Читать книгу Johann Albrecht von Reiswitz (1899–1962) - Andreas Roth - Страница 11
1. Werdegang zum Wissenschaftler 1.1. Frühe akademische und politische Prägungen
ОглавлениеAm 18. Januar 1912, einem Donnerstag, als die Berliner bei klirrender Kälte den anstehenden Stichwahlen zum 13. Reichstag entgegensahen, saßen drei Jugendliche in einer geräumigen Wohnung der Carmerstraße 10 in Charlottenburg.88 Der achtzehnjährige Rudolf, genannt Rolf, und sein sechs Jahre jüngerer Bruder Johann Albrecht, genannt Hans oder Alli/Ally, sowie die schon neunzehnjährige Schwester, Elisabeth. Die Mutter der drei, die vierzigjährige Maria Theresia Baronin von Reiswitz, geborene Kracker von Schwarzenfeld, befand sich zu Besuch bei ihrer erkrankten Schwester in Wetzlar und hatte Berlin tags zuvor verlassen. Ihr Ehemann, der 1863 auf dem Stammsitz der Familie im schlesischen Wendrin geborene Rittmeister a.D. des preußischen Leibkürassierregiments, Albrecht von Reiswitz, war daheim geblieben. Doch ohne die Mutter lief es nicht so richtig. Am Morgen hatten die Kinder bereits verschlafen und wachten erst um 7 Uhr auf, da der Wecker nicht richtig klingelte, sodass die beiden Jungen zu spät zum Unterricht in das 1895 gegründete, altsprachliche Wilmersdorfer Bismarck-Gymnasium kamen. Rolf stand ein Jahr vor dem Abitur. Er beschloss, eine weitere Verspätung zu vermeiden und stellte den Wecker übereifrig auf 5 Uhr. Alli versicherte seiner verreisten Mutter, dass es „schöhn“ [sic] gewesen sei in der Schule und fügte seinem handgeschriebenen Brief, versehen mit dem eingeprägten Familienwappen, stolz Folgendes hinzu: „Rolf treibt mit mir sehr liebevoll ‚La petite chèvre de M. Seguin‘ und wir ochsen brüderlich miteinander.“ Währenddessen besorgte der Vater bei „Sarotti“ süße Geburtstagsgeschenke.89
Die Ziege des Monsieur Seguin spielt die Hauptrolle in einer 1869 erstveröffentlichten Geschichte von Alphonse Daudet (1840–1897) und wird im weiteren Verlauf der Arbeit als Tropus verwendet werden. Blanquette flüchtet aus ihrem sicheren Stall und begibt sich auf Abenteuersuche in die Berge. Dort trifft sie auf eine Herde Gemsen, mit denen sie sich anfreundet, mit einem Böcklein sogar romantisch anbändelt. Als es Abend wird, ruft der besorgte Monsieur Seguin Blanquette, sie solle doch in den Stall zurückkommen. Doch Blanquette hört nicht auf ihn. Sie glaubt, den Gefahren der Nacht gewachsen zu sein und sich alleine gegen den bösen Wolf wehren zu könnnen. Doch da irrt sie. Sie hält ihn zwar lange hin mit ihren kleinen Hörnern, aber am Ende, kurz vor Tagesanbruch, vermag sie sich nicht mehr zu widersetzen: „Le loup se jeta sur la petite chèvre et la mangea.“90 Ob der kleine Alli in späteren Jahren die Moral der Geschichte, sich nicht ohne Not mit den überlegenen Kräften des Bösen auseinanderzusetzen, beherzigen würde?
Zweieinhalb Jahre nach der gemeinsamen Französischlektion trennten sich die Wege der Brüder Reiswitz. Fünf Jahre lang hatten Alli und Rolf, der am 30.11.1893 in Breslau geboren worden war, mit den Eltern in der Schweiz, am Luganer See, gewohnt. Dort war Alli am 08.07.1899 geboren worden. Im Jahre 1904 zog die Familie nach Berlin um. Ab dem Herbst 1909 besuchte Alli dort das Bismarck-Gymnasium. Für das Winterhalbjahr 1913/1914 schickten seine Eltern ihn auf das Alumnat im schlesischen Niesky. Kurz vor Kriegsbeginn 1914 nahm Johann Albrecht vom 04.–09.07. in Dänemark an einem Sommerlager des der Wehrerziehung verpflichteten Jungdeutschland-Bundes teil.91 Nach dem Kriegsausbruch wurde der frischgebackene Abiturient Rolf Soldat und fiel als Leutnant des 1. Garde-Ulanenregiments am 02.05.15 an der Ostfront, nahe dem Dorf Staszkowka, am ersten Tag der Schlacht bei Gorlice-Tarnów. Unter dem Kommando des späteren Generalfeldmarschalls August von Mackensen (1849–1945), welcher viele Jahre später zu Reiswitz als Kunstschützer in Belgrad Kontakt aufnehmen sollte, unternahm hier in Galizien die neuaufgestellte 11. Armee einen erfolgreichen Vorstoß gegen russische Kräfte, der an sich nur geringe deutsche Verluste mit sich brachte: „In großer Zahl warfen die Russen ihre Waffen fort und ergaben sich.“92 Zwei Jahre später starb Allis Vater in der Charlottenburger Wohnung, am 09.04.17, zwei Tage, nachdem er zum dritten Mal einen Schlaganfall erlitten hatte. Doch weder der Tod des Bruders noch der des Vaters, durch welchen seine Mutter und Schwester ohne erwachsenen männlichen Schutz zurückblieben, ließen Alli daran zweifen, dass auch er nun seinen Dienst am Vaterland zu verrichten hatte. Am 02.05.17 kommentierte er den Tod von Rolf mit den Worten: „Heute vor 2 Jahren fiel Rolf in Galizien! … Der glückliche!“
Alli selbst rückte am 30.07.17, drei Wochen nach seinem 18. Geburtstag, als Fahnenjunker in das 1. Garde-Feld-Artillerie-Regiment ein, kaserniert zunächst in Berlin. Am ersten Tag machte er sehr positive Erfahrungen. Er bekam eine nagelneue Ausstattung, das Exerzieren sei „ganz nett“, das Essen „schmeckte herrlich“ und die Unterhaltung auf der Stube drehte sich „unmoralisch über Weiber und Prostituierte“. Die Wanzen im Bett allerdings trübten den Eindruck.93 Zeit seines Lebens sollte Alli großes Interesse am weiblichen Geschlecht haben.94
Doch schnell verblasste das malerische Bild vom Soldatensein, und schon am 02.09.17 stellte der junge Reiswitz fest: „Gott, ich verdumme ja vollkommen! Es ist zum verrückt werden, jeder Tag an dem ich nichts lese, ist ein verlorener Tag.“95 Auch am Sinn des Krieges an sich begann er zu zweifeln: „Was wird das denn für ein Sieg, für den wir kämpfen? Wahnsinn! Verfluchter Wahnsinn einiger überspannter Köpfe ist der Krieg.“ Er stellte fest, dass Deutschland schuldlos, geleitet aber von „Idiotendiplomaten … gegen eine Welt von Feinden seinen Verzweiflungskampf führt“, und sah voraus, dass Deutschland „nie aufhören wird zu siegen“ – aber schließlich „dennoch verlieren wird“.
Nach Beendigung seiner Schießausbildung in der Artillerieschule Jüterbog südlich von Berlin ging es für ihn am 22.01.18 an die Westfront. Nahezu hymnisch beschwingt blickte er seiner Feuertaufe entgegen: „Jetzt fahre ich hinaus, die Frucht zu ernten, trenne mich von der Stätte, wo ich die Kunst suchte und fand. Mit Hilfe der göttlichen Kunst wurden mir meine Inlandssoldatenzeit, meine Lehrjahre leicht.“ Er schien die Absicht gehabt zu haben, den Krieg als Möglichkeit zu nutzen, „das Wesen [m]eines Volkes noch tiefer [zu] ergründen.“ Sein – bis dahin in lateinischer, danach in deutscher Schrift geführtes – „Tagebuch eines Fahnenjunkers“ beendete er mit den Worten: „Sonnenschein liegt über Berlin, ich öffne das Fenster – etwas wie Frühling liegt in der Luft!!!“96
Nach zwei Monaten in der Etappe an der Westfront nahm er ab dem 21.03.18 an der letzten deutschen Großoffensive teil, dem „Unternehmen Michael“. Am 01.04. äußerte er sich noch zuversichtlich. Die Versorgungslage sei wegen der vielen Hals über Kopf von der Zivilbevölkerung verlassenen Dörfer gut und „der Hauptstoß im Westen wird ja auch wohl noch glücken“.97 Einen Tag später fiel seiner Einheit ein englisches Proviantdepot in die Hände: „Wir … trinken den ganzen Tag köstlichen Burgunder … und Bordeaux“.98 Am 05.04. dann aber wurde er bei Hargicourt in der Nähe von St. Quentin schwer durch einen Kopfschuss verwundet. Mit einem Munitionszug erfolgte der Rücktransport in Richtung Heimat. Am 08.04. wurde er in Valenciennes operiert und blieb dort bis zum 19.04. Seit dem 13.04. bekam er bereits keine Schmerzmittel mehr, „es muss und wird auch so gehen“.99 Zwei Tage später beruhigte er seine Mutter, die innerhalb von drei Jahren mit Rolf erst den ältesten Sohn und dann den Ehemann verloren hatte, mit dem Hinweis darauf, dass er „genügend verpflegt“ werde, sogar „Kakao, Keks und andere Herrlichkeiten … in Hülle und Fülle“ bekomme. 100 Dann ging es weiter ins St.-Joseph-Hospital nach Köln-Kalk, wo er bis zu seiner Verlegung ins Berliner Elisabeth-Krankenhaus bis zum 07.05.18 rekonvaleszierte.
Zwar sollte Reiswitz den Rest seines Lebens unter verminderter Sehfähigkeit und häufigen Kopfschmerzen leiden, doch lässt sich der nun fast Neunzehnjährige nicht beirren und erhält schon im Oktober 1918 sein Reifezeugnis im Rahmen der Notabiturregelungen. Dem Tagebuch zufolge entließ ihn die Prüfungskommission mit den Worten: „Denken Sie nicht etwa, dass deswegen, weil wir Ihnen die Reife geben, wir etwa glauben, Sie seien schon reif.“ Selbstkritisch bestätigte Reiswitz im Tagebuch diese Beurteilung: „Bon, man hat es mir geschenkt, ich weiß auch, dass es wahnsinnige Faulheit und großes Glück waren, die mir 1 Jahr vor normaler Zeit das Examen verschafften, aber ich weiß auch ich habe … 6 Wochen unter beschwerendsten Umständen gearbeitet.“101
Für ein Mitglied des deutschen Adels war sein Leben bis zum Ende des Krieges nicht untypisch verlaufen. Ohne besonders wohlhabend zu sein, führte Reiswitz bis zum Ableben seines Vaters ein materiell recht sorgenfreies Leben. Sein Fronteinsatz war kurz, aber dennoch mit lebenslangen gesundheitlichen Beeinträchtigungen verknüpft.
Bevor er sich aber an der Berliner Universität einschreiben konnte, hatte der politische Umsturz in Deutschland begonnen, gefolgt von der deutschen Kapitulation am 11.11.1918. Bereits einen Monat vor Kriegsende zeigte sich Reiswitz desillusioniert, sowohl angesichts der militärischen Lage, als auch mit Blick auf die politischen Zustände in Deutschland: „Endlich, mich völlig kaputt machend, mich zum Wahnsinn bringend, ist die politische Lage. Man bedenke: Nach Westen standen wir auf siegreichem Vormarsch im Feindesland, im Osten haben wir den Feind völlig besiegt und Serbien, Montenegro, Rumänien besetzt. Überall sind wir Sieger. Und da verdirbt uns die veraltete Form unseres Regimes, an dessen Spitze ein völlig unfähiger Kopf als I.M. [Ihre Majestät] steht, unfähige Personen erzeugend alle Siege. Durch den von Wahnsinn grüßenden Größenwahn unseres Kaisers und die völlige Unfähigkeit unserer maßgebenden Politiker fällt Bulgarien ab, rüstet Rumänien von Neuem zum Kriege, fällt in Folge dessen die mazedonische, fällt die Palästinafront, können nicht völlig in unsere Hand gegebene Gegner sich wieder gegen uns rüsten, und beginnt unsere Westfront zu wanken.“ Er stellte sich die Frage: „Wie konnte das kommen?“ und hat auch eine Antwort parat: „Sehr einfach, durch unser veraltetes Regime. Also, fort mit ihm. Über Nacht bekommt Deutschland die parlamentarische Verfassung. Gut, dreimal gut. Es war die einzige noch mögliche Rettung. Hoffen wir, dass es nicht zu spät sei.“102
Zwei Tage zuvor, am 03.10.18, hatte Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) den liberalen Prinzen Max von Baden (1867–1929) zum Reichskanzler ernannt, und es waren Sozialdemokraten ins Kabinett eingetreten. Für Reiswitz war das kaiserliche Regime und das damit verbundene Demokratiedefizit maßgebend verantwortlich für den Kriegsverlauf: „Hätten wir diese Verfassung gehabt, 10 Jahre vor dem Kriege, oder wenigstens zu Beginn dieses Krieges, so würde Friede wieder herrschen und überall wären wir Sieger geblieben.“103
Doch lediglich eine Verfassungsänderung konnte die deutsche Niederlage nun nicht mehr verhindern, da die Waffenstillstandsbedingungen der Alliierten, die der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (1856–1924) dem Kabinett Max von Badens unterbreitete, von Erich Ludendorff (1865–1937), dem stellvertretenden Chef der dritten Obersten Heeresleitung und wahrem Herrscher über Deutschland, nicht akzeptiert wurden. Und folglich kam es, den Ausführungen des gerade frischgebackenen Abiturienten Reiswitz zufolge, „wie es kommen musste. In kaum einer Woche hat sich unser Schicksal erfüllt. Die Türkei fiel nach Bulgarien ab. Heute ist der Waffenstillstand unterzeichnet und die Türkei nebst Dardanellen ausgeliefert der Entente. Bulgarien ist Republik. Die Alliierten haben es besetzt. Serbien ist wiedererobert. Die Alliierten nähern sich der Save und Drina. Österreich ist von uns durch den Verrat des Kaisers Karl abgefallen, auseinandergefallen. Ungarn ist selbständig und wird die Alliierten durchmarschieren lassen. … Die Balkanfrage ist für uns verloren … Wilson zieht den Frieden hin, auf den wir bedingungslos einzugehen scheinen … Im Deutschen Reichstag fordert Polen Danzig, will Elsass-Lothringen an Frankreich. Von innen heraus droht die Anarchie durch Polen und Bolschewikis.“
Neben dem von Reiswitz bereits im Oktober ausgemachten Hauptschuldigen an der deutschen Niederlange, dem Kaiser und der dahinter stehenden monarchischen Verfassung, drohte Deutschland also nun auch Ungemach durch die Bestrebungen des polnischen Nationalismus einerseits und durch kommunistische Umsturzversuche andererseits. Doch auch Anfang November war für Reiswitz weiterhin klar, dass die Niederlage programmiert war: „Da nutzt keine Regierung etwas, und sei sie noch so tüchtig, hier rächt sich das ancien régime deren, deren Folge alle diese diplomatischen débacles waren und sind, die unsere Siege verdarben und verderben.“ Doch war er zu diesem Zeitpunkt keinesfalls Befürworter einer bedingungslosen Kapitulation: „[Der SPD-Politiker und Staatsminister ohne Portefeuille unter Max von Baden, Philipp] Scheidemann beantragt Abdankung des Kaisers. S.M. [Seine Majestät] … bei Nacht und Nebel ins Große Hauptquartier, nachdem er vorher dumm genug war, [am 26.10.18] Ludendorff zu entlassen“, welcher die Kriegshandlungen nun doch fortsetzen wollte.
Als die Novemberrevolution Berlin erreichte, verrichtete Reiswitz Dienst in der Kaserne seines Regiments in der Kruppstraße in Moabit, rund vier Kilometer zu Fuß von der Familienwohnung entfernt. Er war von den neuen politischen Gegebenheiten nicht angetan: „Tatsache aber ist seit Donnerstag, dass die Flotte die rote Fahne gehisst hat, dass Offiziere erschossen, erhängt und gefangen gesetzt wurden, dass Hamburg, Bremen, Hannover, Kiel, Swinemünde von Arbeiter- und Soldatenräten regiert werden, kurz an der Küste völlige Anarchie herrscht.“ Am 09.11.18 war er im Begriff, nachmittags nach Dienstschluss die Kaserne zu verlassen und sah sich folgender Situation gegenüber: „Da kamen sie schon jenseits der Straße in die Südkaserne. ‚Brüder, kein Blutvergießen‘ stand auf einem Plakat, das sie voraus trugen, und ich sah, wie die Südkasernenmannschaften die Kokarden abrissen, die Waffen ablieferten, usw. Sah’s von meinem Fenster aus. Jetzt schienen sie auch die Kruppstraße entlang zu kommen. Ich setzte meine freche blaue Offiziersmütze auf, zog mir meinen extra Mantel an, und kenntlich vor allen als preußischer Fähnrich im ersten Garde Feldartillerie Regiment, Albrecht Freiherr von Reiswitz und Kaderžin ging ich, den Revolver in der Tasche hinaus“. Doch alleine konnte der Fahnenjunker nichts gegen die Revolutionäre bewirken. Die Artillerieabteilung des Regiments weigerte sich, auf die Demonstranten zu schießen: „Die Tore wurden geöffnet. 14- und 16-jährigen Bengels in Zivil, Fahnenflüchtigen … mit roter Fahne übergaben die alten Krieger die bis … 4 Jahre im Feuer gestanden hatten, die sich das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse erworben hatten, die schwere Wunden, unmenschliche Strapazen ertragen hatten, man höre: 14- und 16-jährigen Bengels übergaben sie ihre Waffen!!! Ich sah Offiziere, sah Mannschaften, sah vor allem manchen gebräunten und weißbärtigen Wachtmeister Tränen, heiße Tränen vergießen, und ich selbst: ich habe geheult vor Wut!!“104
In dieser unübersichtlichen Situation hatte Reiswitz zwar kein Verständnis für die Revolution der Straße, jedoch durchaus Respekt vor den neuen Machthabern der Mehrheitssozialdemokratie, die es seines Dafürhaltens nach zumindest schafften, die kommunistische Bedrohung in Schach zu halten. Einen Tag später, am 10.11.18, kam er auf der Tauentzienstraße mit Offizierskameraden zusammen, von denen einer ihn galgenhumorig mit „Genosse Reiswitz“ ansprach. Für Reiswitz war in diesem Moment klar, dass „die Vernunft der Mehrheitssozialdemokratie, gestützt auf den sehr rechts stehenden Soldatenrat siegte und die völlige Anarchie“ bzw. der „Spartakus Wahnsinn“ verhindert wurde. Die Ebertregierung [Friedrich Ebert (1871–1925) stand seit dem 10.11.18 der Interimsregierung, dem Rat der Volksbeauftragten, vor] habe zwar den „schmählichsten Waffenstillstand“ unterzeichnet und auch die Bildung der Arbeiterund Soldatenräte, eine laut Reiswitz „bolschewistische Institution“, konnte nicht ungeschehen gemacht werden. Doch andererseits bescheinigte er Ebert und Scheidemann (1865–1939), den „Ursozialdemokraten“, dass sie für Deutschland „das beste“ wollten. Sein Verständnis für die SPD-Führer mündete aber keinesfalls darin, dass er sich selber als einen Sozialdemokraten sah. Nicht ohne Humor bekundete er: „Ich stehe auf Seiten der deutsch demokratischen Volkspartei. Ein Egoist auf Seiten der reinen Egoisten gegen die größten Egoisten.“ 105
Seine Antipathie gegenüber den linksradikalen Kräften zeigte sich dann besonders während des Spartakusaufstandes im Januar 1919 in Berlin. Am 12.01.19 schrieb er an seine Mutter: „[Karl] Liebknecht ist nach der Schweiz durchgebrannt. Radek, Ledebour106, Rosa Luxemburg sind verhaftet. Schade, dass sie die Kerle nicht gleich an die Wand stellen, sondern verhaften. 400 Tote sind bereits überschritten und über 1000 Verwundete gezählt, und das alles so nahe von einem.“107 Bei der angeblichen Flucht von Liebknecht (1871–1919) in die Schweiz handelte es sich um ein in der Presse kolportiertes Gerücht, ebenso wie bei der Verhaftung von Rosa Luxemburg (1871–1919). Liebknecht und Luxemburg wurden dann allerdings tatsächlich drei Tage später, keine halbe Stunde zu Fuß von Reiswitz’ Wohnung entfernt, in der Mannheimer Str. 43, von Angehörigen einer Wilmersdorfer Bürgerwehr aufgegriffen.
Doch Reiswitz’ deutliche Ablehnung der Spartakisten führte nicht zu seiner Hinwendung zum anderen politischen Extrem.108 Im selben Brief machte er sich lustig über den „deutsch nationalen Sturm“, dem er sich durch gewisse Bekannte nun ausgesetzt sah, weil er das Verteilen von Flugblättern für die „Deutsch Nationale Partei … diplomatisch abgelehnt“ hatte.109 Vor allem war er nicht bereit, sein Leben für das besitzende Bürgertum zu opfern. In einem rückblickenden Tagebucheintrag vom 28.01.19 meinte er sarkastisch: „Es schien, als sollte Spartakus siegen, aber noch einmal gelang es, die Sache ins Reine zu bringen. Bürgerjugend und Offiziere retteten den Kurfürstendamm und in zweiter Linie sich selbst.“ Er erwähnte, dass den „Kämpfern gegen Spartakus“ pro Kopf 18 Mark geboten wurden, woraufhin „die Jugend des Mittelstandes als ‚Gediente‘ kämpfte für die Bourgeoisie des Kurfürstendamm“. Diese „Jugend“ – darunter laut Reiswitz auch viele Juden – identifizierte er als „die guten Elemente, die wieder einmal dumm genug gewesen waren sich für die feiste Bourgeoisie aufzuopfern.“ Er, als jemand, der sich keineswegs als Verfechter der alten, den verlorenen Krieg zu verantwortenden, monarchischen Ordnung ansah, sondern Verständnis für die gemäßigte neue sozialdemokratische Staatsführung aufbrachte, begrüßte zwar die rigorose Niederwerfung der Spartakisten, wollte sich aber andererseits nicht der entstehenden Freikorpsbewegung anschließen, die er als Büttel des Besitzbürgertums betrachtete: „Ich wurde auch oft gefragt, warum ich nicht mitkämpfte. Ich habe geschwiegen.“ Und dies, obwohl Reiswitz eigentlich der Prototyp eines Freikorpsangehörigen war, „who had come of age in a bellicose atmosphere saturated with tales of heroic bloodshed“, der aber wegen seines nur kurzen Frontaufenthaltes „missed out on first-hand experience of the ‚storms of steel‘“.110 Reiswitz erging es nicht wie der Hauptfigur in Joseph Roths Roman „Das Spinnennetz“ aus dem Jahre 1923, Theodor Lohse, dem es seine weiblichen Familienangehörigen übelnahmen, dass er nicht den Heldentod gestorben war und nun als demobilisierter junger Leutnant, als wehrloses Opfer der Revolution seiner Mutter und Schwester zur Last fiel.
Damit ist in mancher Hinsicht sein Weg zum Jungkonservatismus111 vorgezeichnet: „Es wird noch eine furchtbare Auseinandersetzung geben zwischen feister Bourgeoisie und Proletariat, zwischen dem Gelde und der Dummheit. Wir werden wie stets unschuldig mitleiden.“112 Reiswitz’ Distanz gegenüber der ökonomisch dominanten oberen Mittelklasse und seine Offenheit für politisches Gedankengut, welches das Schwergewicht auf die Gemeinschaft – sei es im völkischen oder sozialdemokratischen Sinne – legt, fand ihren Ausdruck im Gedankengut vieler Jungkonservativer. So war auch der später von den Nationalsozialisten ermordete Edgar Jung (1894–1934), streng „antikapitalistisch“113 ausgerichtet.114 Auf den jungen Reiswitz traf ironischerweise genau das zu, was Armin Mohler als gängige Definition eines Jungkonservativen aus marxistischer Sicht anführt: Der Jungkonservative habe „die ehrliche Absicht die bürgerliche Herrschaft zu stürzen.“ Da es sich aber bei den Jungkonservativen, „größtenteils um befehlsgewohnte Frontoffiziere“ – oder Unteroffiziere, wie Reiswitz – handele, vermochten diese es nicht „sich dienend der proletarischen Bewegung einzuordnen“ und ihr „revolutionärer Anstoß mit seinen romantischen Rückständen“ artete schlussendlich in eine „Hilfestellung an den Kapitalismus“ aus.115 Vielleicht noch passender auf Reiswitz ist die Selbstreflexion des jungkonservativen Publizisten Max Hildebert Boehm (1891–1968), der in einem Privatbrief aus dem Jahr 1919 sich folgendermaßen beschrieb: „Ich gehöre zu dem Teil der rechtsstehenden Jugend, die nicht eine Liberalisierung des Konservatismus will, … sondern eine organische Verschmelzung konservativ-aristokratischer und sozialistischer Tendenzen.“116
Nach Beendigung der revolutionären Wirren in Berlin kehrte „Genosse Reiswitz“ schon bald dem Militär den Rücken. Noch vor seiner offiziellen Entlassung am 01.03.19 hatte er bereits am 02.11.18, also nur einen Tag nach der bestandenen Abiturprüfung, einen Gasthörerschein der Universität Berlin ausgestellt bekommen. Von November 1918 bis Februar 1919 konnte er als Externer nun Vorlesungen hören, unter anderem bei den jüdischen Professoren Ludwig Geiger (1848–1919) und Max Dessauer (1867–1947). Geiger, der sich 1873 bei Leopold von Ranke (1775–1886) – derjenige unter den deutschen Historikern, welcher auf Reiswitz selbst den nachhaltigsten Einfluss haben sollte117 – habilitiert hatte, lehrte Reiswitz über den „Deutschen Roman im 19. und 20. Jahrhundert“ und „Deutsche Kriege und Deutsche Dichtung“, Dessauer las eine „Einleitung in die Philosophie“. Ferner hörte Resiwitz bei Alois Riehl (1844–1924) „Nietzsche und seine Umwertung aller Werte“, bei Adolph Goldschmidt (1863–1944) eine Vorlesung über Architekturstile und bei einem gewissen „Dr. Hermann“ über den jungen Goethe.118
Ab dem 29.01.19 war Reiswitz dann als ordentlicher Student in Berlin eingeschrieben und studierte acht Semester – zum Teil handelte es sich um „Zwischensemester“ – lang vornehmlich Philosophie, aber auch Literatur, Kunstgeschichte, Psychologie und Medizin sowie Biologie. In seinem Nachruf auf Reiswitz hält dazu der Historiker und spätere Kollege von Reiswitz, Georg Stadtmüller (1909–1985), fest: „Seine Studien waren nicht von praktischen Berufszielen, sondern ausschließlich von inneren Neigungen bestimmt.“119 Demgemäß reichten Reiswitz’ „Neigungen“ von der Tierphysiologie, über welche er im Wintersemester 1921/22 ein Praktikum bei Wolfgang von Buddebrock-Hettersdorf (1884–1964) absolvierte bis hin zu Veranstaltungen bei Hugo Karl Liepmann (1863–1925) über Sexualpsychologie und die Psychologie der Frau, die er ein Jahr zuvor belegt hatte.120 Sicherlich stellte das Studium für Reiswitz die Fortsetzung seiner vor dem Krieg so herausgestrichenen Beschäftigung mit der „göttlichen Kunst“ dar.
Schon am 06.03.22 reichte er seine Dissertation unter dem Titel „Das A-Historische, das Historische und das Anti-Historische in der Philosophie Arthur Schopenhauers“121 ein. Das A-Historische in der Philosophie Schopenhauers liege darin, dass er die „Welt kritisch transzendental als nur Erscheinung betrachtete“122, „historisch“ sei Schopenhauer „von jenem Blickpunkte aus, der dieselbe Welt als Objektivation eines metaphysischen An sich auch empirisch real wertete.“123
Das „Anti-Historische“ bei Schopenhauer schließlich versuchte Reiswitz dadurch nachzuweisen, dass er darlegte, dass Schopenhauer ein großer Gegner des „Historismus“ gewesen sei. Unter Historismus ist die Konzeption zu verstehen, nach der jedes geschichtliche Ereignis, jede Epoche für sich stehe. Sowohl eine moralische Beurteilung der Vergangenheit aus gegenwärtiger Perspektive sei abzulehnen, als auch die teleologische Extrapolation der Zukunft aus geschichtlichen Befunden. Auf der anderen Seite aber sei das menschliche Bewusstsein historisch determiniert. Jede Epoche sei das Produkt der vorangehenden oder dabei aber einem festen Plan oder Muster zu folgen. Ex-post der Vergangenheit übergestülpte Kategorien wie „Fortschritt“ seien folglich inadäquat. Der Historiker müsse sich mit dem objektiv Greifbaren, das heißt den Quellen befassen, und sich diesen unvoreingenommen aber kritisch nähern. Einer der bekanntesten Vertreter der historistischen Schule war niemand anderes als der Historiker Leopold von Ranke. Reiswitz aber hatte zumindest zum Zeitpunkt der Abfassung seiner Doktorarbeit noch wenig übrig für den Historismus, obwohl er später selbst zu einem großen Bewunderer Leopold von Rankes werden sollte. In seiner Doktorarbeit selbst mokierte er sich: „Vom kommandierenden General bis in die höhere Töchterschule hinein schwimmt alles in flachem, wurzellosen Bildungshistorismus.“124 Nach Reiswitz fanden sowohl Konservative und Liberale, als auch naturwissenschaftliche Materialisten und die „Feinde der bestehenden Staatsformen“125 – also Marxisten –, ihre jeweiligen beliebigen Anknüpfungspunkte in der historistischen Denkweise.
Schopenhauer hingegen sprach der Geschichte überhaupt den Rang einer Wissenschaft ab: „Traum ist die Geschichte!“126 Schopenhauer hatte sogar Skrupel, überhaupt eine „Geschichte der Philosophie“ zu verfassen, da er es vorzog, dass sich potentielle Leser mit den „selbsteigenen Werken“ der Philosophen befassten. Eine „Geschichte der Philosophie“ zu lesen sei, so Schopenhauer, „wie wenn man sich sein Essen von einem Andern kauen lassen wollte.“127
Reiswitz’ Doktorvater Troeltsch teilte diese Kritik Schopenhauers an historisierenden Sichtweisen, insbesondere bezogen auf ein rein kognitives Prinzip beim Weltverständnis. In einem im Juni 1922 erschienenen Aufsatz unter dem Titel „Die Krisis des Historismus“ geißelte er das Alleinstellungsmerkmal des Geschichtlichen: „Staat, Recht, Moral, Religion, Kunst sind in dem Fluß des historischen Werden aufgelöst und uns überall nur als Bestandteil geschichtlicher Entwicklungen verständlich“128 Die Betonung liegt sicherlich auf dem „nur“. Denn, wenn alles menschliche Wirken, so Troeltsch, lediglich als rational fassbarer Teil einer historischen Kette eingestuft werde, festige dies auch in unangemessener Form die „Wurzelung alles Zufälligen und Persönlichen in großen, überindividuellen Zusammenhängen“.129
Doch Reiswitz’ Gesamturteil über Schopenhauers Interpretation der Historie war keinesfalls positiv: „Schopenhauer war seiner Zeit gegenüber ein Gift, ein erst langsam, dann immer rascher sich ausbreitendes Gift“.130 Es wird nicht klar, worin dieses „Gift“, welches Reiswitz schon in seiner „Vorbemerkung“131 erwähnte, bestanden haben soll, zumal er auf jegliches Hinzuziehen von Sekundärliteratur vezichtete und lediglich aus den Werken Schopenhauers zitierte, was er damit – wenig überzeugend – rechtfertigte, dass „diese Untersuchung unter den erschwerendsten physischen Hemmungen aufgenommen und zum Ende geführt wurde, welche ich dadurch positiv zu werten suchte, dass grundsätzlich alle Auslegungen und Darstellungen der Philosophie Schopenhauers unberücksichtigt blieben, um ein vollkommen unbefangenes Ergebnis zu ermöglichen.“132 Vielleicht befand sich Reiswitz ja doch schon gedanklich auf dem Weg in die Schule Rankes.
In ihren jeweiligen Gutachten trugen sowohl Troeltsch (30.04.22) als auch der Gestaltpsychologe Wolfgang Koehler (1887–1967) (20.05.22)133 den „physischen Hemmungen“ Rechnung. Troeltsch erwähnte expressis verbis den „Kopfschuss“ und Koehler wies auf die „schwere Schädigung“ hin, die der Verfasser „zu bekämpfen“ habe. Er schloss sich dem „Laudabile“-Urteil von Troeltsch an.134
Während sich nun Reiswitz in Charlottenburg auf die mündliche Prüfung vorbereitete, wurde am 24.06.22, rund 5 km von der Carmerstraße entfernt, der Reichsaußenminister Walther Rathenau (1867–1922) in Berlin-Grunewald ermordet. Reiswitz war entsetzt: „Himmel! Diese Irrsinnigen! Rathenau und [Hugo] Stinnes, das sind die beiden bedeutendsten Köpfe, die das heutige Deutschland besitzt. Und da schießen so ein paar törichte deutsch-völkische Lümmels Rathenau ab, anstatt auf den Knien dafür zu danken, dass es solche Menschen gibt in Deutschland.“135 Seine Empörung über den Mord an Rathenau, der in rechten politischen Kreisen als Sinnbild des „Erfüllungspolitikers“ galt, zudem als Jude den Hass antisemitischer Kreise auf sich zog, zeigt, dass Reiswitz’ jungkonservative Ausrichtung nicht die oft anzutreffende Komponente des Antisemitismus umfasste.
Reiswitz’ mündliche Prüfung fand einen Monat später, am 20.07.22 statt. Bei Koehler und Troeltsch im Hauptfach Philosophie schloss er mit „gut“ ab, im Nebenfach Botanik erhielt er von Gottlieb Haberlandt (1854–1945) ein „im ganzen genügend“, und der Zoologe Karl Heider (1856–1935) zensierte ihn mit „befriedigend“. Mit dem Datum vom 14.08.22 erhielt Reiswitz seine Promotionsurkunde ausgehändigt. Doch welchen Beruf sollte er nun ergreifen?