Читать книгу Silas - Rebecca Vonzun - Страница 11

Horrornachricht

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Jetzt war es traurige Gewissheit. Nachdem Silas aufgeregt in die Küche gestürmt war und seiner Mom von dem schrecklichen Verdacht erzählt hatte, hatte diese, nachdem ihr schon ein beruhigendes „Aber…“ auf den Lippen gelegen hatte, auf einmal gestutzt und ihn nachdenklich angeschaut.

„So abwegig ist das gar nicht, Silas! Obwohl… manchmal hinter solchen Geschichten nicht viel Wahres steckt…“, hatte sie versucht, das Ganze dann doch etwas abzumildern. Wahrscheinlich hatte sie Silas‘ wilden Blick und die weit aufgerissenen Augen ihres Sohnes bemerkt.

„Dennoch…“, hatte sie dann gemurmelt und etwas besorgter gewirkt als es Silas lieb war. Und dann hatte sie auf einmal zum Hörer gegriffen und erneut die Nummer der Schule gewählt. Silas hatte gebannt neben ihr gestanden und seine Daumen verzweifelt umklammert, so dass seine Knöchel ganz weiss hervorgetreten waren. Er hatte gespannt gelauscht, wie Mom sich durchgefragt und sich, wohl nach mehreren ausweichenden Antworten, ziemlich energisch erkundigt hatte, was mit den Klassenkameraden ihres Sohnes los sei. Schliesslich mache sie sich Sorgen. Und da Silas heute auch so merkwürdige Kopfschmerzen gehabt habe… Dies musste schlussendlich gewirkt haben. Jedenfalls hatte am anderen Ende kurze Stille geherrscht und dann hatte Silas leises Papierrascheln gehört. Und schliesslich wieder die Stimme der Sekretärin, die Mom nun ziemlich detailliert Auskunft zu geben schien. Jedenfalls hatte sie mehrmals genickt und hatte Dinge gemurmelt wie „Aha“ oder „Um Himmels Willen“ oder „Mhm“. Dann hatte sie aufgelegt und sich langsam zu Silas umgedreht.

„Setzen wir uns ins Wohnzimmer“, hatte sie leise gesagt und ihn dann bei der Hand genommen. Normalerweise hätte Silas ihr diese sofort entzogen, heute nicht.

Mom hatte ihm erzählt, dass all seine Freunde und auch Svenja und Livia heute Morgen krank gemeldet worden waren. Alle mit derselben Begründung: Kopfschmerzen, Bauchweh und Übelkeit. Die Schule hatte Mom auch berichtet, dass sie soeben die Meldung von Lars‘ und Cédric’s Eltern gekriegt hätten: Beide waren vor einigen Stunden ins Krankenhaus eingeliefert worden. Von den restlichen hätten sie nichts mehr gehört seit dem frühen Morgen, wollten aber später nachfragen. Und dann hatte auf Silas‘ verzweifeltes Bitten hin Mom selbst die Eltern von Kevin und Jan angerufen. Nur um anschliessend tonlos und mit leerem Blick zu Silas zu murmeln:

„Sie auch. Sie beide auch, Silas! Himmel… die armen Eltern…“ Dann hatte sie sich die Hand auf die Lippen gepresst und mit der anderen Silas fest an sich gedrückt.

***

Später sassen sie alle im Wohnzimmer von Lisa und Frank Bossard, den Eltern von Jan. Alle, das hiess Silas mit seinen Eltern, Selena Zimmermann, die Mutter von Kevin und Verena und Tim Philipps mit Rachel, der älteren Schwester von Jonas. Irgendwo in der hinteren Wohnzimmerecke drückte sich Jason, Jans Bruder herum. Mit den I-Pod-Stöpseln in den Ohren und nicht deutbarem Gesichtsausdruck versuchte er mit allen Mitteln den Eindruck zu vermitteln, dass ihn der ganze Zirkus in seinem Haus nicht im Geringsten interessierte. Ja, dass er sogar ziemlich genervt davon war, sein Fernsehrevier lauter Erwachsenen überlassen zu müssen, obwohl doch gerade die Simpsons liefen. Er starrte immer wieder gierig zum Wohnzimmertisch hinüber, wo Tims Zigarettenschachtel lag. Silas wusste, das Jason heimlich rauchte, Jan hatte es ihm erzählt.

Jason hatte Silas keines Blickes gewürdigt, fast so als wäre er Luft. Rachel streifte er ab und zu mit einem kurzen Blick und versuchte wohl, sie zu beeindrucken, indem er sich besonders cool gab. Rachel ignorierte ihn vollends und die geröteten Augen hinter ihrem blonden Pony verrieten, dass zumindest sie genauso durcheinander war wie Silas. Jonas‘ ältere Schwester war schwer in Ordnung, fand Silas. Obwohl sie irgendwie schon erwachsen sein musste (sie fuhr bereits Auto), hatte sie die vier Jungs schon mehrere Male gerettet, wenn sie mal wieder was ausgefressen hatten und war mitgekommen, um den wütenden Nachbarn zu beruhigen oder den Geschäftsleiter vom Discounter um die Ecke davon abzubringen, wegen der „ausgeliehenen“ Kaugummis eine Anzeige bei der Polizei zu machen. Rachels dunkelblonden Haaren und ihrem gewinnenden Lächeln sowie den strahlend weissen Zähnen war es wohl zu verdanken, dass die Jungs noch nie in ernsthafte Schwierigkeiten geraten waren. Ausserdem konnte sie echt gut mit Männern reden, diese überschlugen sich dann immer vor lauter Freundlichkeit und taten jedes Mal so, als ob alles nur ein riesengrosses Missverständnis gewesen wäre. Obwohl sie kurz zuvor den „verdammten Bengeln“ noch „den Hals umdrehen“ wollten. Oder Ähnliches. Rachel hatte einfach immer alles im Griff. Und deshalb erschreckte es Silas jetzt auch umso mehr, sie so durch den Wind zu sehen. Er schluckte, um seinen Kloss im Hals loszuwerden. Vorsichtig sah er sich im Raum um.

Auch Kevins Mom hatte wohl geweint, er sah auf ihren Wangen weisse Striche, dort wo die Schminke verwischt war. Dass Kevins Vater nicht hier war, lag wohl an dieser Fernseh-Wetterfrau mit den hohen Schuhen, mit der Silas ihn in der Stadt gesehen hatte.

Und Jans Mutter schluchzte immer noch leise vor sich hin, ihr einst weisses Taschentuch umklammert, den Blick starr auf den Boden gerichtet. Tim, Jonas‘ Vater zog hektisch an seiner Zigarette. Silas wusste, dass Jans Eltern niemals Zigaretten in ihrer Wohnung duldeten. Heute sagte niemand etwas zum unangenehmen Rauch im Raum, welcher Silas im Hals kratzte. Auf der Serviette vor Tim auf dem Tisch zählte Silas drei weitere kurze Stummel und etwas Asche. Frank Bossard schlug immer wieder mit der Faust auf die Sessellehne und strich sich mit der anderen Hand fahrig durch die wenigen verbleibenden Haare auf seinem Kopf, als ob er das Problem so lösen könnte. Lisa hielt seine andere Hand umklammert, Silas sah es daran, dass sich ihre roten langen Nägel in Franks Handrücken gruben. Er kniff seine Augen zusammen. Jetzt sah es aus, als hätte Frank auf seiner Hand fünf tiefe, blutige Wunden. Aus der Ecke erklang ungeduldiges Seufzen, dann hörte man die Bässe, die noch etwas lauter als vorher aus Jasons Ohrstöpseln drangen. Silas wagte einen Blick in seine Richtung und sah, wie Jans Bruder mit finsterem Gesicht auf seinem Handy rumtippte und gleichzeitig mit den Füssen im Takt zu seiner Musik auf und ab wippte. In seiner rechten Socke hatte er ein riesiges Loch und seine grosse Zehe schaute vorne raus.

Selena Zimmermann entwischte ein leises Schluchzen. Silas schob sich auf der Couch ganz nach hinten zur weichen Lehne, so dass er von Mom und Dad, welche links und rechts neben ihm sassen, nahezu verdeckt wurde. Er schloss die Augen, zog die Knie an die Brust und legte sein Kinn darauf, flankiert von seinen Eltern und im Rücken von watteweichen Kissen. Er machte sich ganz klein und verkroch sich, wie in einer Höhle. Er wünschte sich, er wäre unsichtbar.

„Die Lage ist mehr als ernst, Freunde.“ Frank strich mit seinem Daumen abwesend über die blutroten Fingernägel seiner Frau, die sich in seine Hand bohrten. „Unsere Söhne sind in Lebensgefahr und es gibt zum jetzigen Zeitpunkt nichts, was wir dagegen tun könnten. Nicht das Geringste.“

Rachel gab ein ersticktes Geräusch von sich woraufhin ihr Vater sie an seine Schulter zog.

„So versuchen wir, in dieser schwierigen Zeit füreinander da zu sein und da zu helfen, wo wir können… um diesen schrecklichen Augenblick des Wartens irgendwie zu überstehen. Wir müssen stark sein.“

Dad räusperte sich und meldete sich dann stockend ebenfalls zu Wort. „Ich… wir – ich meine, Lisbeth und ich, wir… wir…“, stammelte er und blickte dann verzweifelt zu Mom. Diese holte tief Luft.

„Es tut uns leid, von ganzem Herzen leid, was geschehen ist… und dass wir als einzige hier sitzen mit unserem gesunden Sohn an der Seite.“ Sie atmete jetzt ganz schnell und ihre Stimme klang zittrig. Dad schob den Arm um Silas und drückte den Knäuel aus Knien, Kinn und Haaren mit all seiner Dad-Kraft an sich. Silas bekam kaum mehr Luft zwischen all den Kissen und Dad. „Wir sind unendlich dankbar…versteht uns nicht falsch…“, und auch ihm versagte die Stimme.

Frank schüttelte nur stumm den Kopf, ging zu Dad und drückte ihm die Schulter. „Alles in Ordnung, Harald. Alles gut. Macht euch keine Gedanken.“ Und er fuhr Silas durch seinen hellblonden Haarschopf.

***

Später an diesem Nachmittag stand Silas an der Hand von Mom und dicht zwischen seinen Eltern in der Intensivstation des Big City Hospitals. Umgeben von fremden Krankenhausgerüchen, blinkenden Lämpchen und monoton piepsenden Geräten starrte er durch eine dicke Glasscheibe in einen grossen Raum ohne Fenster. Sein Gesicht spiegelte sich im Glas und er nahm ungewöhnlich bleiche Haut und riesige, honigfarbene Augen wahr. Seine flachsblonden Haare hoben sich kaum von der Haut ab, so blass war er.

Ein Bett stand neben dem nächsten. Sie sahen nicht bequem aus, die Betten, mehr wie Bahren, auf Rollen und schmal. Schläuche führten von seltsamen Ständern, die überall rumstanden zu den Betten, Monitore zeigten farbige Linien und Kurven. In den Betten lagen Gestalten, reglos und mit geschlossenen Augen. Silas fand, sie sahen aus wie Tote, die blasse Haut schimmerte im fahlen Krankenhauslicht bläulich. Er konnte nicht sehen, ob sie atmeten, keine der dünnen Krankenhausdecken hoben und senkten sich, alles schien unbeweglich und tot. Silas war es übel. Direkt hinter der dicken Scheibe lagen seine Freunde. Er konnte Jan, Kevin und Jonas erkennen, kleine, bleiche Geschöpfe, leblos zwischen dem steifen Stoff der gestärkten Spitalkissen. Ihre Lippen schimmerten bläulich und an den Schläfen meinte er feine blaue Adern zu erkennen, als ob ihre Haut durchsichtig wäre. Alle sahen furchtbar dünn aus und es schien Wochen her zu sein, seit sie Geheimsitzungen im Baumhaus abgehalten oder Seite an Seite in wilden Schlachten in King of Dragons gekämpft hatten.


Daneben lagen auch die anderen, Cédric und Svenja auf der einen Seite, Marc, Lars und Livia auf der anderen. Silas löste seine Hand aus der von Mom und trat dicht an die Scheibe. Er presste seine Stirn ans kühle Glas. Die Scheibe beschlug sich von seinem Atem. Silas zeichnete mit dem Zeigefinger die Konturen von Livias Bett nach, über ihren schlanken Hals bis runter über die Bettdecke ans Bettende. Dann zog Dad ihn weg und stumm machte sich die kleine Familie auf den Heimweg, langsam und tief erschüttert.

Silas blickte durchs Autofenster auf die vom Regen nasse Strasse. Das letzte Licht der Dämmerung spiegelte sich nahezu unsichtbar in den grossen Pfützen und wechselte sich ab mit dem kühlen Schein der Strassenlaternen. Jedes Mal, wenn Dad mit einem Rad eine der Pfützen erwischte, spritzte zischend eine Wasserfontäne bis hoch an die Scheibe und hinterliess eine Million kleiner Wassertröpfchen, die durch den Fahrtwind waagrechte Linien ans Fensterglas zeichneten, um dann irgendwo zu verschwinden, wohin Silas ihnen nicht mit den Augen folgen konnte. Eine Träne rollte über seine Wange. Die nasse, kalte Welt verschwamm vor seinen Augen. Silas fühlte sich entsetzlich mutlos. Wo waren sie bloss, seine Freunde? Wie sah es wohl aus, in dieser kalten Welt des Komas? Er stellte es sich schrecklich vor, so alleine im Nichts und in der Dunkelheit.

„…ChickenMcKing auf die Forderung der WHO, den verdächtigten Hamburger ‚DarkChicken‘ unverzüglich aus dem Verkehr zu ziehen nicht reagiert. Nachdem immer mehr Krankheitsfälle auch weltweit dem, wie inzwischen untersucht wurde, im Pouletfleisch des ‚DarkChicken‘ gefundenen Virus, zum Opfer fielen, beträgt die momentane Anzahl der Komapatienten bereits 236 und dies nur in unserer Stadt. Gerichtlich wird nun gegen den Fastfoodkonzern vorgegangen, bisher ohne Erfolg. Die als Kopf der Geschäfts- und Konzernsleitung aufgeführten Personen entpuppten sich ausnahmslos als sogenannte Phantome, sowohl im Netz auftauchende Fotos, wie auch die dazugehörigen Namen sind erfunden und bisher konnte keine existierende Ansprechperson ausfindig gemacht werden. Der Fall scheint immer mehr zu einem aussichtslosen Kampf zu werden, doch wir…“

Silas presste sich die Fäuste auf die Ohren, um die hoffnungslose Stimme des Radiosprechers nicht mehr zu hören.

Silas

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