Читать книгу Silas - Rebecca Vonzun - Страница 13
Levin
ОглавлениеLavendula wartete geduldig. Der kleine Kerl in ihrer Baumhöhle schlief noch immer tief und fest. Die Mahlzeit musste ihn schrecklich erschöpft haben. Ruhig sass die weise Eule vor dem Loch auf dem dicken Ast und überwachte mit einem Auge den Wunderwald und mit dem anderen den schlafenden Serin. Sie wusste, dass sie warten musste. Ihn zu wecken würde ihn nur unnötig erschrecken.
Nach einer Weile bewegte sich in der Höhle schliesslich etwas. Der Serin hatte sich halb aufgerichtet, blinzelte verschlafen und rieb mit der kleinen Faust in einem Auge. Die blauen Haare standen wirr vom Kopf ab und die Schwanzspitze zuckte leicht hin und her. Von dem linken Mundwinkel hinunter bis zum Kinn führte eine dünne Linie eingetrockneter Spucke. Er rülpste.
Die Beeren fielen ihm wieder ein. Sein entdeckter Schatz! In der Meinung, sich in seiner eigenen Höhle zu befinden, stutzte er auf einmal. Wo war der Vorhang? Und sein Federnest? Verwirrt setzte er sich auf und öffnete die vom Schlaf verklebten Augen nun ganz. Plötzlich war er hellwach. Irgendetwas stimmte da ganz und gar nicht.
„Guten Abend!“, sprach da Lavendula mit ihrer Eulenstimme. Vor Schreck zuckte der Serin heftig zusammen und rollte sich blitzschnell in seinen Schwanz. Das Köpfchen versteckte er zwischen den Knien und machte sich ganz klein. Reglos wartete er ein paar Sekunden und spähte dann vorsichtig mit einem Auge durch seine Finger.
„Fürchte dich nicht, Serin, du bist hier sicher.“ Lavendula bewegte sich vorsichtig ins Baumloch. Sie sprach sanft und leise, um das Kerlchen nicht noch mehr zu erschrecken. Noch immer linste der Kleine zwischen seinen Fingern hervor. Was er sah, erschreckte ihn zutiefst. Ein Krallenmonster sass direkt vor ihm. Gewaltige Krallen waren es, die sich da in die Baumrinde bohrten! Messerscharf sahen sie aus. Er liess das Auge etwas höher schweifen. Nein… Schnüffelnase hatte das Monster keine. Aber zwei riesig grosse, leuchtend gelbe Augen und einen unheimlich spitzen Schnabel. Der Serin wollte sich schon wieder einrollen und tot stellen, als die Eule mit leiser aber eindringlicher Stimme weitersprach.
„Wir brauchen deine Hilfe, Serin. Du bist hier, um unsere Welt zu retten. Wir dürfen keine Zeit verlieren! Ich tu dir nichts, ich bin eine Freundin. Du musst mir zuhören!“ Langsam entrollte sich der Waldserin. Er wich sicherheitshalber in die hinterste Ecke der Baumhöhle zurück, hatte sich aber aufgerichtet und bestaunte nun mit grossen Augen das Riesenvieh vor ihm. Es blickte ihn gütig an. Vielleicht drohte ihm ja wirklich keine Gefahr? Seine Schwanzspitze zuckte, lange blieb es still und da erklang auf einmal ein feines, leises Stimmchen.
„Ha… hallo.“
Lavendula nickte ihm freundlich zu.
„Willkommen im Wunderwald, Serin! Wie ist dein Name?“
Der Serin schaute ratlos. Name? Hatte er einen Namen? Er glaubte nicht. Soeben hatte er ja auch erst erfahren, dass er ein Serin war. Was auch immer das sein mochte.
„Ich… ich weiss es nicht.“, stammelte er und drückte sich an die Wand. Lavendula musterte ihn nachdenklich.
„Du brauchst einen Namen, soviel ist klar. Hm…“ Sie schloss ihr rechtes Auge. Dann das linke. Dann beide und schliesslich öffnete sie sie wieder und lächelte.
„Levin. Ich nenne dich Levin.“ Zufrieden richtete sie sich auf. Und nickte nochmals. Ja, Levin hörte sich gut an.
Levin? Der Serin flüsterte seinen neuen Namen vorsichtig vor sich hin. „Levin…“ Doch. Das gefiel ihm. Er wollte gerne Levin heissen.
„Danke!“, sagte er und blickte nach oben in Lavendulas grosse Augen.
Die weise Eule nickte gütig. Dann räusperte sie sich.
„Levin, wie ich schon sagte, wir brauchen deine Hilfe. Du bist hier in unserem Wald nicht ohne Grund aufgetaucht. Unsere Welt ist in grosser Gefahr. Der Lebensbaum stirbt! Wenn du uns nicht erlöst, werden wir alle sterben.“ Sie senkte den Blick. Dann fixierte sie Levin wieder mit ihren leuchtenden Eulenaugen. „Bitte… hilf uns!“
Levin starrte sie betroffen an. Er? Er sollte den Wald retten? Wie um Himmels Willen sollte er das anstellen? Bestimmt verwechselte ihn das grosse Tier. Ja, sie musste sich irren, anders konnte es nicht sein.
„Ehm… Verzeihung? Du.. Sie… das muss ein Irrtum sein!“ Levin nickte bekräftigend. „Ich kann Sie nicht retten, glauben Sie mir! Schauen Sie doch, wie klein ich bin…“ Und er schluckte nervös.
„Nun…“ Lavendula räusperte sich. „Erstens, ich bin nicht Sie, sondern ich heisse Lavendula. Zweitens irre ich mich niemals.“ Fast war sie ein bisschen beleidigt. Sie drehte sich um und schaute aus dem Loch in den Wald hinein.
„Verzeihen Sie…äh, Lavund…ehm…“, stammelte Levin. Die alte Eule seufzte. Ihr wurde klar, dass es keineswegs so einfach werden würde, wie sie sich das vorgestellt hatte. Der Serin war tatsächlich unglaublich klein. Zudem schien er von gar nichts eine Ahnung zu haben. Lavendula wurde klar, dass es an ihr lag, Levin zu lehren, was sie über Waldserins wusste. Dass sie ihm helfen musste, herauszufinden, welches seine Kräfte waren. Und wie er – vielleicht – sogar tatsächlich ihre Welt retten konnte. Auf einmal war sich Lavendula gar nicht mehr so sicher. Und doch… er war ihre einzige Chance. Sie drehte sich um.
„Mach dir keine Sorgen, Levin. Ich helfe dir dabei. Und mein Name ist Lavendula. La-ven-du-la. Man nennt mich so wegen des guten Duftes. Lavendel. Verstehst du?“ Wenn es um ihren Namen ging, verstand Lavendula keinen Spass.
Levin verstand nicht viel von dem, was die alte Eule erklärte. Aber er hatte verstanden, dass sie ihm helfen wollte. Sie schien wirklich nett zu sein. Levin entspannte sich etwas und blickte seine neue Freundin gespannt an.
***
Levin erfuhr in den nächsten Tagen alles über den Wunderwald. Lavendula nahm ihn mit auf ihre Streifzüge und zeigte ihm jeden Winkel. Sie stellte ihn den Tieren vor und lehrte ihn, dass es nicht nur Feuerbeeren als Nahrung für ihn gab, sondern viele andere Früchte, Wurzeln und Kräuter, welche gut schmeckten. Sie zeigte ihm, wo er sie finden konnte und wie er sich im Wald lautlos und unsichtbar bewegen konnte. Sie führte ihn zum kleinen Bach und lehrte ihn darin zu schwimmen und auf Bäume zu klettern.
Nach und nach wurde er immer geschickter und flinker und dank der vielen süssen Früchte wuchs er sogar ein bisschen und war bald nicht mehr gar so winzig wie am Tag seiner Geburt. Levin wurde immer sicherer, stärker und mutiger und ritt furchtlos auf Lavendulas Rücken übers Blätterdach und durchs Dickicht.
Eines Tages nahm ihn Lavendula beiseite. Er war nun soweit. Sie zeigte ihm die Wunden und abgestorbenen Teile des Lebensbaums, brachte ihn dazu, auf dessen Ächzen und Stöhnen zu lauschen.
Abends, wenn Levin sich jeweils müde in seiner Höhle zusammenrollte und sich in seinen Schwanz kuschelte, hörte er die unheimlichen Geräusche des Baumes laut und durchdringend. Und dann wusste er, dass er ihm helfen wollte, seinem Baum. Er wusste nur nicht, wie.
Und dann begannen die Träume. Eines Nachts erwachte Levin urplötzlich. Seine Stirn glänzte vor Schweiss und ihm war heiss. Gleichzeitig fror er und seine Zähne klapperten. Er fühlte sich merkwürdig. Und er erinnerte sich auf einmal, geträumt zu haben. Von einer fremden Welt. Von einem grossen Menschenjungen mit Haar in der Farbe von Morgensonne und Augen, golden wie flüssiger Honig. Er hatte ihn hergeholt, in seinem Traum. Hergeholt in den Wunderwald.
Von da an träumte Levin jede Nacht. Es war immer derselbe Traum. Er besuchte das hellhaarige Menschenkind. Und führte es hierher, in seine Welt. Er war etwas ratlos. Er hatte keine Ahnung, woher seine Träume kamen. Woher sein Traum wusste, dass es andere Welten gab. Woher er wusste, was ein Menschenkind war. Die Träume machten ihn nachdenklich und liessen ihn tagsüber grübeln. Er suchte nach Gründen. Nach Erklärungen.
Die Träume hinterliessen stets ein warmes Gefühl, als ob er etwas Wunderbarem auf der Spur wäre. Sie brachten etwas in seinem Innersten zum Klingen, von dem er nicht gewusst hatte, dass es existierte. Aber sie erschöpften ihn auch. Denn jedes Mal danach erwachte er schweissgebadet mitten in der Nacht. Zurück blieb der Drang, etwas tun zu müssen, eine Aufgabe zu haben. Und eine grosse Leere, weil er nicht wusste, welche Aufgabe es war. Jedes Mal versuchte er vergeblich, wieder einzuschlafen und lag bis in die frühen Morgenstunden wach, wälzte sich in seinem Nest. Eines Tages reichte es ihm. Levin suchte Rat bei der alten Eule.
„Was hat das zu bedeuten, Lavendula? Warum träume ich?“
Die Eule dachte lange nach. Schloss das linke Auge. Das rechte. Und wieder das linke. Sie hob ihren Schnabel in den Wind, witterte in die Abendluft. Spürte. Liess den Luftzug durch ihr Gefieder streichen und blickte Levin schliesslich ruhig an.
„Du musst ihn holen. Du bist hier, um Kontakt zur Menschenwelt herzustellen. Das muss es sein. Denn keiner von uns kann das. Nicht einmal ich. Der Menschenjunge muss herkommen. Gemeinsam mit ihm wirst du unseren Wald retten können. Geh, Levin, bring ihn zu uns!“ Und sie erhob sich in die Nachtluft, stiess einen lauten Schrei aus, der Levin durch Mark und Bein ging und erbeben liess. Er musste ihn herholen. Nur… wie?