Читать книгу Schweizer Wirtschaftseliten 1910-2010 - Thomas David S.G. - Страница 5
Einleitung
Оглавление«Die grossen Familien, welche Geschichte gemacht haben, die Willes, Sprechers, Bührles, Sulzers, Ballys, Boveris etc. haben kein Interesse daran, ihre jüngsten Vergangenheiten ans Licht kommen zu lassen. Die Legalität ist dabei auf ihrer Seite, der Privatbesitz an Archivmitteln bekanntlich gesetzlich geschützt, so gut wie der Privatbesitz an Produktionsmitteln.»1
Ende der 1980er-Jahre schilderte Niklaus Meienberg im Detail die Schwierigkeiten, auf die er stiess, als er eine Biografie Ulrich Willes verfassen wollte. Der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg sympathisierte offen mit dem deutschen Kaiserreich und war das berühmteste Mitglied eines in Armee und Wirtschaft einflussreichen «Clans».
Viele Faktoren hemmten die Erforschung der Wirtschaftseliten. Schwer zugängliche Informationen etwa und ein ideologisches Klima, das Diskretion zur Tugend verklärt und den Mythos einer demokratischen und egalitären Schweiz hochhält. Das heisst nicht, dass überhaupt keine Studien vorliegen. Doch beschäftigte sich die Geschichtswissenschaft in der Schweiz bisher vor allem mit den privilegierten Gesellschaftsklassen des Ancien Régime und mit dem Patriziat einiger Städte. Wo sie die jüngere Vergangenheit in den Blick nahm, konzentrierte sie sich auf spezifische Branchen oder auf Biografien der grossen «Unternehmer», welche die Erfolgsgeschichte der Schweiz prägten. Aber gerade Schlüsselbranchen der Schweizer Wirtschaft wie der Banken- und Versicherungssektor wurden vernachlässigt, weil es keinen Zugang zu den Archiven gab. Unbestritten ist, dass eine Gesamtsicht auf die Wirtschaftseliten des 19. und 20. Jahrhunderts fehlt; eine «Kollektivbiografie» dieser mächtigen Sozialgruppe bleibt ein Desiderat.2 Es gab zwar entsprechende Versuche, doch fehlte ihnen entweder die empirische Grundlage, oder sie waren stark ideologisch gefärbt.
In den 1930er- und 1940er-Jahren prangerten linke Gewerkschafter, Journalisten und Intellektuelle die Macht der Wirtschaftseliten an. Georges Bähler alias Pollux (1895–1982) untersuchte die wechselseitige Durchdringung von Wirtschaft und Politik. In einer 1944 publizierten Arbeit zeigt er, dass das Land von 200 Familien beherrscht wird, von denen viele zur alten Aristokratie und dem Patriziat gehören. 1965 beauftragte der Bundesrat den Zürcher Rechtsanwalt Georg Gautschi damit, einen Bericht über die Notwendigkeit einer Reform des Aktienrechts zu verfassen und entsprechende Vorschläge zu erarbeiten. Im Jahr darauf legte Gautschi einen mehr als 700 Seiten umfassenden Rapport vor, in dem er die Funktionsweise der Schweizer Grossunternehmen scharf kritisierte. Die Wirtschaftseliten, urteilt er darin, würden einen verschworenen Zirkel bilden und in den Firmen oft wenig demokratisch handeln: «Vererbung und Heirat in Unternehmerkreisen und die Verflechtung gleichartiger Interessen haben bewirkt, dass ein relativ kleiner Kreis von Personen die Verwaltungsratspositionen in den bedeutenden Unternehmungen besetzt […]. Der Kreis erweitert sich da und dort durch Bankenvertreter, die seltener auf Grund von Kreditgewährung als auf Grund der Stimmkraft von Depotkunden oder verwalteten Anlagefonds beigezogen werden.»3 Die betroffenen Milieus reagierten heftig, und der Bericht wurde nie publiziert, aus Angst, er könne eine «öffentliche Polemik» auslösen.
In den 1970er-Jahren hinterfragten mehrere kritische Darstellungen den Aufstieg des «helvetischen Imperiums» seit dem 19. Jahrhundert. Im Lauf des 20. Jahrhunderts hatte sich die Schweiz zu einer blühenden Volkswirtschaft entwickelt, deren Motor unzählige, in der ganzen Welt präsente, multinationale Konzerne waren. Autoren wie Lorenz Stucki oder François Höpflinger beklagten, dass die wirtschaftliche Macht in den Händen eines sehr kleinen Kreises konzentriert war, der im Wesentlichen aus «grossen» Familien bestand, die die wichtigsten Schweizer Firmen mit strategischen Aktienpaketen kontrollierten. Diese Analysen lieferten zwar wertvolle Informationen, blieben aber sehr allgemein. Weil es von einigen Ausnahmen abgesehen kaum weiterführende und vertiefende Studien gab, blieb die Erforschung der Wirtschaftseliten nach diesen Pionierwerken ohne Fortsetzung.
Zwar gibt es Anzeichen, dass es einfacher geworden ist, über die Schweizer Wirtschaftseliten zu forschen und zu schreiben: Das Internet macht viele Informationen über Unternehmen öffentlich zugänglich. Dasselbe gilt für die «Rankings», beispielsweise die Rangliste der 300 reichsten Schweizerinnen und Schweizer, die das Magazin «Bilanz» seit 1989 jährlich zusammenstellt. Zudem müssen die Konzerne heute transparenter informieren, um die Anleger an den Börsen zu befriedigen – das geht so weit, dass die Löhne und Boni der meisten Verwaltungsratspräsidenten und CEOs heute bekannt sind. Dennoch: Liest man die (Wirtschafts-)Presse, staunt man noch immer über die häufig hagiografische und oberflächliche Berichterstattung über die Wirtschaftseliten. In ganzen Artikeln werden die Geschäftsstrategien der Wirtschaftsführer, ihre persönlichen Verdienste oder ihr philanthropisches Engagement gepriesen. Ein beliebtes Thema ist der Leistungskult der Spitzenmanager. Viel Tinte wird vergossen, um ihre sportlichen Exploits – etwa im Lauf- und Wassersport – oder ihren höllischen Arbeitsrhythmus herauszustreichen. Die Aussage, man beginne den Arbeitstag um 4 oder 5 Uhr morgens, ist zur obligaten Passage jedes Interviews mit einem Wirtschaftsführer geworden.
Nichts oder kaum etwas ist dagegen über die Bedingungen und Umstände zu erfahren, die den Erfolg der Spitzenkader erklärten. Es entsteht der Eindruck, der Erfolg der Entscheidungsträger sei allein ihren – gewiss oft grossen – persönlichen Fähigkeiten und Verdiensten zu verdanken. Die sozialen Mechanismen, die ihren Aufstieg erleichterten, werden verschwiegen. Dazu zählen das Familienvermögen, Studien an prestigeträchtigen Bildungsinstitutionen oder die Teilnahme an einflussreichen gesellschaftlichen Netzwerken.
Diese Lücken wollen wir mit unserem Buch schliessen: Die vorliegende Kollektivbiografie der obersten Kader der grossen Schweizer Unternehmen beleuchtet die Faktoren, die zur Entstehung und Reproduktion der Wirtschaftseliten beitragen, und zeigt auf, wie sich das Profil der Wirtschaftsführer über mehr als ein Jahrhundert entwickelt hat. Mit dem Buch, das als Kollektivarbeit entstanden ist und sich auf eine Datenbank mit mehr als 20 000 biografischen Einträgen stützt, legen wir erstmals eine Überblicksdarstellung zu den Schweizer Wirtschaftseliten im 20. und frühen 21. Jahrhundert vor.
Was zeigen wir in diesem Buch? Bis in die 1980er-Jahre zeichnet sich das soziologische Profil der Wirtschaftseliten durch eine gewisse Stabilität und Kontinuität aus. Schematisch liesse sich ein Schweizer Wirtschaftsführer folgendermassen beschreiben: männlich, Schweizer Staatsbürger, Jurist, freisinnig, Milizoffizier, in mehreren Verwaltungsräten von Grossunternehmen (siehe erster und zweiter Teil). Doch im Lauf der letzten 30 Jahre führte die Globalisierung und die zunehmende Finanzialisierung der Wirtschaft zu grossen Umwälzungen. Die Anzahl Ausländer an der Spitze der Unternehmen nahm stark zu. Wirtschaftswissenschaftliche Studien oder ein Master of Business Administration (MBA)* – der im Idealfall an einer prestigeträchtigen angelsächsischen Universität erworben wurde – traten an die Stelle der juristischen Ausbildung. Neue Institutionen wie Business Schools und die internationalen Beratungs- und Revisionsgesellschaften mauserten sich zu wichtigen Orten der Ausbildung und Beziehungspflege. Umgekehrt lockerten sich die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Politik. Auch die Verflechtungen zwischen den Grossunternehmen verloren stark an Bedeutung. Doch trotz des Umbruchs blieben traditionelle Auswahlmechanismen wirksam: Nach wie vor erreichen nur sehr wenige Frauen und Arbeiterkinder wirtschaftliche Spitzenpositionen. Zudem bleibt die Armee – obschon sie an Einfluss verloren hat – ein Ort, an dem Schweizer Eliten ausgebildet und sozialisiert werden.
Die Schweizer Wirtschaftseliten unterscheiden sich von denjenigen anderer europäischer Länder dadurch, dass sie gleichzeitig in mehreren Machtsphären vertreten sind. Das gilt vorab für die Politik, aber auch für die militärischen, kulturellen, wissenschaftlichen und philanthropischen Bereiche. Warum ist das so? Das Milizsystem hat den Bundesstaat seit seiner Gründung 1848 geprägt, daher die enge Verflechtung zwischen der wirtschaftlichen, militärischen und politischen Macht. Hinzu kommt die Kleinräumigkeit des Landes, die zu einer überschaubaren Eliteformation geführt hat, in der, dank einer Vielzahl von gesellschaftlichen Netzwerken, «jeder jeden kennt». Das aus der Kleinräumigkeit des Landes heraus entstandene Gefühl der Verletzlichkeit führte zu einer engen Kooperation zwischen sektoriellen und regionalen Eliten, obwohl diese nicht selten voneinander abweichende Interessen vertreten. Einige Beobachter haben das schweizerische System der «Corporate Governance» deshalb als «Alpenfestung» charakterisiert: Vom Ersten Weltkrieg bis in die 1980er-Jahre wurde Ausländern der Zugang zur Spitze von Schweizer Grossunternehmen erschwert oder ganz verwehrt. Diese relative Abschottung war in einem gewissen Sinn paradox, fand sie doch vor dem Hintergrund einer Öffnung gegenüber den Weltmärkten und einer starken Expansion der multinationalen Konzerne statt.
Das Milizsystem, die geringe Grösse des Landes und die grosse Abhängigkeit von den internationalen Märkten erklären also den Einfluss und die engen Beziehungen zu den anderen Machtsphären, die die Wirtschaftseliten hierzulande haben. In seinem Klassiker über die amerikanischen Eliten führte der Soziologe C.Wright Mills vor 50 Jahren den Begriff der «Machtelite» («power elite») ein, um die Organisation und die Funktionsweise der damals herrschenden Kreise zu erfassen. Mit dem Begriff umschrieb Mills «diejenigen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Gruppen […], die als kompliziertes Gebilde einander überschneidender Kreise an allen Entscheidungen von zumindest nationaler […] Tragweite teilhaben».4 Aufgrund ihrer Führungspositionen in den wirtschaftlichen, politischen und militärischen Einflusssphären zählen diese Akteure zu den wichtigsten Entscheidungsträgern der Gesellschaft. Ohne Zweifel gehören Schweizer Wirtschaftsführer zu einer «Machtelite», wie sie Mills für die USA definierte.