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Soziale Reiseformen in der Antike und im Mittelalter
ОглавлениеBadereisen der Antike
Eine der frühesten Reiseformen, die bereits die römische Antike kannte, ist die Badereise. Sie diente nicht nur der Heilung und Erholung, sondern nahm bereits Züge einer „Sommerfrische“ an, indem die medizinischen Anwendungen in Thermal- und Schwefelbädern eine Ergänzung im geselligen Leben fanden, mit Kahnfahrten, Ballspielen und dem freizügigen Umgang der Geschlechter. Insbesondere der heute nur noch in archäologischen Resten wahrnehmbare Küstenort Baiae am Golf von Neapel entwickelte sich im ersten Jahrhundert v. Chr. während der Sommermonate zu einem Sammelplatz der gesellschaftlichen und politischen Elite Roms. Die Badereise überdauert als Reiseform, wobei die Ziele – Seebäder, Heilbäder und Kurorte – ihre Doppelfunktion als Behandlungsstätte und Vergnügungsort bis in die Gegenwart bewahren sollten. In Deutschland gehen in diesem Sinne etwa Wiesbaden oder Baden-Baden auf römische Gründungen zurück.
Pilgerreisen
Eine weitere archaische Reiseform ist die religiös motivierte Wanderung (peregrinatio religiosa). Die Pilgerschaft ist als solche spätestens seit dem 4. Jahrhundert bekannt. Sie diente (neben der Wallfahrt an nähere Ziele) vor allem dazu, die Wirkungsstätten Jesu im Heiligen Land, insbesondere in Jerusalem aufzusuchen – als Buße für begangene Verfehlungen, als Dank für einen göttlichen Gnadenerweis (gesundheitliche Genesung u.a.) sowie als Fürbitte für künftige Lebenspläne. Dieses Reiseziel blieb jedoch vorrangig dem Adel, später auch dem gehobenen Bürgertum vorbehalten, da die mühevolle Anreise – zumeist per Schiff ab Venedig – monatelang dauerte und hohe Kosten verursachte. Nach und nach traten andere Pilgerziele hinzu, so seit dem 12. Jahrhundert Santiago de Compostela, wo man das Apostelgrab Jakobus’ d. Ä. (p44 n. Chr.) verehrte. Die Pilgerfahrt nach Santiago wurde als Fußwanderung von verschiedenen Ausgangspunkten in ganz Europa unternommen und stand somit allen sozialen Schichten frei. Als Knotenpunkte der Pilgerreise im Frühmittelalter erwiesen sich die Klöster, sie beherbergten die religiösen Wanderer und versorgten sie mit Nahrung. Später übernahmen dann die auf den Wanderstrecken liegenden Städte entsprechende Aufgaben. Ein weiterer Pilgerort war Rom, das als Apostelgrab (Petrus und Paulus) und Sitz des Papstes eine eigene Attraktivität ausbildete. Nach 1500 hatte das Pilgerwesen seinen Höhepunkt überschritten, blieb aber bis in die Gegenwart eine kontinuierlich genutzte Form der religiösen Erbauung und wandelte sich im 20. Jahrhundert zu einem Mittel profaner Selbstfindung.