Читать книгу Dann stirb doch selber - Dagmar Isabell Schmidbauer - Страница 27

25. Szene Magdalena

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In meinem Briefkasten lagen etliche Briefe. Man schrieb mir von Hoffnung und Gnade und wünschte mir ein schnelles Vergessen. Wollte ich das? Ich las und legte sie achtlos beiseite, als einer meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er stammte vom Auktionshaus Franziskus in München. Harry und ich waren vor einem Jahr dort gewesen, um an einer Versteigerung teilzunehmen. Harry schwärmte von alten Waffen und hatte schon eine kleine Sammlung im Tresor, und auch für mich war es ein unvergessliches Erlebnis. Vor der Versteigerung hatten wir alte Vorderlader, Steinschlossflinten, Schwarzpulverflaschen, antike Messer, angerostete Degen, an denen noch das Blut vergangener Duelle zu kleben schien, Pistolen und Revolver, Schilde und sogar ein paar echte Ritterrüstungen besichtigt. Ich faltete das Blatt auseinander und wunderte mich!

Harry wollte sich von seinen Waffen trennen, so stand es da schwarz auf weiß. Warum? Ich meine, klar, nun konnte er sie ja nicht mehr gebrauchen, es gibt keine Taschen im letzten Hemd, aber laut Brief hatte er sie bereits vor Wochen persönlich hingebracht, und das war mehr als merkwürdig. Die Veranstaltung sollte am Mittwoch, den 28. August stattfinden. Nächste Woche.

Einer Eingebung folgend ging ich ins Schlafzimmer, öffnete den Tresor und sah, dass er tatsächlich leer war. Der Brief fiel aus meinen Händen, auch mein geliebter Schmuck war weg. Ein Rubinarmband, das ich von meiner Großmutter geerbt hatte, und eine schlichte goldene Kette, ein Geschenk meines Vaters zum 13. Geburtstag. Meine Mutter hatte sich damals furchtbar aufgeregt, weil mein Vater mir ein so teures Geschenk machte. Sie war der Meinung, ich könne es gar nicht richtig einschätzen. Aber da hatte sie sich geirrt. Außerdem war es die letzte Erinnerung an meinen Vater, danach löste er sich in Nebel auf.

Ich bückte mich und las den Brief noch einmal Zeile für Zeile. Nein, mein Schmuck wurde mit keiner Silbe erwähnt. Also begann ich zu suchen. In unserer Wohnung gab es viele Plätze, an denen sich ein Schmuckkästchen abstellen ließ. Ich musste logisch vorgehen. Durcheinander war ich nur wegen den Waffen. Warum wollte Harry sie hergeben? Er hatte sie geliebt!

Seine Firma war eine tolle Sache. Nachdem er die Regensburger Firma Top Ten verlassen hatte, hätte ich nie geglaubt, dass sie einmal so gut gehen würde. Ich stand vor dem großen Esstisch und schaute auf die massive Platte aus dunklem Nussholz. Hier hatte er auf seinem Notebook die Programme geschrieben, hatte mit verschiedenen Firmen telefoniert und sie beworben, bis er endlich den ersten Auftrag in der Tasche hatte. Den ersten eigenen Auftrag! Und dann war alles ganz schnell gegangen, zu schnell, denn jetzt brauchte er Leute, die ihm halfen. Die Blonde – ja, auch wenn sie blond war, er brauchte sie, sonst hätte er sich kaputt gemacht!

Während ich sämtliche Pullover zur Seite schob, unter jeden Stapel und in jede Jackentasche fasste, gewissenhaft meine Strümpfe aus- und wieder einräumte, in jeder Handtasche nachschaute und sogar hinter den Fernsehschrank kroch, dachte ich voller Mitgefühl an Harry. Er hatte sich so in seine Arbeit hinein gekniet, war allem Anschein nach sogar bereit, seine Waffen zu verkaufen, nur um sein Ziel zu erreichen, wollte hoch und noch höher steigen. „Software ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken, und je dümmer die Benutzer sind, desto intelligenter muss das Programm sein!“

Gern hörte ich Harry zu, wenn er erzählte und auch jetzt hätte ich viel darum gegeben, wenn er mir hätte sagen können, wo mein Schmuck geblieben war. Weder zwischen dem Geschirr noch in einem der Töpfe oder der Besteckschublade wurde ich fündig.

Resigniert setzte ich mich in einen Sessel und schloss für lange Zeit die Augen. Der strahlende Tag war einer wolkenlosen Nacht gewichen und mein Magen machte sich angesichts heftiger Vernachlässigung drauf und dran auszuwandern. Mühsam stand ich auf und öffnete den Kühlschrank. Doch nichts von dem, was ich sah, konnte mich wirklich reizen. Immerhin war der Hunger ein tatsächlicher Schmerz, und dann dachte ich doch wieder an Harry, er hatte es hinter sich. Mein Mitgefühl galt mir. Es troff aus allen Nähten und die Versuchung, mit Harrys Pulli im Arm einfach loszuheulen, war groß! Nur satt machte es nicht.

Dann stirb doch selber

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