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2. Kapitel New York Connection
Оглавление„Oh Mann, wie ich diese Stadt hasse!“ Scott Forrester saß am Steuer ihres Mietwagens und schaute frustriert auf den vor ihm liegenden Stau auf der Park Avenue.
„Woher kennst du New York?“ fragte Gina Evans neben ihm auf dem Beifahrersitz.
Scott schaute zu ihr. „Ich habe hier eine Zeitlang gearbeitet.“ Er ließ seine Augen noch einen Moment auf ihrem Gesicht und ihrem Körper ruhen, bevor er wieder nach vorn schaute.
Er kannte Gina jetzt schon seit sechs Monaten. Sie war eine ausgesprochen hübsche Frau, mit schulterlangen hellbraunen Haaren, festen Formen, schlank, vielleicht etwas zu groß geraten mit ihren 178 Zentimetern, einem erfrischenden Lächeln und funkelnden braunen Augen. Noch dazu war sie mit ihren 26 Jahren in genau dem richtigen Alter für Scott.
Doch obwohl Gina auch ihn offensichtlich sehr mochte und keinen festen Freund besaß, waren sie bisher nicht zusammen gekommen.
Scott konnte sich das nicht so recht erklären, er stand vor einem ziemlichen Rätsel.
Andere Frauen waren nicht so schwer ins Bett zu kriegen, manche von ihnen brauchte er nur anzulächeln und schon ritten sie auf ihm durch die dunkle Nacht.
Aber nicht Gina. Und das konnte Scott nun überhaupt nicht verknusen, wo er doch ein blendend aussehender Mann von 28 Jahren war, mit makellosem, muskulösem Körperbau und dem strahlenden Aussehen der aufgehenden Morgensonne. Noch dazu war er ausgesprochen intelligent und charmant, ohne dabei zur Selbstüberschätzung zu neigen. Nein, er war realistisch genug, um zu wissen, dass er unter die Top Ten der Männerwelt gehörte und dass es Frauen gern hatten, wenn man sie dies spüren ließ.
Gina aber war davon sichtlich unbeeindruckt geblieben und Scott hatte schon die Befürchtung, dass sie lesbisch war, was ihm schwer zu schaffen machte, hatte er mit dem Kerl auf der Rückbank doch schon einen Partner, der am anderen Ufer der geschlechtlichen Veranlagung schwamm.
Nun ja, Scott verdrängte seinen Misserfolg bei Gina, schließlich war es sie, die auf den Genuss seiner prachtvollen Härte verzichtete und sie von sich aus auf ein Rendezvous anzusprechen kam ihm schon gar nicht in den Sinn.
So blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr bei jeder möglichen Gelegenheit spüren zu lassen, was ihr entging und sie ansonsten nur als das anzusehen, was Gina auch noch war: Seine Partnerin.
Und das wiederum fiel Scott nun überhaupt nicht schwer, denn Gina war ein absolutes As in ihrem Job, der weder er, noch Michael auf der Rückbank, irgendetwas vormachen konnten.
Im Gegenteil. Oft genug kam es vor, dass die beiden Männer es waren, die sich staunend anschauen mussten, weil ihre kleine Gina wieder einmal mit gnadenloser Härte ihre Gegner bekämpfte.
Und Scott konnte sich hierbei nie einer gewissen Erregung erwehren, wenn er sich vorstellte, dass diese Frau dann auch im Bett eine derart wilde Katze sein konnte.
„War das, bevor du bei Peabody angefangen hast oder danach?“ Gina schaute zu ihm. Die Agency hatte immerhin eine Niederlassung im Big Apple.
Scott schüttelte den Kopf. „Nein, da war davor. Ich habe für die Regierung gearbeitet!“ Er sah, dass Gina überrascht ihre Augenbrauen anhob. „Abteilung für besondere Aktivitäten!“
„Ich denke, du warst da Nachtwächter im Altersheim!?“ Michael St. John beugte sich auf der Rückbank nach vorn und schaute Scott mit einem leichten Grinsen an. Er war ein großgewachsener, breitschultriger, muskulöser Mann von fast 1,90 Metern mit einem gepflegten Aussehen, kurzgeschorenen, blonden Haaren und dem diebischen Grinsen eines Schuljungen
„Quatsch Altersheim!“ verteidigte sich Scott sofort.
„Was mag das wohl geheißen haben: Besondere Aktivitäten?“ hakte Gina nach und schaute Scott mit großen Augen an.
„Ähm!“ Scott hielt inne und atmete hörbar aus. „Das darf ich nicht sagen!“
„Oh!“ Gina schien echt enttäuscht. „Bitte!“ Das war ein zuckersüßes Flöten mit Schmollmund, dem Scott kaum widerstehen konnte.
„Also gut!“ meinte er mit einem breiten, gönnerhaften Grinsen. „Aber das bleibt unter uns, okay?“ Er schaute seine beiden Partner mit ernster Miene an. Gina nickte sofort zurück, Michael schien mit seinen Gedanken gerade irgendwo anders zu sein.
Scott rümpfte zwar die Nase, doch sagte er. „Wir haben außerirdische Aktivitäten untersucht!“
Gina riss augenblicklich die Augen auf. „In New York?“ Sie war ehrlich bass erstaunt.
Scott nickte nur.
„Außerirdische!“ Michael lachte kurz verächtlich auf. „Klar!“ Er drehte seinen Kopf zu Scott und schaute ihn ausdruckslos an.
„Dann glaub es halt nicht!“ erwiderte Scott leicht gereizt. „aber Tatsache ist: Es gibt da mehr Vorkommnisse dieser Art, als man glauben möchte!“ Er nickte wie zur Selbstbestätigung.
„Blödsinn!“ wehrte Michael sofort ab. „In der heutigen Welt wäre so etwas doch gar nicht mehr zu verheimlichen! Du willst dich bei Gina doch nur interessant machen! Es gibt keine Außerirdischen. Gestern nicht, heute nicht...!“ Er schaute Scott mit säuerlicher Miene an. „…und morgen erst recht nicht!“
Doch anstatt zu protestieren, grinste Scott. „Klar! Das ist die offizielle Version für den Rest der Welt und für die Leute, die nicht richtig hingeschaut haben!“
„Aha! Aber du hast natürlich genau hingeschaut!?“ Michael grinste Gina breit an und zwinkerte ihr zu.
„Natürlich habe ich das. Einem geschulten Auge entgeht sowas nicht!“
„Ha! Mr. Wichtig. Du würdest einen Außerirdischen doch selbst dann nicht erkennen, wenn er dir seinen amtlichen intergalaktischen Lichtbildausweis vor die Nase halten würde!“ Michael lachte einmal laut auf und warf sich zurück auf den Rücksitz.
„Oh doch, alter Neidhammel. Ich würde ihn erkennen!“ Scott schaute hoffnungsvoll zu Gina. „Ehrlich, das würde ich!“
Gina sah ihm für eine Sekunde direkt in seine Augen, dann lächelte sie übers ganze Gesicht. „Du musst da vorn links ab!“ Dabei drehte sie sich wieder nach vorn und lächelte weiter vor sich hin, wieder einmal bestätigt in ihrer Entscheidung, Scott unheimlich gern zu haben, sich aber niemals in ihn verlieben zu können.
„Hat der Alte noch irgendwelche besonderen Instruktionen abgelassen?“ fragte Scott dann.
„Hast du wiedermal nicht zugehört?“ entgegnete Gina gestresst.
„Doch, sicher!“ Scott schaute ihr ins Gesicht und sah ihren genervten Blick. „Naja, nicht ganz. Weißt du, ich habe gestern im Club die Stange mit hundert Kilo zweihundertmal gestoßen. An sich ja nichts besonderes, ist ja klar. Aber irgendwie hab ich mich dabei ein wenig verdreht. Ich weiß nicht. Es tut auf jeden Fall höllisch weh. Jeder andere hätte damit sofort schlapp gemacht. Aber du kennst ja mein Motto: Eisenhart in jedem Körperteil!“ Er grinste sie breit an.
Gina sah ihn eine Sekunde lang irritiert lächelnd an, dann lachte sie einmal laut auf. „Jaja, ich weiß. Wer es glaubt!“
„Du solltest es testen, mein Schatz. Dann würdest du es schon sehen...!“ Er tippte sie leicht am linken Arm, wartete bis sie sich zu ihm herumdrehte und ihn ansah. „...und fühlen!“ Dabei weitete er seine Augen und hob die Augenbrauen an.
Wieder sah ihn Gina eine Sekunde irritiert an, dann lachte sie erneut auf. „Oh Mann, gib es auf Scott. Wir kommen nicht zusammen ins Bett!“ Sie drehte sich zurück.
„Aber warum nicht, Gina?“ Scott war sofort entsetzt.
Gina drehte sich ruckartig herum und schaute ihn ihrerseits mit großen Augen an. „Weil dein dicker, praller, langer Schwanz wahrscheinlich gar nicht reinpasst in meine kleine, enge, feuchte...!“ Sie betonte jedes Wort, beugte sich zu ihm und begleitete es mit einem leichten, lustvollen Stöhnen. „...Muschi!“
Scott wich geschockt einige Zentimeter zurück, als sie ihm das letzte Wort quasi vor die Nase hämmerte. Unfähig, sich zu bewegen, blieb er wie angewurzelt sitzen, während Gina es sich wieder in ihrem Sitz bequem machte.
„Oh mein Gott!“ stöhnte er dann tief beeindruckt. „Was für ein Weib!“ Er musste einmal schlucken, bevor er sich wieder bewegen konnte. „Du machst es einem wirklich schwer nein zu sagen, Gina!“ sagte er dann schließlich. „Aber ich kann nicht. Es tut mir leid. Vielleicht werde ich dich ein anderes Mal erhören!“
Gina atmete gestresst aus und zeigte Scott einen Vogel. „Mann, du hast echt Komplexe!“ Sie atmete einmal tief durch und blieb einige Sekunden lang still. „Aber um auf deine Frage zurück zu kommen: Nein, Peabody hat keine weiteren Instruktionen gegeben! Wir sollen hier diesen Typen abholen, mit ihm zusammen nach San Francisco zurück zu seiner Mutter kommen, die drückt ihm fünfzigtausend Dollar in die Hand, dann fahren wir mit diesem Kerl und dem Geld zu einem gewissen...!“ Sie holte einen Zettel aus der Jackentasche. „...Spinato Tortellini!“
„Tortellini?“ Scott sah sie verwirrt an.
„Naja, so ähnlich halt! Auf jeden Fall zurück nach Frisco, wo wir dafür sorgen werden, dass er seine Spielschulden auf Heller und Cent bezahlen wird. Danach sollen wir uns noch ein bisschen um ihn kümmern, damit er vom Glücksspiel kuriert wird. Das ist alles. Ende! Wieder ein tadellos ausgeführter Auftrag für Peabody Security Agency!“
Scott lächelte Gina an. „Was heißt um ihn kümmern?“
„Na du weißt schon: Ein bisschen Schmerzen, ein bisschen Tränen, ein bisschen Angst. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon. Hauptsache, er lässt die Finger von den Karten!“
Scott nickte sofort heftig. „Alles klar. Ihr übernehmt den psychologischen Teil, ich den physischen, ja?“
„Ja, aber natürlich, Scott, darfst du das! Lass deinen Frust über mich ruhig an ihm aus!“ Sie sah zu Scott hinüber, sah sein widerliches Grinsen und musste dann erneut auflachen. „Gott bin ich froh, dass ich kein so ein dummes Ding in der Hose habe!“
„Da ist es!“ sagte Gina einige Minuten später und deutete auf das schäbige Hotel etwa sechzig Meter vor ihnen.
Scott erkannte es ebenfalls und lenkte ihren Wagen in die nächstbeste Parklücke.
„Na, dann wollen wir mal!“ Michael öffnete die hintere Tür und stieg aus.
Gina und Scott folgten ihm.
„Hört zu Leute!“ sprach Scott dann, während er sich eine Zigarette aus dem Anzug holte. „Ich hab keine Lust da reinzugehen. Macht das allein, ja?“
„Was soll das schon wieder, Scott?“ fuhr ihn Michael rüde an.
„Ach es ist wegen meinem Rücken. Die Sache beim Training gestern. Ich will da nicht gleich wieder übertreiben!“ Er lächelte beide fröhlich an. „Ihr versteht das!?“
Gina atmete genervt aus und zeigte Scott einen Vogel.
Michael schüttelte den Kopf. „Mann, bist du doof!“ Er atmete einmal tief durch. „Aber schön, wenn es dir dann besser geht, mache ich das mit Gina da drinnen allein. Und du hältst hier draußen die Stellung, alles klar?“
Scott antwortete nicht sofort, sondern sog erst einmal den Rauch der Zigarette tief ein. „Ist gebongt!“
„Und hör auf mit dieser Raucherei. Das Zeug bringt dich eines Tages noch um. Außerdem macht dich der Gestank total unattraktiv!“
„Das könnte dir so passen, was!? Das hält dich wenigstens von mir fern!“ Scott sog erneut an seiner Zigarette und fügte dann hinzu. „Alte Schwuchtel!“ Dabei grinste er leicht.
„Intoleranter Mistkerl!“ fauchte Michael amüsiert. „Nur weil ich auf einen Männerschwanz genauso abfahre, wie Gina, kriegst du Probleme mit deiner Einstellung!“
„Solange du dich von mir fernhältst, wird es keine Probleme geben!“
„Dich würde ich nicht mal mit einer Kneifzange anfassen, Junge. Du bist mir viel zu primitiv!“
„Was bitte schön ist an Rosettenfummelei so fortschrittlich?“
„Siehst du. Du weißt es nicht. Vielleicht solltest du es dann mal versuchen!“ Er grinste Scott breit an. „Macht einen tierisch an!“
„Hau bloß ab jetzt, bevor ich einen Blutrausch kriege!“ Auch Scott lachte.
„Ich bewundere euch!“ meinte Gina, während sie mit Michael auf das Hotel zuging.
„Warum?“
„Weil ihr euch trotz eurer Gegensätze so gut versteht. Ein Schwuler und ein Macho. Und ihr könnt sogar noch Witze darüber reißen. Echt, ich finde das prima!“
„Ach, kein Problem. Scott ist zwar manchmal ein ziemliches Arschloch, aber ein echter Klassepartner. Wenn es drauf ankommt, ist er hundertprozentig bei der Sache. Ich würde ihm ohne zu zögern mein Leben anvertrauen!“
Gina nickte beeindruckt.
„Und sieh es doch mal so. Als einzig Normale unter uns hast du von uns nichts zu befürchten. Ich stehe nicht auf dich und Scott würde das Gegenteil niemals zugeben. Ist doch ein blendender Ausgangspunkt für eine wunderbare Freundschaft!“
Michael trat vor Gina und öffnete die mit zerbrochenem Glas bestückte Eingangstür des Gebäudes mit dem fröhlichen Namen Sunshine Hotel.
Doch schon beim ersten Schritt in die halbdunkle, schmutzige und stinkende Eingangshalle war ihnen klar, dass hier schon seit ewigen Zeiten keine Sonne mehr geschienen hatte.
Die Farbe an den Wänden war aufgeplatzt, teilweise heruntergefallen und an vielen Stellen mit allen nur erdenklichen Farbtönen ausgebessert worden.
Das Mobiliar in der kleinen Sitzecke zur rechten Hand bestand aus einer alten, abgewetzten Ledercouch, einem Ledersessel, auf dem eine braune Decke lag, um die Risse im Material zu verdecken und einem Holztisch, bei dem Bücher zwei Beine ersetzten.
Michael schaute kurz zu Gina und hob die Augenbrauen. Seine Partnerin lächelte zurück und war froh, dass auch er sich hier nicht wohlfühlte.
Auf der linken Seite befand sich der Empfangstisch, hinter dem ein kleiner, dicker Mann in alten Stoffhosen, einem zerrissenen T-Shirt und schmutzigem Hemd vor dem Fernseher saß und dabei geräuschvoll Chips in sich hinein schaufelte.
Gina und Michael gingen auf ihn zu, doch der Kerl wollte sie offensichtlich nicht wahrnehmen.
Michael sah jedoch auf dem Tresen eine Klingel und haute einmal mit der rechten Hand darauf.
„Was wollen sie?“ Eine unfreundliche Frage ohne Blickkontakt, begleitet von einer neuen Handvoll Chips.
„Wir möchten zu Mr. Thomas Walker, Zimmer...!“ sagte Gina.
„Zimmer 7 b. Ich weiß!“ brabbelte der Mann mit vollen Mund.
„Richtig!“ gab Michael zurück. „Welcher Stock?“
Der Mann schluckte die Chips herunter und drehte sich nun doch zu ihnen. „Zweiter Stock!“
Gina nickte und Michael ging voran zur Treppe.
„Aber ich will hier keinen Ärger, verstanden?“
Michael stoppte ab, drehte sich zu Gina, sah sie fragend an. „Wie bitte?“
„Hören sie, es geht mich nichts an, was sie mit den anderen da oben vorhaben, aber ich will hier keinen Ärger, klar?“
„Den anderen?“ Gina schaute besorgt zu Michael.
„Ja, verdammt, den anderen. Sie sehen so völlig anders aus, wie die. Und wenn Lederwesten auf Anzüge treffen gibt es meistens Zoff. Und das kann ich hier nicht brauchen, Schwester!“
„Wie viele und wann?“ Michael trat zurück zum Tresen, sah den Kerl mit versteinerter Miene direkt in die Augen und holte aus seinem Anzug sein Head-Set heraus.
„Äh...!“ Der Kerl stockte, erhob sich von seinem Sitz und kam mit einem breiter werdenden Grinsen auf Michael zu, als er sah, dass dieser immer besorgter wurde. Noch heute Morgen hatte er geglaubt, dieser Tag wäre wieder einer der Scheißtage, wie alle Tage, die er seit dem frühen Tod seiner Frau verbracht hatte. Ohne Hoffnung, ohne Höhepunkt, ohne Leben. Doch der Gesichtsausdruck des Mannes dort vor ihm sagte ihm eindeutig, dass hier ein größeres Scheinchen für ihn drin war, damit er sich in ein paar Stunden nach Feierabend nach langer Zeit mal wieder eine saubere Nutte leisten konnte. „...Gegenfrage: Wie viel ist ihnen diese Information wert?“ Dabei grinste er überlegen und siegessicher.
Eine Sekunde später fand er sich halb über dem Tresen hängend wieder und starrte in die kalten, emotionslosen Augen seines Gegenüber, als dieser ihn blitzschnell und ohne Vorwarnung am Kragen gepackt und spielend leicht zu sich gerissen hatte.
Und da war er sich sehr sicher, nicht mit steifem Glied in der Muschi einer Hure, sondern mit gebrochener Nase in der nächstbesten Seitenstraße zu landen.
„Wie wäre es mit keiner gebrochenen Nase, keinem blauen Auge und der Gewissheit, auch morgen noch kraftvoll zubeißen zu können?“ Michael grinste kurz und hatte dann sofort wieder seine versteinerte Maske auf.
Und es dauerte keine zwei Sekunden, da hatte der Mann vor ihm klar begriffen, dass er hier nichts herausholen konnte. „Also gut, also gut. Ich habe verstanden. Sie haben ihr Portemonnaie zuhause gelassen!“
Michael starrte ihn nochmals böse an, dann lächelte er wieder und ließ ihn zurück auf die Füße gleiten. „Also?“
„Es waren vier. Finstere Typen in Lederkutte. Allesamt echte Bären von Männer!“ Der Kerl breitete beeindruckt seine Arme aus, um in etwa die Dimensionen anzudeuten. „Denen möchte ich nicht nochmal begegnen!“
Michael schaute nervös zu Gina, die ihrerseits ebenfalls ihr Head-Set zur Hand nahm und es sich um das linke Ohr hängte. „Scott?“
„Wann?“
„Vor vielleicht fünf Minuten. Sie haben sie quasi verpasst!“
„Oh verdammt, Scott, melde dich!“
„Fahrstuhl?“
Der Mann schüttelte den Kopf. „Schon seit Monaten kaputt!“
„Wo ist der Hinterausgang?“
„Die Seitengasse links neben dem Gebäude...!“ Der Mann deutete in die entsprechende Richtung.
Wieder schaute Michael zu Gina, die ihm sofort zunickte. „Scott...?“
„Ja, Gina?“
„Verdammt, wo bist du!“
„Vor dem Hotel, wo sonst?“
„Es gibt Ärger. Die Party hat bereits ohne uns begonnen. Der Hinterausgang ist auf der rechten Seite. Beeil dich!“ Gina drehte sich zu Michael, nickte ihm erneut zu.
„Soll ich die Polizei rufen?“
Michael schaute dem Kerl noch einmal ausdrucklos in die Augen. „Bloß nicht!“
Dann stürmte er beinahe lautlos vor Gina die Treppe in den ersten Stock hinauf und wusste, dass seine Befürchtungen Wahrheit geworden waren.
Scott war überrascht, froh und dankbar zugleich, dass Michael so schnell eingelenkt hatte.
Denn natürlich hatte er keinen Muskelkater vom gestrigen Training. Zum einen, weil er gar nicht trainiert hatte, zum anderen weil sein gestählter Körper bei der mickrigen Belastung von zweihundert Stößen der Hundert-Kilo-Stange vielleicht gerade mal ins Schwitzen kam.
Der Gedanke, dass er deswegen Muskelkater bekam, war absolut lächerlich.
Nein, es war allein schon der Anblick dieser widerlich schmutzigen Hotelfassade, die ihn frösteln ließ und wenn er sich das Innenleben dieses Etablissements vorstellte, bekam er sogar eine ausgewachsene Gänsehaut.
Ihm war sofort klar, dass er es sich nicht antun musste, seinen gepflegten Rassekörper dort hinein zu bewegen. Wusste allein der Herrgott, was dort alles für schreckliche Krankheiten hausten?
Und so war er umso begeisterter, dass Michael sein Nein so schnell akzeptierte, war sein Partner doch bei solchen Aktionen immer so furchtbar angespannt, als ginge ihn das alles persönlich etwas an.
Scott lehnte sich deshalb gegen den Kotflügel des Mietwagens und schaute seinen beiden Partnern zu, wie sie das Hotel betraten.
Dann zog er weiter an seiner Zigarette und ließ seinen Blick mit einem innerlichen Kopfschütteln über die trostlosen Häuserwände der ganzen Straße gleiten, wobei er sich immer sicherer wurde, das er lieber tot sein wollte, als jemals in einem solchen Elend zu leben.
Scott hatte auch von Anfang an nur mit Widerwillen verstanden, warum dieser Walker ausgerechnet in Harlem absteigen musste.
Verdammt, das Waldorf Astoria wäre für Scott doch nun wirklich standesgemäßer gewesen.
Zu allem Überfluss begann es dann auch noch in seiner Hose zu piepen und noch während er den letzten Zug seiner Zigarette nahm und sie auf dem Asphalt ausdrückte, wusste er, dass es Ärger gab.
Er holte sein Head-Set aus der Tasche, legte es sich an und lauschte, was Gina sagte.
Scott schaute dabei auf das Hotel, sah den Eingang auf der linken Seite, schaute nach rechts, erkannte dort nur wenige Meter von ihm entfernt die Seitengasse, in der der Hinterausgang des Hotels sein musste.
Und da waren sein Greul und seine Abneigung gegenüber diesem Ort scheinbar wie weggeblasen.
Seine Partner brauchten Hilfe und er würde sie ihnen geben.
Also rannte er sofort und ohne zu zögern in die Seitengasse.
Sie nahmen die vier Treppen in Rekordgeschwindigkeit und erreichten den Flur im zweiten Stock.
Michael stoppte abrupt ab und drückte sich gegen die Treppenwand. Seine Waffe, die er schon längst gezückt und gespannt hatte, hob er in die Höhe, umfasste sie zusätzlich mit der linken Hand. Er verschnaufte eine Sekunde und lauschte. Gina war direkt hinter ihm, ebenfalls bereit sofort zu feuern.
Da war ein Geräusch zu hören, so als würde jemand gewaltsam in eine Richtung getrieben, in die er nicht wollte. Zunächst nur gedämpft.
Michael ließ seinen Kopf einmal um die Ecke zucken. Der Flur war leer.
Bevor er sich wieder zurückdrehte, erkannte er vielleicht sechs Meter entfernt auf der linken Seite die Eingangstür zu Zimmer 7 b. Sie war geschlossen.
Michael schaute zu Gina und nickte ihr wortlos zu.
Seine Partnerin schoss an ihm vorbei in den Flur, während er selbst sich ebenfalls wieder in ihn hineindrehte. Wenn der Feind noch im Zimmer war, hatten sie eine gute Chance den Überraschungseffekt zu nutzen.
Nur einen Sekundenbruchteil später wusste er, dass er sich böse getäuscht hatte.
Die Tür wurde von innen aufgestoßen und buchstäblich aus den Angeln gerissen, in dem Moment, da Michael Gina zugenickt hatte.
Wuchtig krachte sie gegen die gegenüberliegende Wand, wo sie zu Boden fiel.
Fast gleichzeitig erschienen zwei Uzi-Läufe, gefolgt von einem riesigen Kerl in schwarzen Lederklamotten, der die Waffen rechts und links an den Körper gepresst hatte.
Als Gina dann in den Flur sprang, hatte sie augenblicklich die Aufmerksamkeit dieses Bullen, der sich in ihre Richtung drehte und sofort zu schießen begann.
Michael konnte gerade noch erkennen, wie seine Partnerin wild schreiend ihr Gewicht verlagerte und sich durch die ihnen gegenüberliegende Tür warf, um den Kugeln zu entgehen.
Danach war für eine ganze Ewigkeit nichts weiter zu hören, als das Stakkato der Maschinenpistolen, die den Flur quasi zum Kochen brachten.
Als sie ihr Elend erkannte, musste Gina schreien.
Das half ihr, ihren Kopf sofort freizubekommen.
Durch ihre Vorwärtsbewegung war es unmöglich, wieder in den sicheren Schutz der Treppe zurückzukehren.
Also streckte sie ihre Beine einfach nochmal durch und warf sich in die andere Richtung, in der Hoffnung dort Schutz zu finden.
Als sie einen Augenblick später wuchtig mit dem Rücken gegen eine weitere Zimmertür krachte, die dadurch teilweise zerbarst, schrie sie wieder.
Dann peitschten die ersten Schüsse und Gina erschrak fürchterlich.
Noch einmal warf sie sich gegen die Tür, schaffte es sie vollständig aufzustoßen und krabbelte dann in den sicheren Schutz des leer stehenden Zimmers.
Sofort schaute sie zu Michael, doch da war nichts zu erkennen, außer dem höllischen Funkenflug der beiden widerlichen Mähmaschinen den Gang hinauf.
Alles, was er in den Ohren hatte, war dieses gottverdammte, ohrenbetäubende Stakkato der beiden Uzis
Michael hatte das Gefühl, als würde sein Kopf gleich zerplatzen.
Und als er schon einen Schrei formulieren wollte, um den Schmerz besser zu ertragen, verstummte um ihn herum plötzlich alles abrupt.
Im ersten Moment nahm er es gar nicht wahr, erst, als er Gina auf der gegenüberliegenden Seite wieder erkennen konnte, registrierte er es.
Instinktiv zuckte sein Kopf um die Ecke, dann wieder ängstlich zurück, gleich darauf wieder nach vorn.
Michael konnte nicht viel sehen, die Luft war noch immer gefüllt mit herumfliegenden Holzsplittern. Doch er sah, dass der Kerl mit den Uzis verschwunden war. Stattdessen konnte er fünf Gestalten erkennen, die den Gang entlang davonliefen. Einer davon versuchte zu schreien, doch während er unsanft von zwei großen Männern in Lederkutten voran gestoßen wurde, brachte er nicht mehr als ein klägliches Stöhnen zustande.
Der Feind war also auf der Flucht zur Hintertür, seine Aufmerksamkeit für einen Moment nicht auf sie gerichtet.
Und noch bevor Michaels Gehirn den Entschluss fassen konnte, in den Flur zu springen, war sein Körper bereits in Aktion.
Gina sah Michael aufspringen, seine Waffe in die Höhe reißen und schießen.
Sofort rappelte auch sie sich auf und drückte ebenfalls ab.
Der Feind hatte das andere Ende des Ganges fast erreicht, die Entfernung zu ihm betrug gute fünfzehn Meter.
Gina begann hinterher zu rennen, weil ihre Geschosse keine Wirkung zeigten.
Michael folgte ihr.
Der erste Kerl erreichte die Treppe auf der anderen Seite, stürmte hinein, gefolgt von den beiden anderen, die Walker noch immer vor sich hertrieben.
Der vierte Kerl bremste plötzlich abrupt ab, wirbelte herum, hatte die Uzis erneut in seine Seiten gestemmt und drückte sofort wieder ab.
Doch diesmal hatte er nicht die geringste Chance.
Noch bevor er sich vollständig gedreht hatte, erfassten ihn mehrere Kugeln aus den Waffen von Michael und Gina.
Sein Körper krachte zurück gegen die Wand, bäumte sich auf, Blut spritzte, die Maschinenpistolenkugeln donnerten in die gegenüberliegende Zimmertür, die sie innerhalb weniger Sekunden zerfetzten.
Dann verstummten die Waffen, der Kerl schob sich zur Treppe und fiel in sie hinein.
Michael und Gina bremsten ab und verharrten für eine Sekunde bewegungslos in ihren Positionen.
„Was zum Teufel ist hier eigentlich los?“ brüllte Gina böse.
Michael antwortete nicht, schaute sie nur ausdruckslos an, unterdrückte dabei den tiefen Schmerz im Inneren und wusste, dass es schlimmer nicht hätte kommen können.
Und er war sich sehr schnell der Tatsache bewusst, dass er alles tun musste um an Walker und seinen Peinigern dranzubleiben. „Gina, schnell das Auto!“
„Alles klar!“ Sie nickte ihm zu, machte kehrt und raste nur wenige Sekunden später an einem wüst schimpfenden Portier vorbei.
Während Scott rannte, holte er seine Beretta aus dem Hosenbund am Rücken, dann bremste er wieder ab, um sich an die widrigen Lichtverhältnisse in der Seitengasse zu gewöhnen, kam zum Ende des Gebäudes, erkannte dort eine Art Hinterhof, schlich bis zur Ecke, spähte herum, sah eine Tür direkt neben sich, hörte fast gleichzeitig donnernde Schrittgeräusche, die immer näher kamen, drehte sich so herum, dass er neben der Tür zum Stehen kam und hob seine Waffe .
Nur eine Sekunde später flog die Tür auf und ein großer, breitschultriger Mann in Lederklamotten und einer großkalibrigen Handfeuerwaffe schoss heraus.
Als er Scott mit der Waffe sah, stoppte er abrupt ab und erstarrte in seiner Bewegung. Er war noch relativ jung, Scott schätzte ihn in seinem Alter. Er war etwas außer Atem, er schwitzte und man sah ihm an, dass er total überrascht war, hier so empfangen zu werden. Das Entsetzen spiegelte sich sofort in seinen Augen wieder.
Scott musste innerlich grinsen, als er die Hilflosigkeit des Mannes vor ihm sah und er überlegte sich ernsthaft, ob er ihm die Gelegenheit geben sollte, die Waffe freiwillig fallen zu lassen oder ob er ihm gleich ins Knie schießen sollte, um von vornherein gar nicht erst einen falschen Eindruck aufkommen zu lassen.
Auf jeden Fall aber wollte er ihm zunächst erst mal einen knackigen Spruch zuwerfen, um seiner Überlegenheit Ausdruck zu verleihen.
Dann wollte er Michael und Gina informieren.
Im nächsten Moment sah er in den Augenwinkeln erneut etwas Schwarzes heran rauschen, doch bevor er überhaupt daran denken konnte zu reagieren, war es ihm, als würde ihm jemand einen Baseballschläger aus Beton gegen sein Kinn hämmern.
Fakt jedoch war, dass er aus dem Stand heraus einige Meter zurückgeschleudert wurde, wo er knallhart und völlig unkontrolliert zu Boden krachte und sofort die Besinnung verlor.
Das alles ging so schnell, das er nicht einmal schreien konnte, sondern nur ein gequältes Stöhnen hervorbrachte, bevor ihm sein knackiger Spruch im Halse stecken blieb und er sich aus diesem beschissenen Spiel verabschieden musste.
„Scott?“ Das war ein besorgter Hilfeschrei, denn Michael hatte sehr wohl über den Kopfhörer das Stöhnen seines Partners gehört. Während er sich wieder in Bewegung setzte, rief er noch einmal. „Scott?“
Doch alles, was er zu hören bekam, war erneutes Stöhnen.
Michael blieb abrupt stehen und überlegte fieberhaft, was er tun sollte, denn er wusste, dass er es schnell tun musste. Sein Blick fiel auf das Fenster zum Hinterhof etwa zehn Meter vor ihm und noch während er einmal tief durchatmete, erkannte er, dass ihm nur dieser eine Weg blieb.
Als er dann Sekunden später vom Boden abhob, riss er seine Arme zum Schutz in die Höhe und rauschte mit Volldampf durch das Fenster des zweiten Stockes hinaus auf den Hinterhof.
Noch während er fiel, konnte er etwa zehn Meter voraus den Feind sehen, wie er in ein parkendes Fahrzeug hineinsprang.
Der Beifahrer schaute zu ihm zurück, als er die Scheiben klirren hörte, doch benutzte er nicht seine Waffe, sondern zwang sich umso schneller ins Innere.
Michael setzte mit den Füßen voraus auf, ließ sich dann nach vorn abrollen, wo er harte Bekanntschaft mit dem Asphalt machte. Er musste aufschreien, riss sich seinen Anzug an mehreren Stellen auf, holte sich Schürf- und Kratzwunden.
Dennoch behielt er seine Waffe in der Hand, nutzte den Schwung des Aufpralls, um sich halbwegs in die Hocke zu rollen, orientierte sich einen Sekundenbruchteil, sah vor sich wieder den Wagen des Feindes, zielte auf die Reifen und drückte einfach ab.
Wenige Sekunden später war sein Magazin leer und noch bevor er nachladen konnte, hatte der Fahrer des Wagens mächtig Gas gegeben und das Auto kam schnell außer Reichweite.
Michael erkannte es. Er legte zwar ein neues Magazin ein, doch kümmerte er sich dann sofort um Scott, der noch immer reglos am Boden lag.
Die bösen Nachrufe und wüsten Beschimpfungen des Portiers nahm sie nur halb wahr.
Am liebsten hätte Gina ihm zwar für seine unverschämten Bemerkungen über ihre Eltern seine gottverdammten Eier zu Brei gehauen, doch sie hatte keine Zeit dazu.
Sie stieß die Eingangstür des Hotels auf, flitzte auf die Straße, rannte so schnell sie konnte zu ihrem Wagen, hüpfte auf die Motorhaube, rutschte auf ihr zur Fahrerseite, landete gekonnt auf dem Asphalt und riss die Fahrertür auf.
Kaum dass sie saß, zündete sie den Motor. Gott sei Dank hatte Scott den Schlüssel stecken lassen.
Als der Motor ansprang legte sie den Gang ein und gab Vollgas. Sofort drehten die Räder durch, doch Gina schenkte dem keine Beachtung, sondern zwang den Wagen unerbittlich zu einer scharfen Wendung.
Alles um sie herum quietschte und brüllte, als sie das Auto so drehte, dass sie mit der Schnauze in Richtung der Seitengasse stand, dann wirbelte sie das Lenkrad herum und gab wieder Vollgas.
Nur einen winzigen Moment später sah sie einen Wagen von rechts auf sich zukommen und erkannte sofort, dass sie nicht einen Gedanken auf den Scheiß-Gegenverkehr verschwendet hatte.
Total geschockt verriss sie das Lenkrad und krachte frontal in die Kühlerhaube eines parkenden Chevys.
Scott hörte eine Stimme über sich. Die Stimme seines Herrn. Im Himmel. Oh Gott!
Er musste schlagartig weinen, konnte sich gar nicht dagegen wehren.
Denn er musste sofort daran denken, welch unglaubliche Verschwendung sein Tod doch war. Dieser Körper, diese Muskeln, diese konzentrierte, pure Rasse. Vorbei. Aus, Ende. Völlig nutzlos.
Und immer wieder diese Stimme. Musste sein Herr und Meister ihn auch noch verbal erniedrigen, jetzt in diesem traurigen Moment? Konnte er ihn nicht in Ruhe lassen?
Oh ja, Scott weinte bittere Tränen über seinen Verlust.
Bis zu dem Moment, wo ihm auffiel, das ihm die Stimme dort über ihm ziemlich bekannt vorkam. Verdammt bekannt sogar.
Eine Sekunde später hatte er seine Augen wieder geöffnet und schaute in das besorgte Gesicht seines Partners.
„Was zum Teufel ist denn hier nur los, Mann?“ stöhnte Scott böse, als er sich mühsam aufrappelte.
„Ich...!“ Michael stockte einen Moment, verspürte wieder einen schmerzhaften Stich im Inneren, als er an ihre misslungene Aktion dachte „...weiß es nicht!“ Er schaute die Gasse hinauf, sah, das der Fluchtwagen das Ende der Seitengasse erreicht hatte und scharf nach links abbog.
Plötzlich hörte er vom anderen Ende der Seitengasse erst ein quietschendes, dann ein krachendes Geräusch. „Gina!?“ entfuhr es ihm, er packte Scott am Kragen und zog ihn mit sich.
Egal, ob rüde oder mit Gefühl, ob langsam oder schnell.
Es hatte keinen Sinn.
Dieser gottverdammte Scheiß-Mülleimer von einem Auto wollte einfach nicht anspringen.
Dabei war vorn gar nicht mal so viel verbogen, einmal von der Tatsache abgesehen, dass der Kühler dampfte.
Dennoch konnte Gina nicht verstehen, dass der Motor nur qualvoll vor sich hin röhrte.
Bei jedem weiteren Versuch wurde sie verzweifelter, aber auch wütender und als Michael und Scott zu ihr kamen, war sie völlig aufgelöst.
„...verdammte Scheiß-Schrottmühle!“ Sie stöhnte genervt auf.
„Was ist los?“ fragte Michael, als er sich in das Beifahrerfenster beugte.
„Ach, Mist. Nichts ist los. Das ist es ja. Dieser blöde Kübel will nicht mehr! Verdammt!“ Gina schlug wütend mit der rechten Hand auf das Lenkrad.
Michael drehte sich noch einmal in Richtung Seitengasse, atmete tief durch, hing dabei seinen Gedanken nach.
Als er sich dann zurückdrehte, versuchte Gina erneut vergebens, den Wagen anzulassen.
„Komm lass gut sein!“ sagte er und stützte seine Hände gegen das Autodach. „Es hat keinen Sinn. Wir haben es vermasselt!“
„Dieser verdammte Dreckskerl hat mir meinen Anzug ruiniert!“ Scott schaute an sich herab und sah die Folgen seines Sturzes.
„Was heißt hier, wir haben es vermasselt?“ Gina schaute Michael mit großen Augen an.
„Du hast vielleicht Probleme!“ Michael reagierte nicht auf sie, sondern sah Scott erschöpft an.
„Du hast gut reden. Das Ding hat immerhin vierhundert Dollar gekostet“
„Was heißt hier, wir haben es vermasselt?“ Gina hob ihre Stimme und stieg aus dem Wagen.
„Die kannst du jetzt locker abschreiben, mein Freund!“ Michael grinste müde. „Was kaufst du dir auch so teure Sachen!“
Im nächsten Moment zuckte er in die Höhe und erschrak fürchterlich, als Gina fuchsteufelswild ihre Waffe auf die Kühlerhaube hämmerte und sie dabei anschrie.
„Was heißt hier, wir haben es vermasselt, verdammt nochmal?“ Sie starrte Michael böse in die Augen.
„Was zum Teufel ist denn in dich gefahren?“ konnte er nur kleinlaut fragen.
„Was mit mir los ist? Oh, ich hasse euch, wenn ihr so seid! Verdammt, Michael, um ein Haar wären wir alle tot gewesen!“
„Aber...!“ Michael schaute zu Scott, doch der nickte nur.
„Sie hat Recht Michael. Verdammt Recht!“
„Das will ich wohl meinen!“ Gina ließ ihn los. „Aber was um alles in der Welt war da drinnen los?“ Gina schaute ihn erneut mit großen Augen an.
„Ich...weiß es nicht!“ Oh, er hasste sich dafür, dass er sie jetzt anlog. „Vielleicht steckt doch noch mehr dahinter!“
„Muss wohl! Denn das waren nie und nimmer Tortellinis Männer!“
Michael drehte sich zu Scott und schaute ihn mit großen Augen an. „Woher weißt du das?“
„Nur so ein Gefühl!“
„Da fühlt er zur Abwechslung mal richtig!“ sagte Gina. „Das waren keine Geldeintreiber eines kleinen sizilianischen Paten. Das sind Profis gewesen. Und das heißt, dass hier was ganz Übles abgeht!“ Gina griff in ihre Jackentasche und holte ihr Handy heraus.
„Was tust du?“ Michael kam zu ihr um den Wagen herum.
„Ich rufe Peabody an. Vielleicht weiß er mehr!“
Scott war noch immer nicht wieder ganz auf den Beinen, spürte noch immer einen höllischen Schmerz am Kinn und lehnte noch immer schwer atmend am Wagen.
Als er sah, dass Michael und Gina sich mit dem Telefon beschäftigten, wusste er, dass er die Zeit bekommen würde, um sich wieder vollständig auf Höhe zu bringen, damit er mit den beiden anderen so schnell wie möglich wieder aus dieser verdammten Stadt verschwinden und diese Niederlage vergessen konnte.
So schaltete er beinahe ganz ab, konzentrierte sich nur auf seinen Körper.
Als Michael und Gina darauf warteten, dass Peabody am anderen Ende der Leitung abhob, war es für einen Moment beinahe totenstill in der Straße.
Doch nur beinahe.
Scott hörte ein leises unregelmäßiges Brummen, konnte es aber nicht zuordnen.
Dann bellte kurz ein Hund, das Geräusch verhallte.
Doch das Brummen blieb, wurde lauter. Schnell.
Scott hob seinen Kopf, schaute die Straße hinunter. Nichts. Keine Bewegung.
Er lauschte intensiver, konnte die Richtung ausmachen.
Es kam aus der Seitenstraße zur rechten, etwa einhundert Meter vor ihnen.
Scott erhob sich vollständig, schaute zu seinen beiden Partnern, doch die waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, zeigten keine Reaktion.
Und dann war da ein deutliches Quietschen zu vernehmen und Scott wusste sofort, was es war.
„Leute!“ sagte er erstaunlich ruhig und holte seine Waffe hervor.
Gina und Michael reagierten nicht.
Im nächsten Moment rauschte der Wagen ihrer Gegner um die Straßenecke, wurde in ihre Richtung gerissen.
„Scheiße!“ schrie Scott sofort und hatte jetzt die Aufmerksamkeit seiner beiden Freunde, die zunächst ihn, dann den Wagen irritiert anschauten, unfähig jedoch sich zu bewegen.
Und dann sah Scott auch schon im Seitenfenster des Wagens das, was er befürchtet hatte: Den Lauf einer Uzi!
Sofort feuerte er, während er hinter dem Wagen in Deckung ging.
Eine Sekunde später hechteten Michael und Gina zu ihm.
Dann war da wieder für eine scheinbar unendlich lange Zeit nichts anderes zu hören, als das schrille, pulsierende Geräusch der Maschinenpistole.
Michael duckte sich und zog Gina mit sich hinunter.
Dabei schaute er in Richtung ihrer Gegner und konnte auf dem Rücksitz, eingeklemmt zwischen zwei Männern in Lederkutten Walker sehen.
Michael hatte bis jetzt nur Fotos von ihm gesehen, schon damals immer gedacht, wie gutaussehend er war und wusste jetzt bei dem direkten Blick in seine flehenden Augen, die er für den Bruchteil einer Sekunde erhaschen konnte, dass der Kerl in Natura noch viel attraktiver war.
Scott wechselte sofort sein Magazin, drehte sich um und lief am Wagen entlang zur Fahrerseite.
Als die Schüsse sich entfernten und gleich danach verstummten, war er schon hinter dem Steuer.
„Komm schon!“ beschwor er die Maschine. „Tu es einfach!“
Der Motor röhrte, verstummte. Scott versuchte es noch einmal. „Dieses eine Mal noch und ich lass dich auch wieder reparieren, Baby!“
Michael erschien im Seitenfenster auf der Beifahrerseite. „Was hast du vor?“
„Ach, jetzt komm schon verdammt!“ Scott war von einer Sekunde zur anderen tierisch nervös und haute auf das Lenkrad.
Im selben Moment drehte die Maschine spürbar durch und Scott trat sofort das Gaspedal hinab. Dabei musste er einmal laut auflachen. Dann drehte er sich zu Michael und Gina.
„Maulhalten und einsteigen!“ sagte er, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr langsam zurück.
„Du bist verrückt!“ rief Gina, stieg aber schnell auf der Rückbank ein.
„Ich bin nicht verrückt. Aber die haben mir meinen Anzug versaut. Und dafür werde ich denen jetzt meine Wut ins Gesicht drücken!“ Scott bremste ab, drehte das Lenkrad und legte den ersten Gang ein. „Und du willst hierbleiben, oder wie sehe ich das?“ rief er Michael rüde zu.
„Komm vergiss es...!“ Sein Partner warf sich sofort auf den Beifahrersitz und blockte so weitere dumme Bemerkungen Scotts ab. „...und gib endlich Gas!“
„Na, ich wusste doch, dass auch in dir ein kleiner Racheengel steckt!“ Scott grinste und gab kräftig Gas.
Michael schüttelte den Kopf. „Ein großer Schwuler, vergiss das nicht. Und dieser Walker sah so richtig niedlich aus, ehrlich!“
„Oh Mann!“ stöhnte Gina von hinten. „Womit der Irrsinn ja mal wieder perfekt wäre!“
Es dauerte drei Seitenstraßen und fast eine Minute, bis sie den Wagen vor ihnen erreicht hatten.
Scott blieb einige Sekunden hinter ihm, testete die Reaktionen des Fahrers vor ihm, orientierte sich dabei.
Und er erkannte schnell, wo sie da drauf zu hielten: Den Central Park!
Und das hieß viel Blech und viele Einbahnstraßen.
Ihre Situation würde sich nicht dadurch verbessern, dass er ihren Gegnern weiterhin die Führung überließ. Im Gegenteil.
Deshalb mussten sie handeln. Schnell.
„Nimm du das Steuer!“ Scott schaute zu Michael hinüber, der dabei war, seine Waffe zu kontrollieren.
„Was soll ich?“
„Fahren, Mann!“
„Und du?“
„Ich hab nur kurz was zu erledigen!“ Scott schob sich vom Fahrersitz, zwängte sich in den Zwischenraum der Vordersitze, zog Michael zu sich.
„Verdammt Scott, muss das sein? Lass sie uns überholen und ausbremsen!“ Michael protestierte, hievte sich jedoch auf den Fahrersitz.
„Komm halt den Mund Mann...!“ gab Scott trocken zurück, als ihr Vorhaben kurz ins Stocken geriet, als er seinen Hintern nicht schnell genug unter Michael wegbekam. „...und sieh zu, dass du weiterkommst!“
„Tu ich ja!“ Michael zog sich weiter, übernahm jetzt das Lenkrad, was dazu führte, dass der Wagen zunächst wild zur Seite ausbrach und sie den Anschluss an ihre Gegner verloren.
„Ha, du nutzt das nur aus, sei ehrlich! Deine Rosette ist doch bestimmt schon feucht, gib es zu, du alter Sack!“ Scott strengte sich sichtbar an und es gelang ihm, sich mit einem vehementen Ruck unter Michael hinweg in den Rückraum zu ziehen.
„Ich bin verdammt nochmal kein Sack!“ Michael protestierte, während er auf dem Fahrersitz Platz nahm und den Wagen wieder in die Spur brachte. „Du Sack!“
Scott grinste und rollte sich herum. „Wenigstens weiß ich, wie man damit umgeht!“ Er erhob sich und nahm Gina bei der Hand. „Würdest du nach vorn gehen?“
Gina war ziemlich überrascht und ließ sich ohne große Gegenwehr auf den Beifahrersitz schieben. „Kann man endlich mal erfahren, was zum Teufel du vorhast, oder bist du einfach nur irre geworden?“ moserte sie jedoch heftig.
Wieder musste Scott grinsen, während er ein ziemlich großes Messer aus der Halterung an seinem linken Unterschenkel hervorholte. Sofort wuchtete er es in die hintere Sitzbank, riss es heraus, wiederholte die Prozedur.
Gina und Michael sahen und hörten es und schauten sich genervt an.
„Er ist irre geworden!“ meinte Michael und Gina nickte ihm zu.
„Scheiß auf irre!“ prustete Scott. „Ich muss in den Kofferraum!“
„Was?“ Michael schrie fast. „Oh Mann, was bist du bloß doof!“
„Nenn mich nicht doof!“
„Bist du aber!“ stimmte auch Gina zu. „Bevor du da hinten alles aus den Angeln gerissen hast, solltest du vielleicht mal versuchen, die Rückbank einfach umzuklappen!“
Scott hielt abrupt inne. „Das geht?“
„Klar geht das, du Armleuchter!“ Michael schüttelte den Kopf.
Scott konnte, jetzt, wo er es wusste, auch die Plastiknippel an den Seiten oberhalb der Rückbank sehen. Er betätigte einen davon und konnte dann die Hälfte der Rücksitze umklappen. „Mann wird ja wohl noch mal einen Fehler machen dürfen!“ Er krabbelte über das Polster hinweg und riss das dünne Tuch, das ihn jetzt noch vom Kofferraum trennte, aus der Verankerung. „Und jetzt sieh zu, das du dich an die Spitze setzt, damit ich diesen Pennern einen vor die Füße ballern kann, dass ihnen hören und sehen vergeht!“ Damit verschwand er völlig im Kofferraum.
Michael hatte sich natürlich gefragt, was Scott dahinten wollte.
Dann war es ihm eingefallen und er hatte verstanden.
Und noch bevor Scott ihn aufforderte, den Wagen zu überholen, hatte er sich bereits einen kleinen Plan für diese Aktion bereit gelegt.
Allerdings machte ihm die Tatsache, dass sie scharf nach links auf den Central Park North abbogen schwer zu schaffen, denn von einer Sekunde zur anderen waren sie nicht mehr die Jäger, sondern die Gejagten, als ihnen beinahe sekündlich ein Auto entgegenkam und sie einen Herzinfarkt nach dem anderen erlitten.
Dennoch hielt Michael den Wagen dicht hinter dem anderen Auto, auch als sie über die Fifth Avenue hinweg peitschten und wenig später auf der Lexington Avenue wieder gen Süden rauschten.
Als sich die Situation so wieder etwas beruhigt hatte, setzte er sofort zum Überholen an. Mit einem kräftigen Tritt auf das Gaspedal zog er rasch an der linken Seite ihrer Gegner entlang, dessen Fahrer zunächst noch unkonzentriert war, bevor der Lauf einer Uzi im hinteren Seitenfenster erschien.
Michael gab instinktiv noch mehr Gas, riss das Steuer nach rechts auf das Fluchtauto zu, überraschte den Fahrer erneut, zwang ihn zu bremsen und konnte sich vor ihn setzen. „Okay ich bin vor ihnen!“ rief er Scott zu. „Was jetzt?“
„Öffne den Kofferraum...!“ Scott packte die Waffe in seinen Händen fester und bereitete sich auf seinen Auftritt vor.
Michael schob seine linke Hand an die Seite des Armaturenbretts und bekam den Hebel zum Öffnen des Kofferraums zu fassen.
„Jetzt!“
Scott konnte im dunklen Kofferraum zunächst nichts erkennen, deshalb holte er eine kleine Taschenlampe hervor, schaltete sie an und steckte sie in den Mund.
So hatte er binnen weniger Sekunden die Panzerfaust ausgemacht, die sich zusammen mit jeder Menge anderer Waffen dort befand.
Michael hatte ihn anfangs für verrückt gehalten, dass er grundsätzlich nie einen Einsatz ohne einen solchen Waffenvorrat im Auto durchzog, aber die Vergangenheit hatte immer wieder gezeigt, dass sie nützlich waren und auch jetzt sollte Scott ja Recht behalten.
Schnell war die Waffe entsichert und schussbereit.
Bevor er Michael das Kommando gab, die Klappe zu öffnen, schob er sich noch an die rechte Ecke des Kofferraums, denn er hatte nicht vor, die Waffe abzufeuern, während er hinter sich das Metall des Kofferraumdeckels hatte, der ihm mit Sicherheit die Rückstoßflamme zurück ins Gesicht getrieben hätte.
Er hockte sich entsprechend hin, musste sich ganz, ganz klein machen, konnte so aber seinen Rücken gegen den Widerstand über ihm drücken.
Dann gab er das Kommando und eine Sekunde später warf er den Kofferraumdeckel wuchtig auf, drückte erneut so fest dagegen, das er sich so wenig wie möglich bewegte, schulterte die Panzerfaust rechts, visierte das rechte Vorderrad des Wagens an, um ihn in die Reihe des parkenden Autos auf der linken Seite zu katapultieren, sein rechter Zeigefinger zog den Abzug durch und das Projektil löste sich sofort danach pfeifend aus dem Schaft.
In dem Moment, da sich der Kofferraum öffnete, wollte er seinem Nebenmann gerade den Befehl geben, eine volle Breitseite seiner Uzi ins Heck dieser widerlichen Bastarde vor ihnen zu hämmern.
Doch dazu kam er nicht mehr.
Denn als er es richtig erkannte, dass sie dort tatsächlich ein Mann mit einer Panzerfaust angrinste, war es auch schon zu spät.
Er hatte nicht einmal die Zeit, das Steuer in irgendeine Richtung zu reißen, da zischte das Projektil auch schon aus der Waffe, überbrückte die vielleicht fünfzehn Meter zu ihnen, donnerte in die rechte Vorderseite und detonierte nur einen sekundenbruchteil später wuchtig nur wenige Zentimeter vor der Vorderachse.
Dennoch reichte es aus, um den Wagen mit Hilfe der Druckwelle und der Wucht des Sprengstoffes ruckartig anzuheben und zur Seite zu schleudern, wo er komplett vom Boden abhob und ohne Geschwindigkeitsverlust mit über siebzig Meilen die Stunde seitlich auf das Dach eines parkenden Autos krachte.
Als der Kofferraumdeckel aufflog war ihm die Sicht nach hinten sofort versperrt.
Das irritierte Michael und er konnte nur hoffen, dass Scott wusste, was er tat.
Dann erkannte er, dass sein Partner natürlich nicht wusste, was er da machte. Es gar nicht wissen konnte.
Das machte ihn noch nervöser.
Im selben Moment blitzte es neben ihm irrsinnig hell auf und er hatte das Gefühl, als würde ihm seine linke Gesichtshälfte innerhalb einer Sekunde gut durchgebraten werden, als die Rückstoßflamme der Panzerfaust ihre enorme Hitze in seine Richtung trieb.
Instinktiv riss er seinen Körper und leider auch das Steuer nach rechts, wo sie sofort wuchtig in einen parkenden Mercedes krachten.
Irgendetwas in der Art hatte er bereits erwartet, deshalb hatte er sich zurück in den Kofferraum geworfen, nachdem er sicher war, das sein Schuss saß.
Eine Sekunde später passierte es auch schon und ihr Wagen kam ins Schleudern.
Scott suchte sofort panisch nach irgendeinem Halt, doch bevor er etwas Passendes gefunden hatte, wurde ihre Fahrt auch schon abrupt abgebremst, als sie in den Mercedes rauschten.
Und da war für Scott die Zeit gekommen, das Auto zu verlassen.
Unfreiwillig und sehr unkontrolliert wurde sein Körper nach hinten getrieben, wo er nur noch die Zeit hatte, seine Arme vors Gesicht zu reißen, bevor er wuchtig und irrsinnig hart auf den Asphalt aufschlug, wo er für eine Sekunde die Besinnung verlor.
Der Wagen ihrer Gegner krachte auf das Dach des parkenden BMW, rutschte weiter, auf das Dach eines anderen Wagens, das durch das Gewicht sofort seitlich eingedrückt wurde, wodurch das Fluchtauto über die Fahrerseite hinweg wieder ins Trudeln kam und zurück auf die Reifen krachte.
Durch die Wucht des Aufpralls brach die Hinterachse, der Motor begann sofort zu qualmen und zu zischen.
Dann erstarb das Szenario für einen Augenblick, als auf beiden Schauplätzen keine Bewegung war.
Das Bild vor seinen Augen wurde schnell wieder klar und Michael wusste sofort, wo er war.
Er schaute nach rechts zu Gina, die sich schweratmend ebenfalls aufrappelte.
„Alles Okay?“ fragte er besorgt.
„Mach dir um mich keine Sorgen!“ stieß sie hervor.
„Tut mir echt leid, Gina!“
„Kein Problem...!“ Sie lächelte ihn freudlos an, holte ihre Waffe aus dem Halfter im Rücken und setzte ein neues Magazin ein. „...aber das nächste Mal fahre ich!“ Damit drückte sie die Beifahrertür auf und huschte durch eine Lücke in den dort parkenden Wagen auf den Bürgersteig.
Michael zögerte keine weitere Sekunde, sprang auf seiner Seite aus dem Wagen, holte seine Waffe hervor, entsicherte sie und lief zum Heck, wo er Scott einige Meter dahinter erkennen konnte, wie er sich gerade schmerzvoll stöhnend erhob.
„Mann, gib bloß deinen Führerschein wieder ab!“ polterte er sofort los, als er Michael in den Augenwinkeln sah.
Sein Partner musste kurz lächeln und wollte schon stehenbleiben, da bemerkte er Bewegung im Fluchtwagen. „Ich habe jetzt keine Zeit für ein Pläuschchen. Wir sehen uns!“ Michael startete durch.
„Was?” Scott war total irritiert.
„Ich muss zu meinem Süßen!“ brüllte Michael noch hervor, dann war er endgültig weg.
Scott drehte sich in seine Richtung. „Du...? Oh Mann...das darf doch nicht wahr sein!“ Er erhob seine Stimme. „Geiler, schwuler Hund! Pass bloß auf, dass du mit deinem Rohr nirgendwo gegenrennst!“ Seine Beine gaben unter ihm nach und er fiel zurück auf die Knie. „Was bin ich froh, dass ich normal bin!“ Er lachte einmal verächtlich auf und schaute mehr zufällig auf die Unfallstelle ihres Fluchtwagens.
Und urplötzlich wurde dort die hintere Tür auf der Fahrerseite aufgetreten und ein Kerl mit einem MG quoll heraus, den Finger am Abzug und den Lauf in seine Richtung geschwenkt.
Scott erkannte sofort, dass er völlig schutzlos war, also begann er sich, so schnell er konnte zur Seite zu rollen, auf die parkenden Autos zu.
Doch er musste immer dichteren Einschlägen der MG-Projektile weichen und ihm wurde ganz anders.
Schließlich wuchtete er sich mit einem lauten Aufschrei gegen das Heck eines parkenden Wagens, wo er einigermaßen Schutz fand, während er mit ansehen musste, wie dieser Dreckskerl sich mit seinem MG immer weiter aus dem Auto schob und sicherlich gleich fliehen würde.
Dann hörte er neben sich ebenfalls Schüsse, im selben Moment drehte sich der MG-Mann zu Gina.
Scott erkannte sofort seine Chance, sprang auf die Füße, zielte kurz, gab schnell hintereinander drei Schüsse ab und hechtete dann mit wenigen gewaltigen Sprüngen hinter eine Telefonzelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
In den Augenwinkeln konnte er sehen, wie der Kerl mit dem MG zusammenzuckte, offensichtlich getroffen war, dann schlug Scott auf den Asphalt und musste versuchen, sich geschickt abzurollen.
Als er das geschafft hatte und sich dicht an die Telefonzelle drückte, konnte er sehen, dass er sehr gut gezielt hatte. Das MG lag auf der Straße, der Kerl tot daneben.
Dennoch wurde weiter geschossen und Scott erkannte sowohl hinter der geöffneten Fahrertür einen weiteren Gegner, als auch zwei Männer auf der Beifahrerseite, die sich bereits vollständig aus dem Auto gezogen hatten.
Ohne zu zögern feuerte er sein gesamtes verbleibendes Magazin in ihre Richtung, ohne jedoch Resultate zu erzielen.
Schnell wechselte er sein Magazin und wollte erneut feuern, da sah er neue Bewegung am Fahrzeug des Feindes.
Die hintere Beifahrertür wurde wieder aufgestoßen und eine Gestalt wühlte sich hektisch, aber geduckt hinaus auf die Straße.
Die beiden Kerle auf der Beifahrerseite achteten nicht darauf, sie waren viel zu beschäftigt damit, Gina und Michael Paroli zu bieten.
Scott konnte sehen, wie die Gestalt über die Leiche des Toten vor ihm stolperte, unkontrolliert zu Boden fiel, sich aber sofort wieder aufrappelte und panisch die Straße hinab davonlief.
Er riss seine Waffe in die Höhe und zielte, da erkannte er den blonden Haarschopf des Mannes.
Herrgott, das war Walker! Scott senkte seine Beretta wieder.
„Michael!“ stieß er in sein Mikro.
„Ich sehe es!“ antwortete er. Und wollte schon sagen, dass er ihm folgen würde, weil er am Nächsten war, als er sah, dass Walker ängstlich über die Straße hetzte.
„Ich mach das!“ sagte Scott, weil er jetzt näher zu Walker war.
„Aber...!“ Michael war irritiert.
„Kommt ihr hier alleine klar?“
„Sicher!“ Michael atmete einmal tief durch, stellte sich auf die neue Situation ein. „Wir müssen Walker kriegen. Um jeden Preis!“
„Worauf du dich verlassen kannst. Ich will wissen, was hier schief gelaufen ist!“ Scott ging in Bereitschaft. „Ich brauche Feuerschutz!“ Er spannte alle Muskeln an. „Jetzt!“
Michael und Gina feuerten gleichzeitig, hatten so zunächst den Überraschungseffekt auf ihrer Seite.
Doch es dauerte nur wenige Sekunden, da machte sich die Übermacht der schweren Schnellfeuerwaffen wieder bemerkbar.
Michael konnte gerade noch rechtzeitig in Deckung gehen, da wurde die Kühlerhaube des Wagens, hinter dem er Deckung gefunden hatte, auch schon wie ein Schweizer Käse donnernd durchlöchert.
Gina hatte nicht so viel Glück.
Aber als er ihren Schrei hörte, war es schon zu spät.
Sofort verstummte das Feuer aus ihrer Richtung. Michaels Kopf zuckte herum. Er konnte gerade noch erkennen, wie sich ihr Körper aufbäumte, dann hintenüber fiel.
„Gina, nein!“ schrie er noch entsetzt, da hatte er auch schon wieder die Aufmerksamkeit seiner Feinde, die ihn erneut traktierten und er nur knapp und mit viel Glück einer Bleiladung entgehen konnte.
Er riss seinen Körper zurück, überlegte für eine Sekunde fieberhaft und wusste doch, dass er seiner Partnerin helfen musste.
Er leerte sein Magazin, legte ein Neues ein, atmete kurz durch, dann zuckten seine Arme wieder über die Kühlerhaube und er feuerte drauf los.
Gerade als er zur Seite in Ginas Richtung springen wollte, erkannte er, dass er keine Gegenwehr mehr hatte. Das Feuer vom Fluchtauto war verstummt.
Irritiert schaute er die Straße hinauf und sah zwei Kerle in die Richtung davonlaufen, in die Walker und Scott verschwunden waren.
„Scheiße!“ durchfuhr es ihn und für eine Sekunde war er unschlüssig.
Dann entschloss er sich, zuerst nach Gina zu sehen und dann den beiden anderen zu folgen.
Dass er auch noch einen dritten Gegner hatte, hätte er beinahe vergessen.
Erst als er sich aufrappelte, seine Deckung hinter dem Wagen aufgab und zu Gina lief, wurde es ihm wieder schlagartig bewusst.
Und er musste schon all sein Können aufbieten, um den Kugeln zu entkommen.
Mit einem gewaltigen Satz sprang er hinter einen weiteren Wagen, unterdrückte den Schmerz des Sturzes, rollte sich zur anderen Seite, spähte unter dem Chassis an der linken Seite vorbei die Straße hinauf und konnte seinen Widersacher, zwar aufmerksam in seine Richtung blickend, aber recht schutzlos am Fluchtwagen lehnend, erkennen.
Michael zögerte keine Sekunde, drückte ab und feuerte sein ganzes Magazin in die Richtung.
Funken sprühten beim Aufprall auf die Motorhaube, die Frontscheibe zerbarst noch mehr, bevor die siebte Kugel und alle folgenden des 16-Schuß-Magazins ihr Ziel erreichten.
Sein Gegner schrie, bäumte sich auf, schoss unkontrolliert in die Höhe und starb noch bevor er zu Boden schlug.
Michael war zu diesem Zeitpunkt schon wieder auf den Beinen und sprang die wenigen Schritte zu Gina.
Ihr Shirt fühlte sich an, als hätte sie damit gebadet.
Und das hatte sie ja auch. In ihrem eigenen Blut!
Doch Gina bemerkte davon nur sehr wenig, ihr Oberkörper, speziell ihre rechte Schulter, war absolut taub, während sie heftige Schmerzwellen durch den Rest des Körpers jagte.
Dabei war es doch eigentlich unmöglich gewesen, dass sie getroffen wurde.
Hinter dem stählernen Müllbehälter hatte sie einen fast perfekten Posten bezogen, der ihr die Möglichkeit gab, ihren Gegnern kräftig einzuheizen.
Es musste ein Querschläger gewesen sein, der sie innerhalb eines Wimpernschlages von den Füßen gerissen und gegen die Wand hinter ihr geschleudert hatte.
In ihrem Kopf tobte für eine Sekunde ein schreckliches Gewitter mit furchtbaren Blitzschlägen, dann wurde es dunkel um sie.
Fast eine Minute war sie so ohne Besinnung, dann schien ihr ihr Unterbewusstsein den Befehl zu geben, wieder zu erwachen.
Und im selben Moment erschien Michael über ihr.
„Michael!“ stöhnte sie, versuchte sich sofort zu erheben, musste jedoch dem Schmerz Tribut zollen.
„Nicht Gina!“ Michael drückte sie sanft zurück auf die Straße, zog schnell sein Jackett aus, legte es unter ihren Kopf, hatte im selben Moment bereits sein Handy zur Hand und die Nummer des Notarztes gewählt. „Ich brauche einen Krankenwagen!“ sagte er, als am anderen Ende abgenommen wurde. „Lexington, Ecke 24.Straße!“ Er lauschte kurz. „Schulterschuss. Viel Blutverlust!“ Wieder lauschte er. „Bitte beeilen sie sich!“ Damit legte er auf.
„Was ist passiert?“ stöhnte Gina schmerzvoll und musste husten. „Wo ist Scott?“
„Oh Scheiße!“ Michael wurde sofort aschfahl. „Er ist hinter Walker her!“ Vor seinen Augen sah er ihre beiden Gegner die Straße hinauf laufen. „Sie sind hinter Walker her!“ Michael zögerte einen Moment. „Gina, ich muss zu ihm!“
„Alles klar ich komme schon zurecht!“ Sie lächelte ihn schmerzvoll an.
Michael wollte schon etwas sagen, da hörte er in einiger Entfernung Sirenengeheul, das sehr schnell näher kam. „Du bist versorgt. Ich suche Scott!“
„Michael?“
„Ja?“
„Es tut so weh!“
„Ich weiß, und sie werden dafür büßen!“ Damit verschwand er im Halbdunkel der Straße und rannte davon.
Einen Augenblick später schoss ein Krankenwagen um die Ecke und hielt auf Gina zu.
Sein Herz raste, wie eine alte, überlastete Dampflok, Schweiß rann ihm in Strömen über das Gesicht, brannte in seinen Augen. Sein Atem ging schnell, unregelmäßig und schwer.
Ihm war schlecht, er hatte tierische Seitenstiche und die Bilder verschwammen immer mehr vor seinen Augen.
Walker wusste, er musste sich ausruhen, sonst würde ihm sein Kreislauf unweigerlich die Papiere geben, aber dennoch rannte er weiter, denn in ihm gab es eines, was ihn immer weiter trieb: Panische Todesangst!
Vor seinen Häschern, die ihn hier gefunden hatten und in den wenigen Minuten keinen Zweifel daran gelassen hatten, was mit ihm geschehen würde.
Nicht durch sie selbst, das hatte er sofort gemerkt. Seine Entführer waren nur Boten, ausführende Subjekte. Nein, sie würden ihm nichts antun, außer ihm die Freiheit nehmen. Aber sie würden ihn zu ihm bringen. Den großen Unbekannten, den kaum jemand je gesehen hatte, von dem sie alle nicht wussten, wer es war, bei dem sie aber alle in einem sicher sein konnten: Er machte Jagd auf jeden von ihnen!.
Gnadenlos, irrsinnig blutig und gründlich.
Doch bei all diesen furchtbaren Dingen, die er getan hatte, gab es eine Sache, die so viel schlimmer war, als alles andere. Und das war die Tatsache, dass er ihnen ihre Kristalle nahm, die sie in der Brust trugen. Unscheinbar für jedermann, ohne Funktion, seit jener unheilvollen Nacht vor mehr als achthundert Jahren.
Und doch musste jemand von ihnen wissen, und nicht nur das. Dieser Jemand musste auch noch in der Lage sein, ihnen den Kristall aus der Brust zu reißen.
Aber Walker hatte nicht die geringste Ahnung, wer das sein konnte.
In letzter Sekunde huschte er in eine dunkle Seitengasse, prallte beinahe schon unkontrolliert gegen eine Wand und rutschte schweratmend an ihr entlang auf die Knie.
Während er so versuchte, so schnell wie möglich, wieder zu Atem zu kommen, lauschte er in die Nacht hinein, doch er konnte keine Schritte hören.
Das gab ihm die Zeit, sich zu fragen, was zum Teufel er jetzt tun sollte?
Jonathan hatte ihm gesagt, er solle bleiben, wo er war, er würde ihm so schnell wie möglich Hilfe vorbeischicken.
Doch diese Hilfe war zu spät gekommen, wobei sich Walker fragte, ob die beiden Männer und die Frau auch wirklich die versprochene Hilfe waren. Wären sie früher gekommen, wäre er jetzt in Sicherheit und müsste nicht um sein Leben rennen!
Er musste Jonathan noch einmal anrufen, ihm sagen, was passiert war, damit er einen neuen Treffpunkt vereinbaren konnte.
Ja, so würde er es machen.
Walker atmete einige Male tief durch, wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann fühlte er sich so weit besser, dass er sich erhob, wuchtig von der Mauer abstieß und wieder aufrecht und mit hohem Tempo loslief.
Er hatte noch nicht einmal die Straße erreicht, da donnerte etwas großes, schwarzes in seine Seite und er wurde brutal zu Boden geschleudert, wo er noch erkennen konnte, dass es ein menschliches Wesen war, das ihn festhielt, bevor da wieder Todesangst in ihm war, und er nur noch schreien konnte.
Scott hatte keine Ahnung, ob er hier richtig war, aber sein Instinkt sagte ihm, er solle weiterlaufen.
An der nächsten Ecke stoppte er ab, ging nur noch.
Um ihn herum war es überraschend still, doch Scott führte das darauf zurück, dass er immer tiefer in das Gewirr von Seitenstraßen eingetaucht war, sodass er vom Arsch der Welt nicht mehr weit entfernt sein konnte.
Und er hatte nur noch einen Wunsch: Hier schnell wieder rauszukommen.
Doch da hörte er in einer weiteren Seitengasse am Ende der Straße leises, aber schweres Keuchen.
Eindeutig von einem Mann, der schnell gerannt war.
Scott überquerte die Straße an der dunkelsten Stelle, begann leicht und lautlos zu laufen, erreichte die Ecke zur Seitengasse, hörte im selben Moment Schritte, sah eine Gestalt aus der Gasse in die entgegengesetzte Richtung starten, erkannte Walker in ihr und da Scott weder die Lust, noch die Zeit hatte, hier weiter in der Gegend rumzutoben, rannte er ihn dann einfach um.
Ihr Weg zu Boden trieb sie mitten hinein in einen erbärmlich stinkenden Abfallberg.
Scott roch es sofort, packte den schreienden Walker am Kragen, wirbelte mit ihm einmal herum und ließ ihn dann erneut zu Boden krachen.
„Halten sie den Mund, Mann!“ fauchte ihn Scott rüde an. „Oder wollen sie, dass uns halb New York hört?“
Walker starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen in panischer Angst an. „Oh bitte, tun sie mir nichts!“ schrie er.
„Verdammt, ich mache nichts!“ brüllte Scott zurück. „Aber wenn sie nicht gleich das Maul halten, mache ich ihnen ein großes Loch in den Hals und reiß ihnen die Stimmbänder raus!“
Walker verstummte abrupt. „Aber...ich verstehe nicht!“
„Ha!“ Scott lachte einmal leise verächtlich auf. „Darauf können sie wetten, dass ich das nicht verstehe. Was zum Teufel haben sie diesem Tortellini angetan, hä? Seine Alte gevögelt, oder...ja, natürlich, seine Tochter!“
„Wem?“ Walker schaute ihn ungläubig an.
„Sie Widerling. Hat ihnen das noch keiner gesagt, dass man die Tochter eines Paten nicht ohne dessen Erlaubnis anbumsen darf?“ Scott schaute erneut in völlig verstörte Augen. „Naja, was soll´s! Wir werden sie jetzt zurück nach Frisco bringen. Da kann ihnen ihre Mutter dann die Augen auskratzen, ich werde ihnen ein paar Rippen brechen und Tortellini wird ihnen zum Abschluss ganz sicher noch den Schwanz samt Eiern abschneiden!“ Scott lächelte und zog Walker auf die Füße. „Sieht alles in allem nach einem verdammt beschissenen Tag aus, was?“ Scott hob seine rechte Hand, um den Kerl aus der Seitengasse zu schieben, doch Walker hatte Angst er würde ihn damit schlagen.
„Nein, bitte tun sie mir nichts!“ Er begann wieder zu schreien.
„Verdammt, ich mach ja gar nichts!“ Scott war sofort böse. „Aber wenn sie nicht gleich mit ihrem mimosenhaften Getue aufhören, überlege ich es mir vielleicht und bringe sie doch um!“ Scott hob seine Waffe zur Drohung.
Walker verstummte.
„Und jetzt raus aus dieser widerlich, stinkenden Kloake, bevor ich ihnen auch noch mein Mittagessen ins Gesicht reihere!“
Die Gasse musste eine gewisse unsichtbare Strahlung aussenden, denn anders ließ es sich wohl kaum erklären, dass just in dem Moment, da Scott und Walker die Straße hinunterliefen, die beiden restlichen Entführer am anderen Ende um die Ecke bogen.
Unsicher stoppten sie ab, orientierten sich.
„Da lang!“ befahl der Fahrer, schob den anderen in die angegebene Richtung und beide erreichten sehr schnell wieder hohe Laufgeschwindigkeit.
Er spürte es. Walker war nicht weit entfernt.
Also rannte Michael die Straße weiter hinunter, in der Hoffnung, irgendwo eine Bewegung zu erhaschen, die ihm sagte, dass er auf dem richtigen Weg war.
Eine Sekunde später schossen die beiden Entführer am Ende der Straße quer über die Kreuzung hinweg nach links in eine andere Straße.
Er stoppte abrupt ab, erkannte aber sehr schnell, dass sie ihn nicht gesehen hatten, weil er im Halbdunkel stand.
Das war seine Chance.
Offensichtlich hatten sie Scott und Walker noch nicht gefunden.
Es gab also noch Hoffnung.
„Nun machen sie aber mal, Mann!“ raunte Scott seinen Nebenmann rüde an, als er sah, dass Walker erneut schlapp machen wollte.
„Ich kann nicht mehr!“ Walker bremste endgültig ab, hatte arge Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten, musste seine Arme auf die Oberschenkel stützen und schnaufte, wie ein altes Dampfross.
„Sagen sie das unseren Verfolgern!“
„Herrgott, Mister, ich hasse Sport. Ich bin nicht so durchtrainiert, wie sie. Ich kann nicht mehr. Wenn sie mir wirklich helfen wollen, dann lassen sie sich etwas anderes einfallen! Sonst sterbe ich hier gleich einen einfachen Herztod!“ Walker starrte Scott direkt in die Augen.
„Mist, verdammter!“ Scott drehte sich von ihm weg, verschnaufte selbst und nutzte die Zeit, um ihre Situation neu zu überdenken.
Natürlich konnte er nicht ständig mit ihm rumrennen, wobei er sich auch eingestehen musste, dass er nicht gerade die leiseste Ahnung hatte, wo sie eigentlich hinrannten.
Also musste er sich etwas anderes ausdenken.
„Scott?“ kam es plötzlich aus seinem Head-Set und er erkannte sofort Michaels Stimme.
„Verdammt, Michael, endlich. Wo zum Teufel hast du gesteckt? Und wo ist Gina?“
„Gina wurde angeschossen!“
„Was?“ Scott drehte sich zu Walker, schaute ihn entsetzt an. „Wie geht es ihr?“
„Schulterschuss. Aber sie wird wieder. Du weißt ja: Sehr blutig, aber nicht lebensgefährlich. Ein Krankenwagen ist auch schon bei ihr!“
„Verdammt, Michael, das gerät hier alles langsam aus den Fugen!“
„Du machst Witze, Scott. Das läuft schon lange nicht mehr normal ab!“ Michael musste einige Male Luft holen. „Hast du Walker?“
„Ja, ich hab den kleinen Lustmolch!“
„Was?“ Walker hob entsetzt seinen Kopf.
„Was?“ fragte auch Michael.
„Ach, der Kerl hat Tortellinis Tochter gebumst. Deshalb sind die alle wie wild hinter ihm her!“
„Aha...!“
„Hab ich gar nicht, verdammt. Was bilden sie sich eigentlich ein?“ Walker wurde sauer.
Scott musterte ihn einmal scharf, sagte aber nichts.
„...und was machen wir jetzt?“ Michael hatte nun ebenfalls abgestoppt und verschnaufte kurz.
„Wir müssen uns treffen. Der blöde Sack hier kann nicht mehr!“ Scott drehte sich von Walker weg.
„Wo bist du?“
Scott drehte sich um seine Achse und erkannte ein Straßenschild. „Marvin-Street!“
„Wo ist das?“
„Am Arsch der Welt!“
„Wo? Verdammt Scott, das ist deine Stadt. Ich hab nicht die leiseste Ahnung, wo ich bin!“
Scott war einen Moment still, schaute noch einmal auf das Straßenschild, das auch noch einen Richtungsweiser besaß. „Central Park!“ sagte er dann nur kurz.
„So blöd bin ich nun auch wieder nicht, dass ich nicht weiß, dass ich da nicht bin!“
„Nein, wir treffen uns da!“
Michael schaute sich nun ebenfalls um, erkannte ein Straßenschild vor sich und rannte darauf zu. Auch hier war der Central Park ausgeschildert. „Okay! Wo?“
Scott überlegte. Sie würden von der Ostseite kommen. „Metropolitan Museum!“
„Alles klar! Und beeil dich!“
„Michael?“
„Ja?“
„Dein kleiner Freund hier nervt tierisch!“
„Sei trotzdem lieb zu ihm! Und wenn doch, hau ihn K.O!“
„Das ist aber nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, oder?“
„Ich weiß nicht. Er ist so süß!“
„Sollte er zu sehr nerven, geb ich ihm einen Schmatzer auf die Wange von dir, okay? Und dann hau ich ihn um!“ Scott prustete einmal belustigt aus.
„Aber ja nicht unterhalb der Gürtellinie. Fummeln macht keinen Spaß mit dicken Eiern!“
„Sag du noch einmal, ich bin doof!“ Scott schüttelte den Kopf und musste breit grinsen.
„Wir sehen uns am Museum!“
Scott drehte sich zu Walker. „Sie haben es gehört. Ihre Zukunft liegt in den Händen eines durch geknallten Schwulen und mir!“ Er grinste Walker verächtlich an, der säuerlich zurück schaute. „Tja, manchmal kann einen das Leben schon arg beuteln, was?“ Und damit lief er los.
Sie hatten sie die ganze Zeit über beobachten können.
Wie zunächst Walker völlig außer Atem stoppen musste und dann sein Begleiter auf ihn einredete.
Als der Fahrer das Head-Set an Scotts Kopf erkannte, wusste er, dass der andere nicht nur mit Walker redete, sondern auch Kontakt zu seinen Partnern hatte.
Während all der Zeit postierten sie sich geschickt im Halbdunkel an der Straßenecke, die Waffen im Anschlag. Sie schossen Scott nicht nieder, weil der Fahrer befürchtete, dass dann Walker wie von der Tarantel gestochen abhauen und sie ihn wieder verlieren würden.
Nein, so war es besser.
Dann war da wieder Bewegung bei den beiden Männern und sie hatten verdammtes Glück. Sie liefen in ihre Richtung.
Das war ihre Chance. Geduldig warteten sie, bis Scott um die Ecke bog, dann ließ der Fahrer ruckartig sein linkes Bein hervorschnellen, erwischte seinen Gegner hart im unteren Bauchbereich, der dadurch schmerzhaft aufschrie, bevor er unkontrolliert mit dem Gesicht voran zu Boden schlug.
In diesem Moment war der andere bereits neben Walker getreten und beförderte ihn mit einem derben Schlag seiner Waffe gegen den Kopf ins Reich der Träume.
Walker sackte augenblicklich zusammen.
Scott stöhnte schmerzvoll auf, doch war er bereits wieder dabei, sich aufzurappeln.
„Keine Chance!“ raunte sein Widersacher jedoch, starrte ihn ausdruckslos an und trat ihm erneut in den Unterleib.
Scott schrie auf, drehte seinen Kopf in seine Richtung, erkannte gerade noch, dass sich sein Gegner zu ihm herab gebeugt hatte, dann explodierten zwei gewaltige Abwärtshaken kurz hintereinander auf seinem linken Wangenknochen.
Blut spritzte, Speichel flog. Scott schlug erneut zu Boden.
Während er so die Schmerzen ertragen musste, zückte der Kerl über ihm sein Handy, wählte geschickt mit einer Hand eine Nummer. „ Am Central Park, in der Nähe des Museums. Ich brauche Verstärkung!“ Er kappte die Verbindung, steckte das Gerät wieder ein und schaute Scott an. „ Du hättest dich nicht einmischen sollen!“ Sein Gegner packte ihn und riss ihn auf die Füße. Ihre Augen trafen sich für eine Sekunde. Dann ließ der andere seinen Kopf nach vorn schnellen, traf Scott hart im Gesicht, wirbelte eine wuchtige Linke gegen sein Kinn, zwei kurze Rechte auf seinen Brustkorb, bevor er sich blitzschnell um seine eigene Achse drehte und seinen rechten Fuß brutal gegen seinen Kopf schleuderte.
Scott hatte nicht die geringste Chance, konnte sich nicht dagegen wehren, musste jeden der hammerharten Schläge hilflos ertragen.
Mit dem Gesicht am Boden versuchte er zu verschnaufen, keuchte schwer, rang böse nach Atem, kämpfte gegen den Schmerz und die Ohnmacht an.
Dann drehte er sich auf die Seite, schaute hinauf zu seinem Widersacher, der mit einem widerlichen Grinsen auf den Lippen vor ihm stand.
Da wusste Scott, dass er verloren hatte und gab sein Vorhaben, seine zweite Waffe am Unterschenkel zu ziehen, wieder auf.
Total erledigt ließ er sich hintenüber auf den Hintern fallen, der Blick vor seinen Augen verschwamm, wurde dunkler, er fiel vollständig zu Boden und hatte alle Hände voll damit zu tun, bei Bewusstsein zu bleiben.
„Pass auf ihn auf!“ sagte der Fahrer zu dem anderen, der seine Waffe zückte und vor Scott trat.
Der Fahrer drehte sich herum, ging zu Walker, der gerade keuchend versuchte, sich in die Höhe zu ziehen.
Er achtete nicht auf seinen Widersacher, der ihn sofort in die schutzlose rechte Seite trat.
Walker schrie auf, krachte erneut zu Boden.
Fast gleichzeitig ging sein Gegner neben ihm auf die Knie, zückte ein Klappmesser, drehte Walker auf den Rücken, weidete sich an der Qual seines Opfers.
„Hast du Angst?“ Er grinste breit.
Walker begann zu jammern, brachte aber kein Wort heraus.
Der Fahrer ergriff sein T-Shirt und riss es ihm mit einem Ruck fast vollständig auf. „Na, wo ist denn das gute Stück?“ Er fuhr mit seinem Messer direkt vor Walker Brustkorb. „Da?“ Er schaute ihn an, lächelte, ließ die Klinge weiter kreisen, erreichte den Soda-Plexus. „Oder da?“ Walker wurde unruhiger. Er ließ die Klinge noch weiter sinken, beobachtete sein Opfer. Plötzlich zuckte Walker einmal ruckartig zusammen. „Ah!“ Der Fahrer lächelte breit und widerlich. „Da ist er!“ Er gab mehr Druck auf das Messer, drückte die Klinge ein wenig in das Fleisch, sodass Blut erschien.
„Nein, bitte, tun sie es nicht!“ Walker flehte panisch.
Das erzwang bei seinem Gegner ein noch breiteres Grinsen, doch urplötzlich wurde sein Blick wieder wie versteinert. Ruckartig riss er die Messerklinge quer über Walkers Brustkorb, jedoch nur so, dass die Haut allenfalls angeritzt wurde und zog ihn dann sofort danach auf die Füße. „Heute ist dein Glückstag, Walker!“ Er starrte ihn hasserfüllt an. „Morgen wirst du sterben!“
Scott bekam alles nur noch verschwommen mit, war sich deshalb nicht sicher, ob das, was er sah, auch wirklich passierte, oder ihm sein arg geschundenes Bewusstsein einen üblen Streich spielte.
Denn was der Fahrer da mit Walker machte, verstand Scott absolut nicht.
Wovon zum Teufel redete der Kerl?
Das hier irgendetwas faul war, dessen waren sie sich ja schon längst sicher gewesen, aber Scott wurde von Sekunde zu Sekunde nur noch verwirrter.
Nur in einem war er sicher: Der Feind hatte, was er wollte. Und dazu gehörte ganz sicher nicht er.
„Wir sind hier fertig!“ hörte er den Fahrer sagen und der Kerl, der ihn die ganze Zeit über mit der Waffe bedrohte, begann breit zu grinsen, während er den Abzugshahn durchdrückte.
Scott schloss mit seinem Leben ab.
Dann ertönte der Schuss. - Und dann noch einer!
Er starb nicht. Obwohl Scott das im ersten Moment gar nicht registrierte.
Der Schmerz in seiner linken Seite war für eine Sekunde unerträglich, er schrie kurz auf.
Dann aber hörte er sich atmen, spürte sein Herz schlagen.
Verdammt, sollte ihn sein Gegner aus dieser Entfernung etwa verfehlt haben?
Etwas Schweres krachte neben ihm zu Boden.
Scott riss die Augen auf, sah den Kerl, der ihn noch vor Sekunden umbringen wollte, selbst tot neben sich liegen.
Eine Kugel war seitlich unterhalb seines linken Auges in den Kopf eingedrungen und hatte ihm dabei das halbe Gesicht weggerissen. Aus der riesigen Wunde schoss das Blut wild hervor.
Scott war sofort entsetzt und doch konnte er in der Innentasche des Toten das obere Stück eines Fotos erkennen.
Irgendetwas in Scott sagte ihm, er solle es vollständig aus der Tasche herausziehen, doch im selben Moment erkannte er die dunkle Gestalt, die an ihm vorbei auf den Fahrer zulief und ihn einfach umrannte.
Gleichzeitig polterten die beiden Männer unkontrolliert über den Asphalt, begannen sofort miteinander zu ringen.
Scott versuchte dem Geschehen vollständig zu folgen, doch sah er alles nur verschwommen im Halbdunkel und konnte in seinem Retter nichts anderes erkennen, als eine fremde, dunkle Gestalt.
Dieser Gestalt gelang es, dem anderen die Waffe zu entreißen, doch bevor er sie selber nutzen konnte, wurde auch an seinem Arm gerissen, sodass sie meterweit die Straße hinab trudelte.
Bevor er seine eigene Waffe zücken konnte, hatte sich der Fahrer von dem Überraschungsangriff erholt und hämmerte ihm jetzt eine rechte Gerade ins Gesicht, die er schutzlos hinnehmen musste. Dem zweiten Schlag jedoch konnte er geschickt ausweichen und nun seinerseits einen gezielten Faustschlag in die rechte Seite seines Widersachers anbringen.
Der Fahrer schrie auf, konnte aber nicht verhindern, dass er kurz hintereinander, zwei weitere Schläge in den Magen, sowie drei kurze, knallharte Fausthiebe ins Gesicht hinnehmen musste, die ihn für einen Moment benommen machten, um im selben Moment vor Schmerzen nur noch schreien zu können, als ihm sein Angreifer seinen rechten Fuß wuchtig von vorn gegen sein Knie zimmerte und ihm die Kniescheibe glatt in zwei Hälften brach.
Halb bewusstlos vor Schmerz sackte er augenblicklich zusammen und wäre vornüber gekippt, wenn ihn nicht sein Gegner festgehalten hätte.
Mit der linken Hand riss er den Kopf des Fahrers in die Höhe, sodass er ihn anschauen konnte, dann verharrte er für eine Sekunde mit hasserfüllten Augen in dieser Position, bevor er noch einmal seine Faust irrsinnig wuchtig beinahe senkrecht in die Tiefe sausen ließ, wo er seinen Gegner quasi mit gebrochenem Kieferknochen auf den Asphalt nagelte.
Sofort drehte er sich zu Scott, der mühsam versuchte, sich zurück auf die Beine zu bringen und sich dabei mit seiner rechten Hand die blutverschmierte linke Seite hielt. nHand Ha HHHH
Offensichtlich hatte die Kugel ihr Ziel nicht ganz verfehlt, aber nach mehr als einem Streifschuss sah es nicht aus.
Scott konnte jetzt direkt in das Gesicht des anderen Mannes schauen, es kam ihm auch bekannt vor, aber er konnte es in der Kürze nicht einordnen.
Dann verschwamm sein Blick wieder, als der andere seinen Kopf zu Walker drehte, dort sah, dass auch der junge Mann noch am Leben war, um sich dann wieder dem Fahrer zuzuwenden.
Er ließ sich neben ihm auf die Knie fallen, drehte ihn ebenfalls auf den Rücken, setzte sich auf ihn und starrte ihm böse in die Augen.
„Sieh mich an!“ brüllte der Kerl über ihm. „Wo ist er?“
Erst jetzt erkannte der Fahrer seinen Widersacher wieder. „Ich weiß nicht, wovon du redest, Mann!“ blubberte er mit gebrochenem Kiefer.
Sofort griff der Kerl auf ihm danach, drückte kräftig zu und zog ihn ein wenig in die Höhe. „Noch einmal:. Wo ist er?“
Der Fahrer schrie sofort wie wild, auch nachdem sein Gegner den Kiefer wieder losgelassen hatte und sein Kopf kraftlos zurück auf den Asphalt fiel. „Du Scheißkerl!“ jaulte er. „Aber von mir wirst du nichts erfahren! Eher musst du mich töten!“
Sein Gegner starrte ihn für eine Sekunde ausdruckslos an. „So sei es!“ sagte er. „Sag mir nur noch eins: Lohnt es sich wirklich für ihn zu sterben?“
„Du hast nur Angst!“ Wieder lächelte der Beifahrer, diesmal verächtlich. „Und du wirst sterben, wie all die anderen auch!“
„Dein letzter Atemzug, mein Freund!“ Er hob seinen rechten Arm in die Höhe, schloss seine Hand. „Wir sehen uns in der Hölle wieder!“
Und im selben Moment krachte seine Faust so irrsinnig wuchtig auf den Brustkorb des Fahrers, dass die Rippen krachend nach innen zersplitterten und das Herz seines Gegners aufspießten.
Ein letztes gurgelndes Stöhnen, ein aufbäumendes Zucken seines Körpers, dann erstarb jede Bewegung in ihm.
Scott spürte, wie er die Besinnung verlor.
So lange hatte er dagegen angekämpft, war dem Kampf der beiden Fremden gefolgt, so gut er es konnte, war sich dabei von der ersten Sekunde an nicht sicher, ob er fasziniert von der Kampfkraft des Fremden oder angewidert von dessen Brutalität sein sollte, doch jetzt hatte er nicht mehr die Kraft dazu, sich bei Bewusstsein zu halten.
Er konnte noch erkennen, wie der gesenkte Kopf des Fremden zwischen seinen Armen auf dem Brustkorb des Toten lag, scheinbar ausruhte.
Dann bemerkte Scott Bewegung neben sich, als Walker sich erhob.
Im nächsten Moment kehrte Scott noch einmal für wenige Momente zurück in die Wirklichkeit, als der Fremde urplötzlich aufsprang und den toten Körper seines Gegners, den er gepackt hatte, mit einem wilden Aufschrei unkontrolliert von sich schleuderte, so als wolle er ihn aus seinen Augen und somit auch aus dem Sinn werfen.
Als die leblose, blutige Masse klatschend zu Boden schlug, war Scott gerade dabei, sein Herz wieder einzufangen.
Seine Sinne waren für kurze Zeit wieder völlig intakt.
Vor seinem inneren Auge liefen die Szenen der letzten Minuten nochmals ab, bis zu einem bestimmten Punkt.
Scotts Kopf trieb zur Seite, seine Augen schauten auf die Leiche neben sich.
Und da war es wieder: Das Foto!
Seine rechte Hand schob den Jackenstoff beiseite, ergriff das Papier.
Scott war sich nicht sicher, ob er das Richtige tat, aber mit jedem Zentimeter, den er das Foto weiter herauszog, wusste er, dass er die Person darauf, ihr strahlendes Aussehen, ihre lockigen, dunkelbraunen, schulterlangen Haare, ihre leuchtend grünen Augen, ihre bezauberndes Lächeln und ihre zarte hellbraune Hautfarbe, genau kannte.
„Verdammt!“ Mehr brachte er nicht hervor, dann wich die Kraft aus seinem Körper und er fiel zurück zu Boden.
Im selben Moment sah er einen Schatten über sich.
Die Bewusstlosigkeit holte ihn ein, oder...
Nein, es war ein anderer Schatten. Ein menschlicher Schatten. Der Fremde. Sein Retter.
Scott kämpfte noch einmal verzweifelt gegen seine Ohnmacht an, wollte sehen, wer seinen Tod in letzter Sekunde verhindert hatte.
Das Gesicht kam näher, heraus aus dem Halbdunkel, und Scott konnte es jetzt deutlich sehen, glaubte aber sofort, er hätte völlig den Verstand verloren, denn was er sah, konnte er absolut nicht glauben.
„Michael...? Aber...ich...verstehe nicht?“ Und im nächsten Moment verlor er endgültig die Besinnung.
Michael beugte sich zu ihm herab, schaute in das zerschundene Gesicht seines Partners, war dankbar, dass er noch am Leben war, spürte aber fast gleichzeitig eine tiefe, unendlich schmerzvolle Schuld in sich, weil er seine Partner belogen hatte - sie belügen musste und lächelte dann ein trauriges, müdes Lächeln. „Wie solltest du auch!?“
Und während er Scott vorsichtig schulterte, gab er Walker den Befehl, ihm zu folgen und sie verließen so schnell es ging den Schauplatz des Geschehens.