Читать книгу Der erste Tag im Ruhestand - Udo Lange - Страница 14
Оглавление8 -Kater Schurr
Die Eheleute Gertrude und Klaus-Dieter Wilke haben einen kleinen Hof, den sie allein bewirtschaften. Er arbeitet noch für fünf Stunden in einer Landmaschinenreparaturwerkstatt als Schlosser und seine Frau in einer Apotheke, die sich in ihrem Wohnort befindet. Sie kommen finanziell so einigermaßen über die Runden und sind beide mit ihrem Leben sehr zufrieden. Die Nachmittage verbringen sie auf ihrem Hof mit den notwendigen Arbeiten. Sie haben zwei Kühe, zwei Schweine, zwei Ziegen und ein paar Hühner und Gänse. Diese müssen alle versorgt werden, denn Gertrude stellt aus einem Teil der Kuh- und Ziegenmilch Käse her. Dieser ist meist schon ausverkauft, dank genügender Vorbestellungen. Ein Hofbewohner wurde bisher noch nicht erwähnt. Es ist ihr bildschöne Kater mit Namen Schnurr. Er hat ein schwarzes, seidenglänzendes Fell, seine Pfötchen sind jedoch ganz weiß. Es sieht aus, als hätte er in Mehl gestanden.
Die Eheleute hatten schon mehrere Katzen gehabt, aber Schnurr übertrifft sie alle an Schönheit und Anschmiegsamkeit. Wenn es irgendwie möglich ist, möchte er mit seinen Menschen unentwegt schmusen. Es dauert dabei nicht lange, dann schnurrt er vor Glückseligkeit und schmiegt sich an seinen Beschmuser. Aber wehe, das Kraulen hört auf. Dann ist er schwer beleidigt und macht sich mit erhobenem Schwanz davon.
Um den Hof der Wilkens herum gibt es ein paar Nachbarn, die auch Katzen haben. Wenn Schnurr merkt, dass die Katzendamen Ausgang haben, wandert er in der Wohnung ganz unruhig hin und her, bis ihm die Türe geöffnet wird und er zu den Damen kann. Aber wie - das muss man gesehen haben! Er wirkte dann wie ein aufgeplusterter Gockel. Es sind meist vier bis sechs Katzen unterwegs und es sieht so aus, als würden sie ihn anhimmeln. Sie begrüßen ihn sehr freundlich und sind froh, wenn er um sie herum ist.
Seit einiger Zeit aber lief immer eine einzelne Katze in seinem Revier umher, die von ihm nichts wissen wollte. Schnurr hatte sie schon lange bemerkt und sein Augenmerk auf sie gerichtet, aber sie dachte nicht daran, ihm auch nur einen Blick zuzuwerfen. Die Dame war bildschön. Ihr Fell war ganz weiß, Schwanz und Pfötchen jedoch schwarz. Bei ihr könnte man meinen, sie käme geradewegs aus einem Kohlenkeller. Schnurr wollte so gerne mit dieser Mieze anbandeln, kam aber nicht an sie heran.
Ein paar Tage später überlegte er sich, dass eine andere Taktik anwendet werden müsse. Nach einer geraumen Zeit gelang es ihm, eine Maus zu fangen. Die ganze Damenschar, die sonst um ihn herum war, freute sich und rätselte, wer den Fang nun bekommen würde. Schnurr stolzierte jedoch mit seiner Maus im Maul an allen vorbei und schritt schnurstracks auf seine Angebetete zu. Diese würdigte ihn keines Blickes. Doch plötzlich blieb sie stehen, als hätte sie es sich anders überlegt und ging ein paar Schritte auf ihn zu. Er konnte sein Glück nicht fassen und übergab ihr freudestrahlend die Maus, die sie gerne annahm und sofort gierig verschlang, hatte sie doch schon länger kein ordentliches Futter gehabt. Der Schmaus war deshalb sehr willkommen. Die anderen Miezen sahen sich die ganze Sache mit Unbehagen an, konnten aber nichts machen. Seit dem Tag bekamen sie Schnurr nur noch ganz selten zu sehen, denn er hatte sich rargemacht und keine der Damen wusste, warum.
Eines Tages tauchte er wieder auf und tat so, als sei nichts gewesen. Dem war aber nicht so. Seine Angebetete kam etwas später aus dem nahe gelegenen Gebüsch hervor und hinter ihr die vier Katzenkinder. Schnurr zeigte mit seiner Angebeteten voller Stolz den Nachwuchs. Die Kleinen waren so niedlich, dass die anderen Katzendamen nicht anders konnten, als die ganze Familie freudig zu begrüßen und zu beglückwünschen.
Ein paar Wochen später tollten alle auf dem Hof der Wilkens herum und waren glücklich, dass sie so eine große Familie waren.