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P R O L O G Der Ursprung
ОглавлениеDunkelheit legte sich über die Welt vor vielen, vielen tausend Jahren, als der Konflikt eskalierte.
Feuer und Rauch fegten über sie hinweg, hinterließen Angst und Tränen.
Wer den Krieg begonnen hatte? – Niemand wusste es noch.
Warum er geführt wurde? – Auch das konnte niemand mehr sagen.
Und doch wurde er von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde immer grausamer, immer gnadenloser.
Hier ging es nicht mehr darum, sein eigenes Volk, sein eigenes Leben oder auch nur seine eigene Weltanschauung zu verteidigen, hier wurde im Namen der Gerechtigkeit gemordet, geschändet und gebrandschatzt, ohne Sinn und ohne Verstand.
Bis sich urplötzlich der Himmel auftat, gleißende Blitze auf die Erde herabregneten und sie mit einer so unbändigen Wucht trafen, das alles und jeder unter ihnen zermalmt wurde.
Forderte der Krieg viele Opfer, so schien es, als wäre das himmlische Feuer dabei, innerhalb weniger Stunden die gesamte Menschheit auszulöschen, um die Wurzel aus Hass und Gewalt endgültig auszumerzen.
Als Mohammed an diesem Morgen erwachte, spürte er, das sich sein Leben verändern würde und in der Tat, so war es auch.
Die Welle des Bösen erreichte um die Mittagszeit sein Dorf und obwohl sie alle sich so tapfer verteidigten, wie sie nur konnten, hatten sie gegen den übermächtigen Feind keine Chance.
Als die Abenddämmerung hereinbrach, zerbrachen auch ihre Hoffnungen und der nahe Tod trat vor ihre Augen.
Urplötzlich aber riss der Himmel auf, die gleißende Blitze donnerten auf sie hernieder und töteten - ihre Feinde.
Doch bevor Mohammed begreifen konnte, dass und wie sie auf wundersame Weise vor dem Zorn Gottes verschont blieben, wurde sein Blick magisch von einem der Blitze angezogen.
Auch er zuckte herab, doch bei seinem Aufprall hinterließ er kein Feuer und keinen Rauch.
Mohammed setzte sich in Bewegung, erreichte die Scheune, in die er hineingefahren war, öffnete die Tür und traute seinen Augen nicht.
Der Blitz, er war kein Blitz. Es war ein Kristall, ein Kristall von unendlicher Leuchtkraft.
Mohammed hielt sofort inne. Obwohl er unter den Menschen seines Dorfes als Gelehrter galt, war er dennoch nur von einfachem Gemüt und was er hier sah, überstieg seinen geistigen Horizont bei Weitem.
Angst kam wieder in ihm auf und er wollte diesen Ort verlassen, als er ganz deutlich eine Stimme hörte. Eine Stimme, die unmissverständlich zu ihm sprach, die ihm sagte, dass das himmlische Feuer Gottes Tränen waren, weil er sah, was die Menschen sich und der Erde antaten und die ihm befahl, diese eine Träne an sich zu nehmen, sein Volk aus seinem Dorf um sich zu scharen und fortzugehen, an einen Ort, der ihm noch genannt werden würde.
Und Mohammed hatte nicht die geringste Chance, sich dagegen zu wehren, so deutlich, so klar und so eindringlich sprach diese Stimme zu ihm.
Also tat er, wie ihm befohlen wurde und während das gesamte Land noch immer unter den Einschlägen der gleißenden Blitze erschüttert wurde, verließ er, mit weit über einhundert Menschen sein Heimatdorf.
Die Stimme wies ihnen den Weg, befahl ihnen, sich zu beeilen und nicht zurückzuschauen, auf das, was hinter ihnen geschah.
Viele Wochen dauerte ihre Reise über verbrannte Schlachtfelder, verwüstete Landstriche und zerstörtes Leben, bis sie die Stimme auf eine Hochebene führte, fernab der Zivilisation, die noch übrig geblieben war.
Mohammed baute ein einfaches Podest auf einer Anhöhe am Rande der kahlen, heißen und staubigen Hochebene, auf der niemand je würde leben können, doch die Stimme befahl ihm, zu vertrauen und kaum hatte der Kristall seinen neuen Platz eingenommen, sandte er unsichtbare Wellen aus, die das Land um sie herum in ein wahrhaftiges Paradies verwandelten.
Und wieder sprach die Stimme zu Mohammed und erklärte ihm, dass er und sein Volk auserwählt worden waren, die Lehren Gottes zu bewahren.
Hier auf dieser für alle anderen Menschen abgeschiedenen Hochebene sollten sie leben, ohne jemals Not leiden zu müssen.
Solange, bis die Zeit reif sein würde, die Lehren Gottes wieder über die Menschheit zu verbreiten.
Und so geschah es, viele Tausend Jahre lang.
Unbemerkt vom Rest der Welt lebten die Menschen auf ihrer Hochebene in einem wahrhaftigen Paradies ohne Not und Neid und warteten auf den Tag, da sie das Wort Gottes als auserwähltes Volk verbreiten und die Menschheit in eine neue glorreiche Zukunft führen würden.
Das Schicksal aber hatte etwas völlig anderes für sie vorgesehen...
Die Kinder, die sie beim Spielen als erste entdeckten, erschraken fürchterlich, denn noch nie hatten sie Menschen solch heller Hautfarbe und in solcher Kleidung gesehen.
Fremde waren in ihre Welt eingedrungen. Obwohl ihnen die Stimme immer gesagt hatte, dass dies niemals passieren würde, standen sie urplötzlich in ihrer Mitte, etwa ein Dutzend an der Zahl.
Niemand wusste, wie er sich verhalten sollte, bis Omar, der Nachfahre Mohammeds und als Hohepriester ständiger Vermittler zwischen Gott und den Menschen auf dieser Hochebene, ihnen sagte, sie sollten die Fremden freundlich empfangen und ihnen wohl gefallen.
Das taten sie auch und es entwickelte sich eine zarte Annäherung zweier fremder Kulturen.
Bis einer der Fremden den Kristall in dem mittlerweile um ihn herum errichteten Tempel entdeckte, sich das Feuer des Steins in seinen Augen wiederspiegelte und ihm ein unheimliches Antlitz verlieh, vor dem man nur frösteln konnte.
Wenige Stunden später waren die Fremden wieder gegangen, doch Omar und einige andere waren sich sehr sicher: Sie würden wiederkommen und sich des Kristalls bemächtigen!
Doch das durfte niemals geschehen. Der Kristall durfte nicht in fremde, unwissende Hände geraten, die seine Macht nicht verstehen konnten und sie missbrauchen würden.
Der Herr hatte ihn in ihre Obhut gegeben und verlangte jetzt sicher, dass sie sich seiner würdig erwiesen.
Omar ging in den Tempel und wollte mit Gott reden, doch der Herr schwieg.
Das aber konnte und durfte er den anderen nicht sagen, Panik wäre ausgebrochen.
Und so studierte er in seiner Verzweiflung die alten, überlieferten Schriften und stieß...auf das Unfassbare.
Da war die Rede von Teilung, Aufspaltung, Übergang.
Von einer Zeremonie, so unwirklich, so bizarr, so unheimlich, dass ihm fröstelte.
Und doch: Mit ihr, dessen war er sich sofort sicher, würden sie den Kristall, der einst eine Träne Gottes war, vor den Fremden und ihren bösen Absichten beschützen können.
Alles, was dazu nötig war, waren Mut, Vertrauen…und zwölf Freiwillige.
Also scharrte er all die um sich, von denen er annahm, dass sie die gewaltige Tragweite dessen, was er ihnen erzählte, auch verstanden.
Ob das am Ende auch wirklich alle taten, sollte er nie erfahren, aber am Ende seiner Ausführungen hatte er zwölf Freiwillige, die bereit waren, die Zeremonie durchzuführen.
Mitten hinein in ihren Entschluss jedoch platzte die Nachricht, dass die Fremden bereits wieder gesichtet wurden und allen war sofort klar, dass sie sich beeilen mussten.
Die zwölf Freiwilligen, neun Männer und drei Frauen, umringten den Kristall in einem weiten Kreis und Omar sprach die geheimnisvollen und heiligen Worte, die ihnen überliefert wurden.
Und das Unglaubliche geschah tatsächlich: Der Kristall begann zu glühen, zu pulsieren...zu leben. Er teilte sich, in zwölf gleiche Teile, die umschlossen wurden, von einer halbdurchsichtigen Hülle. Zum Schutz, das wusste Omar, denn die Überlieferungen beinhalteten auch eine Warnung: Der Kristall war ein reiner Funken göttlicher Energie und somit nicht für Menschenhand gemacht. Daher durfte niemals eine direkte Berührung erfolgen. Sonst würde Gottes Fluch über die Menschen kommen.
Die Teile des Kristalls wanderten langsam zu den Männern und Frauen, die ihn umringten und verharrten wenige Zentimeter vor ihren Brüsten.
Was dann geschah, überstieg die geistigen Fähigkeiten der meisten unter ihnen bei weitem, denn urplötzlich traten ihre Herzen, ihre eigenen pulsierenden, blutigen, lebenden Herzen aus ihren Körpern, entfernten sich von ihnen, trafen auf die Kristallteile, schwebten durch sie hindurch und vereinigten sich schließlich alle in einem einfachen, wertlosen, braunen Kristall, den Omar besorgt hatte und der fortan ihre Herzen beschützen sollte.
Dann trat der Kristall in ihre Oberkörper ein, übernahm dort den Platz ihrer Herzen und offensichtlich auch ihre Funktionen, denn niemand von ihnen nahm dabei Schaden.
Wenn nun die Fremden kommen würden, würden sie den eigentlichen Kristall, die Träne Gottes, nicht wiederfinden und schließlich wieder fortgehen.
Dann wollte Omar mit seinem Volk an einen neuen Ort wandern, den Gott ihnen noch zeigen würde.
Dort, so sollte es sein, würden sie die Zeremonie wieder rückgängig machen, die tapferen Männer und Frauen ihre Herzen zurückerhalten, sich der Kristall wieder vereinen und weiterhin das Leben und das Wirken seines Volkes bestimmen, bis Gott sie auf ihre vorbestimmte Mission entsandte.
Ja, so würde es sein.
Und die Fremden kamen tatsächlich.
Aber sie kamen viel zu früh...
Die Zeremonie ging nur langsam voran und der Austausch der Herzen gegen den Kristall erfolgte nicht gleichzeitig, sondern nacheinander.
In dem Moment aber, als das letzte Teilstück vor der Brust des Mannes verharrte und sich sein eigenes Herz aus seinem Inneren löste, konnte man außerhalb des Tempels bereits aufkommenden Tumult hören.
Omar wurde sofort nervös, doch konnte er nur zuschauen, wie das letzte Herz seinen Platz in dem braunen Kristall einnahm, der jetzt im Inneren zu lodern begann.
Kaum war dies geschehen, griff Achmed, Omars Schüler, nach ihm und nahm ihn an sich. In seinen Augen erkannte Omar sehr deutlich außer Angst auch das, was er vorhatte. Er wollte den Kristall der Herzen von hier fortbringen, bevor die Fremden erschienen.
Omar nickte ihm zu und Achmed machte sich auf den Weg durch den Hinterausgang.
Inzwischen hatte die Träne Gottes wieder begonnen auf den letzten Freiwilligen zu zu schweben, doch nur einen Zentimeter, bevor sie ihn erreicht hatte, wurde das Tempeltor durch eine wuchtige Explosion beinahe aus den Angeln gerissen.
Omar fuhr herum, erkannte sofort den Fremden wieder, in dessen Augen das dunkle Feuer der Gier loderte.
Und innerhalb eines einzigen Wimpernschlages änderte sich alles, wofür sie je gelebt hatten, wurde ihr Glauben, ihre Hoffnung, ihre Bestimmung zerstört und ihr Leben für immer verändert.
Denn ohne auch nur zögern, richtete der Fremde seine Waffe auf den letzten Freiwilligen, drückte ab und tötete ihn mit einem Kopfschuss, noch bevor der Kristall in ihn übergegangen war.
Omar reagierte schnell und befahl den anderen Anwesenden, zu verschwinden, während er sich selbst den Fremden stellte, die jedoch scheinbar nur noch einen Blick für den vor der Leiche des Mannes in der Luft verharrenden letzten Teilstück des Kristalls hatten.
Doch dem war nicht so, denn nur wenige Momente später kamen noch mehr Fremde in den Tempel und mit ihnen Omars gesamtes Volk.
Einer der Fremden sprach mit ihrem Anführer, der ihm zunickte, woraufhin der andere sich zwei weitere Männer nahm und den Tempel wieder verließ, wo sie sich auf ihre Pferde setzten und eilig davon ritten.
Der Anführer der Fremden kam auf Omar zu, grinste ihn dabei verächtlich an und hob dann seine Hand, um den Kristall zu ergreifen.
Omar aber packte seinen Arm und hielt ihn zurück.
Wieder sah ihn der Fremde an, grinste, seine Augen sprühten nackten Hass, dann drehte er sich zu seinen Leuten um und nickte.
Wenige Sekunden später starben etwa dreißig Unschuldige unter einem schrecklichen Kugelhagel.
Da niemand von ihnen je gelernt hatte, sich zu verteidigen, standen dem auch alle anderen völlig hilflos gegenüber.
In die allgemeine Panik hinein mischte sich der erneute Versuch des Anführers, das letzte Teilstück des Kristalls zu ergreifen, doch wiederum verhinderte Omar dies, obwohl er selbst nicht wusste, wie er den Mut dazu aufbrachte.
Es war auch das letzte, was er je fühlen sollte, denn nur einen Moment später traf ihn ein wuchtiger Messerstich in seine Brust.
Noch bevor er zu Boden fiel und langsam verblutete, nickte der Anführer ein zweites Mal und der nachfolgende Kugelhagel erfasste sein gesamtes Volk.
Während sich tödliche Dunkelheit über ihn ausbreitete, konnte Omar sehen, wie so viele seiner Freunde ihm folgen würden.
Aber noch etwas anderes erkannte er: Die elf Freiwilligen, sie befanden sich inmitten des Kugelhagels und gingen, wie alle anderen auch, zu Boden, doch als das schreckliche Geräusch von Kugeln und Schreien erstarb, standen sie wieder auf.
Auch der Anführer der Fremden sah es und in seinem Gesicht wich der überheblichen Selbstsicherheit zum ersten Mal nackte Angst.
Hier geschah etwas, das er sich nicht im Entferntesten erklären konnte und deshalb konnte er zunächst auch nicht darauf reagieren und dann auch nur, indem er weitere Kugeln auf seine Opfer abfeuern ließ.
Aber auch diese zweite Salve tötete sie nicht, was bei ihnen, wie schon nach dem ersten Kugelhagel, nicht minder geschockte Gesichter erzeugte, wie bei ihren Peinigern.
Doch keiner von ihnen hatte lange genug Zeit, es auch nur im Ansatz zu begreifen, denn urplötzlich begann das letzte Teilstück des Kristalls gleißend hell zu leuchten.
Der Anführer der Fremden in unmittelbarer Nähe schrie erbärmlich, als das Licht seine Augen verbrannte. Mehr kam jedoch nicht mehr über seine Lippen, weil sich nur einen Wimpernschlag später, die Energie im Inneren des Kristalls wie eine Bombe ausbreitete, mit irrsinniger Geschwindigkeit über alle Anwesenden hinweg raste und alles dabei zu Staub verbrannte, bis...ja, bis auf diese elf Menschen, die statt ihrer Herzen einen weiteren Teil des Kristalls in sich hatten und...Omar!
Nachdem sie begriffen hatten, was passiert war, stürzten sie zu Omar, erkannten, dass er noch lebte und in ihren Augen sah er tausend Fragen.
„Ihr seid unsterblich, weil der Kristall in euch unsterblich ist...!“ sagte er mit seinen letzten Atemzügen. „Mit dem Stein eurer Herzen könnt ihr die Zeremonie umkehren...! Achmed bringt ihn an einen sicheren Ort... Findet ihn...nehmt mein Buch... Es wird euch helfen... Seid vorsichtig...! Der Kristall ist nicht für Menschen gemacht...! Die Hülle um ihn darf niemals verletzt werden...sonst trifft euch der Fluch des Herrn!“
Omars Tod schockte alle noch einmal, doch dann erinnerten sie sich plötzlich der drei Reiter, die den Tempel verlassen hatten, bevor das furchtbare Unheil seinen Lauf nahm.
Doch bevor sie alle begriffen, wen sie verfolgten, ertönte ein einzelner, schmerzhafter Schrei vom Rande der Hochebene und zerriss die Totenstille, die sich über sie gelegt hatte.
Es war der Schrei Achmeds.
Wenige Minuten später, als sie den Ort des Geschehens erreicht hatten, wurde alles zur Gewissheit:
Die Verfolger hatten Achmed eingeholt und gestellt, doch dabei war die kleine, natürliche Brücke aus Felsgestein, auf der sie sich befanden, aufgrund des überhöhten Gewichtes zusammengestürzt.
Niemand hatte das überlebt, alle waren in die Tiefe gestürzt.
Die Fremden, Achmed...der Kristall ihrer Herzen.
Doch die Suche nach ihm am Fuße der Hochebene im Sand der Wüste blieb erfolglos.
Da war ihnen klar, dass sie niemals die Lehren Gottes verbreiten würden, sondern als Unsterbliche dazu verdammt waren, einen Kristall zu finden, der ihnen ihr Leben zurückgeben würde.
Ihre Suche voller quälender Ungewissheit sollte viele Jahrhunderte andauern...