Читать книгу Der kleine Alltagsstoiker - Dr. Jörg Bernardy - Страница 7
DAS GOLDENE ZEITALTER DER PHILOSOPHISCHEN LEBENSSCHULEN
Оглавление»Untersuchen wir also, wie man es dahin bringen kann, dass der Geist immer seinen gleichen günstigen Gang geht, mit sich selbst zufrieden ist und seinen eigenen Zustand mit Wohlgefallen betrachtet.«
(Seneca)
Die ersten Stoiker trafen sich wahrscheinlich 300 Jahre v. Chr. auf dem Marktplatz von Athen. Mitten in der Öffentlichkeit tauschten sie sich über philosophische Fragen aus. Auf demselben Marktplatz hatte Sokrates 100 Jahre vorher mit seinen Schülern philosophiert. Athen stieg damals zur unumstrittenen Metropole auf, deren kultureller Glanz und Einfluss in die gesamte damals bekannte Welt ausstrahlte. Es war die kulturelle Blütezeit Athens und das goldene Zeitalter der griechischen Demokratie. Als Alexander der Große im Jahr 323 v. Chr. starb, hinterließ er den Griechen ein Weltreich. Wie die meisten philosophischen Schulen und Bewegungen in Griechenland sahen auch die Stoiker in Sokrates ein wichtiges Vorbild.
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ERKENNE DICH SELBST!
Es ist wahrscheinlich der bekannteste Satz, der aus der griechischen Philosophie überliefert ist: »Erkenne dich selbst!« Ursprünglich in großen Buchstaben am Eingang des Apollon-Tempels in Delphi zu finden, wo das berühmte Orakel seine Weissagungen aussprach, geht die Inschrift bis heute um die Welt.
Sokrates, der von den Stoikern als erster intellektueller Popstar der Antike verehrt wurde, machte die Kunst der Selbsterkenntnis zu einem Dreh- und Angelpunkt seiner Philosophie. Er selbst bezeichnete seine Methode übrigens als Hebammenkunst, die der Wahrheit zur Geburt verhelfe. So wurde die Aufforderung »Erkenne dich selbst!« zu einem geflügelten Wort der Antike, das viele Denker und Philosophen bis heute inspiriert. Nicht zuletzt soll sich beispielsweise Sigmund Freud bei der Erfindung der Psychoanalyse am »Erkenne dich selbst!« und an der sokratischen Methode orientiert haben. Besonderen Kultstatus erhielt die Aufforderung jedoch im alten Rom, wo man sie auf Hauswände geschrieben wiederfand.
In Athen entstand damals eine bis dahin ungekannte Fülle an neuen Ideen und Büchern, die unter den gebildeten Griechen zirkulierten und gelesen wurden. Philosophen und Intellektuelle wurden zunehmend von einer breiten Öffentlichkeit respektiert und erfreuten sich einer großen Beliebtheit. Verwöhnt von wirtschaftlichem Erfolg und wachsendem Wohlstand, entdeckte die griechische Gesellschaft in dieser Zeit für sich die Idee eines globalen Weltbürgertums. Die Verkehrs- und Kultursprache in der antiken Welt war Griechisch. Das Denken der griechischen Gesellschaft war kosmopolitisch. Der rege Austausch und Kontakt mit anderen Kulturen und Ländern war ein wichtiger Motor für ihre kulturelle Vorherrschaft. Unter diesen Vorzeichen entwickelte sich die griechische Kultur- und Handelsmacht zu einer der liberalsten und angesehensten Zivilisationen ihrer Zeit. Daher verwundert es wohl kaum, dass gerade in dieser Epoche die vier größten philosophischen Lebensschulen der griechischen Antike entstanden.
Nach Sokrates’ Tod gründet Platon im Jahr 387 v. Chr. seine Akademie in Athen.
Platons berühmtester Schüler Aristoteles beginnt 334 v. Chr. seine Forschungs- und Lehrtätigkeit im Peripatos (deutsch »Wandelhalle«).
Um 306 v. Chr. eröffnet der Philosoph Epikur seinen berühmten Garten (griechisch »Kepos«) am Rande von Athen.
Die Stoiker treffen sich um 300 v. Chr. zum ersten Mal in der »bunten Säulenhalle« (griechisch »Stoa poikile«). Nach dieser Halle werden sie schließlich auch benannt, denn »Stoa« ist das griechische Wort für »Säulenhalle«.
Alle vier Schulen haben das Ziel, den Menschen in seinem Streben nach Glückseligkeit und Wissen zu unterstützen. Während Platon und Aristoteles eine stark wissenschaftlich-akademische Ausrichtung verfolgen, konzentrieren sich die Epikureer und Stoiker auf das alltägliche Leben.
Zenon von Kition (circa 333–261 v. Chr.), der Begründer der Stoa, soll angeblich über 20 Bücher geschrieben haben, die jedoch alle nicht mehr erhalten sind. Daher stammt unser gesamtes Wissen über ihn aus zweiter Hand. Das Überlieferte passt jedoch bestens in das Gesamtbild, das wir von der griechischen Gesellschaft aus dieser Zeit haben. Eine populäre Legende erzählt davon, wie Zenon bei einem Schiffsunglück all sein Hab und Gut verlor und sich daraufhin der Philosophie widmete. Viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass der Wunsch nach griechischer Bildung eines der Hauptmotive war, warum er wie viele andere Zeitgenossen überhaupt nach Athen gereist war.
In einem seiner Bücher – es trug den Titel »Politeia« (deutsch »Der Staat«) – soll er sich radikal gegen die gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit ausgesprochen haben. In dieser politischen Utopie legt er seine Vorstellung eines idealen Staates dar und plädiert darin für die Abschaffung von Geld, Ehe, Tempeln, Schulen und geschlechtsspezifischer Kleidung. Man kann also an dieser Stelle nur vermuten, dass Zenon zur liberalen und weltoffenen Elite seiner Generation gehörte. Seit ihrem Beginn stand die Stoa hinter der Idee eines Weltbürgertums und trat für die Gleichheit aller Menschen ein. Wie übrigens bei den meisten anderen philosophischen Schulen waren auch bei den Stoikern Frauen und Sklaven willkommen.