Читать книгу Zweiter Sieger - Ruth Broucq - Страница 9
andere Wege
ОглавлениеErst am nächsten Tag wurde mir klar auf was ich mich eingelassen hatte, in welch eine prekäre Situation ich mich gebracht hatte.
Angestrengt dachte ich darüber nach wieso ich mich hatte verführen lassen. Obwohl mein Mann mir doch quasi die Erlaubnis zum Fremdgehen erteilt hatte, konnte ich mich gegen mein schlechtes Gewissen nicht wehren. Wenn Robert tatsächlich so dachte und vermutlich selbst jede Gelegenheit nutzte, sich mit anderen Frauen zu amüsieren, hatte ich nichts unrechtes getan, versuchte ich mein Gewissen auszuschalten.
Ich hatte es einfach gebraucht. Punkt. Damit versuchte ich mich zu entschuldigen. Aber irgendwie war mir die Erinnerung doch unangenehm. Mir war klar, was ich getan hatte war einfach unmoralisch.
Vermutlich war mein Mann anderweitig so in Anspruch genommen, dass er an mir kein Interesse mehr hatte, zumindest verhielt er sich so.
Roberts Behauptung, die unterschiedliche Gefühlslage der Geschlechter sei der Grund, dass Männer einfacher mit wechselnden Liebschaften umgehen könnten, Frauen aber schwieriger Seitensprünge verkrafteten, konnte ich nicht akzeptieren. Das war sicher nur ein listiger Versuch, sich Vorteile zu verschaffen. Aber wie ging es nun weiter? Wie begegnete ich meinem Seitensprung? Wie stand ich zu der Sache, beziehungsweise zu Cousin Ralf? Und wie konnte ich mich zukünftig Ralf gegenüber verhalten?
Hatte ich mich in Ralf verliebt? Klar und deutlich, nein. Wollte ich die Sache wiederholen? Einmal oder gar öfter? Ein Neben-Verhältnis? Um Himmels willen, Nein.
Also beschloss ich, der Geschichte vorerst einfach mal aus dem Wege zu gehen.
Da mein Mann seine freie Zeit mit der Nachhilfe und lernen verbrachte, oh Wunder, vergingen die restlichen Wochen vor Roberts zweiter Meisterprüfung ohne Kneipen-Vergnügungen. Also auch ohne Ralf, was mir nur recht war.
Allerdings trat plötzlich ein unüberwindbares Hindernis auf, das für uns ein schwieriges Problem darstellte, worauf mein Mann völlig ratlos reagierte. In Roberts polizeilichem Führungszeugnis waren Strafeinträge.
„Das kann ich nicht bei dem Prüfungsausschuss abgeben. Ein vorbestrafter Meister? Nee, die lassen mich durchfallen!“ war der große Meister plötzlich hilflos.
„Quatsch, das sind doch alte Sünden, deine Führerschein-Strafen wegen Trunkenheit sind doch ewig her. Aber was ist das denn wegen Diebstahl? Hast du mal geklaut?“ wunderte ich mich.
Robert schimpfte: „Da habe ich beim Bund mal Stress gehabt, weil ich als Kellner in der Offiziers-Messe mal nicht korrekt bezahlt wurde, hab ich mir als Ausgleich ein paar Flaschen Wein mitgenommen. Das gab fünf Tage Knast wegen Diebstahl. Die sind doch bescheuert so eine Lappalie in mein Führungszeugnis zu schreiben. Aber was mach ich denn jetzt? Wenn der Prüfungsausschuss das sieht, kann ich den Meisterbrief vergessen. Dann war alles umsonst!“
„Nix da, das wollen wir doch mal sehen. Ich gehe morgen zum Einwohnermeldeamt und rede mal mit den Leuten!“ sagte ich entschlossen, dabei war ich voller Hoffnung doch noch einen Weg zu finden.
Der nette Beamte hörte mir sehr verständnisvoll zu und sagte mitleidsvoll: „Das tut mir zwar sehr leid, aber an den Einträgen können wir nichts ändern, das entscheiden wir hier nicht! Aber ich gebe Ihnen mal einen Tipp, junge Frau. Gehen Sie doch mal zum Regierungspräsidenten nach Düsseldorf und bitten Sie den um Hilfe. Vermutlich kommen Sie nur bis ins Vorzimmer, deshalb bereiten Sie sich gut vor. Schreiben Sie einen Bitt-Brief, in dem Sie Ihre Situation schildern und darum bitten, nur zur Vorlage vor dem Prüfungsausschuss ein eintragsfreies Führungszeugnis auszustellen. Drücken Sie richtig auf die Tränendrüse, von wegen, die Zukunft einer jungen Familie, erwähnen Sie ihre beiden Kinder, und dass Sie sich die Kosten für die Meisterschule vom Munde abgespart haben, vielleicht hilft es. Der Regierungspräsident hat die Macht ein solches Dokument ausstellen zu lassen. Und auch im Vorzimmer müssen Sie ein wenig bitten, dass man Ihnen zu Hilfe kommt und diesen Brief schnellstens weiterleitet. Das ist der einzige Weg der Ihnen helfen könnte. Ich wünsche Ihnen viel Glück. Nur Mut!“
Mein Mann sah mich an als zweifle er an meinem Verstand und meinte: „Ach, so ein Blödsinn, der Kerl hat dich verarscht. Nee, das glaub ich nicht!“
Aber meine Schwiegermutter stärkte mir den Rücken: „Ich glaube nicht dass der Beamte dich geflachst hat. Warum sollte er? Versuch es, Ruth, wenn das der einzige Weg ist, dann musst du es versuchen. Ich glaube, dass du es schaffst!“
In diesen Brief legte ich mein ganzes Herzblut, was ich nie zuvor gemacht hatte.
Schon am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg nach Düsseldorf. Vor dem imposanten Gebäude holte ich tief Luft und dann klopfte ich an das Vorzimmer des Regierungspräsidenten.
Die Sekretärin war sehr freundlich, hörte mir aufmerksam zu und versprach mir, den Brief schnellstens ihrem Chef zu übergeben.
Bereits eine Woche später erhielt mein Mann ein eintragsfreies, sauberes Führungszeugnis zur Vorlage zur Meisterprüfung.
Am Tage der Prüfung stand der Cousin plötzlich vor unserer Tür. Ich war perplex, denn das sah ja so aus als habe er die Abwesenheit meines Mannes abgepasst.
„Ich musste dich unbedingt sehen, denn ich habe dich in letzter Zeit so vermisst, dass ich auf diesen Tag gewartet habe.“
Damit bestätigte Ralf meine Ahnung. „Hast du denn gar keine Sehnsucht nach mir gehabt?“ fragte er mit Dackelblick.
„Ehrlich? Nein! Es ist einmal passiert, und bei einem Mal soll es auch bleiben Ich will kein Bratkartoffel-Verhältnis! “ erwiderte ich knallhart und wich ein paar Schritte zurück bis in die Küche.
Ralf folgte mir, sah mich mit traurigem Ausdruck an, aber er nickte demütig.
„Aber einen Kaffee bietest du mir schon noch an?“ fragte er und beschämte mich damit.
„Sicher, entschuldige. Es ist nur, du hast mich einfach überrumpelt. Ich hatte nicht mit dir gerechnet. Setz dich doch.“ Stotterte ich verlegen und begann die Kaffeemaschine zu befüllen.
Ralf trat hinter mich und während sein heißer Atem meinen Nacken streifte, streichelte er über meinen Rücken und flüsterte: „Ich bin so verrückt nach dir, dass ich an nichts anderes denken kann, als an deine geilen Brüste und diese schöne Stunde im Auto. Es macht mich fertig, dass du das vergessen hast, und dass es dir nicht genauso geht wie mir. Ich hatte so gehofft, dass du genauso fühlst und dich auch in mich verliebt hast. Habe ich denn gar keine Chance? Oder ist es wegen deiner Kinder?“ versuchte Ralf mich umzustimmen.
Wie gerufen klingelt es an der Tür.
„Oh, das wird Ramona sein. Die Schule ist zu Ende.“ war ich ganz erleichtert und bat ihn: „Bitte Ralf, ich möchte nicht, dass die Kleine etwas merkt. Bitte akzeptiere meine Entscheidung, warum auch immer. Ja?“ bat ich den Mann eindringlich.
Er stimmte sofort zu: „Ja natürlich. Keine Sorge. Muss ich ja!“
Als auch der Kleine nach mir rief, weil er aus dem Mittagsschlaf erwachte, war ich mit beiden Kindern so beschäftigt, dass ich einen natürlichen Schutzwall gegen Ralfs Begierde hatte.
Schnell trank der Cousin seinen Kaffee aus und verabschiedete sich schon nach wenigen Minuten. Erleichtert atmete ich auf.
Am frühen Abend präsentierte Robert mir stolz seinen Meisterbrief. Er hatte es beim zweiten Anlauf geschafft. Mit großer Freude beglückwünschte ich den frisch gebackenen Maler- und Lackierermeister.
Lachend entschied mein Mann. „Das müssen wir feiern! Mach dich fein, wenn die Kinder im Bett sind gehen wir aus. Die letzten Wochen war ich ja sehr fleißig und auch enthaltsam. Heute möchte ich mal wieder in gemütlicher Runde ein oder zwei Bier trinken. Schließlich muss ich doch meinen Cousin ein bisschen neidisch machen.“
Ich maulte: „Och nö, schon wieder in die doofe Kneipe? Wir können doch mal woanders hingehen. Immer Ralf, Ralf und noch mal Ralf. Den brauchst du doch jetzt nicht mehr!“
Robert stutzte, widersprach energisch: „Was hast du denn plötzlich gegen den Ralf? Du fandest die Abende doch immer so nett und außerdem muss ich noch wegen dem Bus mit ihm reden. Nein, wir gehen dahin, aber wenn du nicht mitkommen willst, geh ich auch alleine!“
„Nee, schon in Ordnung!“ grummelte ich und verwarf den Gedanken von Ralfs mittäglichen Besuch zu erzählen.
Mit großem Hallo wurden wir in unserer Stammkneipe begrüßt und speziell Ralf strahlte bei meinem Anblick. Heimlich warf er mir einen Handkuss zu, was ich diskret ignorierte.
Auch die Leute in unserer Stammtisch-Runde beglückwünschten meinen Mann und nahmen es zum Anlass auf Spendierrunden zu spekulieren. Der Abend wurde gemütlich und lustig, aber teuer.
Plötzlich fragte mich Robert: „Warum hast du mir denn nicht gesagt, dass der Ralf heute bei uns war?“
Mir wurde warm, ich fühlte das Blut hochsteigen und bemühte mich ganz beiläufig und harmlos zu klingen als ich antwortete: „Ach ja, Mensch das hab ich ganz vergessen. Er war ja nur ganz kurz da, ich hatte keine Zeit lange zu quatschen. Ramona kam gerade aus der Schule und ich musste den Kindern was zu essen machen.“
Mein Mann sah mich intensiv an und ich hatte Sekunden lang den Eindruck als sei er misstrauisch, aber dann lachte er und wandte sich der Tischrunde zu. Uff, war wohl glaubhaft.
Ich hatte das Thema schon längst abgehakt, dachte es sei in die Vergessenheit der Unwichtigkeit versunken, als Robert, mittlerweile stark alkoholisiert, plötzlich laut posaunte: „Leute ich hab einen guten Witz gehört, den muss ich euch mal erzählen. Hört mal zu: Kommt ein Mann abends nach Hause, findet seine Frau im Schlafzimmer als sie nackt vor dem geschlossenen Kleiderschrank steht, und er fragt was das soll, sagt sie, dass sie nichts mehr zum anziehen hat. Öffnet der Mann den Kleiderschrank, sortiert die Kleider, und sagt: guck mal hier: ein Grünes, ein Blaues, ein Rotes, Tag Ralf, ein Gelbes…..“
Alle lachen. Nur ich fand das gar nicht komisch.
Nachdem er sich vor Lachen geschüttelt hat fragt mich mein Mann: „Watt is Ruthchen, kannst du keinen Spaß vertragen? Oder ist das nicht lustig?“
„Und wie lustig! Du machst doch gerne die besten Witze auf anderer Leute kosten“, Knurrte ich genervt. „So mein lieber Ehemann, ich möchte jetzt nach Hause fahren. Kommst du mit oder wie gehabt?“ wollte ich entschlossen den verunglückten Abend umgehend beenden.
Wie schon so oft wollte mein Mann noch weiter saufen. Wir einigten uns, dass ich alleine mit dem Auto nach Hause fahren sollte. Unter dem Protest der Anderen brach ich umgehend auf.
Dass mein Mann doch etwas von meinem Ausrutscher geahnt hatte zeigte sich bei seiner nächtlichen Heimkehr. Bis zum Rand abgefüllt stolperte der Betrunkene ins Schlafzimmer und begann rücksichtslos laut zu schimpfen.
Ich sei eine Schlampe, denn ich könne ihm nichts vormachen, er wisse schon dass ich mich von anderen Kerlen vögeln lasse, ich solle mich ja nicht erwischen lassen, dann würde er mich erschießen. Er schimpfte so laut, dass ich ihn auf die Uhrzeit hinwies, dass er das ganze Haus wecken würde, bat ihn leise zu sein. Dabei blieb ich ganz ruhig und sachlich, versuchte ihn zu beruhigen. Offenbar brachte ihn das noch mehr in Rage.
Vor Zorn griff er nach der schweren Nachttischlampe auf seiner Bettseite, hob sie hoch um mich damit zu schlagen. Das Kabel hielt die Lampe in der Wand, sodass ich aus dem Bett sprang und aus dem Raum flüchteten wollte.
Im gleichen Moment als ich die Tür öffnete stand unsere Tochter im Rahmen und fragte vorwurfsvoll: „Warum schimpfst du denn so laut, Papa? Was hat die Mama denn böses gemacht?“
Ramonas Erscheinen wirkte auf Robert wie eine kalte Dusche.
Er stellte die Lampe wieder ab und sagte reumütig:
„Nichts Mäuschen, geh wieder schlafen. Es ist alles in Ordnung.“ Nach diesen Worten warf er sich in voller Montur auf unser Bett und schlief in Sekundenschnelle ein.
„Gehst du mit in mein Bett, Mama?“ fragte meine kleine Retterin. „Bei dem Papa kannst du doch heute nicht schlafen. Der stinkt so schrecklich nach Bier. Komm, schlaf besser bei mir!“
Wieder einmal hatte unsere Tochter eine heftige Auseinandersetzung beendet, mich vor schlimmerem gerettet.
Als sei alles ganz normal erklärte Robert am nächsten Tag, er werde heute den Bus abholen und unseren Käfer dafür abgeben. Dann sei er in den kommenden Tagen mit dem Einkauf der Arbeitsmaterialien und Werkzeugen beschäftigt.
Danach werde er sein Geschäft anmelden, denn er habe schon einen Auftrag, den er in der nächsten Woche beginnen müsse. Falls ich Einkäufe zu erledigen hätte, müsse ich mich nach seinem Terminplan richten.
Nach dem Geld fragte ich nicht, denn aus diesem Thema hatte man mich erfolgreich ausgeschlossen. Ich war zum Abwarten verurteilt.
Als Robert am Nachmittag zurückkam war ich doch sehr überrascht wie geräumig das Fahrzeug war und was mein Mann alles in den VW-Bus hinein gepackt hatte. Leitern, kleine Böcke, mehrere Farbeimer, Farbkartuschen, Pinsel-Sortimente, 2 Tapeziertische, mehrere Tapeten-Musterbücher und eine Kiste mit diversen Werkzeugen lagen auf der großen Ladefläche.
„Wo willst du denn die ganzen Sachen unterbringen“? war das Erste was mir bei dem Anblick einfiel.
Robert sagte großspurig: „Darum brauchst du dir keine Gedanken zu machen, das habe ich alles schon geklärt. Natürlich kriege ich einen zusätzlichen Kellerraum, die Keller werden einfach anders aufgeteilt. Die Mieter brauchen keine großen Räume für ihr Gerümpel, meine Werkstatt ist schließlich wichtiger. Du brauchst also kein Angst zu haben, dass ich meine Leitern in unserem Schlafzimmer abstelle!“ lachte mein Mann belustigt.
„Blödmann! Natürlich nicht! Behandle mich nicht immer wie ein dummes Kind! Ich bin deine Frau, die Mutter deiner Kinder!“ Damit wendete ich mich verärgert ab und ließ ihn stehen.
Erst nach dem Abendessen, als die Kinder lange im Bett waren, änderte sich die Stimmung. Mein Mann rückte näher an mich heran, suchte Liebe. Danach war mir jedoch gar nicht zumute.
„Nur wenn du bumsen willst kannst du nett sein. Darauf habe ich aber keine Lust, so wie du mich behandelst“, knurrte ich und schob ihn weg.
Robert schnurrte wie ein rolliger Kater: „Ach Ruthchen, sei doch lieb und versuch doch mal mich zu verstehen.“ Schmeichelte er und fummelte an meinem Busen. „Ich will uns doch ein gutes Leben aufbauen, und die letzte Zeit war eben ziemlich anstrengend. Aber das ist jetzt alles vorbei und wird besser. Als selbständiger Meister verdiene ich endlich richtig Geld, habe nicht mehr die Schinderei wie beim Ralf, und du hast auch keine Sorgen mehr. Glaub mir, ich baue uns richtig was auf. Nun komm, sei wieder lieb!“
Auch wenn ich keine Lust auf Amore hatte, ich hatte keine Gegenargumente mehr. Deshalb kam ich meiner ehelichen Pflicht nach und ließ ich das Ganze über mich ergehen. Mein Mann war zufrieden und schlief danach selig auf dem Sofa ein. Ich saß noch lange nachdenklich neben ihm.
Nein, glücklich war ich wirklich nicht.
In unserem Leben vollzog sich tatsächlich ein Wandel.
Die erste Arbeit in seiner Selbständigkeit war ein Auftrag bei Taxi Schwerte. Das wunderte mich allerdings schon, denn eigentlich hatte ich Forderungen des Unternehmens erwartet, die bis dato ausgeblieben waren. Erst mit dem Beginn der Malerarbeiten in deren Haus kam mir das wieder zum Bewusstsein.
Ich fragte nicht danach, war froh nichts davon zu hören, jedoch kam mir am Ende die Rechnung für die Arbeiten sehr niedrig vor. So bezahlte mein Mann also den schuldhaft verursachten Schaden an dem Taxi. Das wurde mit seiner Arbeit verrechnet.
Dadurch war das Endergebnis enttäuschend niedrig.
Als ich Robert darauf ansprach wurde er sehr ärgerlich.
„Was hast du denn für eine Ahnung davon? Bist du der Meister oder ich? Halte dich gefälligst aus meinen Geschäften raus, dumme Kuh“! schnauzte er mich an, und war so böse, dass ich mich vorsichtshalber zurück zog.
Auch unser Freizeitvergnügen veränderte sich, speziell durch die Veränderung unseres Freundeskreises. Wer auch immer ihn mitgebracht hatte, mein Mann berichtete von Karl-Günter, einem neuen Mitglied in seinem Kegelclub, dessen Wohnung Robert tapezieren sollte. Bei dieser Arbeit erwies sich Karl-Günters Frau als sehr nett, sodass Robert das Ehepaar gerne mal einladen wollte. Mein Mann erzählte, dass das Ehepaar Krummenberg in unserem Alter sei, sogar bereits ein eigenes Haus hatte, aber kinderlos sei und ganz in unserer Nähe wohne.
Welch altmodischer Name, Karl-Günter dachte ich im Stillen, stimmte aber sofort zu, denn durch den Abstand zu Ralf und mit Roberts neuer Selbständigkeit hatten wir uns ziemlich zurückgezogen.
Weil ich durch Haushalt und Kinder kaum etwas anderes sah kam mir die Abwechslung auch sehr gelegen, sodass ich mich auf den Samstagabend freudig einstellte.
Ich hatte ein paar kleine Snacks vorbereitet und mein Mann hatte reichlich Alkohol gekauft.
Samstags abends erschien das Ehepaar Karl-Günter und Gundula Krummenberg.
Karl-Günter war ein großer, recht stabiler Mann, der zwar eine angenehme Art hatte, den ich aber nicht attraktiv fand, wegen seinem deutlichen Hang zur Dicklichkeit. Seine Frau Gundula erwies sich als eine hübsche Blondine mit einem lasziven Wesen, der man irgendwie ihre Genusssucht ansah. Auch hatte sie eine eigenartige Figur, zwar schlank aber dennoch unproportional. Schmalbrüstig, fast platt, mit einem ausladenden breiten Becken, sodass man ihr eigentlich viele Kinder unterstellte, die sie aber nicht hatte und wohl auch nicht wollte.
Insgesamt fand ich das Ehepaar recht sympathisch und es wurde ein gemütlicher, unterhaltsamer Abend, obwohl Robert mal wieder viel zu viel getrunken hatte. Aber auch Gundula hatte dem Alkohol stark zugesprochen. Karl-Günter dagegen hatte nur mäßig getrunken, und ich mochte Alkohol sowieso nicht gerne. Unsere Partner ähnelten sich offensichtlich in ihren Vorlieben.
„War doch schön, oder findest du nicht?“ fragte mein Mann als die Beiden gegangen waren und torkelte ohne meine Antwort abzuwarten ins Schlafzimmer.
Nachdem ich aufgeräumt hatte und ebenfalls ins Bett gehen wollte, fand ich Robert schnarchend im Tiefschlaf.
Gott sei Dank, dachte ich nur. Auf Liebe mit dem Volltrunkenen hätte ich keine Lust gehabt.
Obwohl ich die neuen Freunde sehr sympathisch fand, musste ich mich zwei Wochen später wegen denen sehr wundern, als ich die Rechnung für die beendeten Renovierungsarbeiten schreiben sollte.
„Ist das nicht etwas zu niedrig, Robert? Du hast doch das ganze Material auf Rechnung geholt, oder? Hast du vergessen das zu berechnen? Oder geht die Tapeten-Rechnung direkt an die Krummenbergs?“ fragte ich erstaunt.
Ärgerlich knurrte mein Mann: „Was kümmerst du dich eigentlich um Sachen von denen du nix verstehst? Nein, die Rechnung von Tapeten- Friedhoffs kommt zu uns. Wie immer! Das passt schon. Also schreib gefälligst was ich dir vorgegeben habe!“
Ich wagte zu widersprechen: „Na hör mal, du hast doch schon die Farben und Lacke aus unserem Bestand genommen, wenn wir dann noch die Tapeten bezahlen müssen, kann das doch nicht passen. Wie viel kosten die Tapeten denn? Und wie ist der Preis für die Farben aus unserer Werkstatt? Du hast da zwölf Tage gearbeitet, wie viel musst du dafür verdienen? Sag mal, dann können wir das ja mal gemeinsam durchrechnen“, schlug ich sachlich vor.
Robert schrie mich zornig an: „Hast du nicht alle? Was soll das? Machst du hier auf superschlauen Kontrolleur? Muss ich mich jetzt vor dir rechtfertigen, du dumme Nuss? Selbst nix gelernt aber hier auf Oberlehrerin machen? Ich bin der Meister, kapier das endlich. Ich weiß was ich tue. Also schreib es so wie ich es will! Und Schluss mit deinen Belehrungen und Kontrollen!“
„Nein! Dann schreib es doch selbst!“ weigerte ich mich. Empört sprang ich von dem Stuhl auf und warf ihm den Block mit den Notizen vor die Füße.
Als ich das Zimmer verlassen wollte, erwischte mein Mann mich noch an der Tür und seine Faust traf mich hart zwischen den Schulterblättern mitten im Rücken.
„Au! Du Schwein!“ schrie ich vor Schmerzen und drehte mich mit erhobenem Bein um. Ich trat nach ihm und der Tritt
verfehlte knapp seine Genitalien, traf ihn aber kräftig am Oberschenkel.
Robert wollte sich wohl revanchieren, doch ich war schneller und entwischte eben noch nach draußen ins Treppenhaus.
Unsere Tochter kam gerade die Treppe hinauf, das war wieder einmal meine Rettung. Bei Ramonas Anblick ging Robert kommentarlos zurück in die Wohnung.
Welch ein Chaos! War das unser neuer Weg? Und wie wollte Robert mit den Preisen seinen Vorsatz mit dem guten Leben wahr machen?