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Das Schaf als Kompaß

Die Wanderungen in den nahegelegenen Bergen sind die Glanzlichter eines Schuljahres unter der Leitung des Chemielehrers. Passend zum Anlaß mit Kniebundhose und wetterfesten Schuhen ausgestattet, wartet Dr. Vígh darauf, daß wir mit dem Frühstück fertig sind und die Proviantpakete aus der Küche abholen. Mit hocherhobenem Wanderstock zählt er seine Herde durch, dann stapft er los. Die Herde, wir sind noch im ersten Schuljahr und vierzig an der Zahl, zieht fröhlich und beschwingt hinterher. Es soll eine mittelschwere Wanderung werden, sozusagen eine Exkursion für Kleinkinder, erklärt Dr. Vígh. Bei jeder Weggabelung holt er umständlich den Kompaß aus seiner Tasche, prüft noch zusätzlich den Sonnenstand und weist uns den richtigen Weg.

Als am späteren Nachmittag Stimmen laut werden, daß es nun reiche, wir sollten uns langsam auf den Heimweg machen, entscheidet sich unser munterer Wanderführer für eine Abkürzung. Uns allen, einzeln und gemeinsam, ist das ungewohnte Marschieren hügelauf und hügelab ungewohnt, die Schuhe drücken, die Füße tun weh, und allmählich macht sich eine allgemeine Beklemmung breit: Wird dies eine der sagenumwobenen Ausflüge mit Dr. Vígh, von denen die älteren Schüler Schauergeschichten erzählen?

Daß wir nach stundenlangem Herumirren doch noch den richtigen Weg gefunden haben, verdanken wir Gáspár, dem Schaf. Mit untrüglichem Instinkt plus einer außergewöhnlichen Orientierungsgabe ausgestattet, führt er uns schließlich aus dem Dickicht. Dr. Vígh ist der einzige, dem die Beine vor Müdigkeit nicht einknicken. Als wir bei Dunkelheit in die Stadt einmarschieren, stimmt er fröhlich ein Wanderlied an und merkt nicht einmal, daß keiner mitsingen kann. Das Abendessen fällt aus, jeder von uns ist froh, die Stufen zum jeweiligen Stockwerk erklimmen zu können.

Der Drachen beobachtet unseren Einzug und droht ausnahmsweise nicht mit Gründlich-waschen-müssen und Schuhe-sofort-putzen, sondern läßt uns nach einer Katzenwäsche ins Bett sinken. Nicht nur mir fällt auf, daß ihre Miene Spuren von Besorgnis und dann Erleichterung zeigt, als wir spät zwar, aber doch noch heil ankommen. Der Ausflug bleibt der letzte, den Dr. Vígh allein durchführen durfte, bei den nächsten Malen ist noch ein anderer Lehrer dabei.

Das Sommerpraktikum dauert vier Wochen, die verbringen wir in den schuleigenen Gärten und den Tokajer Weinbergen. Zur Ausbildung gehört, daß wir große landwirtschaftliche Geräte führen, unter anderem auch Traktor fahren müssen. Unsere Maschine ist ein störrisches altes Ding, geht immer wieder aus und gehorcht nicht immer dem Maschinisten. Es ist ein Wunder, daß bei diesen Übungen noch nie etwas passiert ist.

Die Arbeit in den Weinbergen ist knochenhart, in der großen Hitze fallen immer wieder Leute in Ohnmacht, weil sie zu wenig trinken oder ohne Kopfbedeckung einen Sonnenstich bekommen. Die Temperaturen betragen an manchen Tagen mörderische 40°C, aber es nützt nichts, wir müssen weitermachen.

Die Belohnung für die harte Arbeit ist der Besuch der Weinkeller. In Tolcsva. Im Hauptort des Tokajer Weingebietes, reift in Holzfässern der edle Aszú. Die Jungs haben sich bei den älteren Schülern informiert und sind für die Kellerbesichtigung bestens ausgerüstet. Die Fässer stehen offen, die großen Korken liegen jeweils neben der Öffnung. Ein Mann erklärt uns die Fachbegriffe des Kelterns und verspricht, zum Schluß noch die sehr alten Flaschen zu zeigen, die fast vollständig mit dem Edelschimmel überzogen sind. Der Pilz gehört in die Familie der Penicilline und bedeckt die Wände des gesamten Kellers mit einer dicken silbrigglänzenden Schicht. Der Schimmelpilz verleiht auch dem ausgereiften Tokajer das charakteristische Bouquet.

Während der Mann uns mit den Geheimnissen der Tokajer Weine theoretisch bekanntmacht, laben sich unsere Jungs mit Hilfe mitgebrachter Plastikschleuche sehr praktisch am Inhalt der Fässer. Als die Mädchen, die wie immer vorn stehen, wenn was erklärt wird, von der Sache Wind bekommen, wollen auch sie von den edlen Tropfen kosten. Unter Androhung des Verpetzens beim Lehrer dürfen auch wir die Weine heimlich probieren.

Die fünf Schläuche werden abwechselnd in unterschiedliche Fässer getaucht und nach einem ordentlichen Schluck an den nächsten weitergereicht. Am Ende der Besichtigung sitzen wir ein paar Stufen höher in einem runden Raum und bestaunen die mit Silberwatte überzogenen alten Weinflaschen.

Die Stimmung ist ausgezeichnet, unser Lehrer, der das Praktikum leitet, schaut mißtrauisch in die Runde. Bevor der Bus losfährt, fragt er ganz nebenbei, wieviele Schläuche denn diesmal im Einsatz waren. Er kennt schon seine Pappenheimer, sagt er, aber das dicke Ende kommt noch. Wie recht er hat, merken wir erst später. Unterwegs müssen wir viele Male halten, damit die Bleichgesichter aussteigen können, denen schlecht ist.

Die Mädchen halten sich erstaunlich tapfer, aber an diesem Abend geht keiner von uns zum Abendessen, dafür sehr früh ins Bett. Vorher noch haben wir literweise klares Wasser getrunken - das Patentrezept meines Vaters bei solchen Anlässen. Am nächsten Morgen wachen wir ohne Kater auf. Auch die Jungs sind nur müde, haben aber sonst keine weiteren Beschwerden. Was für die ausgezeichnete Qualität der Tokajer Weine spricht.

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