Читать книгу Dann stirb doch selber - Dagmar Isabell Schmidbauer - Страница 31

32. Szene Magdalena

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Der Gang über den Friedhof glich einem Spießrutenlauf. Es war schrecklich heiß und nach der Kühle in der Kirche kaum zu ertragen. Überall standen Leute, die mich beobachteten. Mit letzter Kraft setzte ich Fuß vor Fuß. Warf einen roten Rosenstrauß auf den dunklen Sargdeckel und hielt für einen Moment stille Andacht für Harry. Als mir klar wurde, dass er von diesem Zeitpunkt an für immer aus meinem Leben verschwunden war, ohne eine Hoffnung auf Rückkehr, überkam mich eine solche Verzweiflung, dass ich nichts sehnlicher wünschte, als mich gleich zu ihm zu legen.

Ich wollte sterben, hier und jetzt und für immer und ewig, und ohne mein Leid länger ertragen zu müssen. Aber man ließ mich nicht. Eine starke Hand fasste nach mir, bevor ich ganz zu Boden gehen konnte und zog mich an sich. Es war Bernhard. Die Art, wie er mich hielt, erinnerte mich an Harry und das allein tröstete mich mehr als seine Worte.

„Du musst jetzt ganz stark sein, ja“, sagte er und streichelte meinen Rücken. „Du darfst jetzt nicht aufgeben, ja!“ Er drückte mich sanft und im nächsten Moment blitzte eine Kamera auf. Entsetzt machte ich mich los.

Mir war heiß und mein Kopf schmerzte. Um mir Abkühlung zu verschaffen, wollte ich meine Jacke öffnen. Ich nestelte an den großen Knöpfen herum, ohne sie jedoch aufzubekommen. In diesem Moment trat Jutta zu uns, ergriff meine Hand, die stark zitterte, und schob mich in den Schatten einer großen Tanne. Oder hatte sie mich gar durchschaut? Meinen Versuch, Harry doch noch Gelegenheit zu geben, in meinen Körper zu schlüpfen?

Ich schaute zum Himmel, er war strahlend blau, mit einer einzigen gemütlichen Schäfchenwolke über mir, deren Umrisse mich entfernt an einen liegenden Menschen erinnerten. Ich ließ von meinen Knöpfen ab, es war unmöglich, Harry eine Chance zu geben. Letztlich glaubte ich auch nicht wirklich an eine solche Möglichkeit, und die Vorstellung, dass Harry da oben auf einer watteweichen Wolke über den Himmel schwebte und auf mich herunterschaute, gefiel mir ohnehin besser.

Während wir Harry das letzte Geleit gaben und uns anschließend am Grab versammelten, saß der Mann im dunklen Anzug wie ein falsch platziertes Mitglied im Schatten und langweilte sich. Mir war nicht ganz klar, wofür Bernhard so einen Mann überhaupt brauchte, bis er auf ein Zeichen seines Chefs herüberkam, ohne große Worte den Weg frei machte und die Wagentür öffnete. Erleichtert sank ich in das dunkelgraue Polster. Meine Augen waren leer geweint und ich wollte nur noch nach Hause. Bernhard tat mir den Gefallen.

Vor meiner Wohnungstür sah ich ihn bittend an. „Willst du vielleicht ...“, stotterte ich. Da schob sich ein vorsichtiges Lächeln in sein Gesicht und er nickte. „Mir ist jetzt auch nicht nach Rummel“, sagte er und folgte mir neugierig in die Wohnung. Kaum war er durch die Tür, da strafften sich seine Schultern und sein Gesicht wurde zu einer Maske. Zu gern hätte ich gewusst, was in ihm vorging in diesem Moment. Im Hause Kaufmann gab es nur echte Eiche rustikal, die hält ein Leben lang und lässt sich anschließend noch an die nächste Generation weiter vererben, so viel wusste ich, aber es hätte mich brennend interessiert, was er von unserer Wohnung hielt.

Auf einmal drehte er sich zu den Tigersesseln um, lächelte belustigt und sank hinein. Er schien sichtlich entspannt. Schweigend setzte ich mich ihm gegenüber, musterte sein Gesicht, und erneut fiel mir auf, wie wenig sich die Brüder ähnelten. Bernhard holte tief Luft, betrachtete die Bücherregale und den alten Sekretär und sah mich dann an.

„So hat er also gelebt.“ An die Stelle seines Lächelns trat ein Anflug von Spott und ich wusste nicht, was ich erwidern sollte.

„Möchtest du vielleicht was trinken?“, fragte ich schnell und sprang auf. Vor lauter Verwunderung hatte ich doch glatt meine guten Manieren vergessen.

„Hmm“, antwortete er unschlüssig und ich zählte ihm schnell die verschiedenen Getränke auf, die ich im Kühlschrank hatte. „Oder möchtest du lieber Whiskey oder so was?“

„Trank Harry Whiskey?“, fragte er interessiert zurück.

„Hin und wieder einen Bourbon mit Eis.“ Ich stand auf, um Flasche und Gläser zu holen, aber er wehrte ab.

„Nein, lass mal, ich möchte doch lieber etwas Alkoholfreies! Ich habe gleich noch einen Termin.“

Dann stirb doch selber

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