Читать книгу Dann stirb doch selber - Dagmar Isabell Schmidbauer - Страница 30
31. Szene Magdalena
Оглавление„Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus“, rief der Pfarrer feierlich in den Raum. Ich saß in der zweiten Bank, zwischen Julia und Sylvia und konnte vor lauter Schmerz und Verzweiflung kaum atmen. Der Sarg war über und über mit Blumen geschmückt und vor der Tür stapelten sich die Kränze.
„Lamm Gottes!“, rief der Pfarrer und erhob seine Hände zum Himmel. Der schwarze Hut mit dem dezenten Schleier, den mir Jutta schließlich gebracht hatte, gab mir ein wenig Deckung; in meiner geräumigen Tasche häuften sich die verheulten Taschentücher.
„Heilige Maria Mutter Gottes, voll der Gnaden!“ Die Kaufmanns saßen in der ersten Reihe. Ich warf einen Blick auf Bernhard, der erstaunlich sicher seine Haltung bewahrte. Gelernt ist eben gelernt. Neben ihm saß lässig ein großer Mann in dunklem Anzug, weißem Hemd und durchgestuften, dunklen Haaren, der angestrengt seine Umgebung musterte und sich scheinbar nur widerwillig an dem ganzen Auf und Ab der Trauergemeinde beteiligte. Wahrscheinlich ein Bodyguard, obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was Bernhard dazu veranlassen sollte, sich in Gefahr zu wägen.
„Wir sind heute hier zusammen gekommen, um...“ Und wenn schon, Harry hätten selbst zehn Bodyguards nicht helfen können.
„...viel zu früh wurde er aus unserer Mitte gerissen!“ Sylvia schluchzte auf, und ich drückte ihr schnell die Hand.
„Vater unser im Himmel!“ Sie registrierte es gar nicht.
„Dein Wille geschehe!“ Warum Harry, warum? Auf der Rückenlehne der Bank vor mir stand: Gott war hier! Wenn er hier war, wenn er Harry geleitet hat, warum hat er ihn dann nicht umgeleitet? Die Ministranten schwenkten das Weihrauchfass, und mir wurde schlecht. Ich hasse Weihrauch! Ich hasse Beerdigungen! Ich wollte Harry doch nur lieben, für immer und ewig! Seine Mutter war sehr still, ich konnte nicht ergründen, ob sie überhaupt bei der Sache war. Still betrachtete ich ihren Hut und die zierlichen goldenen Ohrringe. Plötzlich hielt mir Julia ein Opferkörbchen hin. Wir waren gerade zum Gebet aufgestanden. Verdutzt hielt ich es in der Hand und starrte hinein. Es lagen schon etliche Geldscheine drin. Vielleicht können wir ihn ja freikaufen, dachte ich und schaute auf die mitgelieferten Sterbebildchen. Es war ein Ausschnitt. Ich hatte das Bild nach einer erfolgreichen Jagd auf einen Oryx in der Savanne Namibias gemacht. Damals hatte Harry seinen Sieg errungen, den Sieg über einen fahlbraunen Oryxbock. Aus seinen Augen leuchtete Stolz, denn der Oryx galt als hartes, mutiges Wild, dass sich seinem Jäger auch mal entgegenstellte, um ihn auf seine langen Hörner zu nehmen. Aber Harry blieb der Sieger, damals, als er noch lebte. Doch jetzt war er tot. Krampfhaft hielt ich das Körbchen fest und starrte vor mich hin, bis Julia sanft meine Finger löste und es nach hinten weiterreichte. „Lamm Gottes, in Ewigkeit. Amen!“