Читать книгу Mein innerer Käfig - Azin Heidari Nejad - Страница 8

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Ich bin spät dran und muss mich beeilen. Ich habe heute einen freien Tag und bin in die Schule meiner Tochter bestellt.

Dafür brauche ich keine förmliche Kleidung. Also ziehe ich eine weite, hellgraue Hose und dazu eine langärmlige, weiße Leinenbluse an. Die Knöpfe mache ich bis oben hin zu und die Ärmel kremple ich hoch. Meine Haare binde ich nachlässig zusammen. Es ist nicht wichtig. Den Duft meiner Haare möchte ich mit niemandem teilen. Ich bin darauf bedacht, nichts von meinem Körper preiszugeben. Dieser Körper gehört mir. Mein Ich habe ich darin verborgen, er ist voller unausgesprochener Worte, voller Erinnerungen. Um den Hals binde ich einen cremefarbenen Schal mit weißen Streifen und ziehe einen weiten, grauen Mantel über. Völlig farblos. Als ob ich von Schnee bedeckt wäre. Mir ist kalt, obwohl es draußen nicht sehr kalt ist. Mir ist immer kalt.

Die Lehrerin meiner Tochter möchte mich sprechen. Wir sind für 8 Uhr 20 verabredet. Es ist 8 Uhr 15 und ich stehe vor ihrer Tür. Eine Minute vor dem Termin wird sie geöffnet, sie gibt mir zur Begrüßung die Hand und bittet mich ins Zimmer. Ich folge ihr und auf ihr Zeichen setze ich mich in einen schwarzen Ledersessel. Sie nimmt mir gegenüber in einem braunen Ledersessel Platz und schlägt ihr rechtes Bein über das linke. Zwischen uns steht ein kleiner, niedriger Tisch, auf dem einige Mappen liegen. Sie beugt sich vor, nimmt ein Blatt aus einer der Mappen und legt es auf ihr Knie. Ich lehne mich zurück in meinen kalten Ledersessel, stütze meinen rechten Ellbogen auf die Armlehne und lege eine Hand unter mein Kinn. Ich höre zu.

Die Lehrerin spricht über das Halbjahreszeugnis meiner Tochter. Ich blicke ihr ins Gesicht. Sie schaut mich nicht an. Als ob ihre Augen mit dem Punkt am Satzende gekoppelt sind, sieht sie nur dann zu mir, wenn sie ihren Satz zu Ende gesprochen hat. Beim nächsten Satz starrt sie wieder auf eine Stelle auf dem Boden, ich weiß nicht wo, irgendwo links im Zimmer, in der Nähe meines Sessels. Zu gerne würde ich wissen, wohin sie sieht, wenn sie mit mir spricht. Die Zensuren meiner Tochter sind allesamt sehr gut. Die Lehrerin redet weiter. Ich schaue auf ihre Haare, die so farblos sind wie meine Kleidung und ihr bis auf die breiten Schultern reichen. Ich versuche mir vorzustellen, wie sie vor dreißig Jahren ausgesehen hat. Sie ist eine schöne Frau.

Sie redet immer noch. Ich dachte, dass sie mich herbestellt hat, um mir ihre Anerkennung auszusprechen. Stattdessen macht sie mir Vorhaltungen. Ich versuche, mir die Noten meiner Tochter noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Mathematik, Deutsch, Englisch: sehr gut. Vielleicht hat sie sich geirrt. Aber nein, sie spricht mit mir. Sie meint mich.

Sie fragt, warum ich ein Kind erzogen habe, das mit keiner anderen Note als einer Eins zufrieden sei. Sie ist davon überzeugt, dass sich meine Tochter selbst unter Druck setzt, sehr hohe Erwartungen an sich stellt und keine Fehler zulässt. Sie macht sich Sorgen um meine Tochter.

Ich bin irritiert. Ich hätte nicht gedacht, dass sie mich herbestellt, um mir das zu sagen.

Ist es etwa nicht die Aufgabe einer Mutter, ihr Kind so zu erziehen, dass es immer gute Noten schreibt und keine Fehler macht?

Mir ist kalt. Der Ledersessel unter mir wird nicht warm. Ich möchte die Hand unter meinem Kinn wegnehmen, aber es geht nicht. Ich bin wie versteinert. Ich habe das Gefühl, dass man mir die Last all meiner Lebensjahre auf die Schultern geladen hat. Ich erinnere mich an meine Schulzeit. Mein ständiges Streben, die Beste zu sein. Immer im Laufschritt. Wie ein Rennpferd. Wenn ich gestolpert wäre, wären die anderen vorbeigezogen und hätten mich zertreten. Ich musste immer die Erste werden. Ein Zurückbleiben kannte ich nicht. So geschah es, dass ich in der neunten Klasse aufgab, nachdem ich die zweite Vier in einer Klassenarbeit geschrieben hatte. Das Pferd war gestrauchelt und gestürzt. Das ganze Jahr über dachte ich nicht ans Lernen und erhielt die schlechtesten Noten meines Lebens. Ich durfte mir keinen Fehler erlauben.

Wie groß ist doch jetzt der Unterschied zwischen dieser und meiner alten Welt, meilenweit entfernt von den »Anderen«. Ich stehe auf und verabschiede mich, dabei schaue ich verstohlen auf den Boden rechts neben meinem Sessel. Aber dort ist nichts. Mir gefällt die Farbe meiner Kleidung nicht mehr, die der ihrer Haare gleicht.

Meine Beine sind schwer. Ich schleppe mich zum Auto. Was hat sie gesagt? Das Mädchen wird zu Hause unter Druck gesetzt, damit sie lernt? Warum meint sie, dass meine Tochter nur deswegen diese Noten erreicht haben kann? Warum denkt sie, dass sie es nicht wert ist, sehr gute Noten zu bekommen? Warum denkt sie, dass ein Kind unter Zwang steht, wenn es nur auf Einsen fixiert ist? Sagt sie das auch anderen Eltern?

Warum hat sie mir die Freude über das Zeugnis meiner Tochter verdorben? Warum haben ihre Bemerkungen dazu geführt, dass ich nach Fehlern bei mir selbst suche? Hat meine Tochter das lähmende Streben nach Vollkommenheit geerbt, das mir die Familie von Kindheit an eingeimpft hat?

Ein Stich durchzuckt meinen Kopf.

Ich öffne die Autotür. Noch immer klingen mir die Worte der Lehrerin in den Ohren: »Lassen Sie Ihre Tochter Fehler machen, bringen Sie ihr bei, dass nicht alles richtig sein muss, was sie macht.«

Warum hat mir dann niemand erlaubt, einen Fehler zu machen?

Mein innerer Käfig

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