Читать книгу Frankfurter Kreuzigung - Dieter Aurass - Страница 7
Prolog
ОглавлениеEr benutzte den Seiteneingang zur Sakristei, um die Kirche zu betreten, wie er es jeden Morgen tat, wenn er aufschloss. Es war inzwischen Routine, fast wie ein Ritual, das er nun schon seit über fünf Jahren täglich vollzog.
Die Gefahr, dass er etwas vergaß, bestand eigentlich nicht, denn er bewegte sich langsam und mit Bedacht durch die Sakristei und kontrollierte sorgfältig das Vorhandensein aller notwendigen Gegenstände für die bevorstehende Messe. Das war seine Aufgabe als Küster der St. Agnes Kirche in Frankfurt-Höchst.
Dann verließ er den Raum und begab sich in Richtung Altar, machte seinen Kniefall davor, bekreuzigte sich und drehte sich um in Richtung Hauptportal. Dabei fiel sein Blick auf die riesige fast schwarze Pfütze unter der Kanzel, die von der rechten Seite in den Raum hineinragte.
Verdammt, was ist denn das schon wieder für eine Schweinerei? Hoffentlich ist das kein Öl, das krieg ich ja nie wieder sauber.
Aber wo sollte hier mitten in der Kirche Öl herkommen, fragte er sich und runzelte überlegend die Stirn. Und warum unterhalb der Kanzel? Da oben gab es nichts, was irgendeine Flüssigkeit hätte verlieren können.
Langsam näherte er sich der Pfütze. Bei genauerem Hinsehen entpuppte sie sich farblich als eher dunkelrot und nicht schwarz. Er ging nicht direkt unterhalb der Kanzel durch, da ihr unteres Ende lediglich einen Meter fünfzig über dem Kirchenboden lag, sondern umrundete sie, wobei sein Blick nach wie vor auf die rätselhafte Pfütze gerichtet war. Erst als er zur Hälfte um die Kanzel herumgegangen war, fiel ihm aus dem Augenwinkel der Schatten auf, der den Blick auf die hohen Seitenfenster verdeckte.
Erschrocken sah er auf - und wich hastig und laut schreiend zurück. Er stolperte über seine Füße und setzte sich hart und schmerzhaft auf seinen Hintern. Dennoch hörte er nicht auf, sich nun auf dem Hosenboden rutschend immer weiter von der Kanzel zu entfernen, bis er mit dem Hinterkopf gegen eine Kirchenbank stieß. Der Schmerz wurde ihm kaum richtig bewusst, so entsetzlich war das, wovon sein Blick sich nicht lösen konnte.
An der Außenseite der Kanzel hing, in der Position des gekreuzigten Jesus, Pfarrer Bock. Er hatte seine beige Soutane an, die jedoch im unteren Drittel rot verfärbt war.
Trotz seines Entsetzens und des schrecklichen Anblicks kam er nicht umhin, in Gedanken aus der Verfärbung der Soutane auf den Ursprung der Pfütze unter dem Pfarrer zu folgern.
Das muss Blut sein, kein Öl, schoss ihm sofort die Erklärung durch den Kopf. Im nächsten Moment schämte er sich unsäglich, denn sein zweiter Gedanke dazu war, dass er nicht wusste, wie gut sich Blutflecken von diesem Untergrund entfernen ließen.
O Gott, vergib mir. Wie kann ich in einem solchen Moment nur an so etwas denken?
Dann besann er sich trotz seiner Verwirrung auf das Wesentliche, fummelte mit zitternden Fingern sein Handy aus der Tasche und rief den Notruf an.
Als zehn Minuten später der Notarztwagen mit Blaulicht und Sirene vor dem Hauptportal vorfuhr, hatte er die Tür aufgesperrt und stand rauchend und noch immer am ganzen Körper zitternd auf der Vortreppe des Kircheneingangs. Den zwei aus dem Wagen springenden jungen Männern rief er schon von oben herab entgegen: »Engel ... Friedrich Engel ... ich bin der Küster, ich hab sie angerufen ... bitte, der Herr Pfarrer ist da drinnen, ich wusste nicht, was ich machen soll!«
Dabei hielt er die Tür auf und ließ die beiden an sich vorbeistürmen. Inzwischen hatte er allerdings seine Nerven wieder so weit im Griff, dass die Neugier siegte und er langsam und vorsichtig hinter den beiden die Kirche wieder betrat. Er wollte nun doch wissen, was mit seinem Pfarrer geschehen sein mochte.
Er näherte sich wieder durch den Hauptgang der Kanzel und konnte sehen, dass die beiden Notärzte oder Sanitäter oder was auch immer sie waren, sich inzwischen getrennt hatte. Einer war um die Kanzel herum die leicht gewendelte Treppe hinaufgegangen und fühlte von oben, über den Rand reichend, den Puls von Pfarrer Dr. Bock. Der andere kniete unten neben der riesigen Pfütze und hatte gerade einen Finger in die Mitte getunkt, den er langsam nach oben zog. Ein zäher, roter Faden hing von dem Finger herunter.
»Nö, kein Puls«, erscholl es von der Kanzel.
»Hätt mich auch gewundert«, rief der Fingertunker nach oben, »das Blut ist fast schon geronnen und bei der Menge hier, kann nicht mehr viel in ihm drin sein.«
»Er ist auch schon ziemlich kalt«, berichtete der Erste, als er langsam wieder die Treppe herunterkam. »Also kein Grund zur Eile, das ist eindeutig ein Fall für die Kripo. Hier gibt’s nix zu retten, höchstens zu ermitteln.«
Während der Zweite sich die blutverschmierten Handschuhe auszog, hatte Nummer eins schon das Handy am Ohr und berichtete offensichtlich seiner Zentrale. Nummer zwei zog sich frische Handschuhe an und näherte sich vorsichtig der Leiche.
»Was hast du vor?«, fragte Nummer eins nach Beendigung seines Telefonats.
»Ich will doch mal sehen, was das für eine Verletzung ist, woraus der arme Herr Pfarrer«, er warf einen kurzen Seitenblick auf Friedrich Engel, »so stark geblutet hat.«
Das wiederum interessierte den Küster allerdings auch, was ihn veranlasste, noch ein wenig näher heranzutreten, während der Sanitäter den unteren Rand der blutdurchtränkten Soutane anfasste.
»Pass nur auf, oder die Heinis von der Kripo lynchen dich, weil du einen Tatort versaut hast«, rief sein Kollege.
»Ja, ja ... ich pass schon auf.« Vorsichtig und darauf bedacht, nicht in die Blutlache zu treten, zog er das blutdurchtränkte Kleidungsstück zu sich heran und hob es langsam hoch. Das Erste, was sichtbar wurde, waren die nackten Füße des Pfarrers, die vollkommen rotgefärbt vom Blut waren.
Wieso hat er denn keine Schuhe an?, fragte sich Engel und sah mit Erschrecken, als der Sanitäter die Kleidung noch höher hielt, dass Pfarrer Bock auch keine Hose anhatte. Er konnte nun die rot gefärbten Beine bis kurz übers Knie sehen. Der Sanitäter hob weiter an und beugte sich ein wenig nach vorne, um leichter unter die Soutane schauen zu können.
Im nächsten Moment ließ er mit einem erschrockenen »Ach du heilige Scheiße!« den Saum los und machte einen Satz rückwärts weg von der Leiche.
»Was ist los?«, fragte sein Kollege neugierig. »Was hast du entdeckt?«
Der neugierige Sanitäter atmete mehrfach stoßartig ein und aus und Engel war nun wirklich gespannt, was er berichten würde.
»Dem haben sie ... der hat keinen ... äh«, sein Blick fiel auf Engel, der aufmerksam lauschend direkt neben seinem Kollegen stand. »Ach was ... das möchtest du wirklich nicht wissen ... und Sie schon gar nicht!«, fuhr er den Küster an. »Sehen Sie zu, dass sie hier rauskommen, und warten Sie draußen auf die Polizei. Die werden sich noch mehr mit Ihnen beschäftigen als Ihnen lieb ist. Und bis dahin seien Sie froh, wenn Sie nichts wissen.«
Das regte den Widerspruchsgeist in Engel an. Er war zeit seines nun einundsechzig Jahre währenden Lebens nicht der Typ gewesen, der sich von irgendjemandem Vorschriften hatte machen lassen. Erst recht nicht, wenn er der Meinung war, Anspruch auf etwas zu haben. Inzwischen hatte er sich auch von seinem ersten Schreck soweit erholt, dass er wieder zu seinem streitbaren Selbst gefunden hatte.
»Na hören Sie mal«, protestierte er, »ich hab ihn schließlich gefunden, da kann ich ja wohl verlangen ...«
Noch während er sprach, hatte er sich langsam der Pfütze genähert und nun ebenfalls an den Rocksaum der Soutane gefasst. Er zog ihn schnell nach oben und warf einen Blick darunter.
Als er drei Minuten später auch den letzten Rest seines ausgiebigen Frühstücks hinter die erste Bankreihe erbrochen hatte, klopfte ihm einer der Sanitäter leicht auf den Rücken. »Sehen Sie, das haben Sie davon. Die Kripo wird hellauf begeistert sein, dass sie hierhin gekotzt und damit den Tatort verunreinigt haben. Herzlichen Glückwunsch.«
Das war allerdings Friedrich Engels kleinstes Problem. Er machte sich keine Gedanken, was die Polizei dazu sagen würde, dass er so neugierig gewesen war. Sein ganzes Denken kreiste nur um die Frage, ob er den schrecklichen Anblick dieses Lochs, an dem sich sicherlich einmal die Genitalien seine Chefs befunden hatten, jemals wieder würde vergessen können oder er nun sein restliches Leben lang von Albträumen geplagt werden würde.