Читать книгу Clone Designer - 2984 - Till Symon - Страница 4

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Allsa

Sie war eine dieser typischen potthässlichen Fabriken, von denen im Weltall an die Tausend gebaut worden waren. Die meisten gehörten natürlich zur Allsa-Gruppe. Man hatte sie in eine 24-Stunden-Rotation versetzt, um den dort arbeitenden Menschen das Zeitgefühl zu erleich­tern. Hervorragende Ener­gie­versorgung durch die Sonne; extreme Tem­pe­raturen und Vakuum kostenlos. Die meisten Produktionen wurden aber auch in den Weltraum verlegt, um Spionage zu verhindern. All­sas größter Feind waren die zahlreichen Organisationen der Individua­listen, die nur acht Prozent der Menschheit ausmach­ten. Nach der letzten Weltwirtschaftskrise war ihnen die Auto­nomie gelungen. Sie hatten eine eigene Regierung gegründet, mit eigenen Präsidenten, au­tar­­ken Camps und Gesetzen. Für die restlichen 92% Industrialisten waren sie eine zurückge­blie­bene, minderwertige Einheit. Eine Art Sekte, mit einer längst überholten Weltanschauung, die in jedem tech­nischen Fort­schritt das Böse sah.

Clark hatte seine eigene Weltanschauung, ließ es sich je­doch kaum anmerken. Trotzdem fiel er immer wieder durch zynische Bemerkungen auf. Er gehörte zu den Besten der Clone Designer und konnte sich viel leisten, denn man wollte auf ihn nicht verzichten. Das genoss er und provozierte ständig die Hierar­chien. Während fast jeder Industrialist davon träumte, in den Elite Stand erhoben zu werden, drückte sich Clark vor diesem Status mit dem Unsterblichkeitspass und den vielen an­deren Privilegien. Denn einmal in der Elite angekommen, gab es kein Zurück mehr. Zwar war Clark dadurch der Weg zu vielen hochbezahlten Arbeiten versperrt, doch er wollte ohne­hin nur an Projekten arbeiten, die halbwegs durchsichtig und zu verantworten waren. Vieles, was Allsa in den Geheim­pro­jekten betrieb, war äußerst nebulös und ständig für Spekula­tionen gut. Also beließ er es bei einem, Dr. Clark Seli Ashton, denn die Semi Elite hatte immer noch die Option, aus jedem Unterneh­men auszusteigen, wozu Clark sich vor fünf Jahren entschieden hatte, und zur Clonedake Share gewechselt war. Clone­dake war eines der wenigen noch verbliebenen Großun­ter­­nehmen, die nicht zur Allsa-Gruppe gehörten, der mächtig­ste Konzern des Universums, dessen Fir­men­geflecht kaum ein Mensch noch überblicken konnte.

Zumindest eines hatten alle Konzerne gemeinsam. Sie alle kämpften mit der Konsummüdigkeit der Menschheit. Jeder konn­te sich fast alles leisten, und nur der Weltraum war den Pri­vile­gierten vorbehalten. Als Semi Elite und den wechselten Ein­­satzorten im Weltraum, zierte Clarks ID am Ende die bei­den Buchstaben SL. Space Licence. Von seinen vielen Paten­ten konnte er sich ein Schiff leisten, eine Conestar Ecolight II. Conestar gehörte zur Allsa-Gruppe, aber das war ihm egal. Über die ständigen Dispute zwischen Individualisten und In­dus­­trialisten konnte er häufig nur schmunzeln.

Lebe dein Leben und die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgend­wo in der Mitte; auf einer Skala, deren Ende wir weder Links noch Rechts erblicken können. Das hält die Konsu­men­ten beschäftigt. Wahrheits­findung ist wie eine Offen­ba­rung, für eine neue Palette zahlreicher Produkte. Also griff Allsa regel­mäßig Konkurrenzprodukte an, heizte die Gemüter der Men­schen auf, deren Produktbekenntnisse wie ein reli­gi­öser Wahn zum Bestandteil ihrer Selbstfindung wurden. Irgendeine Indi­vidualistenorganisation fand dann immer schnell heraus, dass das monierte Konkurrenzprodukt eben­falls aus dem Hause All­sa stammte, über Scheinfirmen vertrie­ben wurde und nur den Zweck erfüllte, einen Glaubenskrieg zwischen den Konsu­men­ten auszulösen. Diese Deppen spielten dieses Spiel brav mit. Allsa glaubte, dieses Karussell endlos drehen zu können. Dann kam der Zusammenbruch. – Der Anfang der größten Wirt­schaftskrise der Geschichte.

Die Schuldigen waren schnell ausgemacht. Die Indivi­dua­listen, da war sich Allsa sicher, hatten durch gezielte Mani­pu­lation der Märkte ein hervorragend funktionierendes Wirt­schaftsystem geschaffen und die Konsumenten völlig ver­un­sichert. Es wäre höchste Zeit, die Menschheit von ethnischen Minderheiten zu befreien, deren Lebensinhalt offen­sicht­lich nur in der Behinderung von Fortschritt und Wohlstand lag. Ein­gliederung, nannte Allsa die angestrebte Zwangsum­sied­lung der Camps. Fast wäre es gelungen, denn das Weltkomitee, Hüter der Ver­fas­sung, bestand überwiegend aus liniengetreuen Allsa-Leuten. Doch von den erforderlichen 75% für eine Ver­fassungsänderung stimmten im Weltkomitee nur 68% zu. Das hatte Signalwirkung. Es kam zu zahl­reichen Überläufern zu den Individualisten. Darunter viele Know-how-Träger aus der Semi Elite.

Clark war damals noch bei Allsa geblieben, weil er die Struk­­turen und Projekte weiter studieren wollte und sich dort eigentlich doch recht wohl fühlte. Außerdem interessierte ihn das politische Gerangel einfach nicht. Mit 62 Jahren war er noch sehr jung, und der beste Weg, sich das Leben zu versauen, wäre die Politik, dachte er sich.

Er ließ es einfach an sich abprallen:

Als Allsa anfing, zahlreiche Unternehmen zu liquidieren, sie einfach aushungern ließ und in den Konkurs trieb, wenn auch nur ein Teilhaber existierte, der nicht als linientreu einge­stuft wurde. Es kam ihm eher lustig vor, wie Allsa ihre Tenta­keln immer weiter in die Behörden­sys­teme streckte, Probleme ent­deckte die keine waren und für deren überflüssige Lösung wieder ein Allsa-Produkt zur Verfügung stellte.

Wie Menschen verunsichert Berater aufsuchten, aus Angst die fal­sche Wahl eines Produktes zu treffen, um gesellschaftlich nicht missver­standen zu werden.

Wie sich ein Dr. Broke Eli Castello als Chef Designer zur Kult­figur machen ließ, um mit seinem Charisma und Rat­schlä­gen den Menschen großzügig eine Identität wieder zu geben, die er ihnen vorher genom­men hatte.

Dass 91 % von 70 Milliarden Menschen eigentlich nur noch wie eine empfindliche biologische Masse funktionierten, die in einer Nahrungs­kette namens Wirtschaft, möglichst keimfrei, steril und stets hungrig gehalten werden sollte.

Wie sie diese biologische Masse ständig manipulierten, als würden sie Bakterienkulturen züchten, die einen stinkenden Ka­da­ver zersetzen sollten, der dann als wohlriechende Brühe durch alle Kanäle der Welt lief.

Wie er als Clone Designer täglich neue Gencocktails an­rühr­te, die dann wie Impfstoff in diese biologische Masse inji­ziert wurden, damit die Geruchsorgane der Welt so manipuliert wurden, dass auch der Letzte diesen Duft ausweglos schön, erhaben und entspannend fand. Nein, diese Menge dürfte ohne diesen Duft nicht mehr überlebensfähig sein. Theoretisch ei­gent­lich kein Problem, aber nach der Verfassung verboten. Und immer dann, wenn Clark dieser erhabene Duft doch die stin­kender Kadaver in die Nase kroch, wechselte er die Pro­jekte.

So schwappte diese Brühe an 8% Individualisten vorbei, die sich zum Großteil eine eigene Welt auf fernen Formaten aufbauten. Clark gehörte zu den 1% Semi Elite und Elite, die die Freiheit hatten, das riechen zu dürfen, was sie riechen woll­ten, dafür aber einen hohen Preis bezahlten. Sie mussten sich zunehmend der absoluten Hörigkeit ihrer Konzerne unter­wer­fen. Aber das war für die meisten eigentlich Ehren­sache, wenn man zu denen gehörte, die nicht in dieser Welt lebten, son­dern diese Welt formten, um sich dabei eigene Freiräume zu schaff­ten.

Clark fand sich damit ab, dass seine Frau Jaimie sich von ihm trenn­te, zur erzkonservativen Individualistin konvertierte und seit nunmehr 40 Jahren auf einem Formaten lebte, auf dem vor 12 Jahren seine Tochter Patricia geboren wurde. Nein, das war eigentlich gut so, denn Patricia wuchs mit Gerüchen auf, die auf der Erde noch vor tausend Jah­ren herrschten. Nie­mand, der verstanden hat, wie diese heutige Brühe wirklich stank, wollte seine Kinder damit aufwachsen lassen.

Den immer stärker tobenden Wirtschaftskrieg betrachtete Clark wie ein Schwarm aufgescheuchter Fische im Aquarium. Als ihm die Brühe dann doch zu sehr bei Allsa stank, wagte er den Sprung zur Clonedake Share. Für seinen ehemaligen Vor­gesetzen Castello, einen exzellenten Strategen, war er ein cha­rakterloser Verräter. Er bewunderte Clarks Leistungen und aus dieser Bewunderung entstand ein tiefer Hass zwischen den beiden. Clonedake war für Clark die beste Option, denn das tra­di­tionsreiche Unternehmen hatte Geschichte geschrieben und wurde von allen respektiert. Hier wagte Castello sich nicht rein. Noch nicht. Zu groß war die Gefahr, dass er sein Ansehen als Gut­mensch in der Öffentlichkeit verlieren könnte. Clonedake war Castello schon im­mer ein Dorn im Auge und seine größte Herausforderung gewesen.

Fünf Jahre waren nun vergangen und alles, was Clark von Allsa ver­misste, waren ein paar alte Freunde, zu denen der Kon­takt zunehmend abriss. Sonst lief alles wie am Schnürchen. Clarks Arbeit bei Clonedake war leichte Kost an Dhymatik Rechnern. Zwei weitere Patente wollte er sich noch sichern, um dann ganz auszusteigen und was Neues anzufan­gen. Was, wuss­te er noch gar nicht so genau. Er wollte nur eine goldene Regel befolgen: Wenn es am besten läuft, sollst du aufhören.

Nur lief es bei Clonedake plötzlich gar nicht mehr gut. Da wurden Topdesigner abgezogen, die eigentlich dringend ge­braucht wurden. Die Stimmung unter den Kollegen wurde zu­nehmend frostig. Kaum einer machte noch Witze, und gerade Clark war für seinen trockenen Humor bekannt. Er konnte Gags bierernst vortragen, die nur Insider verstan­den. Während die Leute erstaunte Gesichter machten, brach das Kolle­gium in schallendes Gelächter aus. Doch es war niemanden mehr zum Lachen zumute. Clonedakes Kurse brachen immer tiefer ein. Das passte zu Allsas neuer Strategie, die Castello euphorisch dem jubelnden Volk zurief.

»Genug ist niemals genug. Wir wollen alles. Wir sind die Stärksten. Wir sind nur für euch da. Ihr habt mit eurem Quali­tätsbewusstsein neue Maßstäbe gesetzt. Weil ihr so klug seid, weil ihr Verstand habt. Dafür dan­ken wir euch. Wir danken euch mit neuen, noch besseren Produk­ten. Ihr habt sie ver­dient. Wir sind eine Einheit. Wir sind Allsa!«.

Und wieder schwamm der Schwarm Fische aufgescheucht im Aqua­rium umher. Diesmal prallte es an Clark nicht ab. Bisher hatte es immer noch so etwas wie Wettbewerb gegeben. Doch der sollte nun ausschließ­lich zur Selbstinszenierung von Allsa werden. Sie begannen nach jedem, selbst dem kleinsten Unter­nehmen zu greifen und saugten alles auf, wie ein trocke­ner Schwamm. Es würde Jahre dauern, bis das Weltkomitee über die Flut an Kartellklagen entschieden hätte. Und bis zur Entschei­dung würde es die Kläger längst nicht mehr geben.

Der Trick war einfach. Allsa zog immer wieder die eigenen Leute aus dem Weltkomitee ab, die sich für Kritik offen zeigten. Plötzlich quittier­ten sie ihre Mandate. Allsa begründete das zy­nisch mit dem Vorwurf der Individualisten, dass doch das Welt­komitee zu sehr von Allsa-Getreuen unterwandert sei. So er­­zeug­­ten sie eine permanente Handlungsunfähig­keit und sämt­­liche Verfahren stagnierten. Zahlreiche unabhängige Un­ter­nehmen standen mit dem Rücken an der Wand. Nun for­derte das Weltkomitee die Neubesetzung der Mandate und die Welle schwappte zurück. Um die Verfahren voranzutreiben blieb den gebeutelten Unter­nehmern nichts anderes übrig, als jedem neuen Mandat zuzustimmen. Ausschließlich linientreue Allsa-Leute, die dann überraschend alle Klagen zuließen, um großzügig viele bedrohte Existenzen zu retten. Es ging nicht um die Unternehmen.

Allsas Ziel war die radikale Änderung der Verfassung!

Vorangetrieben von einem vom Größenwahn besessenen Chef De­sig­­ner: Dr. Broke Eli Castello. Es rumorte in den eige­nen Reihen und viele, sonst so erhabene Designer, gerieten in Panik. Bei Clonedake ging es für Clark nicht mehr weiter. Spon­­tan hatte er sich entschieden, nun eine eigene Firma zu grün­den. Für die Umsetzung seiner Patente fiel ihm nur ein ge­eig­neter Partner ein. Mel Thomsen. Seit Clark bei Allsa weg­gegangen war, hatte er keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Es war ein Kodex unter Freunden, die bei konkurrierenden Unter­nehmen arbeiteten, keinen Kontakt zu halten, denn das hätte den Vertrauens­status belastet. Aber Mel würde sofort aus­stei­gen und mitmachen, da war er sich sicher. Sie hatten sich bestens verstanden und immer die richtigen Ideen im richtigen Moment gehabt.

Clarks Versuch, mit Mel in Kontakt zu treten, endete in Ernüchterung. Mel Thomsen gab es bei Allsa nicht mehr. Er war seit über vier Jahren spurlos verschwunden und mit ihm seine Tochter Sarah. Bei allen Nachfragen traf er auf betretenes Schweigen. Er wollte sich verän­dern, hieß es nur. Fast hatte er ihn schon abgeschrieben, irgendwo zu­rück­ge­zogen auf einem Formaten vermutet, als sich ein gewisser Dave aus einem Camp bei ihm meldete, der dringende, wichtige Informa­tio­nen anzu­bieten hatte.

Clone Designer - 2984

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