Читать книгу Der kleine Alltagsstoiker - Dr. Jörg Bernardy - Страница 13
ОглавлениеDIE WELT IST KOMPLEXER UND WIDERSPRÜCHLICHER, ALS WIR DENKEN
»Betrachte einmal die Dinge von einer anderen Seite, als du sie bisher sahst; denn das heißt ein neues Leben beginnen.«
(Marc Aurel)
Sehr wahrscheinlich erinnern Sie sich noch an die internationale Finanzkrise von 2008. »Wie konnte es passieren, dass niemand diese Krise vorhergesehen hat?«, lautet die unter Ökonomen legendär gewordene Frage, die Queen Elizabeth II. im November 2008 auf einer Veranstaltung der London School of Economics stellte. An diesem Tag hatte keiner der anwesenden Wirtschaftswissenschaftler eine passende Antwort darauf. Erst Monate später schickten 33 renommierte Professoren und Finanzexperten der britischen Königin einen Brief, in dem sie Folgendes erklärten: »Alles in allem, Eure Majestät«, so gaben sie zu, gebe es »ein Versagen der kollektiven Vorstellungskraft vieler kluger Menschen, sowohl in diesem Land als auch weltweit, die Risiken für das System als Ganzes richtig abschätzen zu können.«
Selbstverständlich lässt sich die Finanzkrise rückblickend erklären. Aber sie ist nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen, sondern auf ein komplexes Ursachenbündel. Dazu gehören lang- und mittelfristige Entwicklungen, die mit den tiefgreifenden Strukturen der Weltwirtschaft zu tun haben, aber auch kurzfristige Ereignisse wie fallende Immobilienpreise. Doch es ist mühsam und zeitaufwendig, die Zusammenhänge zu verstehen.
In Insider-Kreisen der Finanzbranche war damals das Bild der Party sehr beliebt, um die Krise zu erklären: Stellen Sie sich vor, alle nehmen an einer riesigen Party teil und feiern, und am Ende räumt niemand auf. Passiert das immer wieder, entsteht Chaos und man sieht irgendwann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Dieses Bild ist nicht nur eingängig und schlagartig überzeugend. Es ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass wir einfache und kompakte Geschichten lieben.
Unser Gehirn liebt einfache Erklärungen
Nehmen wir als Beispiel den Untergang des Römischen Reiches. Wer sich überhaupt noch an seinen Geschichtsunterricht erinnert, wird wahrscheinlich auf die langwierigen Kriege mit den sogenannten Barbaren verweisen. Doch ganz so einfach war es nicht. Auch eine über Jahrzehnte andauernde Seuche und innenpolitische Konflikte haben ihren Teil dazu beigetragen. Oder andere Frage: Wie hat der Erste Weltkrieg begonnen? Die meisten von uns werden an dieser Stelle das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger am 28. Juni 1914 in Sarajevo nennen. Was auch nicht ganz falsch ist, aber auch nicht hundertprozentig richtig. Historiker werden Ihnen bestätigen, dass die Lage damals komplexer und viel stärker von Zufällen durchdrungen war. Es gab zahlreiche Attentate in dieser Zeit, weit mehr als heute. Der Weltkrieg hätte also genauso gut früher, später, aus einem anderen Grund oder gar nicht ausbrechen können. Nur die kompakte Geschichte in unserem Kopf gaukelt uns diese Einfachheit vor. Was uns vor allem vor Augen führt: Das Zusammenspiel von Zufall und komplexen Zusammenhängen entzieht sich der einfachen Logik von Ursache und Wirkung. Weil Komplexität aber anstrengend ist und viel Energie verbraucht, scheut unser Gehirn allzu komplizierte Zusammenhänge und neigt automatisch zur Vereinfachung.
Wir stehen auf Geschichten
Wir könnten nun ewig so weitermachen und alles infrage stellen, was wir bisher zu wissen glaubten. Tatsache ist: Nicht alle Fragen lassen sich abschließend beantworten. Je tiefer man in die Geschichte eintaucht, desto mehr stellt man fest, dass es häufig keine einfachen Antworten gibt. Manches können wir erst im Nachhinein verstehen, mit ausreichend zeitlichem Abstand. Trotz unseres Bedürfnisses nach einfachen Antworten wird aber selbst dann vieles komplex bleiben.
Dennoch: Wir mögen nun mal lineare Geschichten, die einen Anfang und ein Ende haben. Ohne Widersprüche sollen sie sein und in sich stimmig. Und sie müssen einer kausalen Logik folgen, was konkret bedeutet: Jedes Ereignis muss eine Ursache haben und jede Ursache hat eine Wirkung. Es könnte alles so einfach sein, wäre da nicht die Realität. Denn unsere reale Welt ist komplexer und widersprüchlicher, als wir denken.
Das Gleiche gilt übrigens auch für unser Leben und unsere Persönlichkeit. Wenn also die Suche nach Ihrem Ich oder Selbst in eine geradlinige, in sich konsistente Biografie mündet, sollten Sie misstrauisch sein. Möglicherweise sind Sie weiter von sich selbst entfernt, als Ihnen lieb ist. Zu wirklicher Selbsterkenntnis gehört die Einsicht, dass die Dinge und auch unsere Persönlichkeit komplex und widersprüchlich sind und manche Fragen einfach offen bleiben.
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IMPULS: ÜBER SICH SELBST HINAUSWACHSEN
Eine autobiografische Lebensgeschichte enthält immer mehr Versionen und Interpretationsmöglichkeiten, als wir denken. Legen Sie sich also nie auf allzu einfache Erklärungen fest – etwa eine schwierige Kindheit. Weder bei sich selbst noch bei anderen. Wenn Sie sich oder einen Mitmenschen das nächste Mal für etwas verurteilen, achten Sie darauf, ob Sie nicht einer vereinfachten Sichtweise erliegen. Gerade der zwischenmenschliche Bereich ist voller Missverständnisse. Es gibt Situationen, in denen Menschen schwierig sind oder erscheinen, ohne dass man dafür eine eindeutige Ursache angeben könnte. Wenn Sie es vermeiden, sich selbst auf einen Aspekt Ihrer Biografie zu reduzieren, können Sie die Grenzen Ihrer persönlichen Geschichte verlassen und über sich und Ihre Vergangenheit hinauswachsen.