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Die Gegenwart 1. Kapitel Pontevedra

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Der Schmerz in seiner Brust wurde zunehmend stärker, war jetzt schon seit über einer Stunde permanent zu spüren und ließ nur einen Schluss zu:

Es würde etwas Furchtbares passieren!

Noch heute!

Am Morgen, als er, so wie immer, mit der Sonne aufgestanden war und den ersten kurzen, stechenden Schmerz gespürt hatte, der ihn abrupt zusammensinken ließ, hatte er ihn als deutliches Anzeichen von Überarbeitung gewertet und sich geschworen, alsbald kürzer zu treten und sich die nötige Ruhe zu gönnen.

Danach ging er jedoch wie gewohnt seiner Arbeit nach und tat Hausbesuche in seiner Gemeinde, wo ihm, wie schon seit Beginn an, Freud und Leid dieser einfachen, ehrlichen Menschen tief bewegte.

Zurück in seinem Arbeitszimmer wollte er die tägliche Post studieren, als ihn erneut ein wuchtiger Schmerz in der Brust aus der Fassung brachte.

Er musste sich auf die alte, schwere Couch legen, um zur Ruhe zu kommen.

Dabei ließ er seinen Gedanken freien Lauf und stellte sehr schnell fest, dass er sich etwas vorgemacht hatte.

Er musste nicht kürzer treten, sondern er steuerte im Höchsttempo auf einen unvermeidlichen Herzinfarkt zu.

Ja, so und nicht anders sah es aus.

Diese eben gewonnene Erkenntnis traf ihn schwer, doch noch schwerer traf es ihn, dass er nur eine Sekunde später knallhart erkannte, dass dies alles totaler Blödsinn war.

Wie sollte er einen Herzinfarkt bekommen?

Ausgerechnet er? Niemals!

Und dies war kein Akt der Selbstüberschätzung, den er schon bald an der Schwelle zum Tode schmerzhaft bereuen sollte.

Dies war schlicht und ergreifend eine Tatsache.

Weil er doch gar kein Herz besaß, das hätte aussetzen können!

Sie kamen mit der Dämmerung des herannahenden Abends aus dem Süden, die untergehende Sonne im Rücken, die bereits verdeckten Täler und Schluchten des nordspanischen Hochlandes vor Augen.

Und sie kamen schnell!

„Wie schnell kannst du hier sein?“ Seine Hände waren feucht, als er den Telefonhörer fest umschlossen hielt, weil er vor wenigen Sekunden eine erneute Attacke überstehen musste. Seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

„Was ist los mit dir? Stimmt etwas nicht?“ Die Frage des Mannes am anderen Ende der Leitung drückte tiefe Besorgnis aus.

„Nicht am Telefon. Bitte?!“

„Also gut. Ich mache mich sofort auf den Weg. Sagen wir in vier Stunden!“

„Das ist gut. Beeil dich!“ Wieder verkrampfte er schlagartig, stöhnte schmerzhaft auf.

„Gott Philippe, was ist denn nur los?“

„Er ist auf dem Weg hierher!“

Für eine Sekunde herrschte am anderen Ende der Leitung Totenstille. „Ich bin in drei Stunden bei dir! Ich verspreche es!“

„Danke!“ Als er den Telefonhörer auf die Gabel senkte, war sein Blick tieftraurig, er fast den Tränen nahe.

Im selben Moment zuckte er wieder krampfhaft zusammen, sank zu Boden und musste beinahe aufschreien, derart wuchtig traf ihn der Schmerz.

Aber er hatte keine Zeit sich auszuruhen.

Er hatte kein Herz, das hätte aussetzen können, und deshalb musste etwas anderes diesen furchtbaren Schmerz in seiner Brust verursachen.

Und er brauchte nicht lange zu überlegen, was es war.

Das Schicksal würde ihn einholen. Endgültig.

Sofort erhob er sich und überlegte, was er jetzt tun sollte.

Davon zu laufen hatte keinen Sinn und selbst wenn, hätte er es nicht getan.

Er hatte die Menschen in seiner kleinen Gemeinde lieben und schätzen gelernt.

Also musste er noch einige Dinge regeln, bevor es soweit war.

Dafür sorgen, dass nicht alles, wofür er all die langen Jahre gearbeitet und gewirkt hatte, mit ihm ausgelöscht werden würde.

So setzte er sich an seinen Schreibtisch zurück, holte einen kleinen Stapel Papier aus einer Schublade hervor und nahm seinen Füller zur Hand.

Bevor er zu schreiben begann, atmete er noch einmal tief durch, hatte dabei die Augen geschlossen.

Eine schwache Brise wehte in das Zimmer und erfüllte es mit dem unverwechselbaren, wundervollen Duft der Eukalyptusblüten, den er so sehr mochte und der so typisch war für die Provinz Pontevedra im Nordwesten Spaniens.

Es gelang ihm, sich zu beruhigen und als er die Augen wieder öffnete, ruhte sein Blick für einen Moment auf der Wanduhr am anderen Ende des Zimmers.

Es war jetzt vier Uhr nachmittags.

Bis zur Abendmesse um 21.00 Uhr hatte er keinerlei Termine und somit genügend Zeit, seine Angelegenheiten entsprechend zu regeln.

Man hörte sie, bevor man sie sah.

Ein Flüstern, das zu einem Rauschen anwuchs und in einem ohrenbetäubenden Dröhnen über die Berggipfel jagte.

Ihre mächtigen Schatten rasten dahin, vermischten sich immer mehr mit dem Dunkel der Nacht auf ihrem unaufhaltsamen Weg in die Provinz Pontevedra.

Er hörte das Mofa durch das geöffnete Fenster die Einfahrt hinaufkommen.

Dies war das erste Mal, dass er von seinem Schreibtisch aufschaute.

Während draußen der Motor vor der Kirche verstummte, ruhte sein Blick erneut auf der Wanduhr und er stellte beinahe schon entsetzt fest, dass er fast vier Stunden ohne Pause geschrieben hatte.

Im Licht der Schreibtischlampe erkannte er, das er fast dreizehn Seiten zu Papier gebracht hatte.

Sein ganzes irdisches Vermächtnis.

Doch er war noch nicht am Ende. Und die Zeit raste dahin. Er musste sich beeilen und konnte dabei doch nur hoffen, dass Fernando wirklich noch rechtzeitig erscheinen würde.

Im selben Moment trieb ihm erneut ein gewaltiger Schauer Schweiß auf die Stirn, hätte sein Herz, wenn er denn eines gehabt hätte, wie eine Seifenblase zerplatzen lassen.

Doch er besaß dieses Organ nicht, obwohl dies nicht immer so war.

Denn geboren wurde er als ganz normaler Mensch, mit einem ganz normalen Herzen - damals vor mehr als achthundert Jahren!

Die Dunkelheit nahm ihre Schatten in sich auf, verschlang sie und zurück blieb nur das gewaltige Dröhnen der Maschinen.

Es waren drei an der Zahl und sie schossen mit fast zweihundert Meilen die Stunde über die Berggipfel.

Ihr Ziel war eindeutig und sie hielten direkt darauf zu.

Das Unheil näherte sich mit Riesenschritten und es kam unaufhaltsam!

Wie er erwartet hatte, kam Pedro, der Kirchendiener, der vor wenigen Minuten mit seinem Mofa vorgefahren war, nicht in sein Arbeitszimmer, sondern richtete zunächst die Kirche für die bevorstehende Abendmesse her.

Das gab ihm Gelegenheit, sein Werk zu beenden, indem er sein irdisches Vermächtnis in einen fensterlosen Briefumschlag steckte, zuklebte und dann den Namen Alberto darauf schrieb.

Ja, sein irdisches Vermächtnis musste an einen Menschen gehen, dem er vertrauen konnte und von dem er wusste, dass er sein Werk so fortführen würde, wie er es sich gewünscht hätte. Und mit dem Bürgermeister war er seit vielen Jahren eng befreundet.

Er hätte es ihm persönlich sagen sollen, aber die Zeit war zu knapp und außerdem hätte er es wohl auch nicht fertiggebracht, ihm diese schmerzhafte Nachricht selbst zu überbringen.

So blieb ihm nur die Wahl dieses Briefes, den Alberto finden würde, wenn alles vorbei war.

Wenn alles vorbei war und sich alle gegen ihn wenden würden, weil sie nicht begreifen würden, was geschehen würde, es auch nicht begreifen konnten.

Denn sie alle waren doch nur einfache Menschen, die sich niemals vorstellen konnten, dass ihr Pater sich, wenn auch unbewusst, erdreistet hatte, sich die Macht Gottes zu eigen zu machen und damit nicht nur den Fluch der Unsterblichkeit heraufbeschwor, sondern auch Tod und Verderben über so viele Unschuldige gebracht hatte.

Wenn sie es erfahren und mit eigenen Augen sehen würden, war es für ihn bereits zu spät.

Sein Tod würde seine wahre Identität hervor- und seine Gemeinde gegen ihn aufbringen.

Der Brief vor ihm auf dem Schreibtisch war seine Hoffnung, dass ein guter Freund die gemeinsamen Jahre nicht vergaß, sich ihrer bewusst wurde und zu verstehen versuchte.

Wenn er am Ende seine Erkenntnis den anderen mitteilen würde, war sein Wirken auf diesem Planeten nicht völlig umsonst gewesen.

Doch sein irdisches Vermächtnis war nur ein Teil dessen, was er zu Ende bringen musste, bevor er starb.

Er musste dafür sorgen, dass sein Geist und sein Wissen niemals in die Hände dieses Teufels gelangen würden, dessen Ankunft er immer deutlicher spürte.

Deshalb das Telefongespräch mit Fernando.

Der hochgeachtete Rechtsanwalt war ein enger Freund von ihm - und er war ebenfalls unsterblich.

Nur ihm allein konnte er sein geistiges Vermächtnis übergeben.

So wie es in seinem Volk schon seit Jahrtausenden Tradition war.

Und plötzlich begann er zu weinen, während er sich vor das Antlitz des Herrn kniete und in tiefe Andacht verfiel.

Viele Jahrhunderte nach diesem schrecklichen Tag, in der er und elf andere versucht hatten, die göttliche Energie, die sein Volk so viele Jahrtausende behütet hatte, vor den boshaften Eindringlingen zu beschützen, würde seine Existenz heute enden.

Und es war nichts zurückgeblieben von der einstigen Hoffnung, nur die Gewissheit, gründlich versagt zu haben!

Sie jagten in der Formation einer Pfeilspitze dahin.

Ein mächtiger Transporthubschrauber bildete die Vorhut, flankiert von zwei Kampfhubschraubern, schwer bewaffnet.

Eine bedrohlich wirkende Formation, furchterregend, tödlich.

Und am Horizont tauchten die Lichter Pontevedras auf!

Die Glocken wurden geläutet!

Philippe wirbelte förmlich herum, weil ihn der Klang tief entsetzte.

War es denn schon so spät?

Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er fast eine Stunde kniend verbracht hatte, so tief in Gedanken war, dass er alles um sich herum vergessen hatte.

Draußen vor der Kirche waren bereits Stimmen zu hören. Die ersten Besucher trafen ein.

Doch wo nur blieb Fernando?

Er hatte gesagt drei Stunden. Jetzt waren es doch fast vier.

Oh, er durfte sich nicht verspäten, nicht dieses Mal.

Es wäre furchtbar für ihn gewesen, zu wissen, dass er sein geistiges Vermächtnis nicht weitergeben konnte.

Er erhob sich hastig, wollte schon zum Telefon eilen, um die Nummer von Fernandos Autotelefon zu wählen, als er einen kräftigen Motor die Auffahrt zur Kirche hinauf brüllen hörte.

Das war eindeutig der Porsche seines Freundes.

Sofort war er wieder ruhiger, froh, dass er die Dinge noch rechtzeitig zu Ende bringen konnte.

Doch schon im nächsten Moment hatte er wieder Angst, weil er wusste, dass mit Fernandos Ankunft, sein Tod nur noch eine Frage von Minuten war.

Sekunden später wurde an die Tür seines Arbeitszimmers geklopft und Fernando trat, ohne auf Antwort zu warten, herein.

Der Rechtsanwalt war Ende Vierzig und damit gut ein Jahrzehnt jünger als Philippe. Er war fast einen Kopf größer als der Pater, von kräftiger, sportlicher, braungebrannter Gestalt. Ein attraktiver, von den Frauen begehrter Mann, der stets lustig und aufgeschlossen war, es sei denn, er war im Gerichtsaal.

Dort verwandelte er sich in einen kühlen Taktiker, mit messerscharfem Verstand, kompromisslos gegen das Unrecht, wie ein Wolf um sein Opfer schleichend, um es im richtigen Moment zu packen.

Dort im Gerichtsaal wurde er ein anderer Mensch. Ein Mann der Gerechtigkeit, auf der Seite der Unschuldigen, der Opfer.

Er verteidigte Jedermann, solange er unschuldig war. War sein Klient jedoch schuldig und erhoffte sich von ihm nur Strafminderung wurde aus dem Verteidiger des Gejagten ein gnadenloser Jäger.

Schon so manch Klient hatte dies in einer Gefängniszelle bereuen müssen.

Und bei seinem Eintritt in das Arbeitszimmer des Paters hätte man annehmen können, er wäre in einem Gerichtsaal.

Sein ganzer Körper war angespannt, sein Blick ernst und fordernd.

Ja, er war sich der Bedeutung dieses Augenblicks nur zu bewusst.

„Wie kannst du dir nur so sicher sein?“ fragte er dann auch ohne Umschweife, als er auf Philippe zukam und ihm die Hand reichte.

„Der Schmerz in mir ist eindeutig!“

„Aber...?“ Fernando stockte einen Augenblick, während er die Augen seines Gegenübers suchte. „Wie hat er dich gefunden?“

„Wie er auch alle anderen gefunden hat. Ich weiß es nicht. Oh, Fernando, er ist so furchtbar mächtig und er wird es mit jedem Toten immer mehr. Vielleicht ist es schon zu spät für uns alle!“

„Das darfst du nicht sagen. Es muss eine Chance geben, ihn aufzuhalten.“

„Wie, Fernando? Wie sollte er noch aufzuhalten sein?“

„Ich weiß es nicht, aber es muss eine Möglichkeit geben. Alles hängt davon ab, ob wir seine Identität aufdecken können. Wenn wir wissen, wer er ist, können wir ihn auch bekämpfen!“

„Dafür ist es für mich jetzt zu spät, Fernando. Ich habe verloren. Mein Ende ist sehr nahe. Aber er darf niemals in den Besitz meines Geistes kommen. Also gib mir Frieden, indem du sein Hüter wirst, bevor er ihn mir entreißt. Bitte!?“ Philippe schaute seinen Freund flehend an.

„Natürlich werde ich das. Es ist mir eine Ehre!“

„Dann lass uns beginnen. Wir haben nicht mehr viel Zeit!“

Der Pater schloss seine Augen.

Fernando nahm beide Hände in die Höhe, legte sie an die Schläfen des Geistlichen, drückte ein wenig zu, schloss dann ebenfalls seine Augen.

Nur eine Sekunde später begannen die Druckstellen auf der Haut des Paters zu leuchten. Erst gelb, dann in einem gleißenden Weiß.

Das Licht breitete sich schnell aus, wanderte Fernandos Arme hinauf, zu seinen Schultern, seinem Nacken, um schließlich von seinem Gehirn absorbiert zu werden.

Je länger der Vorgang dauerte, desto heftiger begannen Philippes und Fernandos Körper zu zittern.

Das Wissen einer ganzen Existenz war eine unglaubliche Macht, deren Übergang sehr viel Kraft erforderte.

Doch nach dreißig Sekunden erstarb das Licht aus Philippes Kopf.

Wie elektrisiert riss der Rechtsanwalt seine Arme auseinander und sank schweratmend auf die Knie.

Einen Augenblick später zuckte der Pater zusammen und schrie einmal auf. Sein Körper wirbelte herum, er krachte wuchtig auf den Schreibtisch, warf das Telefon herunter.

„Philippe!“ Fernando hatte sich wieder gefangen, stürzte zu seinem Freund, wollte ihm helfen.

„Lass mich! Es hat keinen Sinn mehr. Und jetzt geh. Du bist in allergrößter Gefahr!“

Und damit hatte Philippe völlig Recht, denn sein Henker auf dem Weg zu ihm, war nur zweitrangig an seinem Tode interessiert. In erster Linie ging es ihm nur um den Kristall in seiner Brust. Das hatten die Toten vor ihm eindeutig gezeigt.

Fernando musste ihn sofort wieder verlassen, sonst wäre ihrer beider Leben in Gefahr.

„Ich werde dich nie vergessen!“, sagte der Rechtsanwalt und schaute Philippe tief in die Augen.

Der Pater nickte nur, auch weil ihn ein erneuter Schmerz wieder in die Knie zwang.

In derselben Sekunde klopfte es an der Tür und einen Augenblick später trat Pedro, der Kirchendiener, ein.

Philippe zog sich, für Pedro unbemerkt, an Fernandos Schultern wieder auf die Füße.

„Es ist neun Uhr Pater. Zeit für die Abendmesse!“ Pedro blickte etwas überrascht, als er Fernando sah, denn er hatte ihn nicht kommen sehen.

Philippe lächelte gequält. „Natürlich, Pedro. Ich komme sofort!“

„Stimmt irgendetwas nicht, Pater? Sie sehen müde aus?“ Das war eine schlimme Untertreibung.

„Ich fühle mich heute nicht besonders, junger Freund. Gib mir noch eine Minute.“

„Natürlich, Pater.“

„Bist du so freundlich und würdest meinen Freund zum Ausgang begleiten?“

„Selbstverständlich, Pater.“ Pedro drehte sich ein wenig in der Tür und wartete geduldig, bis sich die beiden Männer voneinander verabschiedet hatten.

Dies geschah stumm. Dem flehenden Blick des Jüngeren entgegnete ein trauriger Blick des Alten, dann ein fester Händedruck.

Schließlich ging Fernando schnell an ihm vorbei in den Gang vor dem Arbeitszimmer.

Pedro folgte ihm gedankenversunken, überholte ihn und führte ihn zum Nebeneingang.

Irgendetwas stimmte nicht, das spürte er sehr genau.

Doch zu fragen, dazu hatte er nicht den Mut.

Eine innere Stimme sagte ihm auch, dass es besser war, es nicht zu wissen, denn er konnte deutlich den Hauch des Bösen spüren, der in der Luft hing.

Pontevedra…

Schon vor dem Erreichen der Dorfgrenze drosselten die Rotoren ihre Leistungen.

Die Kirche am Nordende war nicht zu übersehen.

Sie war das größte und höchste Gebäude und hell erleuchtet.

Vor dem Haupteingang standen einige Autos, ein Porsche vor dem Nebeneingang.

Während der Transporthubschrauber weiter auf den Haupteingang zuhielt, lösten sich die beiden Kampfhubschrauber aus der Formation, um vor dem Nebeneingang und dem Nordende zur Landung anzusetzen.

Der Transporthubschrauber setzte wenige Sekunden später auf der großen Wiese etwa dreißig Meter vor dem Haupttor auf.

Fernando öffnete die Tür des Nebeneingangs in dem Moment, als der mächtige Rumpf des Helikopters nur wenige Meter von ihm entfernt auf dem Boden aufsetzte.

Sofort riss er die Tür wieder zurück, spürte von einer Sekunde zur anderen die ungeheure Menge Adrenalin, die durch seinen Körper schoss.

Ein paar Sekunden nur und er wäre weg gewesen, doch so war sein Fluchtweg versperrt und er jetzt auch in tödlicher Gefahr.

„Gibt es noch einen anderen Ausgang?“ fragte er Pedro.

„Nur das Haupttor!“ Der Kirchendiener war erstaunlich gefasst.

Fernando überlegte eine Sekunde. „Ich muss es versuchen!“ sagte er dann.

Pedro nickte und die beiden hasteten den Gang weiter hinauf in das Kirchenschiff.

In dem Moment, da Philippe zum ersten Male die Rotoren hörte, schoss ihm sofort ein Gedanke durch den Kopf: Zu früh!

Sogleich war sein Schmerz wie weggeblasen und er zwang sich zum Handeln, denn Fernando konnte unmöglich genügend Zeit gehabt haben, um zu fliehen.

Also hastete der Pater aus seinem Zimmer und erkannte bei einem flüchtigen Blick aus dem Seitenfenster, dass er Recht hatte. Der Porsche stand noch immer vor der Tür.

Und er sah noch etwas: Den riesigen Kampfhubschrauber, der sich wie ein monströses Insekt direkt neben das Auto setzte.

Sofort eilte er weiter in das Kirchenschiff, rannte vorbei an der Kanzel zum Altar und erkannte seine beiden Freunde am Haupttor, während ihn ein erneuter tiefer Schmerz in die Knie zwang.

Es war nur eine schwache Hoffnung, das wusste Fernando schon, bevor er das Tor öffnete.

Als er dann etwa dreißig Meter vor sich den mächtigen Rumpf des Transporthubschraubers sah, aus dem eine Handvoll Gestalten stiegen, wusste er, dass ihm das Schicksal nicht den Hauch einer Chance gab.

Sofort schloss er das Tor wieder, drehte sich herum, erkannte erst jetzt die vielen Menschen im Kirchenschiff.

Die Mehrzahl hatte sich erhoben, war unruhig, ängstlich. Einige redeten auf Pedro ein, andere sprachen zu Philippe.

Doch der Pater antwortete nicht, suchte nur Fernandos Augen.

Als auch sein Freund ihn ansah, deutete er ihm an, zu ihm zu kommen.

Fernando hastete zum Altar, wo sich Philippe gerade wieder vollständig auf die Füße gebracht hatte. Der Pater schob ihn hinter den schweren Granitstein und hob das herrlich verzierte Tuch an, das den Altar fast ganz bedeckte und an seinen Seiten bis zum Boden herabhing.

„Es ist deine einzige Chance!“ sagte Philippe und deutete auf den Hohlraum, der dort in den Stein gemeißelt war und gerade genug Platz für einen Menschen bot.

Fernando überlegte nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde und beugte sich hinab.

Bevor er sich jedoch hinhocken konnte, spürte er Philippes Hand an seinem Arm.

Noch einmal drehte er sich zu seinem Freund und schaute in traurige, fast weinende Augen.

„Es tut mir leid!“ Philippe war kaum zu hören.

Fernando zögerte einen Augenblick, dann sprach er kräftig und ruhig. „Wenn wir es nicht schaffen, werden es unsere Freunde tun. Heute ist hier nicht das Ende. Es wird einen Weg geben, ihn zu stoppen. Das weiß ich!“

Philippe schaute seinem Freund in die Augen, nickte dann und ließ ihn los.

Während er das Tuch wieder sorgfältig zu Boden gleiten ließ, wusste er, dass aus Fernandos Worten nichts als die schwache Hoffnung sprach, es doch noch aufhalten zu können.

Eine Hoffnung, die er einfach nicht teilen konnte, denn während er darauf wartete, dass das Tor zur Kirche geöffnet wurde, hatte er wieder diese furchtbar quälende Gewissheit in sich, die ihm sagte, dass sie gründlich versagt und der menschlichen Rasse einen unglaublich gnadenlosen Gegner gebracht hatten, der eine blutige Spur über den gesamten Erdball hinter sich herzog, seit er vor fast einem Jahr den ersten von Philippes Art getötet und dabei auch vor unschuldigen Menschenopfern nicht Halt gemacht hatte.

Sie hatten vor so vielen Jahrhunderten versucht, Gutes zu tun, indem sie den Funken göttlicher Energie vor den Fremden beschützen wollten, um ihn an einem anderen Ort wieder zu entfachen, damit er sein Volk noch viele weitere Jahrtausende behüten konnte.

Doch nichts davon war geschehen. Im Gegenteil.

Viele Jahrhunderte später waren sie dabei, schreckliches Leid über die Menschheit zu bringen.

Nur eine Sekunde später wurde das Kirchentor wuchtig aufgestoßen und Philippe konnte zum ersten Mal direkt in die Augen seines Feindes schauen.

Je näher sie Pontevedra gekommen waren, desto stärker spürte er die Hitze des Kristalls in seiner Brust, die ihm anzeigte, dass sie auf dem richtigen Weg waren.

Ja, seitdem er die unendliche Macht, die sich in ihm befand, wirklich erfahren hatte, konnte er die Anwesenheit weiterer Kristalle förmlich spüren.

Aber eine derart heftige Reaktion wie jetzt hatte er noch nicht erlebt und fast schien es ihm, als stimmte etwas nicht.

Doch das konnte nicht sein. Sein eigener Kristall war unfehlbar.

Er würde den Pater hier treffen.

Als dann der Hubschrauber auf dem Boden aufsetzte, war er der erste, der hinaussprang.

Für eine Sekunde schaute er auf die Kirche, sah wie das Haupttor kurz geöffnet und wieder geschlossen wurde.

Er musste grinsen.

Natürlich war die Kirche zur Messe gefüllt. Sonst wäre sie nicht derart hell erleuchtet gewesen.

Und der Gedanke, dass dort drinnen Menschen saßen, die jetzt ängstlich und verunsichert waren, erfreute ihn sehr.

Im nächsten Moment drehte er sich zurück in den Frachtraum des Helikopters und sprach zu einem blonden Hünen mit stahlblauen Augen. „Geht wie besprochen in Stellung und tut eure Arbeit. Ich gehe rein. Wenn ihr fertig seid, soll sich der Rest wieder in die Maschinen begeben. Du kommst zu mir!“

Der Blonde nickte und brüllte sofort den Befehl, an die Arbeit zu gehen, zu den sechs weiteren Insassen des Helikopters.

Er selbst bewaffnete sich mit einem M5 Schnellfeuergewehr und machte sich auf den Weg in die Kirche.

Um ihn herum rannten seine Leute ihren Aufgaben zu, verteilten sich im Dorf, umzingelten die Kirche.

Ja, es würde für Philippe kein Entkommen geben und er würde seinem Endziel einen großen Schritt näher kommen.

Eine Sekunde später hatte er das Tor erreicht und trat es mit einem gewaltigen Fußtritt, begleitet von einem bösartigen Schrei, aus dem Schloss.

Philippe hatte ihn noch nie mit eigenen Augen gesehen und es gab nur wenige, die ein Zusammentreffen mit ihm überlebt hatten, um davon zu berichten.

Deshalb hatte er auch nur eine vage Vorstellung von ihm entwickeln können.

Als er ihm jetzt von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand, wusste er, dass er ganz anders aussah, als in seinen Gedanken und dass er ihn sich so niemals hätte vorstellen können.

Er war sehr groß, über eins achtzig. Von muskulöser, kräftiger, sportlicher Gestalt.

Kahlgeschoren, ein vernarbtes, verwittertes, braungegerbtes Gesicht mit großen, wachen Augen in funkelndem Grün.

Die ganze Gestalt war in schwarzes Leder gekleidet, das so eng am Körper saß, dass es die vorhandene Muskelpracht noch verstärkte und den Eindruck erweckte, als würde der Mann darin gleich herausplatzen.

Dann erkannte Philippe die für seine Begriffe mächtige Feuerwaffe in seinen Händen, bevor er magisch angezogen wurde, von dem breiten, widerlichen Grinsen des Mannes und dem leisen, hässlichen, dunklen Gelächter, das ihn frösteln ließ.

Und das ihm sofort bekannt vorkam!

Er trat durch das Tor und blieb wenige Schritte dahinter einfach stehen, hielt seine Waffe demonstrativ in die Höhe und weidete sich an dem Anblick der erbärmlichen Menschengestalten, die ängstlich und furchtsam in seine Richtung blickten.

Er musste sogar lachen, so sehr gefiel ihm die Macht, die er besaß.

Seine Augen wanderten über die Menschenmenge hinauf zu dem etwas erhöhten Altar, hinter dem sein Opfer kerzengerade und mit versteinertem Gesicht auf ihn herabsah.

Er suchte sofort die Augen des Paters und ließ sie nicht mehr los.

Dann verstummte sein Lachen und zurück blieb nur noch das Grinsen.

So verharrte er für einen Augenblick, bis sich die allgemeine Unruhe in der Kirche gelegt hatte und er sicher war, das seine Worte auch den würdigen Widerhall in dieser großen Halle finden würden.

„Philippe!“ Ein donnerndes, tiefes Dröhnen ging durch das Kirchenschiff, als die unheimlich laute und kräftige Stimme des Mannes ihre Schallwellen durch die Luft jagte. „Ich freue mich, dich wiederzusehen! Wie...geht es dir?“

„Wer bist du? Ich kenne dich nicht!“ Philippe sprach ebenfalls laut und kräftig, aber der Widerhall seiner Stimme war erbärmlich schwach.

„Oh doch, du kennst mich! Besser, als du erahnst!“

„Nenne deinen Namen!“

Der Fremde lächelte bösartig. „Du kannst mich...Carlos nennen!“

„Carlos? Ist das dein richtiger Name?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Wenn ich schon sterben muss, will ich wissen, wer mich richtet!“

„Das wirst du noch früh genug erfahren!“

Der Pater zögerte einen Moment. „Gut, dann nimm mich und verrichte dein teuflisches Werk, Carlos. Und dann geh zurück in den Sumpf der Sünde, wo du hergekommen bist!“

„Oh!“ Carlos verlor sein gespieltes Lächeln. „Begrüßt man so einen alten Freund?“

„Du bist kein Freund. Du bist Abschaum. Je eher du von hier verschwindest, desto besser!“ Philippe ging um den Altar herum.

„Sicher, mein Freund. Alles, was du willst. Aber alles zu seiner Zeit. Lass uns doch noch ein bisschen plaudern!?“

„Ich habe dir nichts zu sagen. Töte mich, nimm dir, was du suchst und dann entweihe diesen Ort nicht länger!“

„Herrgott, Philippe, es verletzt mich, wenn du so sprichst. Man könnte meinen, du meinst, was du sagst!“

„Jede Silbe. Mehr, als du es dir jemals vorstellen kannst!“

„Ich kann mir vieles vorstellen, alter Freund. Aber können es deine Schäfchen...?“ Er deutete auf die Menschen in den Sitzreihen. „...auch? Ich nehme nicht an, dass sie die Wahrheit kennen!?“

Philippe wollte etwas entgegnen, aber er zögerte einen Moment.

„Wovon redet er?“ fragte Pedro dann leise dazwischen.

„Das ist nicht wichtig, junger Freund. Es sind nur Lügen. Lügen einer Gestalt des Bösen, die gekommen ist, um ihr Urteil über mich zu fällen und zu vollstrecken!“

„Lügen?“ Carlos lachte einmal bösartig auf. „Lügen sind das, was du diesen erbärmlichen Kreaturen all die Jahre erzählt hast. Wie du sie hinters Licht geführt hast. Sie geblendet hast. Sie benutzt hast. Du nennst mich einen Lügner und bist selber um keinen Deut besser. Du armseliger Idiot!“

„Meine Lügen töten keine Menschen. Deine schon. Und stelle mich niemals auf deine Stufe. Du besitzt keinerlei Würde. Nur der Tod ist die einzig akzeptable Lebensform für dich!“

„Worte, nichts als leere Worte, um deine…Freunde abzulenken von der Wahrheit. Wenn du wirklich so heroisch wärst, wie du dich hier gibst, warum hast du ihnen dann nicht erzählt, wer du wirklich bist?“ Er schaute Philippe fordernd in die Augen.

Doch der Pater konnte seinem Blick nicht standhalten.

„Oder ihnen dein kleines...?“ Carlos lächelte wieder und entsicherte unbemerkt sein Gewehr.

Philippe schaute zu Boden.

„...Geheimnis offenbart?“

Philippes Kopf schoss in die Höhe, seine Augen starrten Carlos an, konnten gerade noch sehen, wie er das Gewehr senkte und ihn anvisierte.

Dann erfüllte ein einziger Schuss das Kirchenschiff und für einen winzigen Augenblick erstarb jede Bewegung in diesem großen Raum.

Er hatte alles mit angehört und bei jedem Wort von Carlos erschauerte er mehr.

Schon sehr früh wusste er, worauf dieser Teufel hinaus wollte, doch als er den Schuss dann hörte, zuckte er furchtbar zusammen.

Fast hätte Fernando geschrien, doch das durfte er nicht.

Eine falsche Bewegung, ein falscher Laut und auch er wäre Carlos gnadenlos ausgeliefert gewesen.

Carlos hob gerade wieder seine Waffe an und sah mit großer Genugtuung, das Philippe durch die Wucht des Einschlages hinterrücks zu Boden fiel, als zwei Männer aus den Sitzreihen auf ihn zustürmten, um ihn zu überwältigen.

Doch sie hatten nicht die geringste Chance gegen ihn.

Viel zu schnell waren seine Bewegungen, als er dem Ersten seinen Fuß entgegen jagte und in den Bauch trat. Sein Gegner fiel schreiend auf die Knie, er ließ den Gewehrkolben schonungslos niedersausen, brach ihm dadurch wuchtig den Wangenknochen, nur um sofort danach mit der rechten Hand den Kopf des Mannes zu packen und ihm mit einer kurzen Drehung das Genick zu zerfetzen.

Schon einen winzigen Augenblick später wich er dem Faustschlag des zweiten Angreifers aus, indem er hinab tauchte. Als er sofort danach wieder in die Höhe spritzte, wuchtete er ihm sein Knie in den Magen, packte den stöhnenden Mann am Kopf und ließ sein Gesicht irrsinnig hart auf seinem Knie zerplatzen, wo der berstende Nasenknochen in das Gehirn getrieben wurde und den Tod hervorrief.

Speichel und Blut erfüllten die Luft, als er den ohnmächtigen Mann nach hinten fallen ließ.

In den Augenwinkeln erkannte er einen dritten Angreifer, den er abstoppte, indem er ihm ein Messer in die Stirn warf, woraufhin der Mann wortlos und auf der Stelle mit weit aufgerissenen Augen zusammensackte.

Noch ein vierter Mann erhob sich, doch Carlos richtete die Waffe auf ihn.

Der Mann hob die Hände und setzte sich wieder, wo er, wie auch so viele andere Menschen in dieser Kirche, zu weinen begann.

Eine Frau stürmte zu ihrem toten Mann im Mittelgang, fiel auf die Knie und begann bitterlich zu weinen.

Carlos sah sie mitleidlos an, erkannte, dass sie sehr hübsch und noch jung war, trat zu ihr, griff ihre langen, lockigen Haare im Nacken, riss sie förmlich auf die Füße, sodass sie schreien musste und zog sie so dicht an sich, dass er ihren Körper spüren konnte und sie ihm ins Gesicht sehen musste.

Carlos grinste bösartig. „Komm mit mir!“ sagte er. „Und ich fick dich durch, dass dir Hören und Sehen vergeht!“

Die Frau war zu keiner Reaktion fähig, brachte nur schmerzvolle Töne hervor, war kaum noch bei Sinnen.

Carlos grinste stärker, weidete sich an dem Schmerz der Frau.

Dann hörte er einige Meter vor sich Geräusche und bei einem Blick dorthin erkannte er, dass sich bei Philippe etwas regte.

Sein Lächeln verschwand, als er seine Zunge in den Mund der jungen Frau führte, sie leidenschaftlich küsste, dabei aufstöhnte und sie nur einen Augenblick später an den Haaren ruckartig nach hinten riss, wo ihr Körper kurz vom Boden abhob, um die eigene Achse geschleudert und ihr Genick deutlich hörbar in tausend Stücke gerissen wurde.

Der grausame Tod der Frau brachte erneute Unruhe in die Menge, doch wurde sie nur eine Sekunde später von dem einzelnen Schrei einer älteren Frau in den vorderen Reihen unterbrochen, als sie sah, dass und wie sich der Pater wieder erhob.

Niemand, außer Carlos hatte damit gerechnet, dass Philippe noch lebte.

Als er sich stöhnend auf die Füße wuchtete, waren alle Augen auf ihn gerichtet, weil sie alle hofften, dass der Pater nur leicht verwundet sein mochte und er dem Grauen nunmehr ein Ende bereiten würde.

Doch ihre Euphorie erstickte schon bald im Keim, als sie sahen, das in Philippes rechter Brust ein furchtbares Einschussloch klaffte, aus dem Blut zu Boden floss und dass ihn auf der Stelle hätte töten müssen.

Stattdessen aber stand er auf seinen eigenen Füßen, atmete weiter, stöhnte nur schmerzhaft auf.

Die Menge war sofort tief entsetzt, viele wussten nicht, wie sie reagieren sollten, einige beteten verzweifelt zu Gott.

Bis sie alle erkannten, dass nur einer ihnen eine Erklärung geben konnte.

Viele Blicke ruhten nunmehr auf Carlos.

„Ja Leute...!“ begann er. „Seht in euch an. Seht euch euren Priester genau an. Ist er nicht schön anzuschauen? Ein kleiner, unsterblicher, herzloser Wichser, der sich widerrechtlich Gottes Macht angeeignet und sich hier versteckt hat, um euch jahrelang zu täuschen und zu hintergehen!“

„Nein...!“ Das Wort kam deutlich aus seinem Munde und donnerte förmlich durch den Saal.

Philippe weinte bittere Tränen, weil diese armen Menschen die Wahrheit so schonungslos und so falsch erfahren hatten.

Doch er konnte nun nichts mehr dagegen tun, sich nur noch schämen.

Dafür, dass er es so weit hatte kommen lassen, dass ihn seine Kinder und Freunde jetzt so sehen mussten, das blanke Entsetzen in ihren Augen und die nackte Angst im Herzen.

Er hatte versagt, auch jetzt so kurz vor seinem Tode.

Alles, was noch zu tun blieb war, Fernando zu schützen.

„...ich habe niemanden getäuscht!“

„Ha!“ Carlos lachte auf. „Wie kannst du das jetzt noch behaupten? Sie dich an. Sieh sie an!“ Er deutete auf die Menschen in den Sitzreihen. „Du hast all ihr Vertrauen missbraucht und sie werden dich dafür hassen!“

Pedro hörte alles, was gesagt wurde, nur noch sehr dumpf, denn sein Gehirn war nur noch auf eine Sache fixiert.

Er hatte den Pater gesehen, wie er trotz dieser tödlichen Wunde noch weiterlebte, als wäre kaum etwas geschehen.

Das war eindeutig nicht Gottes Werk.

Doch sein Glaube an diesen Menschen war unumstößlich.

Der Pater war all die Jahre der wundervolle Vater und Mentor gewesen, den ihn seine Familie niemals geben konnte.

Und dieser widerliche Bastard war dabei ihm schreckliche Dinge anzutun.

Seinem Pater, seinem geliebten Pater, ohne den er niemals wissen würde, was zu tun war, in dieser harten, kalten Welt.

Nein, Pedro musste es verhindern.

Und so begab er sich, noch tief geschockt von den vier Morden im Mittelgang, unbemerkt für jedermann zu der Leiche, der Carlos das Messer in die Stirn geworfen hatte.

Wie in Trance bückte er sich, zog es aus dem Schädel des Mannes, versteckte es unter seinem Gewand, erhob sich wieder und tastete sich Stück für Stück von hinten an Carlos heran.

Als er sicher war, nahe genug zu sein, umschloss er den Messergriff fester und sprang auf Carlos zu.

Er musste dem Pater helfen.

Er liebte diesen Mann viel zu sehr und hatte ihm so viel zu verdanken.

Dafür war er auch bereit einen Mord zu begehen.

Im selben Moment aber spürte er einen harten Schlag gegen seinen Brustkorb und eine eisenharte Klammer umschloss seine rechte Hand und trieb das Messer in eine andere Richtung.

Er hörte Pedro aufschreien und erkannte erst jetzt, dass sein junger Freund sehr dicht bei Carlos stand und, oh Gott, ein Messer in der Hand hielt.

Doch seine Absichten wurden jäh vereitelt, als ein blonder Riese von gut zwei Metern Körpergröße zu ihm sprang und seinen Arm festhielt.

Pedro hatte nicht geringste Chance.

Der Blonde legte seinen linken Arm um seinen Hals, stellte sich hinter ihn, zog ihn zu sich.

Auch er war überrascht über die Attacke des Kirchendieners, den er hatte nicht damit gerechnet, dass noch jemand den Mut aufbringen würde, zu versuchen, ihn zu töten.

Und der junge Mann hätte es fast geschafft, das Messer herab sausen zu lassen.

Dass er ihn damit niemals hätte töten können, wusste er natürlich nicht.

Aber dennoch war Carlos dankbar, das Eric, sein engster Vertrauter, ein blonder Riese aus Schweden mit einem gewaltigen Körpermaß von 2,17 Meter, ihm zur Hilfe kam.

So konnte er sich weiter auf sein Vorhaben konzentrieren, während er sah, wie Eric den Kirchendiener wehrlos machte.

Carlos drehte sich zurück zu Philippe und sah, dass der Pater sehr entsetzt über Pedros Gefangennahme war.

Natürlich gab es eine emotionale Verbindung zwischen den Beiden, das erkannte Carlos sofort und gewann sein Lächeln wieder.

„Töte ihn!“ sagte er zu Eric.

„Nein!“ Philippe schrie, kam auf sie zu und streckte seine rechte Hand aus.

Doch er kam zu spät.

Eric umklammerte Pedros rechte Hand plötzlich anders, drehte ihm den Arm auf den Rücken, weidete sich an der Todesangst seines Opfers und wuchtete ihm dann das Messer bis weit hinter die Klinge neben die Wirbelsäule.

Pedro schrie nicht, stöhnte nur schmerzvoll auf. Sein Brustkorb hob sich ein letztes Mal.

Dann schoss Blut aus seinem Mund und das Leben in ihm erstarb.

Als Philippe bei ihm war, sah er bereits in große, entsetzte und leblose Augen.

Eric ließ den Toten zu Boden klatschen und begann leise zu lachen.

Philippe beachtete ihn jedoch nicht, kniete nieder und trauerte um seinen jungen Freund.

Der Anblick des Todes erfreute ihn, Philippes Trauer amüsierte ihn.

Welch armselige, schwache Kreaturen er hier vor sich hatte.

Er wollte schon etwas sagen, um Philippe noch mehr zu quälen, doch plötzlich erkannte er etwas, das ihm sofort sein Lächeln nahm.

Sein Kristall kühlte ab! Kaum merklich, aber für ihn doch deutlich spürbar.

Doch das konnte nicht sein.

Mehr denn je musste er glühen, Wärme ausstrahlen, denn Philippe war ihm jetzt näher, als je zuvor.

Aber dem war nicht so.

„Was zum Teufel...?“ Carlos war sichtlich verwirrt.

Bevor der Kirchendiener gestorben war, als Philippe noch...

Sofort drehte sich Carlos zurück zum Altar.

Und wahrhaftig.

Der Kristall verlor nicht an Wärme.

Aber das konnte doch nicht sein. Philippe war neben ihm, nicht vor ihm.

Es sei denn...

Plötzlich gewann er sein Lächeln wieder und er kniete sich neben Philippe.

„Netter Versuch, alter Schwachkopf!“

Philippe verstand nicht und schaute ihn verwirrt an.

Doch Carlos erhob sich sofort wieder. „Eric!“ sagte er nur und deutete nach vorn. „Der Altar!“

Der Schwede zögerte keine Sekunde und machte sich sofort auf den Weg hinauf.

Der Altar!

Jetzt wusste Philippe, was Carlos meinte.

Oh Gott, nein, Fernando!

Was hatte er nur getan?

Er war so geschockt über Pedros Tod, dass er vergaß, Fernando zu schützen.

Nun also würde auch sein zweiter Freund dem Bösen hilflos ausgeliefert sein.

Fernando konnte dem Geschehen nicht mehr ganz folgen.

Da waren einfach zu viele Geräusche gewesen, die er nicht zuordnen konnte.

Dann hörte er Schritte näher kommen, hoffte, dass es Philippe war, der zum Altar zurückkehrte und war doch im gleichen Moment tief entsetzt, als ihn eine riesige Pranke schonungslos aus seinem Versteck zerrte und auf die Füße wuchtete.

Für eine kurze Sekunde konnte er in das grinsende Gesicht eines riesigen Kerls blicken, bevor ihn der knallharte Faustschlag des Hünen mühelos über den Altar katapultierte.

„Nicht, Eric!“ rief ihm Carlos zu, als er sah, dass der Schwede zu weiteren Schlägen ansetzte. „Sei nicht zu hart mit ihm. Er hat etwas, das ich noch brauche. Bring ihn einfach nur her!“ Er ging einige Schritte auf die beiden Männer zu.

Eric tat, wie ihm befohlen wurde und pflückte den schwer angeschlagenen Fernando vom Boden.

Philippe fing sich wieder. Der erste Schock war überwunden.

Jetzt sah er, wie Fernando herbeigeführt wurde, wusste, was geschehen würde und auch, dass er es verhindern musste.

Deshalb sprang er auf, streckte seine Arme aus und versuchte Carlos zu ergreifen.

Er hörte es hinter sich, erkannte sofort, was es war und handelte entsprechend.

Carlos wirbelte blitzschnell herum, seine rechte Faust schoss in die klaffende Wunde in Philippes Brustkorb, der Pater schrie erbärmlich auf, seine Hände zuckten wild nach oben, versuchten, es zu verhindern und waren doch machtlos gegen die enorme Kraft seines Widersachers.

Carlos grinste bei jedem weiteren Zentimeter seines Weges in Philippes Körper, bevor er sein Lächeln für einen Moment verlor, als er den Widerstand spürte, erkannte, dass es das war, was er gesucht hatte und wieder grinsen musste.

„Auf Wiedersehen in der Hölle, alter Freund!“ flüsterte er seinem Gegenüber noch zu, in dessen Augen er neben Schmerz und der Gewissheit, nach so vielen Jahrhunderten der Unsterblichkeit jetzt seinem Schöpfer gegenüber zu treten, auch noch den Wunsch sah, die Identität seines Henkers zu erfahren.

Doch diese Genugtuung sollte der Pater nicht erhalten, denn als Carlos nur eine Sekunde später den Kristall ruckartig aus seinem Körper riss, starb er nur einen Wimpernschlag später auf dem Boden seiner Kirche.

Fernando schrie furchtbar verzweifelt auf und begann hemmungslos zu weinen.

„Nein! Nein! Du Schwein! Du... Oh Gott, warum musstest du das tun? Warum?“

Der Schwede trieb ihn immer weiter auf Carlos zu, bis er direkt vor ihm stand.

„Halt dein Maul!“ fauchte ihn Carlos rüde an. „Und sieh dir an, was geschieht!“

Fernando war sofort irritiert, verstummte sogleich, schaute gebannt auf Carlos, der seine blutige, rechte Hand nach vorn streckte, seine Faust löste und den Blick auf den Kristall freigab, der noch vor Sekunden in Philippes Brustkorb gewesen war.

Und der zu leuchten begann, so als würde er von innen heraus glühen, in einem tiefen, kräftigen Rot.

„Was...?“ Fernando starrte Carlos entsetzt an, denn er konnte nicht glauben, was er sah, weil es einfach völlig unmöglich war.

Und doch geschah es. Carlos nahm die Hand von dem Kristall, der zu schweben begann, während er immer intensiver leuchtete.

Carlos öffnete schnell den Reißverschluss seiner Jacke, zeigte dem Kristall seine nackte Brust, in der ebenfalls ein rhythmisches Leuchten zu sehen war, so als würde da drinnen etwas zum Leben erweckt werden.

Und glaubte Fernando schon, er würde den Verstand verlieren, sah er nur einen Wimpernschlag später das Unglaubliche passieren, als aus Carlos Brust ein roter Lichtstrahl hervorschoss, auf Philippes Kristall traf, ihn vollständig umgab, sein Licht scheinbar absorbierte.

Carlos begann zu schreien, aber es war kein Schmerz, den er verspürte, nur ein Ventil, die ungeheure Macht, die er in sich aufnahm, besser zu kontrollieren.

Das immense rote Licht aus Philippes Kristall wanderte langsam den Strahl hinauf in Carlos Brustkorb, wo es sofort eingeschlossen wurde und sich mit dem dortigen Licht vereinte.

Im selben Moment zuckte der Lichtblitz aus Carlos Brust wieder zurück und erstarb.

Während die leere Hülle des Kristalls zu Boden fiel und über die Steinfliesen polterte, schrie Carlos nochmals auf und wurde beinahe von den Füßen gerissen, sodass er zurücktrieb und sich an einer Kirchenbank festhalten musste, um kurz zu verschnaufen.

„Wer bist du?“ Fernandos Stimme drückte Todesangst aus, während Eric ihn immer weiter auf Carlos zutrieb.

„Du willst wissen, wer ich bin? Du willst es wirklich wissen?“ Carlos lächelte widerlich. „Ich werde dir zeigen, wer ich bin...!“ Er zog den Jackenstoff im Brustbereich wieder auseinander. Nackte Haut kam zum Vorschein und...

Fernando glaubte sein Gehirn würde augenblicklich versagen.

Ein Kristall!

Halb in das Fleisch gebrannt, halb herausstehend konnte er deutlich den ovalen, tiefrot leuchtenden, leicht pulsierenden Stein, von der Größe einer Kinderfaust in der Brust des Fremden erkennen.

„Aber...?“ Fernando starrte Carlos entsetzt an, war tief geschockt über das, was er gesehen hatte. Wie konnte der Kristall aktiviert sein? Das war doch unmöglich!

Im gleichen Moment erkannte er die Wahrheit selbst, als er sah, dass der Stein in der Brust seines Widersachers keine schützende Hülle mehr besaß.

„Oh Herr Jesus, nein!“ entfuhr es ihm noch, da glaubte er nur einen Sekundenbruchteil später, er würde vollends den Verstand verlieren. Denn vor seinen Augen verwandelte sich Carlos Gesicht, seine Konturen begannen zu verschwimmen, so als schaue man auf eine Wasseroberfläche, die durch den Einschlag eines Steines Wellen schlug.

Eine Sekunde später schaute Fernando in ein ganz anderes Gesicht.

Ein Gesicht, das er kannte. Das Gesicht eines Freundes, der so wie er vor Jahrhunderten einen Fehler begangen hatte, den sie mit dem Fluch der Unsterblichkeit bezahlen mussten. Und der, so wie sie alle, die davon betroffen waren, all die lange Zeit niemals die Hoffnung aufgegeben hatte, dass sie ihre Herzen und damit ihre Sterblichkeit wieder zurück erlangen konnten. Bis sich ihre Hoffnungen vor über 26 Jahren zu manifestieren schienen und doch nur wenige Augenblicke später durch den Absturz des Flugzeuges, in dem sie waren, wieder in Rauch auflösten.

Jener furchtbare Vorfall, der ihre Hoffnungen erneut zerstörte und bei dem einer von ihnen so schwer verletzt wurde, dass sie ihn nicht vor dem heranstürmenden Militär retten konnten.

Und von dem seit jener schrecklichen Nacht jede Spur fehlte ... bis heute.

„Ist es so besser?“ fragte ihn das Gesicht und lächelte.

Doch Fernando reagierte nicht.

„Erinnere dich!“ Das Gesicht verlor sein Lächeln. „Oder ist es zu lange her?“ Er musterte Fernando eine Sekunde scharf.

Aber Fernando hatte ihn doch bereits erkannt, versuchte nur seine explodierenden Gedanken in den Griff zu bekommen. „Oh mein Gott! Carlos!“

„Siehst du, wer ich bin? Siehst du es?“ Carlos schrie seine Worte direkt in Fernandos Gesicht.

Doch der Rechtsanwalt war zu keiner Reaktion mehr fähig. Er hatte die wahre Identität seines Henkers entdeckt und, obwohl so viele Fragen offen waren, sah er nur die eine Tatsache.... „Du hast Kontakt mit dem Kristall!“,...die viel schrecklicher war, als alles, was er sich jemals hätte vorstellen können.

Und er erinnerte sich sofort an Philippes Worte und wusste, dass der Pater recht hatte.

Das Böse war nicht mehr aufzuhalten.

Fernando war so geschockt, dass er nicht einmal reagierte, als Carlos seine rechte Hand auf seinen Brustkorb legte. „Und nun gib mir, was ich brauche - und dann stirb!“

Jetzt kam Fernando zurück in die Wirklichkeit. „Ja, nimm es dir, du Teufel. Aber es wird dir am Ende nichts nützen. Die anderen werden dich aufhalten. Du wirst dein Werk niemals vollenden können!“

„Das glaubst du. So wie die anderen vor dir. Wann begreift ihr es endlich? Ich habe direkten Kontakt zum Kristall. Und ihr habt ja keine Ahnung, welch unglaubliche Macht ich gesehen habe. Ihr könnt mich nicht aufhalten. Keiner von euch!“ Er starrte Fernando mit großen Augen direkt ins Gesicht, erhöhte den Druck auf seine Brust, spürte die Energie, die zu fließen begann.

Fernando schrie auf, versuchte sich zu wehren, hatte jedoch keine Chance.

Eine Minute später war alles vorbei und auch die Energie aus Fernandos Kristall war zu Carlos übergegangen.

Fernando sackte kraftlos zusammen, Carlos musste kurz durchatmen.

„Das war´s!“ sagte er dann zu Eric, als er sich wieder gefangen hatte.

Bevor er sich umdrehte, beugte er sich noch einmal zu Fernando herunter. „Sie mich an...!“ sagte er.

Fernando schaute ihn kraftlos an, sah das Carlos sich wieder in die erste Gestalt zurückverwandelt hatte.

„...und merke dir mein Gesicht! Es ist das Gesicht eures neuen Gottes!“

Er war am Ende seiner Kräfte, aber er war total verwirrt.

Statt zu sterben, durfte er hier liegenbleiben, sehen, wie Carlos und der Schwede die Kirche zügig verließen.

„Bleibt, wo ihr seid!“ hörte er Carlos noch rufen, während er sich einmal um seine eigene Achse drehte. „Dann wird euch nichts geschehen!“

Dann schloss sich das Tor und sie waren entschwunden.

Und er noch am Leben.

Ohne Kristall und ohne Herz. Er hatte immer geglaubt, dass dies nicht möglich war.

Doch er spürte deutlich in sich, wie seine Kräfte schnell nachließen.

Er hatte nur noch wenig Zeit, dann würde er tatsächlich sterben.

Aber vielleicht hatte er noch die Zeit, sein Wissen an seine Freunde weiterzugeben.

Vielleicht hatte Carlos diesmal einen Fehler gemacht und Fernando wollte alles tun, um diese einmalige Chance zu nutzen.

Als sie vor die Kirche traten, gab Eric dem Piloten des Transporthubschraubers das Zeichen, die Maschine anzuwerfen.

Der Pilot gab den Befehl an seine beiden Kollegen in den Kampfhubschraubern weiter.

„Ist alles erledigt?“ fragte Carlos Eric, während sie zum Transporthubschrauber gingen.

Eric nickte.

„Dann lass uns abrücken. Und denke daran, der erste Schuss gehört mir!“

Wieder nickte Eric und gab die Befehle an seine Leute weiter.

Carlos erreichte den Hubschrauber, als ein junger Mann in Uniform zu ihm trat.

„Sir?“

„Was gibt es?“

„Sir, es liegen erste Suchergebnisse vor! Wenn sie es sich anschauen wollen!?“ Der junge Mann gab ihm einen DIN-A-4-Umschlag.

Carlos nahm ihn und holte den Inhalt heraus.

Es waren mehrere großformatige Fotos, die von dem Privatdetektiv gemacht worden waren, den er vor geraumer Zeit engagiert hatte.

Unbemerkte, heimliche Fotos, damit die Zielperson keinen Verdacht schöpfte.

Die Fotos zeigten allesamt eine junge, farbige Frau, Anfang zwanzig. Sie war hübsch, attraktiv, hatte ein gewinnendes Lächeln und auffallend leuchtende grüne Augen.

Die Fotos zeigten sie beim Einkaufen, beim Bummeln, bei der Arbeit.

„Wo?“ fragte Carlos und schaute den Mann neben ihm an.

„Auf der Rückseite, Sir!“

Carlos drehte das Bild um, das die junge Frau bei der Arbeit zeigte.

Auf der Rückseite stand: 17.07.2013. Den Ort erfahren sie, wenn sie mich bezahlt haben!

Carlos atmete einmal tief durch.

„Vereinbaren sie sofort einen Termin mit diesem Privatdetektiv. Wie heißt er noch gleich?“

„Forrester, Sir. Samuel Forrester!“

Carlos nickte. „Ich will ihn sprechen, sobald wir zurück sind!“

Der junge Mann nickte zustimmend.

„Noch etwas?“

„Unsere New-Yorker Einheit hat Walker ausfindig gemacht!“

Carlos schaute den Mann ausdruckslos an und überlegte einen Moment. „Sie sollen ihn holen. Ich kann mich jetzt nicht darum kümmern. Diese Sache hier...!“ Er hob die Fotos an. „...ist einfach zu wichtig!“

„Jawohl, Sir. Ich werde sie anweisen, Walker in unser Hauptquartier zu bringen!“

„Alles klar!“

Der junge Mann drehte sich um und ging.

„Ist sie es?“

Carlos drehte sich überrascht herum. Er hatte Eric nicht kommen sehen.

„Ja, mein Freund, sie ist es!“ Er lächelte einmal kurz. „Unsere Reise wird bald zu Ende sein. Dann werden wir die Früchte unserer Mühen ernten. Das verspreche ich dir!“

Eric nickte ihm wortlos zu, dann ging er in den Transporthubschrauber.

Carlos drehte sich wieder herum und sah, dass einer der beiden Kampfhubschrauber gerade neben ihm gelandet war.

Der Pilot stieg aus, nahm seinen Helm ab und trat zu ihm. „Er gehört ihnen, Sir!.“

Carlos nickte nur, nahm den Helm, setzte ihn auf und stieg in den Hubschrauber.

Nachdem er sich kurz orientiert hatte, erhöhte er wieder die Rotorleistung und deutete dem Piloten in dem Transporthubschrauber an, aufzusteigen.

Zunächst hatte Fernando die Menschen in der Kirche beruhigt.

Das war natürlich nicht einfach gewesen, aber es war ihm gelungen, die Panik hinauszuzögern, indem er ihnen sagte, sie sollten ruhig bleiben, bis die Hubschrauber sich entfernt hatten.

Um sicherzugehen, das auch wirklich niemand vorher die Nerven verlor, schleppte er sich zum Tor und wartete, während er versuchte, all seine Kraft zusammen zu nehmen, um sein Handy aus der Tasche zu holen Er wählte eine Nummer und musste dem monotonen Rufton am anderen Ende der Leitung zuhören.

Dabei wurde auch Fernando ungeduldig und so erlag er schließlich der Versuchung, zu schauen, was draußen vor sich ging.

Langsam öffnete er das Tor, zog es nur wenige Zentimeter nach innen, sodass er einen winzigen Blick nach außen riskieren konnte.

Und was er sah, ließ ihn das Blut in seinen Adern gefrieren, denn er erkannte sofort, dass er sich getäuscht hatte.

Es würde auch dieses Mal niemanden geben, der von dem Zusammentreffen mit Carlos würde erzählen können.

Darauf hatte er gewartet, denn er hatte förmlich gewusst, dass dies passieren würde.

Er war mit dem Hubschrauber einige Meter vom Boden aufgestiegen und dann in den Schwebflug gegangen.

Sein Blick war dabei starr auf das Kirchentor gerichtet gewesen.

Dann wurde es geöffnet, nur einen kleinen Spalt und Fernandos Gesicht kam zum Vorschein.

Hinter ihm mussten ihm noch andere zum Tor gefolgt sein, denn nur eine Sekunde später wurde es fast ganz aufgerissen.

Darauf hatte er gewartet.

Ein breites Grinsen kam auf seine Lippen, seine Augen strahlten.

Dann drückte er genüsslich den Auslöser.

Die Rakete löste sich aus der Halterung mit der Verzögerung weniger Millisekunden und jagte dann auf ihr Ziel zu.

Inzwischen waren einige wenige Personen aus der Kirche heraus gestürmt, als der Flugkörper durch das Tor schoss und auf den Altar traf.

Innerhalb eines Sekundenbruchteils war die Kirche eingehüllt in einen gewaltigen, gleißenden Feuerball, der die Fensterscheiben zerfetzte, das Dach in die Höhe katapultierte und alle Lebewesen in ihm zu Staub verbrannte.

Nur eine Sekunde später waren im ganzen Dorf mehrere weitere Explosionen zu sehen und zu hören, ausgelöst durch Fernzünder, die Eric im Transporthubschrauber betätigte.

Fast gleichzeitg fegte der zweite Kampfhubschrauber über den Ort des Geschehens hinweg, metzelte die wenigen Überlebenden mit der Bordkanone nieder.


Das ganze Schauspiel dauerte weniger als eine Minute, dann war das ganze Dorf ein einziger Feuerball und eine riesige Leichenhalle.

Mehr als 360 Menschenleben wurden ausgelöscht, das ganze Dorf dem Erdboden gleichgemacht und ausradiert.

Carlos befand sich noch immer im Schwebflug, weil er erkannt hatte, dass Fernando es tatsächlich geschafft hatte, die Kirche noch rechtzeitig vor dem Einschlag der Rakete zu verlassen.

Die Druckwelle hatte ihn einige Meter durch die Luft gewirbelt, doch er lebte noch, dass erkannte Carlos, als sich Fernando blutüberströmt nur wenige Meter vor ihm erhob.

Der Rechtsanwalt schaute geschlagen in die Kanzel und wusste, was passieren würde.

Wieder grinste Carlos.

Ja, er hatte erneut gewonnen. Und er war nicht aufzuhalten!

Er hatte die Energie von zwei weiteren Kristallen in sich und er hatte das Mädchen gefunden.

Was für ein glorreicher denkwürdiger Tag, der den Grundstein für den großen Sieg legen würde.

So viele Jahre der Schmerzen, der Qualen, die er erleiden musste, bevor er sicher war, das nur die schonungslose Rache den Verrat seiner Freunde sühnen konnte und an die er sich jetzt wieder so genau erinnern konnte.

Eine Sekunde später schob er den Steuerknüppel nach vorn und betätigte fast gleichzeitig den Auslöser für die Bordkanone.

Und während der Helikopter über Fernando hinwegfegte, wurde sein Körper von unzähligen Projektilen zerfetzt, die ihn wie Hammerschläge trafen und zu Boden schleuderten.

Bevor er jedoch endgültig starb, fand er noch die Kraft, den Namen seines Henkers zu nennen, dann wurde er das letzte Opfer auf diesem grausamen Schlachtfeld, auf dem es weder Ehre, noch Gnade und auch keinen Gott gegeben hatte.

Twice

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