsonst gemacht, zum anderen wahrscheinlich viel Zeit verloren. Mein Pferd hatte in der Zwischenzeit seinen Durst gelöscht, ich nahm es wieder am Zaumzeug und führte es schräg über einen weitläufigen, freien Platz zwischen den Häusern, Schuppen und Stallungen in die Richtung des Saloons. Ich verspürte nämlich quälenden Hunger, außerdem wollte ich mir nicht mit dem schmutzigen Wasser des Tränketrogs den Staub aus der Kehle spülen. Ein etwas böiger Wind, der wimmernd an den Häusern entlangstrich, trieb Staubwirbel und einige Tumbleweeds, die wie große Bälle hüpften, vor sich her über den Platz.
Beim Saloon angekommen leinte ich mein Pferd an, zog die Winchester aus dem Scabbard und ging hinein. Quietschend und knarrend schlugen die Türpendel hinter mir aus. In dem Raum war es düster, es roch nach verschüttetem Bier und kaltem Tabakrauch, der Fußboden war mit Sägemehl bestreut. Das war alles andere als ein nobles Etablissement. Aber ich war Schlimmeres gewohnt.
Nicht ein einziger Gast war anwesend. Es war überhaupt keine Menschenseele zu sehen, auch kein Keeper. Nichtsdestotrotz setzte ich mich an einen Tisch, von dem aus ich durch das Frontfenster den Platz, über den ich eben gekommen war, gut beobachten konnte.
Jetzt erschien auch der Keeper. Er kam durch eine Tür hinter dem aus schlecht gehobelten Brettern zusammengenagelten Tresen, verzog den Mund, als wäre er gar nicht erfreut über den Gast, kam aber zu meinem Tisch und fragte mich nach meinem Wunsch.
„Haben Sie jemand, der mein Pferd versorgen kann?“, erkundigte ich mich. „Und dann hätte ich gern einen Krug voll Bier und etwas zu essen. Ist das machbar?“
Der Mann nickte und antwortete: „Ja, wir haben einen Stall. Ich sag dem Stallburschen Bescheid. Zu essen kann ich Ihnen ein Steak bieten, Marshal.“
„In Ordnung.“
Bis mir der Keeper das gewünschte Bier brachte, drehte ich mir eine Zigarette und zündete sie an. Ich bekam das Bier und trank durstig. Durch das verstaubte Fenster beobachtete ich wenig später, wie ein Halbwüchsiger mein Pferd vom Hitchrack wegholte.
Dann kam mein Steak, und ich wollte mich schon mit Heißhunger darüber hermachen, als ein Reiter in mein Blickfeld zog. Er saß nach vorne gekrümmt auf seinem Pferd, sein Gesicht lag im Schatten der Hutkrempe, er sah verstaubt aus, sein Vierbeiner ließ müde den Kopf hängen und zog die Hufe durch den Staub, als hätte jemand Bleigewichte an sie gebunden.
Dieser Mann und sein Pferd hatten nicht gerade einen Spazierritt hinter sich.
Er ritt vorüber und dann konnte ich ihn nicht mehr sehen. Einer jähen Eingebung folgend erhob ich mich, ging zur Tür und trat ins Freie. Soeben ritt der Ankömmling durch das hohe Galgentor des Mietstalles in den Wagen- und Abstellhof.
War das der Pferdedieb?
Zur Hölle! Warum kümmerte ich mich überhaupt darum? Pferdediebstahl fiel nicht in die Zuständigkeit eines Bundesmarshals. War es die hintergründige Angst, dass der verwegene Mister noch einmal zur Green Belt reiten und sich weitere ihrer besten Pferde holen würde?
Ja, verdammt!
Aber es ging mir nicht um die Pferde der Green Belt. Es ging mir um den Mann, den Dale Fletcher ohne mit der Wimper zu zucken am nächsten Baum aufhängen würde, sollte er ihm in die Hände fallen.
Das leitete mich. Irgendwelche Zuständigkeit und Kompetenzen interessierten mich in einem solchen Fall nicht. Ich trug einen Stern und konnte nicht einfach wegschauen.
Schon nach fünf Minuten kam der Mann zu Fuß aus dem Mietstall. Er hatte sich seine Satteltaschen über die Schulter gehängt und trug die Winchester rechts am langen Arm. Sattelsteif stakste er auf das Hotel zu.