Читать книгу Herodes. König der Juden - Freund der Griechen - Verbündeter Roms - Ute Schall - Страница 6
Vorgeschichte – Die Politik der Makkabäer
ОглавлениеNachdem Alexander der Große, der einen Gutteil der alten Welt neu geordnet und seinem Willen unterworfen hatte, im Jahr 323 vor der von der christlichen Geschichtsschreibung später so genannten Zeitenwende im Alter von nur 33 Jahren in Babylon einem schweren Fieberanfall erlegen war, teilten seine Feldherrn und Nachfolger, die Diadochen, das von ihm hinterlassene Großreich nach heftigen Kämpfen unter sich auf. Es entstanden hellenistische Herrschaftsgebiete, die sich gegenseitig das Gleichgewicht halten sollten: Das in diesem Zusammenhang nicht näher interessierende der Antigoniden in Makedonien, das Ptolemäerreich in Ägypten und das der Seleukiden in Vorderasien, das etwa dem heutigen Syrien entsprach. Dazwischen lag Palästina, das Gelobte Land der Bibel, in das Jahwe, der Herr, sein auserwähltes Volk nach dem Auszug aus Ägypten geführt hatte und das abwechselnd die Begehrlichkeit der rivalisierenden Ptolemäer und Seleukiden weckte.
Seine geographische Lage, ein verhältnismäßig schmaler Küstenstreifen am östlichen Mittelmeer – als Durchgangsstraße für den internationalen Warenaustausch günstig gelegen, dadurch aber auch bedroht als Durchmarschgebiet zwischen Ägypten im Westen und den vorderasiatischen Reichen im Osten –, rückte es immer wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der benachbarten Großmächte.
Wollten sie einander Besitz und Herrschaft streitig machen, mussten sie zuvor jeweils das Heilige Land erobern oder doch wenigstens ihren Wünschen gefügig machen.
Im Lauf der Generationen übergreifenden Streitigkeiten hatten sich dort die Sympathien geteilt. „Die einen neigten zu den Ptolemäern, die anderen sahen ihren Vorteil eher bei den Seleukiden. Beiden Großmächten erschien daher eine volle Angliederung Judäas wünschenswert.“1 198 v. Chr. gelangte das kleine Land endgültig unter die Herrschaft der Seleukiden.
Als deren König Antiochos IV. mit dem schönen Beinamen Epiphanes, Erscheinung Gottes, 175 v. Chr. den Thron Syriens bestieg, war das kleine Judäa seinem Land tributpflichtig. Einen eigenen König hatte es nie gehabt, wenn es auch seit langem auf den in vielen Prophezeiungen angekündigten Messias hoffte, einen Erlöser nicht nur im heilsgeschichtlichen Sinn, sondern auch einen Befreier von jeder weltlichen Fremdherrschaft. Der neue König Syriens, Antiochos, ahnte nicht, dass ausgerechnet unter seiner Regentschaft für die Juden der Beginn eines neuen Zeitalters anbrechen sollte, in dem sich ihre Sehnsüchte wenigstens teilweise erfüllten.
Doch nur nach außen hin war Judäa ein Vasallenstaat der Seleukiden und diesen untertan. Im Inneren wurde es von Hohepriestern beherrscht, geistlichen Oberhirten und Würdenträgern, die aber durchaus auch weltliche Macht ausübten und ihren Vorteil zu nutzen wussten. Es versteht sich fast von selbst, dass für diese Aufgabe stets nur Männer ausgewählt wurden, die den fremden Herren genehm waren und nicht selten von ihnen selbst eingesetzt wurden.
Als Antiochos König wurde, versah in Jerusalem ein Mann namens Menelaos das Amt des Hohepriesters, der als eigensüchtig, schikanös und grausam beschrieben wird. Er bestach die Seleukiden – ein damals weit verbreitetes Mittel der Politik – und unterdrückte seine heimischen Gegner, vor allem die Anhänger eines gewissen Jason, den er im Jahr vor der Inthronisierung des neuen syrischen Königs aus dem Amt verdrängt hatte. Die Namen sind griechischen Ursprungs und deuten darauf hin, dass der Hellenisierungsprozess auch in Judäa bereits weit fortgeschritten war. Vor allem die führenden Kreise der Hauptstadt Jerusalem sprachen neben dem Hebräischen und Aramäischen auch Griechisch und versuchten überhaupt, den leichteren hellenistischen Lebensstil mit ihrem Judentum in Einklang zu bringen. Graeculi wurden sie ein wenig verächtlich genannt, besonders von denjenigen, die mit Leib und Leben für Gott und die Lehre der Väter eintraten und Chassidim hießen, die Frommen.
Schwer stöhnte Gottes auserwähltes Volk unter dem Joch des jungen Königs. Antiochos IV., grausamer noch als sein vor Jahren verstorbener Vater, hatte nicht nur dessen glanzvollen Thron geerbt. Er hatte auch gehofft, die Politik seines Vorgängers in Ägypten fortsetzen und das alte Land am Nil seinem syrischen Großreich einverleiben zu können. Diesen ehrgeizigen Plänen hatten jedoch die Römer, die zunehmend den Mittelmeerraum beherrschten, Einhalt geboten. Das aufstrebende Rom hatte, wie auch viele Nachbarländer Syriens, kein Interesse am Erstarken des Seleukidenreichs. So richtete dessen junger König seinen ganzen Zorn gegen das ohnehin stets unzufriedene Israel. Im Jahr 169 v. Chr. schleifte er die Stadtmauern Jerusalems, schändete den salomonischen Tempel, raubte den Tempelschatz, um seine maroden Staatsfinanzen zu sanieren, und verbot den jüdischen Kult. Alle Untertanen sollten zwangshellenisiert werden und den olympischen Zeus und andere Götter der Griechen verehren.
Den Juden war es fortan untersagt, ihre Söhne zu beschneiden und die strengen Sabbatregeln und Speisevorschriften zu beachten, Riten und Gebote, die nach ihrem Glauben einst Jahwe selbst seinem Volk auferlegt hatte und durch die es sich, zusammen mit dem strengen Monotheismus, von allen anderen Völkern unterschied.
Viele der Frommen Israels, die sich weigerten, ihrem Glauben abzuschwören, wurden getötet oder in die Sklaverei verkauft. Manchen gelang es, vor den blutigen Verfolgungen ins unbewohnte Hügelland oder in die Wüste zu entkommen. Sie mussten künftig nicht nur gegen die fremden Invasoren, sondern auch gegen ihre eigenen griechenfreundlichen Landsleute kämpfen.
Um diese Zeit, so berichtet der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus, von dem später noch ausführlich die Rede sein soll, „wohnte in Modi’im, einem Dorfe Judäas, ein Mann namens Mattathias … Er war Priester nach der Ordnung des Joarib und stammte aus Jerusalem. Der Herr hatte ihn mit fünf prächtigen Söhnen gesegnet: Johanan, Simon, Judas, Eleazar und Jonatan. Dieser Mattathias bejammerte vor seinen Söhnen das Elend des Volkes, die Plünderung der Stadt, die Beraubung des Tempels und die Änderung der Verfassung und erklärte ihnen, es sei besser, für die Gesetze der Väter den Tod zu erleiden als ein so schmähliches Leben zu führen …“2
Mattathias und seine Familie hatten einen beschwerlichen Weg hinter sich. Von Jerusalem aus waren sie auf gefährlichen Pfaden in die waldreichen Grophna-Hügel geflohen, und viele gleichgesinnte Juden aus dem ganzen Land hatten sich ihnen angeschlossen. Der Priester galt als Gelehrter und stand im Dorf Modi’im bald in hohem Ansehen. An eine baldige Rückkehr nach Jerusalem dachte wohl niemand mehr, denn Antiochos’ Spitzel waren allgegenwärtig und auf der Hut.
Eines Tages erschien ein königlicher Beamter in Modi’im, um die Einhaltung der neuen Kulte zu überprüfen. Er forderte den Priester auf, mit gutem Beispiel voranzugehen und mit den vorgeschriebenen griechischen Riten zu beginnen. Umso leichter, so mutmaßte er, würden sich seine Anhänger dem verehrten Vorbild anschließen. Um Mattathias anzuspornen, versprach er noch, dieser würde dem König dadurch besonders wohlgefällig werden.
Aber der Kämpfer Jahwes wies das Ansinnen entrüstet zurück. Andere mochten sich vergessen und aus Angst oder auch aus Liebedienerei Antiochos’ Befehlen nachkommen. Er und seine Söhne aber würden niemals den Gott ihrer Väter verraten.
Er hatte kaum ausgesprochen, da trat ein besonders willfähriger Jude hervor und schickte sich an, nach dem Willen des Syrers zu opfern. Mattathias aber zog sein Schwert, „sein Eifer glühte, sein Inneres erbebte. Er ließ seinem Zorn freien Lauf, wie es sich gehörte …“3 und erschlug den Treulosen vor dem Götzenaltar, hieb auch den königlichen Vertreter nieder und rief erregt aus: „Jeder, der noch für die Gebräuche unserer Väter und die Verehrung Gottes eifert, folge mir nach!“4 Und wieder musste er fliehen, gefolgt von seinen Kindern, diesmal in die Wüste, wo er sich mit seinen Anhängern vor den Schergen des Königs in Höhlen verbarg.
Dessen Heerführer riefen die Besatzung der Jerusalemer Burg, der Akra, zu den Waffen, um den Fliehenden nachzusetzen.
Als sie diese eingeholt und in ihren Verstecken aufgespürt hatten, versuchten sie, viele von ihnen mit Geduld und guten Worten zur Aufgabe zu bewegen. Aber die meisten ließen von ihren Vorstellungen nicht einmal ab, als Antiochos’ Leute sie gewaltsam angriffen. Unglücklicherweise war Sabbat, und die Juden glaubten, sich nicht wehren zu dürfen. Das blinde Vertrauen in die göttliche Gerechtigkeit wurde manchem zum Verhängnis. Als die Angreifer an die Eingänge der Höhlen Feuer legten, starben sie einen qualvollen Tod.
Wer dem wahnwitzigen Morden entkommen war, schloss sich Mattathias an, wählte ihn zum Anführer und ließ sich belehren, dass man sich auch am Sabbat verteidigen müsse, um nicht sinnlos sein Leben zu verlieren. Der fanatische Glaubenseiferer sammelte eine gewaltige Schar Gleichgesinnter um sich, ja, die Bewohner ganzer Dörfer liefen ihm geschlossen zu. Er ernannte sich jetzt selbst zum Richter, zerstörte fremde Altäre und ließ Abtrünnige gnadenlos hinrichten.
Aber sein Wüten währte nicht lange, da seine Tage gezählt waren. Schon ein Jahr später wurde er schwer krank. Er fühlte sein Ende nahen und ernannte seinen Sohn Simon, der „ein kluger Mann war“, zum geistigen Oberhaupt der Verschwörung. Sein Sohn Judas aber, „seit seiner Jugend ein tapferer Krieger“5, sollte der militärische Anführer der Widerstandsbewegung gegen die seleukidische Fremdherrschaft sein. Schon nannte man ihn den „Makkabäer“, was soviel wie „Hammer“ bedeutet. Und als solcher sollte sich der Spross des streitbaren Geistlichen wahrhaftig erweisen. Das Hohepriester- und Königsgeschlecht der Makkabäer oder auch – nach einem Vorfahren namens Hasmon – Hasmonäer, ging mit Mattathias und seinen Nachkommen als die erste Königsdynastie Judäas in die Geschichte ein.
Zum Zeitpunkt von Mattathias’ Tod (166 v. Chr.) war der so genannte Makkabäeraufstand noch nicht voll entbrannt. Noch hatten keine großen Kämpfe stattgefunden, aber ganz Judäa mit Ausnahme einiger befestigter Städte befand sich in aufständischer Hand. Der fromme Priester kannte seine Söhne genau. Judas enttäuschte die Erwartungen des alten Vaters nicht. Er bildete die Rebellen für einen Guerillakrieg aus. Mochten sie den gut gerüsteten syrischen Truppen zahlenmäßig auch unterlegen sein, so kannten sie sich doch im unwegsamen Gelände und den vielen verborgenen Schlupfwinkeln ihrer Heimat bestens aus. Auch wurden sie von den Dorfbewohnern kräftig unterstützt. Tagsüber gingen sie unauffällig ihrer scheinbar gewöhnlichen Arbeit nach. Nachts überfielen sie syrienfreundliche Siedlungen und königliche Spähtrupps.
Nahezu unbemerkt hatte sich unter dem Druck der immerwährenden Verfolgungen auch bei den Frommen „die noch vorherrschende Ansicht vom selbstverständlichen Lohn der Frömmigkeit gewandelt!“6. Gewisse hellenistische Vorstellungen von der den Körper überlebenden Seele waren ins jüdische Bewusstsein eingedrungen, sodass auch viele Juden jetzt auf die ausgleichende Gerechtigkeit nach dem Tod hofften.
Der Prophet Daniel, der als Visionär eher Gesichte von der Zukunft Israels zum Besten gab, sprach erstmals von Auferstehung und Vergeltung. „Viele von denen“, so sah er voraus, „die im Land des Staubes schlafen, werden erwachen, die einen zu ewigem Leben, zu Schmach und ewiger Verdammnis die anderen.“7 Diese Ansicht stärkte nicht nur den Widerstandswillen, sondern förderte auch die Bereitschaft zum Martyrium.
Judäas Partisanen setzten jedenfalls den syrischen Truppen heftig zu. Ihr Anführer ging dabei mit gutem Beispiel voran. „Er glich im Kampf einem Löwen“, hieß es von ihm, „einem Junglöwen, der nach Beute brüllt.“8 Zudem bewahrheitete sich bei ihm das Sprichwort vom Glück des Tüchtigen. Die syrischen Söldner, eher an offene Feldschlachten gewöhnt, konnten in dem unwirtlichen Gelände ihre Kriegskunst nicht richtig entfalten. Um den Guerillakämpfern wirksam begegnen zu können, hätte es eines vielfachen Aufgebots an Soldaten bedurft. Diese aber vermochte der neue König nicht aufzubringen, da ihm wegen zahlreicher Unruhen auch in anderen Teilen seines Reiches die Hände gebunden waren.
Judas hatte also verhältnismäßig leichtes Spiel. Aus einem Hinterhalt überfiel er Apollinaris, den Statthalter Samarias, den die Syrer ihm mit einem Heer aus Bürgermilizen entgegengeschickt hatten. Er vernichtete die Truppe und tötete den Anführer, nahm dessen Schwert an sich und bestritt damit Zeit seines Lebens jeden Kampf. Ebenso fügte er Seron, einem anderen syrischen Befehlshaber, eine vernichtende Niederlage zu.
Spätestens jetzt muss Antiochos begriffen haben, dass er es mit einem gefährlichen Gegner zu tun hatte, der keineswegs unterschätzt werden durfte. Schnaubend vor Wut schickte er dem Rebellen seinen Reichsverweser Lysias mit einem großen Heer entgegen, um seine Macht zu brechen und sogar „die Erinnerung an die Juden auszulöschen“9. Die beiden führenden Feldherrn hießen Nikanor und Georgias. Sie marschierten vorsichtig von Norden her in Judäa ein und lagerten bei Emmaus.
Nikanor hatte in Erfahrung gebracht, dass sich Judas in Mizpe aufhielt. Also befahl er Georgias, das jüdische Lager nachts mit 6.000 Mann zu überfallen. Aber als dieser in Mizpe eintraf, fand er nur verlassene Unterkünfte vor. Getreue aus der einheimischen Bevölkerung hatten ihre Glaubensbrüder gewarnt. Er fahndete zwar im umliegenden Hügelland nach Flüchtigen, fand aber niemanden. Als er sich wieder seiner eigenen Niederlassung bei Emmaus näherte, sah er schon von ferne dicke Rauchwolken aufsteigen. Judas hatte während seiner Abwesenheit die seleukidischen Truppen angegriffen und ihnen schwere Verluste zugefügt. Wer überlebt hatte, war in panischer Angst geflohen. Da sahen Georgias’ Männer in der Ebene das in Schlachtordnung aufgestellte jüdische Heer …
Lysias erkannte, dass seine Generäle, so gut ausgebildet sie auch waren, gegen den begabten Strategen aus Israel nichts ausrichten konnten, und beschloss, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Er stellte sich Judas bei Bet-Zur, etwa 25 Kilometer von Jerusalem entfernt. Aber auch über ihn und seine Leute fielen die Partisanen wie Heuschrecken her und töteten 5.000 Mann. Ahnend, dass für ihn und die Seinen ein Sieg nicht oder doch nur mit unverhältnismäßigen Verlusten herbeizuführen wäre, leitete er eine Revision der eigenen Politik ein. Ein an die Gerusia, den Ältestenrat in Jerusalem, – aus dem wahrscheinlich der Sanhedrin, von dem später noch die Rede sein soll, hervorging – gerichteter Brief seines Königs vom April 164 v. Chr. sicherte allen Aufständischen, die binnen vierzehn Tagen in ihre Heimat zurückkehrten, eine Amnestie und das Recht zu, wieder nach ihren alten Geboten zu leben.
Judas Makkabäus aber war von seinem Glück berauscht und dachte nicht daran, sich auf einen Kompromiss einzulassen. „Unsere Feinde sind nun vernichtend geschlagen“, wandte er sich an seine Landsleute. „Lasst uns also nach Jerusalem hinaufziehen, den Tempel reinigen und neu weihen.“ Tatsächlich machte er noch im Dezember desselben Jahres dieses Vorhaben wahr, sodass die Kerzen am Leuchter im Heiligtum seines Gottes wieder entzündet werden konnten. Bis heute gedenkt das seinen Traditionen verhaftete Volk der Juden in aller Welt dieses Ereignisses mit der Feier des lichtreichen Chanukkafestes.
Nach Art aller Sieger ging auch Judas daran, unter den Einheimischen Ordnung zu schaffen. Er ließ die nötigen Thorarollen, von denen es infolge der Kriegsverluste nur noch wenige gab, neu herstellen und setzte die Schriftgelehrten wieder in ihre alten Stellungen ein. Die Priesterschaft hatte sich teilweise als sehr unzuverlässig erwiesen und musste ersetzt werden. Viele, die mit der hellenistischen Führungsschicht sympathisiert hatten, waren entweder geflohen oder hatten sich in der noch immer von den syrischen Besatzern gehaltenen Akra verschanzt. Als sich Judas jedoch anschickte, auch diese letzte Bastion seinem Volk zurückzuerobern, nahm Lysias den Kampf wieder auf. Wenn auch die Angaben im ersten Makkabäerbuch – sie sprechen von 100.000 Fußsoldaten, 20.000 Reitern und 32 Kampfelefanten – übertrieben erscheinen, so belagerte er Jerusalem doch mit der größten Streitmacht, die bisher gegen die Aufständischen eingesetzt worden war. Die Schlacht entschieden wohl die Kriegselefanten, denen Judas nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte. Sein Bruder Eleazar warf sich mutig unter eines der Ungetüme und schlitzte ihm den Bauch auf, wurde aber von der zusammenbrechenden Masse des Tieres erdrückt.
Dennoch war der Sieg der Seleukiden nicht vollkommen. Unruhen in der Heimat, die sich gegen seine Regentschaft richteten, zwangen den Reichsverweser, zurückzukehren. Er machte den Juden deshalb rasch ein Friedensangebot. Sie sollten ihre Festung auf dem Tempelberg räumen und dafür die Erlaubnis erhalten, nach ihren Geboten zu leben. Auch der neue, noch kindliche König Syriens, Antiochos V., der seinen kürzlich verstorbenen Vater abgelöst hatte, stimmte durch seine Berater dem Vorschlag zu.
Aber wiederum sahen Judas und seine Männer ihr Ziel nicht erreicht. Vor allem waren sie nicht gewillt, den von den Syrern eingesetzten Hohepriester, einen Mann namens Alkimos, zu dulden. Von den unverhofften militärischen Erfolgen geblendet, hatten sie längst nicht mehr nur eine Restauration der politischen Lage im Sinn, sondern erstrebten die völlige Autonomie.
Wirren im seleukidischen Königshaus kamen ihren Wünschen entgegen. Im Jahr nach der abgebrochenen Verteidigung Jerusalems entbrannte dort ein erbitterter Machtkampf zwischen den Nachkommen Antiochos’ und denen seines Bruder Seleukos, dessen Sohn Demetrios I. schließlich den Sieg davontrug.
Judas hatte die Kampfpause geschickt genutzt. Er hatte sich auf den Grophna-Hügeln einen Stützpunkt eingerichtet und sperrte von dort aus die Zugangswege nach Jerusalem. Auf einen Hilferuf des von den Syrern eingesetzten Hohepriesters entsandte Demetrios erneut seinen Feldherrn Nikanor mit 3.000 Mann nach Judäa. Dieser geriet jedoch in einen Hinterhalt der Freiheitskämpfer und wurde geschlagen. Ein zweiter Versuch, sich der begehrten Stadt zu nähern, kostete ihn das Leben. Der ungeliebte Alkimos wurde vertrieben, und Judas sicherte diesen Erfolg außenpolitisch ab, indem er bereits bestehende Kontakte zur aufstrebenden Großmacht Rom erneuerte. Möglicherweise reiste 161 v. Chr. eine jüdische Gesandtschaft nach Italien, um die Römer um ein Waffenbündnis und Aufnahme ihres Volkes als socius et amicus populi Romani zu bitten.
Doch die Seleukiden gaben noch nicht auf. Demetrios sandte den aufständischen Juden seinen hervorragenden Feldherrn Bakchides mit einer Eliteeinheit entgegen. Judas zögerte diesmal, sich zum Kampf zu stellen. Als er sich endlich entschloss, dem Syrer entgegen seiner bisherigen Guerillataktik in offener Feldschlacht zu begegnen, beschworen ihn seine Leute, die Entscheidung aufzuschieben. Doch davon wollte er nichts wissen. „Wenn unsere Zeit gekommen ist“, hielt er ihnen entgegen, „so wollen wir für unsere Brüder tapfer in den Tod gehen. Kein Schatten soll unsere Ehre beflecken.“10
Es war, als hätte er sein Ende vorausgesehen. Sein anfängliches Kriegsglück verließ ihn schon bald. Er fiel, und ganz Israel beweinte seinen Tod.
Die überlebenden Aufständischen schlossen sich seinem jüngsten Bruder Jonatan an und flohen mit ihm in die Wüste, wo sie sich zunächst wie Banditen durchschlagen mussten. Doch bald wurden sie von der Bevölkerung unterstützt und erstarkten, sodass ihnen wiederum Bakchides entgegengesandt wurde, um, wie es hieß, die hellenisierten Juden gegen die Rebellen zu schützen. Jonatan gelang es indes, den Nachschub des Generals empfindlich zu stören, bis dieser schließlich den hellenenfreundlichen Juden Jerusalems vorwarf, ihn in eine Falle gelockt zu haben. Er drohte, in seine Heimat nach Antiochien zurückzukehren und sie ihrem Schicksal zu überlassen. Davon hörte Jonatan und bot an, die hellenisierten Juden in Frieden zu lassen, wenn der General sich zurückziehe. Und tatsächlich zog der Syrer ohne weiteres Blutvergießen ab.
Denn auch der Anführer der aufständischen Juden hatte genug vom Krieg. Er legte das Schwert beiseite und widmete sich fortan der Politik. Im Laufe nur weniger Jahre wandelte sich der jüngste Sohn des kämpferischen Priesters Mattathias von einem verachteten Unruhestifter zu einem geachteten Staatsmann, um dessen Wohlwollen die rivalisierenden Thronanwärter des Seleukidenhofs buhlten und der es sich leisten konnte, seine Gunst bald dem einen, bald dem anderen zu gewähren.
Unter ihm waren die wichtigsten Ziele des Makkabäeraufstands erreicht. Zwar war Judäa noch kein unabhängiger Staat, aber doch ein autonomes Gebiet innerhalb des Seleukidenreichs, dessen südlichen Teil es weitgehend beherrschte. Bei aller Zufriedenheit mit dem Erreichten verlor Jonatan aber die endgültige Souveränität seines Landes nicht aus den Augen. Wie sein Bruder wenige Jahre zuvor sicherte auch er sich die Unterstützung Roms und suchte darüber hinaus die Verbindung zu Sparta, das damals noch beachtliche Macht besaß und zu dem möglicherweise schon sein Vorgänger diplomatische Beziehungen unterhalten hatte.
Er hätte womöglich die völlige Unabhängigkeit erlangt, wäre er nicht einem schändlichen Verrat zum Opfer gefallen. Tryphon, General des neuen und von ihm inthronisierten Herrschers Antiochos VI. und dessen eigentlicher Regent, befahl ihn nach Ptolemais mit dem Versprechen, ihm Jerusalem zu übergeben. Jonatan machte sich arglos mit einer 1.000 Mann starken Ehrengarde auf den Weg und stolperte geradewegs in die Falle. Der Syrer tötete die Männer, nahm den Anführer gefangen und schleppte ihn auf einen erneuten Kriegszug gegen Judäa mit.
Inzwischen hatte dort eine Volksversammlung Jonatans Bruder Simon, dem der Ruf besonderer Klugheit vorauseilte, zum Führer der Aufständischen ernannt. Simon erkannte die militärische Überlegenheit des Gegners, vermochte aber trotz einiger Zugeständnisse das Leben des Bruders nicht zu retten. Nach dessen Ermordung spielte er die seleukidischen Rivalen untereinander aus. Er ging daran, die Bewohner seines Landes zu zwangsjudaisieren und war schließlich stark genug, die Akra zu erobern, das letzte Bollwerk der Fremdherrschaft auf jüdischem Boden. Jetzt kontrollierte er ein geschlossenes Herrschaftsgebiet, das weit über die Grenzen Altisraels hinausging. Das Volk bewunderte ihn und begann, „Urkunden und Verträge mit der Formel einzuleiten: Im Jahr 1 der Regierung Simons, des Hohepriesters, Befehlshabers und Führers der Juden“11.
Seit sein Vater im Dorf Modi’im den Aufstand geprobt hatte, waren 25 Jahre vergangen. Die Juden hatten für ihre Unabhängigkeit einen gewaltigen Blutzoll entrichtet. Alle Brüder Simons hatten darin ihr Leben verloren. Und das Blutvergießen sollte weitergehen, auch wenn sich Judäa am Ziel seiner Wünsche glaubte.
Hätte Herodes, der seinen Führungsanspruch mehr als hundert Jahre später erhob, seine Wurzeln auf jenes überragende Makkabäer- oder Hasmonäergeschlecht zurückführen können, dessen Andenken man noch zu seiner Zeit in hohen Ehren hielt, sein Königtum wäre womöglich in sich gefestigter und er selbst fremden Einflüsterungen weniger zugänglich gewesen und den vielfachen, an seinem Hof gesponnenen Intrigen vielleicht nicht oder nicht mit den bekannten Folgen erlegen. Der Titel „der Große“, von der Nachwelt selten verliehen, hätte ihn dann sicherlich in den Geschichtsbüchern nicht nur von seinen gleichnamigen Kindern unterschieden, sondern seine unbestreitbaren Verdienste als Herrscher, weniger freilich seine menschlichen Eigenschaften, gewürdigt.
Die Ereignisse jedenfalls, die unter dem Priester Mattathias in Modi’im ihren Anfang genommen hatten, waren für die spätere Entwicklung Ausschlag gebend, und die Geschichte Israels hätte ohne sie sicherlich einen anderen Verlauf genommen.