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Prolog

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Wenn man jung ist, vergeht die Zeit viel zu langsam. Die Jahre ziehen sich wie kleine Ewigkeiten dahin und man kann den nächsten Geburtstag kaum erwarten, um groß und endlich ernst genommen zu werden. Ein Kind dachte nicht an verpasste Chancen, nicht an ungelebte Träume oder Verlust, es wollte schnell den Kinderschuhen entwachsen, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Kinder dachten nicht über Sorgen, Kummer oder Zukunftsängste nach, sie sehnten sich nur nach Selbstbestimmung und vermeintliche Freiheit.

Die Ernüchterung kommt schnell genug und man wünschte sich zurück in ein Leben, als die Eltern noch den Zeitpunkt bestimmten, wann man zu essen und zu schlafen hatte. Und dass man vor dem zu Bettgehen noch einen Apfel essen sollte.

Am besten einen grünen. Das hatte sein Vater immer gesagt. Nimm einen grünen. Xaith M´Shier, Sohn des Blutdrachen – König Desiderius M`Shier –, mochte bis heute die grünen Äpfel lieber als die roten, und obwohl er mittlerweile ein junger Mann und sein Vater vor mehr als sieben Jahren aus dieser Welt gerissen worden war, aß er vor dem Schlafen einen grünen Apfel. Nun ja, sofern er denn einen im Gepäck dabeihatte und nicht gerade nach einer gerauchten Pfeife im Sitzen einschlief.

Der Morgen erhob sich über dem dichten Regenwald, goldene Streifen durchzogen das Rot am Horizont, der durch hellgrüne Blätter leuchtete.

Xaith hätte seine Freiheit, sein Leben, seine Unabhängigkeit gerne wieder eingetauscht, um Jahre zurück in die Vergangenheit zu reisen, damit er seinem damaligen Ich in die Augen sehen und sagen konnte: »Hör auf zu heulen, du Memme, in einem Jahrzehnt wirst du dir wünschen, dein einziges Problem wären Kinder, die dich hässlichen finden und Steine nach dir werfen, wenn deine Brüder nicht hinsehen. Denn man wird dir den Vater rauben – und damit all deinen Halt in der Welt.«

Aber genug der Melancholie, wie er so vortrefflich zu seinem eingebildeten, jüngeren Ich sagte: Hör auf zu heulen!

Wobei, geheult hatte er schon lange nicht mehr. Der Bengel hingegen schrie sich bereits die Lungen heraus, hatte etliche Vögel verscheucht und hungrige Raubtiere angelockt.

Es war wohl wieder an der Zeit, aufzustehen.

Xaith reckte sich, ließ den steifen Nacken knacksen und die Schultern rollen. Er hatte die Nacht mal wieder an einem Baum gelehnt verbracht, halb schlafend, halb meditierend. Nun ja, das, was man Nacht nennen konnte, wenn man mit jemanden reiste, der alle paar Stunden aufschreckte, Rotz und Wasser heulte, nach Essen verlangte und einem die Schultern vollkotzte. Oh und die vollgekackten Tücher nicht zu vergessen. Nein, die konnte er ganz bestimmt nicht vergessen. Selten hatte er je so etwas Schreckliches wie Neugeborenenkacke gesehen – und er hatte mal knietief in zusammengeflossenen, klebrigen Leichenteilen gestanden.

Er hörte hinter sich das Unterholz knistern. Wer auch immer sich dem winzigen Lager näherte, war nicht gerade ein Schleicher, eher ein Elefant. Äste knackten, Blätter raschelten, gedämpfte Schritte auf dem von Moos bewachsenen, nachgebenden Waldboden.

Xaith lauschte, wartete still darauf, dass derjenige näherkam. Noch näher. Komm schon, du kleine Ratte, noch näher!

Das Gebrüll des Säuglings ebbte nicht ab, vielleicht glaubte der Eindringling, man könnte ihn deshalb nicht hören. Die Schritte kamen zielstrebig auf sie zu.

Blitzschnell sprang Xaith auf, zog seinen Dolch aus der Scheide und huschte lautlos hinter den Schatten, der gerade aus dem Schutz des Unterholz trat und erschrocken einen Haufen getrockneter Äste zu Boden fallen ließ.

»Ich bin´s!«

Xaith atmete aus und nahm die gezogene Klinge von der schmalen Kehle des Jungen. »Dummkopf!«, schalt er ihn und gab ihm einen sanften Stoß ins Lager. »Ich hätte dich umbringen können.«

Der Junge – schlaksig, schwarzhaarig und etwa dreizehn Sommer alt – fiel auf die Knie und klaubte die Äste wieder auf. »Ich wollte dich nicht wecken, ich habe nur Feuerholz gesucht. Ich dachte, du wüsstest, dass ich es bin.«

»Ich nahm an, du schläfst noch.« Xaith schob den Dolch zurück in die Scheide an seinem Gürtel und trat demonstrativ gegen die zerwühlten Decken neben der Glut, die aussahen, als ob darunter noch ein schmächtiger Körper schlief. »Und du solltest dich trotzdem nicht wie eine Kutsche durch den Wald bewegen, du könntest Räuber herlocken.«

Der Junge blinzelte zu ihm auf. »Tut mir leid, ich passe besser auf.«

Xaith gab ein trockenes Schnauben von sich. Ja, klar… er passte besser auf. Er wollte nicht gemein sein, aber der Junge kannte sich mit dem Überleben außerhalb der Gossen einer Großstadt genauso gut aus wie ein Xaith mit Säuglingen.

Apropos. Er drehte sich nach dem greinenden Bündel um, das verzweifelter schrie, je länger sich niemand um es kümmerte.

»Ist ja gut.« Xaith beugte sich drüber und betrachtete das rotgeweinte Pausbackengesicht. Der kleine Fratz war seinem Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten. Strohblond, grüne Augen, lange Wimpern, große Fresse. »Fang gar nicht erst damit«, warnte Xaith ihn und hob ihn aus seinen Decken. Das magische Kraftfeld, das er zum Schutz vor Raubkatzen und Schlangen um die Schlafstätte des Kleinen errichtet hatte, fiel mit seiner Berührung in sich zusammen. Die Energie kam zu ihm zurück, sodass er sich nicht mehr ganz so ausgelaugt fühlte.

Während der Junge sich um das Feuer kümmerte und Äste über dem Knie zerbrach, setzte Xaith sich mit dem Säugling unter einen Baum in die Nähe der Glut, hob einen Finger zum Mund und riss ihn mit einer seiner Luzianerfänge auf, bis ein dicker, roter Bluttropfen in der Morgensonne schimmerte. Dann schob er die Fingerkuppe in das Mäulchen des Säuglings. Sofort setzte der Reflex ein und der kleine Schreihals saugte unmenschlich stark das Blut aus Xaiths Finger, wie Milch aus einer Zitze.

Xaith spürte den Blick des Jungen auf sich. »Bist du sicher, dass das genügt? Braucht er keine Muttermilch?«

»Hast du denn Muttermilch in deinen kleinen Titten?«

Der Junge lief rot an, Zorn zuckte in seinen Mundwinken. »Nein!« Er warf einen Ast in die Glut, die langsam Feuer fing, und verschränkte die Arme vor der flachen Brust, sodass sein schmutziges, weißes Hemd Falten zog.

Sofort tat es Xaith leid. »Man siehts nicht, keine Sorge«, beschwichtigte er den Jungen, wobei er genervt klang, obwohl er es nicht wollte. Er war den Umgang mit anderen wirklich nicht gewohnt.

»Ich meine ja nur.« Der Junge ging nicht darauf ein, drehte ihm die Schulter zu und hockte sich neben das Feuer, um es anzufachen. »Kinder brauchen Muttermilch.«

»Er ist ein Luzianer, er kann allein durch Blut überleben.« Nun ja, zumindest in der Theorie.

»Hab ich noch nie von gehört.«

»Da wo du herkommst, hält man uns ja auch für Untote, was weißt du also über mein Volk?«

Ehrlich gesagt, wusste er selbst nicht, ob er das Richtige tat. Luzianer tranken eigentlich erst ab einen gewissen Alter Blut, Kinder brauchten es nicht. Aber er hatte keine Milch zur Hand, da er keine Ziege oder Kuh durch die Wildnis schleppen konnte. Blut würde den Bengel schon kräftigen, jedenfalls hatte es ihn bisher gesättigt und gesund gehalten.

Seine Erwiderung brachte den Jungen zum Verstummen, er zuckte mit den Achseln.

Siderius, einstmals Sida, stammte nicht aus einem der großen Königreiche, Xaith hatte den schmutzigen Jungen aufgelesen, oder besser gesagt, hatte Eri sich einfach an ihn gehängt und sich auch durch das rüpelhafteste Verhalten nicht mehr vertreiben lassen. Wie ein Straßenköter. Xaith war selbst schuld, er hätte ihm nichts zu essen geben sollen.

Nun reisten sie mehr oder weniger zusammen, nachdem Eri ihm zugegebener Maßen das ein oder andere Mal den Arsch gerettet hatte, indem er schlicht und ergreifend für ihn gesorgt hatte, als er nicht dazu in der Lage gewesen war. Xaith hatte dem Jungen auch einen angemesseneren Namen gegeben, weil dieser sich nicht überwinden konnte, sich selbst einen auszusuchen.

Er hatte gesagt: »Aber man gibt sich nicht selbst einen Namen.«

»Doch, vor allem, wenn man seinen nicht mag.«

»Das fühlt sich nicht richtig an«, war er stur geblieben, tiefbetrübt.

Xaith hatte mit den Augen gerollt. »Gut, dann gebe ich dir eben einen Namen.«

»Warum du?«

»Weil du es selbst nicht kannst.«

Ob der Erinnerung daran, musste er kurz schmunzeln. Er spürte wieder, wie er angestarrt wurde.

»Was ist?«, fragte er unwirsch, wodurch sich der Straßenjunge nicht abschrecken ließ, er sah ihn weiterhin mit diesem besonderen, wissenden Blick an.

»Du hattest ihn gern, richtig?«

Was für ein nervtötender Klugscheißer. »Weiß nicht, wovon zu sprichst. Und jetzt bring lieber mal was zum Frühstück herbei, ich verhungere.«

Siderius sah ihn weiter ungerührt an. »Den Magier, zu dem du immer gingst, mit den besonderen blauen Augen und dem goldenen Haar.«

Manchmal hatte er trotz aller Dankbarkeit und zarter Zuneigung das Bedürfnis, Eri etwas ins Maul zu stopfen. »Essen. Sofort.«

Er bewegte sich nicht, starrte Xaith in die Augen. »Du hattest ihn gern.«

Es war keine Frage mehr.

Na toll, der Morgen fing ja schon wieder gut an.

»Tut nichts zur Sache.« Die Sonne wanderte und warf Schattenspiele durch die Baumkronen auf ihre Gesichter. Der Bengel war satt, nuckelte nur noch schläfrig an Xaiths Finger. »Nimm ihn.« Er hob das Kind, das sie in weiche Wolldecken gewickelt hatten, dem Jungen entgegen, der nicht anders konnte, als es ihm abzunehmen oder fallen zu lassen.

Immer, wenn er den Schreihals halten sollte, riss er ängstlich die Augen auf, weil er sich fürchtete, ihn zerbrechen zu können.

Was für ein Quatsch, Luzianer waren von Geburt an robust, sie hätten mit dem Bengel Ballwerfen spielen können und es wäre ihm gut gegangen. Sonst hätte er die Reise durch die Wildnis wohl kaum länger als eine Woche überstanden. Und sie hatten noch einen sehr langen Weg vor sich.

Geliebter Unhold

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