Читать книгу Twice - Alfred Broi - Страница 8
V
ОглавлениеSein Gehirn sagte ihm, er solle atmen, doch er konnte es nicht.
Irgendetwas Schweres lag auf seiner Brust, er bekam keine Luft in die Lungen.
Sein Gehirn sagte ihm, er solle seine Augen öffnen und das tat er auch.
Aber er konnte nichts erkennen, außer tiefster Schwärze um ihn herum und seine Augäpfel begannen höllisch zu schmerzen.
Es hatte keinen Sinn. Wenn er nicht schon tot war, dann würde er jetzt doch noch an den Folgen des Absturzes sterben.
Und Richard fügte sich in sein Schicksal.
Bis zu dem Moment, als sein Gehirn seinen Beinen den Befehl gab, sich zu erheben und sich sein Körper mit einem lauten Aufschrei unter dem Berg aus Erde und Gestein hervor wühlte, unter dem er begraben war.
Und dann war da plötzlich auch wieder Luft, die er tief einzog, schmerzvoll, damit sein Gehirn auch weiterhin richtig funktionierte.
Im selben Moment verlor Richard das Gleichgewicht, als seine Beine unter ihm nachgaben, er schreiend umkippte und einige Meter zur Seite rollte.
Sofort aber riss er sich wieder in die Höhe, atmete weiter hastig, wusste nicht mehr wo er war, hatte nur tierische Angst in seinem gesamten Körper.
Er begann den Dreck von sich zu schütteln, schrie dabei erneut angeekelt auf, warf seine Arme einmal verzweifelt in die Höhe.
Dabei erfassten seine Augen für eine Sekunde den großen Felsbrocken direkt vor ihm und gaben teilweise den Blick auf die Verwüstung dahinter frei.
In Richard kamen die Erinnerungen sofort hoch. Seine Augen weiteten sich, er stolperte und taumelte zur Seite, um an den Felsbrocken vorbei freies Blickfeld zu haben.
Doch er verlor erneut das Gleichgewicht, fiel unkontrolliert zu Boden, drehte sich dabei herum, schrie wieder, stöhnte auf.
Doch er hatte viel zu viel Panik und Verwirrung in sich, um ruhig zu agieren.
Wieder sprang er auf, erkannte schnell, dass er in die verkehrte Richtung blickte, warf sich herum und konnte dann sehen, was sich hinter dem Gesteinsbrocken befand.
Und der Anblick der brennenden Schneise totaler Zerstörung riss ihn sofort wieder von den Füßen, wo er hart auf dem Gesäß aufschlug.
Aber diesmal kam kein Laut über seine Lippen, viel zu entsetzt war er über das, was sich da vor seinen Augen auftat.
In seinem Inneren aber explodierte er förmlich, arbeitete sein Gehirn auf Hochtouren, war sein ganzer Organismus zum Zerreißen angespannt.
Was zum Teufel war hier nur passiert?
Blöde Frage! Ein verdammter Scheiß-Jumbo war ihm mit unbändiger Wucht quasi direkt vor seine Füße gefallen.
Aber warum nur?
Doch diese Frage war wohl unsinnig, denn das alles sah nicht gerade so aus, als könnte in den Trümmern noch irgendetwas Lebendiges überlebt haben, also würde es auch niemanden mehr geben, der über diese Katastrophe berichten konnte.
Oh Gott, was zum Geier nochmal sollte er jetzt tun?
Oh Mann! Richards Gedanken überschlugen sich, rappelten sich wieder auf, nur um im selben Moment wieder wilde Purzelbäume zu schlagen.
Inzwischen begann er das Terrain nach Überleben abzusuchen, doch da war so viel Bewegung vor ihm durch die flimmernde Luft und dem dauernden Wechsel von flackerndem Licht, hervorgerufen durch Flammen, und Dunkelheit, dass er nicht sicher war, ob sich dort tatsächlich etwas Lebendiges bewegte.
Bis er den Horizont erfasst hatte und dort ebenfalls Licht erkannte, das sich bewegte.
Kleine, hin und her schaukelnde Lichtpunkte, die näher kamen.
Und da war er sicher, dass hier sehr schnell Leben einkehren würde, denn die Lichtpunkte waren nicht anderes als Hubschrauber vom angrenzenden Militärstützpunkt.
Und der betrunkene Richard mittendrin. Geschockt, fasziniert, ängstlich, völlig von der Rolle.
Garantiert würde er sich nicht wie ein Mensch benehmen, der Herr seiner Sinne war.
Womöglich würden sie ihn mitnehmen und ihn für diese Scheiße verantwortlich machen, ihn gar für einen Terroristen halten, der nachts im volltrunkenen Zustand Flugzeuge vom Himmel holte.
Und damit hatte er dann ausgekackt. Dann würden sie ihn mitnehmen und er würde Sheila und Debbie niemals wiedersehen!
Um Gottes Willen, schoss es ihm in den Kopf, das musste er verhindern.
Aber wie?
Ganz einfach, du Idiot. Hau ab! Mach dich vom Acker! Aus den Augen, aus dem Sinn.
Was du gesehen hast, hast du gesehen. Eine Erfahrung, auf die du nicht stolz sein musst, auf die du gern hättest verzichten können.
Niemand weiß, dass du hier bist. Nicht deine Frau, nicht deine Freunde, von denen du sowieso keine mehr hast.
Also setz dich in dein beschissenes Auto und mach, dass du hier weg kommst.
Alles andere würde dir doch nur einen Haufen Ärger einbringen, den Sheila niemals verstehen würde.
Dann würde am Ende doch die Scheidung stehen und dann hätte dich dieses Flugzeug auch mit grillen können.
Verdammt!
Richard wirbelte erneut herum, versuchte sich in der Dunkelheit zu orientieren.
Er schätzte, dass er drei, vielleicht vier Minuten haben würde, bevor die Militärs hier wie Schmeißfliegen herumtoben würden.
Und da war die Flucht zu Fuß, in seinem körperlichen, aber auch geistigen Zustand, völlig sinnlos. Außerdem würden sie sein Auto früher oder später entdecken und dann war er auch am Arsch.
Aber wo zum Teufel war sein Wagen?
Da! Etwa dreißig Meter von ihm entfernt! Oder?
Richard war sich nicht sicher, lief darauf zu, bis er es besser erkennen konnte und...
Oh Gott, oh nein! Er hatte verloren.
Es war sein Auto, ja, aber über und unter ihm waren Mengen an Erde und Geröll verteilt, hatten es am hinteren Teil angehoben, deckten es beinahe vollständig zu.
Das würde er niemals schaffen.
Obwohl! Sein Auto war das einzige Überbleibsel seiner besseren Vergangenheit, als die Welt noch in Ordnung war, er Träume hatte und in der Lage war, sie sich zu erarbeiten. Und er war so stolz gewesen, als er sich den Chrysler hatte kaufen und vor allen Dingen bar bezahlen können. Der seiner Meinung nach beste Geländewagen der Welt, und er durfte ihn fahren.
Also: Jetzt hatte dieses verdammte Ding Gelegenheit, zu beweisen, was in ihm steckte.
Richard hatte die Fahrertür erreicht, öffnete sie, musste seine ganze Kraft aufbringen, um den Berg Erde der davorlag, beiseite zu schieben.
Er stöhnte wieder, hustete, schwitzte am ganzen Körper, doch er gab nicht auf und schaffte es schließlich, in den Innenraum zu klettern.
Der Motor jaulte nur einmal kurz auf, bevor er durchstartete und sein tiefes Brummen zu hören war.
Richard schaltete den Allrad-Antrieb ein, haute den stärksten Geländegang rein, kurbelte das Seitenfenster herab, damit er die Hinterachse sehen konnte und gab Gas.
Der Chrysler bewegte sich ein Stück nach vorn, bevor er stockte und ein wenig zur Seite, herunter von dem Erdhügel unter ihm rutschte.
Richard bremste ab, überlegte kurz, bevor er die ganze Prozedur wiederholte.
Beim vierten Mal rutschte der Chrysler fast vollständig herab.
Richard legte den Rückwärtsgang ein. „Na, dann zeig mal, was du kannst!“. Er gab Vollgas und nur eine Sekunde später zog sich der Wagen mit heulendem Motor unter dem Erdwall auf der Motorhaube hinweg und jagte rückwärts davon.
Er bekam gerade noch rechtzeitig den Fuß auf die Bremse, bevor der Chrysler wuchtig gegen einen Felsbrocken gedonnert wäre.
Der Wagen schaukelte aus, Richard atmete kurz durch, schaute zur Seite, bis er die Lichter der Hubschrauber wieder erkennen konnte.
„Keine Chance!“ sagte er, legte den Vorwärtsgang ein und trat aufs Gaspedal.
Der Chrysler gewann schnell an Geschwindigkeit und jagte davon.
VI
Er konnte nicht mehr mit Gewissheit sagen, ob er das alles wirklich erlebt hatte oder er doch nur träumte, ihm sein Verstand, sein Körper nur üble Streiche spielte.
War er wirklich noch am Leben? Atmete er noch?
Oder war dies das, was man auf dem Weg ins Reich der Toten erlebte?
Dass er schwer verwundet war, wusste er, denn alles in ihm und an ihm schmerzte so höllisch, dass er sicher war, den Verstand zu verlieren.
Aber hatte er eben wirklich Jonathan, Marcus und Maxwell gesehen und mit ihnen geredet?
Oder war das nur noch eine Scheinwelt mit Bildern aus seiner Vergangenheit, die er durchlebte, bevor alles endgültig vorbei war?
Carlos öffnete die Augen, versuchte etwas zu erkennen, doch es dauerte einige Momente, bevor sein Blick wieder klar wurde.
Und er konnte deutlich das zerstörte Flugzeug neben sich erkennen, wie es brannte, explodierte, vernichtet wurde.
Und da wusste er plötzlich, dass er nicht geträumt hatte.
Ja, Jonathan, Marcus und Maxwell waren bei ihm gewesen. Sie hatten ihn aus dem Wrack herausgeholt. Ihn hier in Sicherheit gebracht.
Denn er konnte nicht sterben, auch wenn er sich das mit jedem quälendem Atemzug so sehr wünschte. Er war zum Leben verdammt und dazu, unmenschliche Schmerzen zu ertragen, die ihm gewaltige Schauer des Wahnsinns ins Gehirn trieben.
Und niemand war bei ihm, um ihm in diesen Minuten beizustehen.
Ja, seine Freunde hatten ihn aus dem Wrack geholt, aber doch nur, um ihn hier zurück zu lassen! In seinem Blut, in seinem Schmerz.
Sie hatten ihn verlassen, im Stich gelassen.
Und um was zu tun?
Nach dem Kristall zu suchen!
Weil sie doch nur mit ihm jemals eine Chance hatten zu sterben!
Ja, zu sterben!
Jeder andere Mensch hofft zu leben, solange es nur irgend geht, am liebsten gar nicht zu sterben.
Doch keiner von ihnen wusste wirklich, was er da begehrte.
Unsterblichkeit war ein furchtbarer Fluch. Und deshalb waren sie auf der Suche nach dem Kristall. Er allein war der Schlüssel zur Sterblichkeit.
Ohne ihn gab es keine Hoffnung, mit ihm gab es alles, was sie all die Jahrhunderte so sehr begehrten: Den Tod!
Aber jetzt war alles anders. Sie hatten den Kristall schon so nah vor Augen gehabt, konnten ihn schon greifen, da spielte ihnen die Habgier ihrer Widersacher einen bösen Strich durch die Rechnung und es kam zu dieser schrecklichen Katastrophe.
Bei dem sie natürlich nicht ihr Leben lassen konnten, bei dem er aber so schwer verletzt worden war, dass ihm jeder widerliche Schmerz wie ein Blitz durch den Körper jagte und sein letztes bisschen Verstand auffraß.
Gott, er brauchte Hilfe, Schmerzmittel, irgendetwas, das ihm den Wahnsinn aus dem Gehirn nahm.
Warum nur begriffen seine Freunde das nicht?
Stattdessen jagten sie einer Illusion nach.
Denn wie groß waren wohl die Chancen, dass der Kristall nicht im Feuer zerstört worden war?
Das war völliger Irrsinn.
Und dafür musste er jetzt leiden.
Sie hatten verloren und das galt es zu akzeptieren.
Hier lag er schwer verwundet und brauchte die Hilfe seiner Freunde.
Und sie hatten nichts Besseres zu tun, als einem Hirngespinst zu folgen.
Ja, er musste leiden, weil die anderen die Wahrheit nicht erkennen konnten.
Und das konnte er niemals akzeptieren.
Doch was konnte er schon tun? Er war doch völlig hilflos, konnte nicht mehr als seinen Kopf und auch den nur unter großen Schmerzen bewegen.
So konnte er das Flugzeug sterben sehen, so konnten seine Augen verzweifelt und ohne Erfolg auf die Rückkehr seiner Freunde hoffen - und so konnte er auch die sich bewegenden Lichtpunkte am Horizont erkennen, die schnell näherkamen, bis er auch die Form hinter den Lichtquellen ausmachen konnte.
Und da wusste er, dass das Schicksal für ihn vielleicht noch etwas viel Schlimmeres vorgesehen hatte, als irrsinnige Schmerzen: Die Entdeckung seines Geheimnisses!
Im selben Moment trieb ihn die nackte Angst davor dazu, seinen Körper auf den Bauch zu drehen und sich in Deckung zu robben, wenige Meter auf ein paar Felsbrocken zu, wo er Schutz erhoffte vor den Blicken der Ankömmlinge.
Immer und immer weiter zog er sich den leicht ansteigenden Hügel hinauf, immer weiter weg von freiem Gelände, immer mehr hinein in geschütztes Terrain.