Читать книгу Silas - Rebecca Vonzun - Страница 6
Und sie weiss es nicht...
ОглавлениеEin Raunen ging durch die Versammlung der Waldtiere.
„Ein Serin?“, quietschte aufgeregt die Ratte. „Was in Dreiteufels Namen ist ein Serin??“
„Ein Serin….“, wiederholte andächtig der alte Biber und kratzte sich mühsam mit seiner Hinterpfote am linken Ohr. „Das bedeutet…“
Etliche jüngere Tiere blickten ein wenig ratlos die alte Eule an. Die älteren unter ihnen hingegen nickten wissend und staunend. Ehrfurcht war in ihren Augen zu lesen, aber auch Angst.
Lavendula räusperte sich, und erneut kehrte Ruhe ein. Ernst schweifte ihr Eulenblick über die Versammlung.
„Uns widerfährt gerade grosses Glück. Serins sind Weltretter. Ein Serin wird nur dann geboren, wenn irgendwo grosse Gefahr droht.“ Lavendula atmete tief ein. „Unsere Welt ist in Gefahr, Freunde. Ich spüre es schon lange. Auch wenn ich euch leider nicht sagen kann, wo oder was diese Gefahr ist. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was unsere Welt bedroht. Ich weiss es einfach nicht.“ Sie schloss die grossen gelben Augen. Auf einmal lag unaussprechliche Furcht in der Luft. Bestürzung, die kleinen und die grossen, die jungen und die alten Tiere starrten auf ihre Hüterin, wie gelähmt. Lavendula wusste es nicht. Lavendula wusste es nicht! Das war unmöglich… denn Lavendula wusste immer alles. Alles. Wie eiskalte Klauen umfasste eine Heidenangst die Herzen der Tiere. Beschämt und erschüttert über das Grauen in den Augen ihrer Freunde senkte Lavendula den Blick. Sie wusste es einfach nicht. Schliesslich atmete sie tief ein und schwellte die Brust. Würdevoll überblickte sie die Menge. Die Tiere glaubten an sie. Schenkten ihr grenzenloses Vertrauen. „Der kleine Waldserin muss hier ganz in der Nähe sein. Ich spüre es genau. Heissen wir ihn willkommen! Kümmern wir uns um ihn!“, sprach sie feierlich und reckte ihren Schnabel hoch in die Luft, um erneut einen lauten Eulenschrei auszustossen. Dies riss die Tiere aus ihrer Starre. Das Gepiepse, Gezwitscher, Geknister und Geraschel setzte urplötzlich wieder ein, diesmal aber noch um einiges lauter als zuvor. Jetzt galt es, den Serin zu finden!
Was die Tiere nicht wussten, war, dass sich der kleine Serin näher befand als sie alle ahnten. Denn niemand, nicht einmal die alte, weise Lavendula kannte das Geheimnis des Lebensbaums: seine grosse Höhle hinter dem Efeuvorhang und den Buschfarnen. So befand sich der Serin also mitten unter ihnen, nur ein paar Meter entfernt von der grossen Tierversammlung ohne dass es jemand wusste. Lavendula spürte zwar, dass er in der Nähe sein musste, aber wo genau er war, wusste sie nicht. Auf ihrem Ast thronend wies sie nun die Tiere an und leitete ihre Suche. Gross und klein schnüffelte, scharrte und suchte hinter jedem Blatt, unter jeder Wurzel. Die Vögel und Eichhörnchen durchkämmten das Blätterdach, die übrigen Tiere übernahmen das Dickicht am Waldboden. Da und dort durchbrach ein Ruf das emsige Treiben…
„Da… vielleicht…! …. Ah, nein….“
„Aber eventuell ….. dort…! … Ach, doch nichts…“
„Hier…! Hm, nein…“
… doch auch nach stundenlanger, eifriger Suche fand man nichts.
Währenddessen war der kleine Serin natürlich längst erwacht. Niemand, nicht einmal ein frisch geschlüpfter Serin, konnte schlafen, wenn rings um ihn herum solch ein Trubel veranstaltet wurde. Verwirrt und auch etwas verängstigt äugte der Serin – vorsichtig darauf bedacht, sich ja nicht zu zeigen – durch den Efeuvorhang. Was er sah, erschreckte ihn zutiefst. Grosse, schwarze Schnüffelnasen direkt vor seinem Gesicht. Scharfe Krallen, die die Erde aufwühlten und Staub aufwirbelten, der ihm ins Näschen stieg und ihn schon wieder… HAA….TSCHIIII! laut niesen liess. Zum Glück bemerkte dies zu diesem Zeitpunkt niemand, viel zu laut war es draussen vor der Höhle.
Schnell schloss das Kerlchen den Efeuvorhang und zog sich wieder in sein Federnest zurück.
***
Hoch oben im obersten Geäst des Lebensbaums, noch über den Blüten, Früchten, Vögeln und Schmetterlingen – dort, wo nur noch ganz feine Ästchen mit federleichten Blättchen wuchsen, war es eisig kalt. Die hellgrünen Knospen waren abgestorben und grau. Die Ästchen abgeknickt oder sonderbar verkrümmt, fast so, als hätten sie Schmerzen. Auf der Rinde wuchsen schwarze, stinkende Pilze und Schimmel überzog das Holz. Und statt wie sonst den blauen Himmel sah man über dem Blätterdach dunkle, finstere Wolken. Der Lebensbaum ächzte verzweifelt, aber unhörbar.
***