Читать книгу Silas - Rebecca Vonzun - Страница 8
Heisshunger
ОглавлениеWiedermal lag Silas auf seinem Bett und starrte an die Zimmerdecke. Nachdem er sich geweigert hatte, zu Tisch zu kommen hatte Dad den Fernseher erneut ausgeschaltet und die Fernbedienung gleich mitgenommen. Daraufhin hatte Silas das Ihr-könnt-mich-mal! von vorhin nicht nur gedacht sondern rausgebrüllt, war Türe knallend in sein Zimmer gestürmt, wo er nun missmutig und todtraurig lag. Er tat sich selbst ungemein leid. Endlich konnte er auch ungestört weinen, hier sah ihn ja keiner. Heisse Zornestränen rollten über seine Wangen und tropften eine nach der anderen aufs blaue T-Shirt.
Begonnen hatte alles heute Morgen. Ein paar von den Jungs aus der Fünften hatten in der Pause davon gesprochen, heute Abend im ChickenMcKing abzuhängen, wie sie es genannt hatten. Es waren welche, die sogar wirklich in Ordnung waren (nicht so wie Jans Bruder – aber der war ja auch schon in der Sechsten), richtig coole Jungs mit Schlabbershirts und Caps und so. Silas und einige seiner Freunde standen daneben. Jonas hatte sein neustes Playstation-Game mitgebracht und sie waren gerade damit beschäftigt, es zu bewundern, als Silas plötzlich von Cédric einen Stoss in die Seite erhielt. Früher hatten sie beide in derselben Hockeymannschaft gespielt, bevor Cédric, als er in die fünfte Klasse kam, die Mannschaft gewechselt hatte.
„Hey Alter, wollt ihr mitkommen? Wir hängen heute im ChickenMcKing ab nach der Schule… ein paar Mädels sind auch noch dabei, Svenja und so. Mein Dad hat gestern ne Provision gekriegt und hat mir genug Kohle für uns alle gegeben…“ Cédric grinste. „Wär echt cool, wenn ihr kommt, je mehr desto besser und die Loser aus unserer Klasse will ich nicht dabeihaben! Also, was ist?“
Silas hatte keine Ahnung, was eine Provision war, doch das war auch egal. Er wusste nur, dass Cédrics Vater ungeheuer reich sein musste, denn er fuhr ein schwarzes Auto, das unglaublich teuer aussah. Und seit er von Cédrics Mom getrennt lebte, bekam Cédric ständig die coolsten Geschenke, einfach so. Ohne Geburtstag oder Weihnachten oder so. Erst letzte Woche hatte Cédric ein Fussballshirt rumgezeigt. Original von Ribéry getragen und mit Autogramm, hatte er gesagt.
„Klar Mann, Provision, cool!“, sagte Silas, die Schultern gestrafft, um etwas grösser zu wirken und versuchte, eine möglichst lässige Pose einzunehmen. Er wusste genau, dass ChickenMcKing zu Hause Diskussionen auslösen würde, seine Eltern hatten da diese dämliche Regel… Fastfood nur am Wochenende. Doch da mussten sie jetzt durch! Er würde sich durchsetzen, schliesslich war er schon fast erwachsen, jawohl. Naja, bald jedenfalls.
Den Rest des Morgens bekam er von der Mathestunde nicht viel mit, vielmehr schweiften seine Gedanken immer wieder ab zum ChickenMcKing und er malte sich aus, was er bestellen würde. Pommes, das war klar. Aber dazu? Den neuen DarkChicken wollte er schon lange mal probieren, er hatte die Werbung im Fernsehen schon oft gesehen, die war richtig cool. So mit einer magischen Welt und finsteren Figuren, welche in den Burger bissen und danach ein unheimliches Geräusch ausstiessen, das entfernt an ein grausiges Lachen erinnerte. Oder vielleicht doch lieber den BigChickenPrince mit den Speckstreifen extra? Das war sein Lieblingsburger. Und Livia wäre auch da… ganz bestimmt. Die beste Freundin von Svenja hatte ihn letztes Mal auf dem Heimweg sogar hallo gesagt, das allererste Mal. Silas hatte einen ganz flatterigen Bauch bekommen und hatte nur ein „He..ey“ gestottert. Er wusste auch nicht genau, warum. Sonst war er eigentlich nie so. Vielleicht lag es an ihren unglaublich langen dunklen Haaren… oder an den grünen Augen, jedenfalls schaute sie ein bisschen aus wie eine Prinzessin. Nicht, dass er sich mit Prinzessinnen auskennen würde, auf keinen Fall. Aber in King of Dragons sah die entführte Prinzessin haargenau so aus wie Livia. Deshalb musste er sie sich immer angucken. Natürlich nur, wenn niemand hinsah. Und wenn sie es nicht merkte. Aber wenn sie auch mitkam, hiesse das, dass er sie einen Abend lang heimlich immer wieder anschauen konnte…
„Silas?“, riss ihn die Stimme des Mathelehrers schlagartig aus seinen Träumen. Und bis die Mittagsglocke dann schliesslich läutete, wurde er von Herrn Sieber geplagt, welcher es liebte, unaufmerksame Schüler so richtig zu quälen. Nachdem er etwa zum hundertsten Mal „Ääähm… das weiss ich nicht…“ gesagt hatte, erlöste ihn endlich die Schulglocke.
Bester Laune stürmte er nach Hause (die Mathestunde war ihm ja so was von piepegal), schleuderte den Rucksack in eine Ecke, driftete auf seinen Ringelsocken über das Parkett (das war einer seiner besten Tricks) und warf sich auf seinen Stuhl, wo Mom und Dad bereits am Tisch sassen und Dad schon ungeduldig auf die Uhr in der Küche spähte.
„Ratet mal, was…“, begann Silas und strahlte die beiden an.
„Wo sind deine Hausschuhe, Mister? Und schleif nicht immer so über den Boden, deine Socken bekommen Löcher.“, unterbrach ihn Mom und stiess den Löffel in die Auflaufform.
„Ach, lass ihn doch, beginnen wir jetzt lieber endlich, du weißt doch, dass ich heute nur kurze Mittagspause habe, Lisbeth!“, unterbrach sie wiederum Dad, gereizt auf die Lasagne starrend. Das begann ja super.
„Ratet mal, wozu mich Cédric heute einlä…“, startete Silas einen zweiten Versuch, brennend darauf, seine News loszuwerden.
„Ach, pass doch auf, jetzt muss ich mir ein neues Hemd anziehen, verflu...ixt nochmals!!“, brachte ihn der Ausruf von Dad zum Schweigen, welcher hektisch mit der Serviette über den roten Saucenfleck auf seiner Manschette wischte, welcher Mom vom Löffel getropft war. Durch das Gewische wurde der Fleck nur immer grösser. Fasziniert starrte Silas auf Dads weisses Hemd, dessen rechtes Ärmelende jetzt hellorange gefleckt war.
„Himmel, nun schrei mich doch nicht an, Harald, man kann auch anständig mit mir reden!“ Mom setzte ihren in-diesem-Ton-unterhalte-ich-mich-nicht-Blick auf und musterte Dad mit hochgezogenen Augenbrauen. Silas rollte die Augen himmelwärts. Langsam wurde es ihm zu bunt. Gerade als er erneut Luft holen wollte, um zwischen zwei Bissen (die Lasagne war wirklich gut) endlich von seinen Neuigkeiten zu berichten, erhob sich Dad vom Stuhl, warf die Serviette neben den Teller, grummelte etwas von „Muss jetzt eh los, war ja mal wieder eine erholsame Mittagspause…“ und knöpfte sich bereits das Hemd auf, während er in Richtung Tür lief.
„Könnte mir jetzt vielleicht mal irgendjemand zuhören??!“, explodierte Silas in diesem Moment und knallte seine Gabel auf den Tisch. Erschrocken hielten seine Eltern inne und starrten Silas verblüfft an. Na also.
„Cédric lädt mich und ein paar Freunde heute Abend zum Essen ein. Ich komme also erst spät.“, informierte er und liess bewusst den Hinweis ChickenMcKing weg und auch die Erklärung, was spät genau bedeutete. Dann nahm er seine Gabel wieder in die Hand und schob sich seelenruhig eine weitere Ladung Lasagne in den Mund, äusserst zufrieden mit sich selbst.
„Mooment mal, Kleiner“, meinte Dad und kam langsam an den Esstisch zurück. „Was genau verstehst du unter ‚spät’?“ Silas hasste es, wenn sein Dad ihn Kleiner nannte. Er war doch kein Baby.
„Ja, und wo genau esst ihr und wer ist alles dabei?“, wollte Mom sofort wissen.
Silas seufzte ergeben. Es hätte ja sein können. Das war mal wieder typisch, kaum war mal was mit ihm, verstanden sich seine Eltern urplötzlich wieder und verbündeten sich gegen ihn.
„Naja, Cédric, Kevin, Jan, Jonas und ich… und noch so ein paar Fünftklässler“, murmelte er und steckte sich ganz schnell die nächste Gabel Lasagne in den Mund.
„Ein paar Fünftklässler? Kennen wir die?“, fragte Dad misstrauisch.
„Und die Antwort auf das Wo…?“ Das war Mom, hartnäckig wie immer.
„Chknmgkng“, nuschelte er mit vollem Mund und tat so, als ob der Bissen in seinem Mund besonders schwer zu zerkauen wäre.
„Bitte?“, fragte sein Vater, blickte ungeduldig auf die Uhr und klopfte mit den Fingern auf die Tischkante.
Es hatte keinen Sinn. „Wir gehen in den ChickenMcKing! Alle kommen und es wird super… bitte, ich muss...“
„Das kannst du mal gleich vergessen, du kennst die Regel, Silas. Kein Fastfood unter der Woche.“, sagte seine Mom entschieden, schöpfte sich von der Lasagne nach und für sie war das Thema scheinbar damit erledigt.
„Bitte, ich muss da einfach hingehen, alle kommen!! Bitte, ich wasche dafür auch ab und räume den Tisch ab und…“, bettelte Silas und schaute verzweifelt von Mom zu Dad.
„Diskussion beendet, Kleiner!“ Dad erhob sich, schlüpfte aus dem Hemd und verliess den Raum mit raschen Schritten und einem erneuten Blick auf die Uhr. Kurz darauf sein übliches „Ich muss los!“, woraufhin Mom zur Türe eilte, um ihn zu verabschieden. Dasselbe Theater wie jeden Tag. Silas blieb alleine am Tisch zurück. Bittere Enttäuschung und ungeheure Wut durchströmten ihn. Alles war verdorben, nur wegen der ewigen blöden Regeln. Er schob seinen noch halb vollen Teller weg. Sollte seine doofe Mom doch alleine zu Ende essen. Wenn er genau darüber nachdachte, war die Lasagne gar nicht so gut wie er zunächst gedacht hatte.
Das war heute Mittag gewesen. Der Nachmittag wurde dann noch schlimmer. Er musste seinen Freunden nach der Schule erklären, dass er nicht mitkommen konnte und kam sich dabei vor wie ein Baby. Silas schämte sich zu Tode und kam sich so furchtbar uncool vor, als Cédric nur mit den Schultern zuckte.
„Schade auch! Hey, was meint ihr, probieren wir den DarkChicken oder sollen wir lieber doch den BigChickenPrince….?“, und sich an der Seite von Kevin und Livia inmitten der Gruppe zum Bus abwandte, Silas bereits vergessen.
Ein Horrortag. Und jetzt lag er auf seinem Bett, der Magen schmerzte vor Heisshunger und er hasste die ganze Welt.
***
Er musste eingeschlafen sein. Als er die Augen aufschlug war es draussen stockdunkel und aus dem Rest des Hauses war kein Geräusch zu hören. Silas schlich sich barfuss in die Küche und plünderte den Kühlschrank. Ein Klappergerüst konnte er auch morgen noch werden, jetzt hatte er erst mal einen Riesenhunger.